23.04.2014, Cellarium Stift Lilienfeld, Lilienfeld

RPWL

Veröffentlicht am 28.04.2014

Lilienfeld kennt man in Niederösterreich aus zwei Gründen: hier liegt die Wiege des alpinen Skilaufs, und hier steht ein altehrwürdiges Stift, in dessen urigem Kellergewölbe ab und zu mal Konzerte stattfinden. Als eineinhalb Fahrstunden entfernt Wohnender weiß man das aber nur bedingt, und hätten die Münchner Progger von RPWL auf ihrer "Wanted"-Europatour nicht im "Cellarium" Station gemacht, ich würde Lilienfeld immer noch bloß vom Durchfahren kennen. Wo es einen nicht überall hin verschlägt, denken wir uns dann auch als wir in den Stiftshof kommen und dort schon einige, grob als Freunde der Rockmusik auszumachende Individuen herumstehen, in Smalltalk und Bier vertieft. Mal eben noch ein Münchner Bier beim üppig bestückten Buffet gekauft (der ansässige Gastwirt vom "Salettl" hat anscheinend an alles gedacht!) und dann legt mit einiger Verspätung bereits der Opener ON THE ROXX im zwar nicht bestuhlten, aber be-Heurigenbank-ten Kellergewölbe los.

Das Quintett hat sich auf Coverversionen spezialisiert und stammt aus der näheren Umgebung, was bei den etwa 150 Anwesenden natürlich durchaus für Jubel sorgt. Mit Tracks wie "Sledgehammer" von PETER GABRIEL oder "With Or Without You" von U2 kann die Truppe auch für gute Stimmung sorgen, obwohl die Herrschaften meiner Meinung nach etwas zu verhalten agieren. Das musikalische Können ist durchaus da, aber man traut sich nicht so recht, die Sache auf voll aufzublasen. Als Stimmungsmacher für heute Abend sind ON THE ROXX aber gut geeignet, und das Publikum dürfte die Combo bereits von diversen Veranstaltungen kennen. In der Pause dann dunkles Gemunkel. Kalle Wallner und Yogi Lang sind verschwunden, RPWL-Bassist Werner Taus - zu meiner Überraschung ein Einheimischer, was vielleicht auch die Wahl der Location erklärt - fragt mich sogar am Klo, ob ich die beiden irgendwo gesehen hätte. Beim anschließenden Plausch im Hof rennt auch Tourmanager Ian immer wieder nervös dreinblickend seine Runden und uns dräut: da ist etwas im Busch.

Wenig später dann die Ankündigung: da man die beiden nicht finden kann, werden Bassist, Keyboarder und Schlagzeuger halt derweil ein paar Cover-Nummern zum besten geben. Naja, wenn's sein muss. Dann wird aber erneut vom Tourmanager unterbrochen - das macht auch keinen Sinn, sagt er und geht entnervt und sich entschuldigend von der Bühne. Als er wenig später grinsend bei uns vorbeiläuft, die Leute sich fragend ansehen, das Licht ausgeht und auf den fünf über den ganzen Raum verteilten Monitor-Wänden eine Art CNN-Programm zu flackern beginnt, schwant es uns langsam: Da hat's was, das ist doch alles nur Show! Die Herren Lang und Wallner werden gesucht, seien Teil einer Verbrecherorganisation, heißt es im "Fernsehen". Und dann werden sie auch schon hereingeführt, wie RAF-Mitglieder, von schwarzen Gestalten mit Taschenlampen, die aussehen wie Spock und seine Domina. Und das alles in einem etwa 800 Jahre alten Stiftsgewölbe irgendwo im Nirgendwo - man muss es erlebt haben um es zu begreifen! RPWL spielen als ersten Teil ihres Sets das komplette "Wanted"-Album am Stück durch und haben die Live-Präsentation mit einer Multimedia-Show abgerundet, die selbst im kleinen intimen Rahmen heute hier beeindruckend rüberkommt.

Mithilfe der beiden Statisten/Gehilfen wird da allerlei inszeniert, da werden Bandmitglieder während des Spielens neu eingekleidet, Yogi Lang an einen Sessel gefesselt und verhört, ein verstörend wirkender Torso wie eine Marionette über die Bühne bugsiert. Da wird eine - zum Schreien lustige - Dauerwerbesendung für eine bewusstseinserweiternde Droge eingeblendet, die anschließend in Form von Gummi-Drops ans Publikum verteilt wird, Yogi lang wird immer mehr vom Sänger zum Protagonisten seiner eigenen kleinen Show, durchsetzt mit George-Orwell-Paranoia, Verschwörungs-Ästhetik und Sekten-Guru-Pathos. Natürlich gewollt, reagiert das Publikum verstört, vielleicht auch weil die wenigsten hier heute bisher mit dem Schaffen der Münchner vertraut gewesen sein dürften. Nach über einer Stunde löst sich der in sich geschlossene "Wanted"-Kreis in einem großartigen Finale auf und die Welt scheint wieder heil zu sein. Oder ist sie es doch nicht? Das Album ist perfekt als Musiktheater angelegt, hie und da klingt noch ein wenig PINK FLOYD durch, aber höchstens in der Dramaturgie, die ein wenig an "The Wall" erinnert, wenn auch nicht ganz so ernst und beklemmend. Der zweite Teil des Sets gehört dann den älteren Songs, und obwohl Yogi Lang oft ein wenig verlegen und unterbeschäftigt wirkt, so agiert die Band als Ganzes dermaßen souverän und auf den Punkt, dass es zeitweilen schon fast unheimlich wirkt.

Kalle Wallners Soli sind wie immer nicht von dieser Welt, oft spielt er sich fast in eine Art Rausch, solide unterstützt von Werner Taus am Fünfsaiter und Marc Turiaux am Schlagzeug. Bei Klassikern wie "Trying To Kiss The Sun", dem wunderschönen "Roses " oder "Hole In The Sky" - dem allerersten RPWL-Song überhaupt - werden mir dann fast schon die Äuglein feucht und ich versuche, alles in mich aufzusaugen: den glasklaren Sound, den unablässigen Groove, die skurill-mysteriöse Location, das Licht, den Geruch - das Gesamtpaket RPWL eben. Die Band agiert mittlerweile auf einem unheimlich hohen Level und hat durch die Stimme von Yogi Lang und Kalle Wallners gefühlsintensiv zelebrierten Gitarrenparts schon ziemlichen Wiedererkennungswert. Mit "Unchain The Earth" verabschiedet sich das bayrisch-niederösterreichische Kollektiv nach knapp zwei Stunden, und wer heute nicht (zufällig oder gewollt) dabei war und es erlebt hat, dem würde ich schwerstens ans Herz legen: zieht euch diese einzigartige Band rein, die es von der PINK FLOYD-Cover-Combo mittlerweile zu einer der führenden europäischen Prog-Bands geschafft hat. "Wanted" mit seinem wiederkehrenden "Swords And Guns"-Thema und die ganze Show in diesem intimen Ambiente präsentiert zu bekommen, da kommen wir uns jetzt schon mal mächtig privilegiert vor. Einziger Knackpunkt wie immer das österreichische Publikum, das sich nicht mal durch ein Erdbeben mit anschließendem Tsunami von seinen Bänken hochreißen hätte lassen...

Setlist RPWL
 
Part 1: 
Revelation 
Swords And Guns 
A Clear Cut Line 
Wanted 
Hide And Seek 
Disbelief 
Misguided Thought 
Perfect Day 
Still Asleep 
The Attack 
A New Dawn 
 
Part 2:
The Shadow 
Trying To Kiss The Sun 
Roses 
Hole In The Sky 
 
Encore:
Unchain The Earth


WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: Enslaved - Utgard
ANZEIGE