05.06.2014 - 09.06.2014, Leipzig

Wave Gotik Treffen

Veröffentlicht am 20.06.2014

Und nun kommen wir zum Wetterbericht. Pfingsten 2014 könnte nach Einschätzungen der Meteorologen das seit langer Zeit sonnigste und heißeste Feiertagswochenende werden. Die Voraussetzungen für das "Rock Hard Festival" sowie das allerletzte "Rock am Ring" in bestehender Form könnten also nicht besser sein. Experten berichten allerdings auch über ein Tiefdruckgebiet, welches eine Patchouli Wolke in Richtung Leipzig trägt. Dieses wird in Insiderkreisen auch das "WGT-Phänomen" genannt, welches nun schon zum 23. Mal beobachtet werden konnte. Wir von STORMBRINGER wollen von diesem Phänomen natürlich direkt vor Ort und aus erster Hand berichten, und so machen wir uns an einem sonnigen Freitagmorgen auf den langen Weg nach Leipzig. Die Rede ist natürlich vom alljährlichen "Wave Gotik Treffen", welches jedes Jahr zu Pfingsten die komplette Leipziger Innenstadt zum Mekka der unglaublich vielfältigen Schwarzen Szene werden lässt. Eine Vielfalt, die sich in dieser Form mit absoluter Sicherheit auf keinem anderen Festival weltweit wiederfinden lässt. Diese resultiert natürlich in erster Linie aus der Szene an sich, welche zahlreiche unterschiedliche Stilistiken in Punkto Kleidung, Stil, Auftreten und natürlich die unterschiedlichsten musikalischen Richtungen mitbringt. Aber auch dient die Location an sich als Lieferant der Diversitäten, denn uns WGTlern steht die ganze Leipziger City mit allen Annehmlichkeiten und touristischen Hot Spots als Festivalgelände zur Verfügung. So wird der nur unter Vorbehalt als Festivalbesuch zu nennende Aufenthalt eher zu einem Kurzurlaub mit musikalischem Schwerpunkt. Aus diesem Grunde entscheiden wir uns auch Gerne für einen Hotelaufenthalt, denn campen können wir noch zuhauf bei anderen Gelegenheiten. Leider funktioniert dieses Vorhaben nicht wie geplant. Denn kaum erreicht der Verfasser dieser Zeilen seine ein dreiviertel Jahr im Voraus gebuchte zentral gelegene Unterkunft, da wird ihm mitgeteilt, dass er auf Grund von Überbuchung auf eine nicht ganz so zentrale "gleichwertige Alternative" ausquartiert wurde. Was den werten Kollegen im Hotel wohl nicht ganz so wichtig ist, ist dass diese "gleichwertige Alternative" nach 00:00 Uhr nicht mehr mit dem öffentlichen Nahverkehr zu erreichen ist und generell mehr schlecht als recht an den LPV angeschlossen ist, was die Logistik für die Berichterstattung natürlich nicht gerade vereinfacht. Und so erreiche ich das Agra Messegelände, welches das Zentrum der Festivalaktivitäten darstellt, trotz zeitiger Ankunft in Leipzig um 14.00 Uhr leider erst um 17.30. Während also die Recken von CHRISTIAN DEATH bereits die Messehalle massakrieren und Berichten befreundeter Kollegen eine sensationelle Old-School Show ablegen, muss der angestauten Aggression erst einmal anderweitig Luft gemacht werden. Gestärkt durch beruhigende und der Hitze zuträgliche kühle Getränke machen wir uns erst einmal auf, das Gelände zu erkunden. Nach einem kurzen Abstecher über den riesigen Markt in der Agra Halle verschlägt es uns zu aller erst ins "Heidnische Dorf". Hier kann sich der Besucher an einem authentischen mittelalterlichen Dorf mit allen dazugehörigen Annehmlichkeiten erfreuen. Ob ausgefallene kulinarische Spezialitäten, leckere Liköre und unterschiedlichste Aktivitäten wie Axtwerfen, Bogenschießen oder das Bad in einem Waschzuber, dieses Dorf ist alleine schon Festival für sich. Auch musikalisch wird hier mit zwei Stages ein ordentliches Programm aufgefahren. Als wir es uns vor der Hauptbühne gemütlich machen, beenden gerade

INKUBUS SUKKUBUS

ihr akustisches Set. Sängerin Candia transportiert mit ihrer gefühlvollen Stimme eine absolut wunderschöne Atmosphäre, welche perfekt ins heidnische Dorf passt. Der Applaus gibt ihr Recht. Doch ist es wohl eher den momentanen Szenelieblingen

HEIMATAERDE

geschuldet, dass der Platz vor der Bühne so gut gefüllt ist. Zu Recht, denn auch wenn der Electro der Mannen um Ashlar von Megalon ähnlich wie bei den Kollegen von AGONOIZE recht einfach gestrickt ist, so setzt man auf Eingängigkeit und eine sehr unterhaltsame Bühnenshow. Mit mittelalterlichen Kostümen und Waffen geht es auf die Bühne, die Beats knallen los, die Texte werden von der großen Schar artig mitgesungen. Besonders gut kommen die gleichnamige Bandhymne sowie der Klassiker "Gotteskrieger" bei der Meute an. Geile Show, auch für die Metalheads nicht uninteressant, da bei einigen Stücken eine schön aggressive Klampfe mittönt. Und besonders in dieser Location eine absolut empfehlenswerte Show. Die Zeit vergeht heute sehr schnell. Nach HEIMATAERDE wird es nämlich schon Zeit, langsam zurück zur Agra Halle zu wandern, damit wir die heutige Headlinershow von APOPTYGMA BERZERK begutachten können. Anstatt den langen Weg außen derum nehmen wir die Abkürzung durch den Campground. Wieso das hier Erwähnung finden muss? Weil man selten so einen großzügigen, geräumigen und auch ordentlichen Campground auf den hiesigen Festivals findet. Da ist es für diejenigen, die keine Hotelunterkunft mehr ergattern konnten definitv mehr als erträglich zu campieren und die Obsorgekarte, welche zusätzlich zum Eintritt erworben werden muss, das Geld tatsächlich wert. Sehr fein! Aber back to topic, denn

APOPTYGMA BERZERK

stehen schon in den Startlöchern und sind bereit, die vollgepackte Agra Halle zu rocken. Und das machen die Norweger verdammt amtlich. Auch hier gibt es zunächst einmal Pluspunkte für die Atmosphäre, denn kalter Future Pop und Elektro Rock passen wunderbar in eine gigantische, praktisch leerstehende Messehalle. Von öfters aufkommenden Soundbeschwerden darf zumindest in diesem Falle keine Rede sein, denn die kalten Beats knallen amtlich, präzise und druckvoll aus der PA. Auch die Performance der Mannen um Sänger Stephan L. Groth überzeugt durch Spielwitz und Agilität. Leider bin ich bis auf wenige Coversongs mit dem Songmaterial der Band so gut wie gar nicht vertraut. Was dem Spaß an der Geschichte allerdings keinen Abbruch tut, denn die Show ist absolut kurzweilig und unterhaltsam. Dank an meinen Informanten für die folgende Setlist: Intro Unicorn Eclipse Burnin' Heretic In This Together Dead Air Einz Shadow The Sentinel Love Never Dies Something I Should Know Kathy's Song (Come Lie Next To Me) Major Tom (Coming Home) (Peter Schilling cover) Until The End Of The World Starsign Paranoia Non-Stop Violence Wer jetzt noch nicht müde ist, der kann sich entweder auf einem der diversen Partyfloors auf dem Agra Gelände austoben oder er fährt in die Gewölbekeller der Moritzbastei, um zu harten Industrial-Beats den Tag ausklingen zu lassen. Von dem nicht immer positiven Stress des Anreisetages geschlaucht entscheide ich mich allerdings dafür, den Tag einen Tag zu nennen und mit dem teuren Taxi ins (Ersatz)hotel zurückzukehren, um für den zweiten Festivaltag ausgeruht zu sein.

Der Samstag lädt nicht zuletzt auf Grund des strahlenden Sonnenscheins dazu ein, ausgiebig durch Leipzig zu flanieren und sich diverse Sightseeing Spots aus der Nähe anzuschauen. Das Völkerschlachtsdenkmal beispielsweise ist mehr als imposant, aber auch das Grassi Museum lockt mit interessanten Ausstellungen in angenehm klimatisierter Umgebung. Das WGT bietet an den Vormittagen allerhand alternatives Programm. Auch Friedhofsführungen, ein schwarzer Gottesdienst in der Peterskirche und diverse Lesungen an den Universitäten werden angeboten. Das schöne an der Sache ist, fast alles ist im Festivalbändchen inkludiert und kostet keinen Cent Aufpreis. Festival und Kultur schließen sich eben nicht aus, und so wird das Angebot von zahlreichen Goths dankend angenommen. Am späten Nachmittag geht es allerdings schon weiter mit dem Musikprogramm. Und weil die Sonne einiges zur (negativen) körperlichen Fitness beiträgt, lockt heute im kühlen Kohlrabizirkus ein ganzer Haufen Gitarrenbands mit ihren Shows. Denn auch für die Metalheads unter der schwarzen Bevölkerung wird alljährlich einiges geboten. Auch wenn nicht jeder Schuss ein Treffer ist, wie sich heute und morgen zeigen wird. Den Anfang machen die Oberbajuwaren

LACRIMAS PROFUNDERE

vor fast vollem Haus. Headlinerandrang am frühen Nachmittag, alleine dafür kann man schonmal die Pattschehändchen zum Applaus zusammen bringen. Der Gothic Rock der Truppe passt wie die Faust aufs Auge zum WGT, da die Setlist die härteren Anfangstage auslässt und sich fast vollends auf die neueren Sachen verlässt. Gitarrist Tony Berger zieht zunächst mit seiner blau leuchtenden Gitarre die Blicke auf sich, bevor Sänger Oliver Schmid das Geschehen an sich reißt. "Be Mine In Tears", "Antiadore", der "Rememberance Song", das treibt und rockt alles ordentlich, obwohl man schon schwer in Richtung Finnland und vor allem SENTENCED und HIM schielt. Selbst die Posen klaut sich Schmid bei Ville Valo. Trotzdem trifft das dargebotene Material genau den Nerv des Publikums, für das die eine Stunde Spielzeit viel zu schnell vorbeigeht. Man hätte LACRIMAS PROFUNDERE allerdings schon einen späteren Slot zugestehen können, denn die Halle leert sich nach der Show fast zu 90 Prozent. Somit haben die Österreichischen Symphonic Metaller

DARKWELL

bei ihrer ersten WGT Show nach zehn Jahren (und zugleich Reunion Show) einen schweren Start. Nicht ganz unverschuldet, da auch der Sound zunächst nicht optimal ist. Keyboards zu laut und schrill, Alexandra Pittrachers Gesang zu leise, die Setlist mit teils sperrigen Stücken zu Beginn nicht optimal gewählt. Erst ab dem dritten Stück, "Strange" vom "Metat[r]on" Album wird es vor der Bühne etwas zwingender. Gegen Ende haben sich Darbietung und Sound etwas eingependelt und beim SIMPLE MINDS Cover "Don't You (Forget About Me)" kommt auch endlich etwas Schwung in die Bude. Der klasse performte Rausschmeißer "Realms Of Darkness" stimmt versöhnlich, allerdings wäre hier mehr drin gewesen. Der Stimmung wird jetzt aber zusätzlich noch ein Dämpfer verpasst. Denn es ist Zeit für

HAMFERD

und zähflüssigen Blackgaze bzw. Doom. Ganz vornehm in Anzüge gekleidet entern die Faröer die Bühne und wir stellen fest: Man bewegt sich nicht auf der Bühne. Wenn überhaupt, dann schreitet man. Aber auch das nur, wenn es absolut notwendig ist. Wer jetzt aber meint, dies stehe im Widerspruch zu einem gelungenen Konzerterlebnis, der sollte HAMFERD nicht unterschätzen. Die Band strahlt eine Anmut aus, welche in der heutigen Musikerlandschaft bis jetzt selten existiert. Klar, zwischen Bass und Snaredrum kann man getrost mal pinkeln gehen, ohne etwas zu verpassen, dennoch erzeugt das Schaffen HAMFERDs einen süchtig machenden Trancezustand. Mit "Vilst Er Sidsta fet" verabschieden sich die Hypnotiker vom faszinierten Publikum und der Platz wird frei für das absolute Tages-, wenn nicht Festivalhighlight. Eine Show von

ORPHANED LAND

überhaupt mal mitzubekommen ist schon eine Besonderheit für sich, sind die Israelis nicht allzu häufig in unseren Landen unterwegs. Auf dem diesjährigen WGT haben die Besucher sogar gleich zwei Mal die Chance, die in allen Maßen außergewöhnliche Truppe zu sehen. Einmal im Heidnischen Dorf bei einer akkustik Show, das andere Mal an diesem Samstag im Kohlrabizirkus mit der vollen Ladung. Und die hat es in sich. Der Soundcheck alleine ist Unterhaltung pur bei einem Bühnentechniker, der die Mikros mit Ansagen der Marke "Metal ist keine gute F**Kmusik" testet und damit großes Gelächter auslöst. Was allerdings im Kontrast zur eigentlichen Show steht, denn mit Albernheiten geben sich ORPHANED LAND nach dem famosen Start mit dem ergreifenden "All Is One" nicht ab. Ab jetzt folgt einfach nur großes Gefühlskino. Harte Metal Passagen treffen auf authentische arabische Klänge, orientalische Melodien auf westliche Hymnenmelodik. "All Is One" eben. Und so kann sich Sänger Kobi Farhi auch eine kleine Ansage bezüglich der aktuellen politischen Lage nicht verkneifen, bevor er das zu Tränen rührende "Brother" anstimmt. Ganz großes Gänsehautkino. Zwei Tänzerinnen sind auch dabei, die zu den schnelleren Stücken mit Feuer jonglieren. Beim Finale und dem Bandhit "Sapari" bewegen sich alle Arme im Publikum, keiner steht mehr still, beim Rausschmeißer "Norra El Norra (Entering The Ark)" erzittert die Halle unter den Sprüngen der Anwesenden. Danach ist klar: ORPHANED LAND sind Magie! Sie verzaubern, sie bewegen, sie sind Emotion und Unterhaltung, sie sind wichtig! Wer immer die Chance hat, eine Show zu besuchen, der darf sie nicht ausschlagen. Großartig! Völlig geflasht lehne ich mich zurück und denke zum allerersten Mal über den Sound im Kohlrabizirkus nach. Unter eingefleischten WGTlern ist es kein Geheimnis, dass die Soundtechniker der Bands regelmäßig an der gigantischen Kuppelhalle scheitern und man von allen Seiten mit Rückkopplungen zugedonnert wird. Heute war das aber überraschenderweise bei keiner Band der Fall. Zumindest bis jetzt. Denn der ohnehin schon scheppernde Sound von

PRIMORDIAL

passt leider so gar nicht in dieses Ambiente, die Blicke von Sänger Alan "Nemtheanga" Averill gegen Mischpult sprechen Bände. Und so entschließe ich mich, meine guten Eindrücke nicht zu ruinieren und mir die schwarze Magie von PRIMORDIAL für ein anderes Mal aufzusparen.

Den Sonntag Morgen widme ich zunächst einem ausgiebigen Frühstück, nach dem es mich zum Augustusplatz verschlägt. Dort ist das ägyptische Museum stationiert, welches nicht nur uns mit interessanten Exponaten beeindrucken kann. Vorher geht es nochmal auf das praktischerweise zu Pfingsten aufgebaute Riesenrad, um ein Paar schöne Schnappschüsse von Leipzig zu schießen. Ja, so ein WGT kann schön sein. Auf geht's zu einem ausführlichen Spaziergang durch den Johannapark, um der Hitze mit Schatten spendenden Bäumen und einer kühlen Fassbrause entgegen zu wirken. Die vielen verschnörkelten Wege führen an Tümpeln, Seen und reichlich Gastronomie vorbei. Und da irgendwo im nichts ist auch die kleine aber feine Parkbühne, die ich aber erst nach einigen Irrwegen erreiche. Hier wäre ein bisschen Ausschilderung hilfreich und gerne gesehen. Dennoch finden massig viele Menschen den Weg rechtzeitig zu

OST+FRONT

, die Parkbühne ist bei Ankunft brechend voll. Auch wenn sich die Massen in den wenigen mit Schatten gesegneten Eckchen verkriechen, was ein durchaus ironisches und witziges Bild darstellt. OST+FRONT brettern mit ihrer überarbeiteten Bandhymne aus dem Jahr 2014 dann auch mal gleich mit Vollgas los und liefern in der kommenden Stunde ein Fest für alle NDH-Fans. Beziehungsweise für alle RAMMSTEIN Fans, denn die Anleihen am großen Vorbild zeigen sich bis in die kleinen Details. Von den üppigen Kostümen, zum mit dem Publikum agierenden Keyboarder (hier passenderweise in Stasi-Uniform), zu den Posen des Sängers und der restlichen Truppe, zu den Texten und der Musik. Selbst auf Ansagen verzichtet man wie das große Vorbild und lässt zwischen den Songs zahlreiche Midtros vom Band einspielen. Lediglich die Pyros und die theatralischen Showelemente kann man (noch) nicht auffahren. Macht nix, den Leuten gefällt's, gegen die brutale Hitze werden die Fäuste gereckt und zu Songs wie "Fleisch", "Heimkind", dem nicht unpolitischen "Freundschaft", dem quasi Partysong "Gang Bang" und dem Rausschmeißer "Bitte Schlag Mich" wird geheadbangt und getanzt. Unterm Strich bleibt die künstlerische Seite des Gigs sicherlich fraglich, denn Eigenständigkeit sucht man absolut vergebens. Einen nicht grade geringen Unterhaltungsfaktor muss man OST+FRONT aber neidlos zugestehen. Und so sehen es mal wieder die Mehrzahl der Anwesenden, denn wie gestern im Kohlrabizirkus leert sich das Auditorium nach dem Opener erneut fast völlig und zu

KOLDBRANN

ist kaum noch einer da. Schade eigentlich, denn der tiefklassische, typisch norwegische Black Metal der Truppe mit zuhauf VENOM Zitaten ist mit einiger Inbrunst vorgetragen und bietet einen angenehmen Kontrast zum Rest des Line-Ups. Optisch erinnert die Truppe zwar eher an glammigen Hair Metal als an nordische Kälte, aber so kommt der achtziger Vibe wenigstens schön rüber. Mit "Russian Vodka" hat sich sogar noch eine richtige Rock'n'Roll Partynummer ins Set geschlichen. Sicher nicht das, was man vom WGT erwartet hätte, aber trotzdem amüsant und kurzweilig. Dass Kontrastprogramme allerdings auch mal völlig nach hinten losgehen können zeigt der nachfolgende Auftritt von

PSYGNOSIS

. Was als "Industrial Progressive Death Metal" propagiert wird klingt nicht anders als (Post-)Hardcore und Sludge, wonach auf einem Gothik-Festival wohl wenig bis niemand Ausschau halten wird. Wäre das ganze ansprechend vorgetragen, so könnte man wenigstens von einem Punktsieg sprechen. Aber die MP3-Parade auf der Bühne (nein, einen Drummer hat die Band nicht, die Schlagzeugparts wurden alle einprogrammiert und laufen vom Band) mit unhörbarem Emo-Gesang/-Gekreische kann man sich maximal drei Songs lang anhören. So sehen es auch die meisten Anwesenden, mit Gutwillen fünf Leute applaudieren von einem leergefegten Bühnenvorplatz. Absoluter Miss-Cast! Die Sonne brettert derweil unerbittlich und ich bin inzwischen zu einem konturlosen Klumpen Materie zusammengeschwitzt. Während dem unhörbaren Gekläpppere von PSYGNOSIS manifestiert sich in mir der Gedanke, die nachfolgenden ROTTING CHRIST und SATYRICON zu Gunsten einer erlösenden und meiner direkten Umwelt sicherlich nicht schadenden Dusche sausen zu lassen. Und so schleife ich die konturlose Einheit aus Haut und Klamotten, zu der ich inzwischen mutiert bin zum nächsten Taxi und lasse mich zu einer Runderneuerung zurück ins Hotel befördern. Wieder erstarkt führt mich mein Weg ein letztes Mal zum Agra Gelände, wo wir uns nach einem gemütlichem Absinth und einer ausgiebigen Shoppingtour auf den Headliner

TARJA

vorbereiten. Auf TARJA freue ich mich insbesonders, da ich sie seit ihrer Zeit bei NIGHTWISH geschlagene zehn Jahre nicht mehr auf der Bühne bewundern durfte. Und ja, als offenbar einer der wenigen Menschen auf diesem Planeten kann ich mich auch mit einigen ihrer Solowerke anfreunden. Überraschend gewählt ist der Opener "Little Lies" aus dem letzten Output "Colours In The Dark", welcher eines der weniger überzeugenden Stücke auf dem Album darstellt. Um so überzeugender ist dagegen die Darbietung der Diva herself, die über die Bühne springt wie ein Dopsball und wesentlich Publikumsnäher und kommunikativer agiert als noch zu NIGHTWISH-Zeiten. Der Sound ist druckvoll, leider kommt aber trotz Live Keyboarder Christian Kretsch einiges vom Band. Vor allem Vocal-Overdubs. Und da Tarja hier und da das Mikro in einigen Fällen sehr früh vom Mund wegbewegt fragen sich einige zu Recht, ob da einige Passagen nicht etwa im Playback vorgetragen werden. Definitiv Live knallt dagegen die unglaublich tight agierende Backing Band, allen voran Cellist Max Lilja, Gitarrist Alex Schlopp und natürlich Drum-Allrounder Mike Terrana. Nach "Never Enough" wird den Protagonisten ein wenig Zeit zum Solieren eingeräumt, was bei nicht wenigen für offene Münder sorgt. Die Setlist umfasst alle bisherigen Solo-Alben TARJAs, wobei auch vor sperrigen Stücken wie "Anteroom Of Death" nicht zurückgeschreckt wird. Für die wohlige Dosis Eingängigkeit sorgen vor allem die Hits des letzten Albums wie besagtes "Never Enough" oder "500 Letters". Warum allerdings der bärenstarke Hit "I Walk Alone" ausgespart wird bleibt schleierhaft. Leider leert sich das Auditorium zur Hälfte hin etwas. Viele haben wohl NIGHTWISH Hits erwartet und werden enttäuscht. Lediglich die allseits bekannte Version der Gary Moore Nummer "Over The Hills And Far Away" kurz vor Schluss erinnert an vergangene Zeiten. Setlist: Little Lies 500 Letters Anteroom Of Death Cirián's Well Never Enough Die Alive Neverlight Deliverance Victim Of Ritual Over The Hills And Far Away Until My Last Breath

Es ist Montag und es wird immer heißer. Das ist anscheinend, Achtung Klischee, für viele der Grund, frühzeitig wieder zurück in ihre Gruft einzukehren. Denn Montag erscheint die Stadt im Vergleich zu den Tagen davor fast wie ausgestorben. Nachdem wir aus dem Hotel ausgecheckt sind wird es Zeit für einen ausgedehnten Brunch bei der "Soupbar Sumarum" gegenüber der bekannten "Pétite Absintherie", welche auch auf die andere Straßenseite einen Absinth liefert. Leider merken wir langsam und wehmütig, unsere Zeit beim WGT geht dem Ende zu, der Alltag ruft uns. Auch wir müssen uns auf Grund diverser Jobverpflichtungen verfrüht auf den Weg machen. Aber bevor wir die lange, dennoch entspannte Heimreise antreten schauen wir nochmal im Kohlrabizirkus vorbei, denn da hält heute die Pagan- und Black Metal Fraktion Einkehr. Als wir eintreffen geben sich gerade die Black Metaller

EïS

die Ehre und verschaffen den Anwesenden vor Ort eine angenehme musikalische Kühlung. Der Kohlrabizirkus-Sound-Effekt schlägt heute allerdings voll zu, und so kann man dem blastlastigen Gewitter auf der Bühne leider kaum folgen. Schade eigentlich, da die Darbietung an sich durchweg sympathisch rüberkommt und eine schön-schaurige Stimmung verbreitet. Und Stücke wie "Bei den Sternen" und "Mann aus Stahl" einfach riesengeil sind. Auch hier stellen wir fest, dass sich das Festival schon merklich geleert hat, hinter dem Soundpult finden sich nur eine Handvoll Interessierte. Lediglich direkt vor der Bühne ist noch etwas los. Das ändert sich auch bei

NACHTBLUT

nur marginal. Was auch wiederum Schade ist, da das sehr zugängliche Songmaterial der Dark Metaller an einem anderen Tag auf einem anderen Slot sicher doppelt so viele Gestalten vor die Bühne gezogen hätte. Leider gibt der Soundtechniker gegen die architektonischen Besonderheiten der Halle kampflos auf, und so knallt eine viel zu laute Snaredrum gefühlt fünf mal von allen Wänden und Decken zurück, was dem Genuss der Show schon merklich zu Schaden kommt. Das Publikum lässt sich davon allerdings nicht beirren und feiert schon den Opener "Dogma" begeistert ab. Sänger Askeroth ist sich für keine Animation zu schade, und sein Bewegungsradius schließt nicht nur die gesamte Bühnenbreite, sondern auch den Bühnengraben zuhauf mit ein. Es folgen Klassiker wie "Ketzer" oder "Antik" und mitsingtaugliche Hits wie "Ich trinke Blut", die Lautstärke im Publikum steigt merklich. Die stimmliche Nähe zu CRADLE OF FILTH wird teilweise durch die Kompostitionen unterstrichen. Ein mir unbekannter Song könnte zum Großteil als Karaokeversion des FILTHschen Evergreen "Cruelty Brought Thee Orchids" herhalten, ich singe diesen zumindest aus voller Kehle mit und es passt perfekt. Zum Abschluss haben NACHTBLUT dann noch eine Überraschung parat, nämlich das PRINZEN-Cover "Alles nur geklaut", welches im schwarzmetallischen Gewand wunderbar zynisch parodistisch daherkommt und vielen Anwesenden ein Grinsen ins Gesicht zaubert.

Ein schönes Outro für uns, die wir unmittelbar danach von Dannen ziehen und das 23. Wave Gotik Treffen als Geschichte bezeichnen dürfen. Rückblickend bleiben nach wie vor die unzählig vielfältigen Menschen und Möglichkeiten des Festivals absolutes Unikum und Verkaufsargument Nummer eins. Wer sich an Pfingsten auf den Weg nach Leipzig macht, der wird auf alle Fälle etwas geboten bekommen, egal, zu welcher Szene er sich letztendlich zugehörig fühlt. Klar wird man leider nie all das zu sehen bekommen, was einen interessiert. Dafür sind die Wege zu lang, die Bühnen zu zahlreich und die Timetables zu eng. So können auch wir euch nur von einem Bruchteil der Angebote berichten. Dennoch, das WGT ist und bleibt eines der außergewöhnlichsten Erlebnisse des ganzen Festivaljahres, und bestimmt wird es auch uns bald wiedersehen. Leipzig, vielen Dank! Bester Dank geht auch an Kollege Gerald Naber von Nowayout.at fürs zur Verfügungstellen der tollen Pics!


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