09.07.2014 - 12.07.2014, Flugplatz Ballenstedt/Quedlinburg

Rock Harz Festival 2014

Veröffentlicht am 31.07.2014



MITTWOCH

Man sieht aus dem Fenster und draußen ist es mehr als grau. Man sieht vor lauter Wolkenbrei und Regenwasser die eigene Hand vor Augen nicht. Zur Absicherung schaltet man noch einmal alle Wetterkanäle durch. Ja, für das zweite Juliwochenende ist Deutschlandweit Dauerregen, Kälte und Gewitter gemeldet. Das stimmt wenig optimistisch, vor allem wenn man auf gepackten Koffern sitzt und auf dem Weg zum Rock Harz Festival in Ballenstedt ist. Doch es nützt nichts, die Tickets sind gekauft, die Akkreditierungen ausgedruckt, es gibt kein Zurück. Schnell schmeißt man noch sämtliche Sonnenschutzutensilien aus dem Gepäck, um noch mehr Platz für Regen- und Matschpräventation zu schaffen. Motiviert, und dennoch verängstigt macht sich ein Storm-“Fighter“ mitsamt Anhängen bereit für die Wasserschlacht des Jahres. Doch wie so oft sollte alles anders kommen. Noch kurz vor Ankunft am Festivalgelände hält der Verfasser dieser Zeilen im letzten Baumarkt vor Festivalgelände, um sich mit nagelneuen Gummistiefeln für die bevorstehende Schlammschlacht zu verstärken. Noch immer hängen die Wolken tief bis auf die Straße herunter, alleine der Weg Auto-Baumarkt-Auto durchnässt das T-Shirt komplett. Doch kaum haben wir unsere endgültige Campposition auf dem Festival erreicht, stoppt der Regen, wie auf Kommando. Und bis zur Abreise sollte uns das Glück mit dem Wetter hold bleiben, nur ein paar wenige Male fallen vereinzelt Tropfen vom Himmel. Während um uns in Sichtweite die Stürme toben, fühlen wir uns wie im Auge des Sturms und bekommen sogar Sonnenbrand. Wer hätte das vor der Anreise je gedacht. Schon deshalb ist das diesjährige Rock Harz Festival als legendär zu beschreiben. Aber genug vom Wetter, wir blicken uns zunächst einmal auf dem Campground um und stellen fest, dass dieser im Vergleich zum Vorjahr in Areale unterteilt ist. Außerdem wurde die Mitte des kompletten Geländes um ein Security und Erste Hilfe Zentrum ergänzt. Eine ganz klare Reaktion auf den Unfall im letzten Jahr und deshalb durchweg begrüßenswert. Und so bleiben etwaige Negativschlagzeilen dieses Jahr aus, es wird friedlich und harmonisch gefeiert. Die Organisation ist auf Grund der uns umringenden Wetterlage in ständiger Bewegung, meistert alle aufkommenden Schwierigkeiten vortrefflich. Ganz großes Lob an dieser Stelle. Lediglich die Absage von SOILWORK trübt die Stimmung etwas, doch auch hier ist fix ein Surprise Act als Ersatz organisiert. So viel zum Drumherum, es wird Zeit für die ersten Töne des Festivals. Da ich dieses Jahr alleiniger Streiter im Ballenstedter Schlachtfeld bin und natürlich nicht alle Events begutachten kann, so müsst ihr nun mit meiner Selektion an Bands leben. Ich wünsche gute Unterhaltung. Der Mittwoch startet mit einem kleinen Warm-Up Abend im ersten Drittel des eigentlichen Festivalareals, auf dem die "Devil's Wall Stage" in handlich kleiner Größe die Gemütlichkeit des Rock Harz unterstreicht. Den Melodic Death Metallern

WORDS OF FAREWELL

obliegt die Aufgabe, das diesjährige Festival musikalisch einzuleiten. Und auch wenn nicht viele Leute den Weg ins Infield finden, so kann das dargebotene Material durch Spielwitz und Spaß inne Backen durchweg überzeugen. Musikalisch erinnert das ganze ein bisschen an INSOMNIUM oder auch DARK TRANQUILLITY, Sänger Alexander Otto legt eine ähnliche Agilität wie Mikael Stanne an den Tag. Auch wenn die Ruhrpottler vorher vielen noch unbekannt gewesen sein durften, ihr habt euch ein paar neue Follower erspielt. Guter Einstand.

21OCTAYNE

sind komplette Newcomer und haben mit "Into The Open" ein beeindruckendes erstes Album mit starken Hard Rock Songs veröffentlicht. Auch die Live-Darbietung des Materials macht eine enorme Freude, obgleich hier und da noch etwas an den Feinheiten im Zusammenspiel gearbeitet werden sollte. Die Truppe wirkt trotz einzelner musikalischer Höchstleistungen noch etwas verkrampft. Mit etwas mehr Routine könnte hier die nächste Größe à la GOTTHARD reifen. Als absoluter Verfechter hanseatischen Power Metals ist es fast eine Schande, dass ich heuer

IRON SAVIOR

zum ersten Mal live bewundern darf. Aber das Warten hat sich gelohnt, denn selten habe ich eine solch gut gelaunte Truppe im eigentlich routinierten Genre gesehen. Was Piet Sielck und seine Mannen an Spaß verbreiten, ohne dabei wie ein Herr Sammet ab und an ins Peinliche abzudriften ist fantastisch. Das hebt die Stimmung um gigantisch gute Songs wie "Starlight", "The Savior" und der Hymne "Heavy Metal Never Dies" merklich an. Selbst technische Pannen werden augenzwinkernd umschifft (HELENE FISCHER? Really??). Ihr habt mich sicherlich nicht zum letzten Mal gesehen. Mein Interesse an

BRAINSTORM

ist in den letzten Jahren merklich abgeflacht. Zu routiniert die einst superben Liveshows, zu schwach die Veröffentlichungen nach "Downburst". Mit "Firesoul" haben die Schwaben allerdings wieder zu alter Größe zurückgefunden und übertreffen gar den Überknaller "Liquid Monster". Daher erwarte ich mit Spannung den heutigen Gig und werde nicht enttäuscht. Andi Franck ist wieder zurück zu sympathischer Stärke, die Bühne wird endlich wieder ausgefüllt, und vor allem springt die Stimmung wieder vollends über. Die Setlist liefert einen guten Querschnitt durch alle Alben ab "Soul Temptation" und lässt eigentlich keine Hits aus. "Highs Without Lows", "Shiva's Tears", "Shiver", "Fire Walk With Me" und natürlich das abrundende "All Those Words" machen endlich wieder Spaß und gehen mit den neuen Stücken von "Firesoul" wie "And I Wonder" eine wunderbare Symbiose ein. Meine Überraschung des Tages.

RHAPSODY OF FIRE

bekommen heute nicht nur den Headlinerslot, sie bekommen auch die längste Spielzeit des gesamten Festivals zugesprochen. Beim ersten Blick auf die sehr kleine Devil's Wall Stage vorhin war mir nicht wirklich klar, wie eine theatralische Macht wie die Italiener hier überhaupt drauf passen sollen. Mit irgendwelchen Zaubertricks schaffen sie sich gewaltig Platz, denn die kleine Vorgartenbühne wirkt mit Betreten der Film-Score Metal Heroen plötzlich um ein vielfaches größer. RHAPSODY OF FIRE sind heute so gut aufgelegt wie lange nicht und spielen sich durch ein mit Klassikern gespicktes Set. "Legendary Tales", "Dawn Of Victory" oder das großartige "Knightrider Of Doom" reihen sich an neue Songs wie "Reign Of Terror", bei dem Fabio Leone sogar seine Black Metal Screams auspacken darf. Dieser Kerl kann stimmlich auch wirklich fast alles. Erinnert sich wer an das 2005er Duett mit Filmschauspieler CHRISTOPHER LEE, "The Magic Of The Wizard's Dream"? Wo bei jeder anderen Band die Stimme des Duettpartners bei Live Performances vom Band eingespielt wird, imitiert Leone dessen Timbre fast originalgetreu und sorgt für kollektives Staunen. Und als nach 90 Minuten das glorreiche "Emerald Sword" ertönt ist auch den nicht so kitschaffinen Genossen klar, das hier war großes Kino.

DONNERSTAG

Am Donnerstag werden die Hauptbühnen von

BATTLE BEAST

eingeweiht, und das lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Die Finnen sind mir bei den Touren mit NIGHTWISH und SONATA ARCTICA als relativ belangloser Mischmasch von DORO und MANOWAR in Erinnerung geblieben. Allerdings sind Schlichtheit und Attitüde im klassischen Metal-Sektor momentan im Trend, wie es schon bei POWERWOLF und SABATON zu sehen ist. Und so ist der Vorplatz der Bühne schon zu Beginn fast headlinerwürdig gefüllt. Mit Neu-Frontdame Noora am Mikro springt der Funke dieses Mal sogar bei mir recht schnell über, ich lasse mich von der Spielfreude und der Simplizität solcher Stücke wie "Let It Roar", "Neuromancer", "Justice And Metal" und "Out Of Control" mitreißen. Auch wenn das musikalisch eher belanglos ist, eine Show abfahren kann diese Band. Und auch auf einem Festival darf Platz für gutes, einfach zu verdauendes Entertainment sein. "Eins, zwei, drei, vier -

THE VERY END

ist hier" und prügelt sich mit modernem Neo-Thrash Marke MACHINE HEAD durch ein sehr gutes Set, was leider nicht den Anklang bekommt, was es verdienen würde. Dabei machen die Essener definitiv nichts verkehrt. Vor allem Sänger Björn kann einige Sympathien auf seiner Seite verbuchen. Auch hier bewegt man sich nicht am oberen Ende des musikalisch machbaren und diese Art Musik mag schon etwas ausgelutscht sein, gut transportiert wird das Ganze heute allemal. Nächstes mal gerne auf einem etwas späteren Slot, denn dann wächst die Gefolgschaft auch schneller. Was habe ich gefeiert, als ich die "Steelcrusher"-Scheibe von

HAMMERCULT

zum ersten mal habe rotieren lassen. Was für Euphorien habe ich gespürt bei dieser ungemein spritzigen Interpretation klassischen Thrash Metals, welche das Beste aus den USA und Deutschland zu einem unwiderstehlichem Erlebnis kombiniert. Und wie enttäuscht bin ich, als ich heute feststellen muss, dass live so absolut gar nichts von diesem Elan auf die Bühne transportiert werden kann. Übersteuerter Sound, übertriebenes Getriggere und ein nicht gut aufgelegter Yakir Shochat nehmen dem Material jeglichen Elan und alle Authentizität. Sorry, aber hier muss dringend nachgebessert werden, da gibt es heute auch keinen Exotenbonus. Weiter geht es für mich mit den Finnen

INSOMNIUM

, die mich mit den ersten Klängen von "The Primeval Dark" in einen Trancezustand versetzen, den ich im Melodic Death Bereich so noch nicht erlebt habe. Die wunderschönen Melodien, die arschtighte Darbietung, die wahnsinnige Atmosphäre. INSOMNIUM soll all jenen als erstes vorgesetzt werden, die (Death-)Metal als bloßes Geschreie abtun. Und wenn man dann von erhabenen und schwelgerischen Stücken wie "Only One Who Waits" in echte eingängie Hits wie "While We Sleep" und "Ephemeral" umschlägt, dann gibt es zumindest auf dem diesjährigen Rock Harz kein Halten mehr. Der "Promethean Song" folgt leider viel zu schnell und das Tageshighlight ist leider schon wieder passée. Völlig konträr hierzu zocken sich danach die Dänen

D-A-D

durch ihr rotziges und glammiges Rock'n'Roll Set. Im Gegensatz zu den ähnlich gelagerten PSYCHOPUNCH, THE BONES und den höchst subjektiv ungenießbaren MUSTASCH vom letzten Jahr ziehen D-A-D ihr Publikum direkt in den Bann und können durch eine großartige Bühnenshow gute Laune verbreiten. Zwar hat man heute keine Pyros dabei, dafür aber Stig Pedersens zahlreiche Bässe (von denen die Rakete nach wie vor das Highlight darstellt).

SODOM

sind immer wieder ein Highlight, man kann sie gar nicht oft genug sehen. Tom Angelrippers Dampfwalze aus augenzwinkerndem Sarkasmus und bitterer Sozialkritik trifft auch heute wieder voll den Nerv des Publikums, welches grade die zur Mitte des Sets gespielten Klassiker "Agent Orange", "Sodomy & Lust" und "The Saw Is the Law" massiv abfeiert. Ein paar Überraschungen gibt es heute aber doch. Zum einen das Fehlen des Überhits "Ausgebombt", welches allerdings angemessen durch den "Wachturm" vertreten wird. Dann das TRASHMEN Cover "Surfin' Bird", welches spätestens nach einer zurückliegenden Family Guy Episode zum Überkult avanciert ist. Und letztlich die Tatsache, dass Angelripper das Konzert auf einer eher depressiven Note enden lässt, als er nach einer bewegenden Ansprache zur momentanen Situation im Gazastreifen "Remember The Fallen" anstimmt. Dennoch oder gerade dessen, eine geile, viel zu kurze knappe Stunde. Dass

AMORPHIS

großartig ist, muss nicht betont werden. Nachdem sie mit "Eclipse" endlich zu ihrem eigenen Stil gefunden haben, veröffentlichen sie regelmäßig Alben, die die Höchstnoten einfahren. Dass das ganze auch live funktioniert, ist zu großen Teilen Shouter Tomi Joutsen und seiner einnehmenden Performance zu verdanken. Und wenn Stücke wie "House Of Sleep", "Sky Is Mine", der Opener "Shades Of Gray" oder der heftige Klassiker "Thousand Lakes" ertönen, ist Trance und Gänsehaut vorprogrammiert. Heute zünden vor allem die härteren, früheren Stücke. Jedoch erreichen die Finnen nicht die ganz großen Sphären, wie sie es sonst regelmäßig schaffen. Vielleicht liegt es daran, dass die artverwandten INSOMNIUM von vorhin noch immer massiv im Gedächtnis kleben. Dennoch, nach wie vor großartig.

SALTATIO MORTIS

pflegen anscheinend ein inniges Verhältnis zu Journalisten. So lässt es sich Lasterbalk der Lästerliche höchstpersönlich nicht nehmen nehmen, sich vom Drumkit zu erheben und mahnende Worte an das schreibende Volk und sonstige Medien zu richten. Ich nehme dies zur Kenntnis, lasse es mir aber trotzdem nicht nehmen, ein paar Worte zum Co-Headlinerslot der Spielmänner zu schreiben. Denn auch wenn SALTATIO MORTIS an diesem Abend polarisieren, beweisen sie erstklassige Livequalitäten. Das liegt zum einen an der musikalischen Performance, die eigentlich jedem Kritiker das Maul stopfen sollte. Die zahlreichen Musiker sind bestens aufeinander eingespielt, beherrschen sämtliche mittelalterlichen Insturmente par excellence und liefern somit eine punktgenaue, arschtretende Show. Im direkten Vergleich zu SUBWAY TO SALLY, die sich genau vor einem Jahr im gleichen Slot in kruden Medleys und unpassenden Ansagen verloren, gehen SALTATIO MORTIS hier ganz klar als Gewinner aus dem Duell. Zum anderen liegt das am etwas zackigeren und direkteren Songmaterial, welches die Verspieltheit des Mittelalterrocks mit der knackigen Räudigkeit des Punkrocks kombiniert und auch für Neulinge direkt greifbar ist. Grade das neue Material aus dem letztjährigen Nummer Eins Hit "Das schwarze Einmaleins" wird in den Himmel gefeiert. Und so muss man den Schreiberlingen eigentlich gar nicht mehr angefeindet gegenüberstehen, denn wenn man eine dermaßen geile Show abliefert, bleibt doch gar nichts mehr zu meckern über!

SABATON

sind seit Jahren omnipräsent. Auf gefühlt jeder Powermetal Tour und schon gleich jedem Festival lässt man sich blicken. Immer ist man Publikumsliebling, immer steigt die Stimmung, immer ertönen die "Noch ein Bier"-Rufe, immer freut sich Joakim Brodén wie ein Schneekönig über die Publikumsresonanz. Nur ist dieses Mal ein Panzer dabei, der natürlich mächtige Pyroknaller abfeuern darf. Also doch ein bisschen Abwechslung. Auch die Spielzeit von einer Stunde und 15 ist nicht ganz so üppig wie bei anderen Begebenheiten, weswegen man sich auf die durchschlagendsten Hits konzentriert. Klar, die Stimmung ist gut, "Gott mit uns" wird vom Publikum zu "Noch ein Bier" umgedichtet. Aber, liebe Festivals, gönnt uns doch mal eine Pause von SABATON. Ich gehe mit, dass die Jungs momentan Konjunktur haben und hier und da auch wirklich Spaß machen, aber wenn wirklich gefühlt jedes Festival den gleichen Headliner stellt, dann ist schneller als lieb die Luft raus.



FREITAG

Der Freitag ist temperaturmäßig der wohl heißeste Tag des ganzen Wochenendes. Und so suchen die vielen Anwesenden häufiger Schutz im Schatten, anstatt sich mitten ins Getümmel zu werfen. Wie eingangs erwähnt, mit Hitze und durchgehendem Sonnenschein hat man nicht wirklich rechnen können. So ist es energietechnisch kein Wunder, dass die Besuche des Infields weitaus ökonomischer geplant werden, als in den Tagen zuvor. Und so starten auch wir heute erst gegen Nachmittag mit

HÄMATOM

in den Tag. Mal sehen, wie lange es dauert, bis es sich rumspricht. Aber hier haben wir das nächste wirklich richtig große Ding im deutschsprachigen Metal vor uns und grade die, denen DIE APOKALYPTISCHEN REITER zu soft geworden sind, sollten sich demnächst mit diesen vier nach den Himmelsrichtungen benannten Musikern vertraut machen. Das hat Ausstrahlung, das hat Spaß, das hat Laune und Energie. Da krachen harte RAMMSTEIN Riffs auf Hymnenrefrains, witzge Stücke treffen auf Sozialkritik. Wer DIE VORBOTEN kennt, weiß in etwa, auf was er sich vorzubereiten hat (wenn auch etwas eingängiger). Ein frühes Highlight an diesem Freitag. Dieses Jahr ist das Jahr der neuen Mädels in den Bandbesetzungen. Nachdem wir gestern schon BATTLE BEAST in verändertem Line Up bewundern durften, so werden heute unter Anderem

XANDRIA

mit Neu-Fronterin Dianne Van Giersbergen (nicht verwand mit einer gewissen Anneke) auf den Prüfstand gestellt. Die zu füllenden Fußstapfen sind gar nicht mal so klein, denn direkte Vorgängerin Manuela Kraller konnte duch ein Mordsorgan und dazu noch einer sehr sympathischen Ausstrahlung punkten. Aber Entwarnung gleich zu Beginn: auch wenn das komplette Stimmvolumen Krallers nicht erreicht werden kann, erweist sich Van Giersbergen als würdiger Ersatz. Und wie, um dem Beweis Rechnung zu tragen, wählt man neben Stücken des aktuellen Outputs "Sacrificium" reichlich "Neverworld's End" Material, welches nicht ganz an die intensive Interpretation Krallers herankommt, dennoch aber zu überzeugen weiß. Den Sprung aus der Nische dürften XANDRIA nun damit endgültig geschafft haben. Nach der beeindruckenden SODOM Show am Vortag darf man nun gespannt sein, wie der andere diesjährige Vertreter der "Big German Four"

DESTRUCTION

einschlagen wird. Mit einer Rampensau Marke Schmier an den Vocals sollte das aber eigentlich nur Formsache sein, und so knallen "Nailed To The Cross", "Spiritual Genocide", "Thrash Till Death" und natürlich der "Mad Butcher" wie ein Komet ins Infield, welches kollektiv am Ausrasten ist. Zwar wirkt der Gig von SODOM im direkten Vergleich etwas nachhaltiger, dennoch können DESTRUCTION begeistern. Das nächste Kapitel unserer "New Girl" Reihe.

EQUILIBRIUM

heißen die von RAGE und KNORKATOR bekannte Jen Majura in ihren Reihen willkommen. Und die hat ihrem Gesichtsausdruck nach einen Mega Gute Laune Tag erwischt, sie kommt aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. Die eh schon Partytaugliche Truppe findet in ihr die wohl adäquateste Ergänzung, die überhaupt möglich gewesen wäre. Aber neben neuer Bassistin haben EQUI auch ein neuses Album namens "Erdentempel" dabei, von dem es heute gleich vier Stücke in die viel zu kurze Setlist schaffen, von denen gerade ein "Waldschrein" oder "Was lange währt" livetaugliche Einschlagskraft besitzen. Die "Wirtshaus Gaudi" entfaltet seine komödiantischen Qualitäten live nochmal besonders gut und darf das totgespielte "Met" gerne dauerhaft ablösen. Unterm Strich ein mehr als kurzweiliger Gute-Laune Gig, der das nächste mal gerne mindestens 20 Minuten länger spielen darf. Der SOILWORK-Ersatz

EKTOMORF

trifft unseren Geschmack leider überhaupt nicht, so dass wir uns zur Stärkung für

ARCH ENEMY

noch einmal kurz zurückziehen. Und dieser Neubesetzung fiebern wohl die allermeisten Besuscher an diesem Wochenende entgegen. Wie kann man denn angemessen ein Unikat wie Angela Gossow ersetzen? Darauf kann es mit "Alissa White Glutz" tatsächlich nur eine Antwort geben. Das weiß die restliche Besetzung von ARCH ENEMY und hält sich bewusst zurück, lässt Alissa ganz den Vortritt und überlässt es ihr, sich die Gunst des Publikums zu erspielen. Diese Aufgabe meistert sie mit Bravour. Von der Ausstrahlung ähnlich, kann die neue Dame nämlich einfach viel besser Brüllen als Gossow. Da reichen auch ganze drei "War Eternal" Songs, selbstbewusst schmettert man einen Klassiker nach dem anderen. "Dead Eyes See No Future", "My Apocalypse", "We Will Rise", "Bloodstained Cross" und natürlich "Nemesis", das sind die Hits, die die Fans hören wollen. Das sind die Stücke, aus denen Alissa völlig selbstverständlich noch viel mehr raus holt, als Gossow jemals dazu in der Lage war, so hart das jetzt klingen mag. Unglaublich, was hier heute Abend passiert. Eine eh schon überlebensgroße Band hat ihre Vollendung gefunden. Wir gehen auf die Knie. Die Stimmung ist meilenhoch inzwischen, und so freuen wir uns auf die wiedererstarkten

HELLOWEEN

, die dem ganzen Treiben jetzt gerne die Krone aufsetzen dürfen. Und in ihrer ganz eigenen Art und Weise schaffen es Weikath, Deris und Co. im Handumdrehen, das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Auch wenn sich sonst viele über angeblich nicht vorhandene Live-Qualitäten der Hanseaten beschweren, heute steht niemand still. Die Band polarisiert, keine Frage, jedoch ist es zumindest meiner Wenigkeit immer eine Freude, diese unglaublich guten Musiker auf der Bühne zu sehen. Und Deris ist nicht Kiske, das stimmt, dieser Vergleich sollte inzwischen auch nur noch von ewig gestrigen gemacht werden. Deris ist Deris, mit seinen ganz eigenen Entertainmentqualitäten. Es wird Zeit, dass dies ein für alle Mal akzeptiert wird. Fehlerfrei ist der Gig dennoch nicht, aus der Setlist wäre noch mehr rauszuholen gewesen. Für mich beispielsweise unverständlich, wieso das langweilige "If I Could Fly" noch immer bei jedem Gig gespielt werden muss. generell fehlen vor allem die Stücke aus dem letzten grandiosen Album Straight Out Of Hell. Dennoch, mehr HELLOWEEN brauch das Land. Als heutiger Headliner darf

CHILDREN OF BODOM

den im letzten Jahr abgesagten Gig nachholen. Das kommt grade den jüngeren Besuchern in diesem Jahr gelegen, denn bei keiner Band beobachtet man eine durchschnittlich so junge Crowd. Leider beobachtet man auch bei keiner anderen Band eine solche Masse an Crowdsurfern. Crowdsurfen ist in diesem Jahr nur noch eingeschränkt erlaubt. Vor allem die Dauersurfer sollen von der Security in ihre Schranken gewiesen werden. Leider scheint dies hier nicht wirklich zu funktionieren, und die Unmut der Meute ist ab Mitte des Sets deutlich zu spüren. Dafür kann die Band nichts, die sich in gewohnt souveräner Art und Weise durch das frickelige, old-schoolige Set spielt. Der Sound ist glasklar, die Lightshow beeindruckend und Stücke wie "Needled 24/7", "Lake Bodom", "Are You Dead Yet?", "Hatecrew Deathroll" und "Hate Me!" werden begeistert aufgenommen. Das Problem bei Gigs von Laiho & Co. ist nach wie vor die Bühnenpräsenz. Wenn man sich nicht in den Pit stürzen will, so bleibt optisch bis auf dauerspuckende Musiker wenig aufregendes über. Auch die Ansagen sind kein Jahr gereift, nach wie vor wird mit Obszönitäten um sich geschmissen, als ob es kein Morgen gibt. Unterm Strich aber dennoch ein verdienter Headliner.



SAMSTAG

Es ist Samstag, das Wetter hält noch immer und langsam spürt man die vergangenen Tage in seinen Knochen. Um einen vollwertigen Mittwoch Abend ergänzt, erreicht das Rock Harz schon langsam die Dauer eines Wacken Open Airs. Nach ausgiebigem Frühstück und gemütlicher Tagesvorbereitung erreichen wir zu

GLORYHAMMER

das Infield. Eine Christopher Bowes Band darf immer mit gewisser Skepsis beäugt werden, denn nicht nur werden Klischees aufs Maximum überstrapaziert (in diesem Falle alles aus dem Elfenreich des Power Metals), nein, meistens überwiegt auf der Bühne ein grottenschlechter Live Sound. Zumindest den scheint man dieses Mal im Griff zu haben, im Gegensatz zu ALESTORM im letzten Jahr donnert das Klanggerüst vortrefflich aus den Boxen der Rock Stage. GLORYHAMMER haben sich mit ihrem bislang einzigen Album Tales From The Kingdom Of Five eine gewaltige Fanbase erspielt, denn das gut gefüllte Infield kann die Lyrics der fast nur aus Genitiven bestehenden Songtitel ("Quest For The Hammer Of Glory", "Epic Range Of Furious Thunder", "Unicorn Invasion Of Dundee") allesamt mitschreien. Auch wenn man das Gefühl hat, lauter Robin Hoods auf der Bühne zu sehen, kann man sich das eine oder andere Schmunzeln nicht verkneifen. Ach ja, hier schreit man nicht "Hey" oder "Hoh" oder vergleichbares, sondern "Unst". Man erinnere sich, hier steckt ein Christopher Bowes dahinter. Bitte nix ernst nehmen. Bei

PRIMAL FEAR

geht es weitaus konventioneller zu, musikalisch wie von der Show. Und das ist gar nicht mal schlimm. Bei einem recht showlastigen Gesamtprogramm ist die grundsolide Performance der Mannen um Ralph Scheepers und Mat Sinner eine wohlige Abwechslung. Auch wenn Scheepers heute nicht ganz auf der Höhe ist und ausgerechnet im Gesangsspielchen mit dem Publikum einmal böse danebenhämmert. In den Songs selbst, sei es "Nuclear Fire", der neue "When Death Comes Knocking", dem Klassiker "Chainbreaker" oder dem finalen "Metal Is Forever", da sitzt alles punktgenau. Uns ist nach ein wenig Geknüppel, und da bieten sich die Holländer von

LEGION OF THE DAMNED

grade rechtzeitig an. Nach dem dramatischen Intro "The Apocalyptic Surge" gibt es mit "Son Of The Jackal" gleich mal einen Klassiker auf den Moshpit, in den ganz schnell Bewegung reinkommt. Dennoch, der Fokus liegt heute auf Stücken des neuen Rundlings "Ravenous Plague", welches mit "Mountain Wolves Under A Crecent Moon", "Bury Me In A Nameless Grave", "Armalite Assassin" und dem fantastisch atmosphärischen "Doom Priest" nur noch wenig Platz für alte Gassenhauer lässt. Trotzdem, die abschließende Bandhymne darf nicht fehlen, der Gig darf als Erfolg gewertet werden.

SONIC SYNDICATE

waren einige Zeit von der Bildfläche verschwunden. Nach dem 2011er Gig auf dem SUMMER BREEZE war lange Funkstille um die nie wirklich ernst genommene Modern Metal Band. Jetzt steht auf dem Rock Harz der Comeback Gig an, und dementsprechend ist Shouter Nathan Biggs auch motiviert bis unter die nicht vorhandenen Haarspitzen. Basserin und Augenweide Karin ist wegen der Geburt ihres Kindes heute nicht mit dabei, verstärkt wird die Truppe durch einen unbekannten, nicht näher vorgestellten männlichen Kollegen. Trotzdem, zumindest mich kann das ganze heute nicht überzeugen. Arg steril und reißbrettgetreu wirkt das alles, SOILWORK dient als Blaupause, man würzt nur noch mit ein bisschen mehr Melodik nach. Ob das Comeback wirklich nötig war zeigt die Zeit. Die in den letzten Jahren auf dem Rock Harz ordentlich bediente Gothic Fraktion kam dieses Jahr etwas zu kurz, dafür hat man mit

TIAMAT

aber einen wahrlichen Kracher im Gepäck. Mit ihren getragenen depressiven melodischen Kompositionen setzen sie einen ordentlichen Kontrapunkt zum restlichen Geschehen und erschaffen eine packende atmosphärische Dichte. Zwar ist die große Masse vor der Bühne bereits wegen KNORKATOR im Infield, wer sich von den Wartenden auf TIAMAT einlässt bekommt dennoch eine echte Alternative und willkommene hochklassige Abwechslung geboten. Aber

KNORKATOR

dominieren heute Abend alles. Selbst beim späteren Headliner IN EXTREMO wird das Infield nicht mehr ganz so pralle gefüllt sein wie beim Auftritt der Berliner Blödelkombo. Die Erinnerungen schwelgen zurück ins Jahr 2012, als man an selber Stelle mit Aktionen wie dem Dicke-Männer-Weitsprung und dem kollektiven Verarschen des Fotograbens für derbes Gelächter sorgte. Der Fotograben rächt sich übrigens dieses Jahr, tritt in Tierkostümen auf und bringt anstatt Kameras Zeichenblock und Stifte mit. Coole Aktion, die leider nicht von allen wahrgenommen wird. Generell wirken KNORKATOR heute überraschend unkommunikativ, was schade ist, die Stand-Up Qualitäten eines Stumpens sind eigentlich phänomenal. Gut, so lässt man die Musik sprechen, und da lassen die Berliner nichts anbrennen. Nach der einleitenden "Hymne" geht es in altbewährter Manier mit "Schwanzlich Willkommen" ans Eingemachte. Es folgt ein regelrechtes Best-Of mit "Du bist Schuld", "Du nich!", "Eigentum", "Der ultimative Mann" und natürlich den Überhits "Alter Mann", "Böse" und "Wir werden". Eine kleine Überraschung gibt es heute dennoch, denn Alf Ators Sohn TimTom ist heute mit dabei und darf "sein" Stück "Arschgesicht" preisgeben. Ein seltenes Highlight. Mehr Comedy, wenn auch nicht im eigentlichen Sinne, gibt es gleich im Anschluss mit

POWERWOLF

. Hier zunächst das gleiche Problem wie bei SABATON: Langsam ists mal gut. Bisschen rar machen würde nicht schaden. Im direkten Vergleich zu SABATON ist hier aber deutlich mehr musikalisches Fundament zu erleben und auch auf showtechnischer Seite übertrumpfen die "Transsilvaner" (eh, klar) die Swedish Pagans. Düsteres Bühnenbild, Dauerbewegung auf der Bühne, Gepose ohne Ende, Feuersäulen und die trockenen Sprüche des nach wie vor genialen Sängers Attila Dorn unterhalten auch beim gefühlt 100. Gig in Reihe vortrefflich. Die Nähe zu SABATON ist auch dem Publikum nicht unbewusst, denn kurz vor Schluss fordert die Meute plötzlich lautstark "Noch ein Bier", was Dorn amüsant und souverän mit einem leicht abgewandelten Choral quittiert. Setlisttechnisch heute keine Überraschungen, es gibt die üblichen Verdächtigen von "Sanctified With Dynamite" bis "Lupus Dei". Gerne dürfte der "Kiss Of The Cobra King" vom Debüt mal wieder mitgebracht werden. Langsam gehen die Kräfte zu Ende, auf Grund der sehr früh geplanten Rückreise ist für uns nach dem Headliner IN

EXTREMO

Schluss. Dieser erweist sich aber als würdiger Schlussakt. Michi Rhein ist heute fantastisch aufgelegt und strotzt nur so vor Spielfreude, genauso wie der Rest der Band. Die aufwändige Bühnendeko wird von einer famosen Lightshow untersstrichen, die Pyroshow kommt langsam an die Intensität von RAMMSTEIN heran. Das Publikum zeigt sich schon bei den Openern "Mein rasend Herz" und "Horizont" textsicher. Warum man den Überhit "Vollmond" inzwischen immer so früh im Set präsentiert ist mir nicht klar, dennoch folgt er auch dieses Mal wieder direkt im ersten Block der Show. Aber bei Hits wie "Frei zu sein", "Sängerkrieg", "Zigeunerskat", "Küss mich" und dem Rausschmeißer "Spielmannsfluch" kann man sich nicht über eine highlightarme Setlist beklagen. Lediglich die richtigen Old-School Fans werden mit nur zwei Stücken ("Herr Mannelig" und den "Merseburger Zaubersprüchen") ein wenig übergangen, der Fokus liegt klar auf Stücken der Post-"Rasend Herz"-Ära. Was dem Gesamten allerdings keinen Abbruch tut. IN EXTREMO sind einfach zu einer wahrlich gigantischen Macht herangewachsen. Und das beweisen Sie heute Abend auch dem letzten Zweifelnden. Großartiges Finale!

Somit geht für uns auch die diesjährige Ausgabe des Rock Harz Festival zu Ende. Und nach infrastruktureller Nachbesserung und (noch) besserer Organisation bleibt aus unserer Sicht außer ein paar Nachbesserungen im Line Up und einer besseren Kontrolle über die Crowdsurfer wirklich kein einziger Kritikpunkt übrig, den es sich in einer Nachbetrachtung zu erwähnen lohnt. Daher, Stormbringer.at gratuliert zu einem wieder einmal außergewöhnlich gelungen Festivalwochenende. Ein Tipp an alle Leser: Wenn das erste Sold-Out erst einmal erreicht ist (so wie es dieses Jahr der Fall war), um so schneller folgt es in den kommenden Jahren. Daher sichert euch schnell die Tickets, wenn ihr im Jahr 2015 dabei sein wollt. Bis bald, liebes Ballenstedt! Wie im letzten Jahr geht auch dieses Mal der Dank an Kollegin Angela Infernale (https://www.facebook.com/infernalephotography) für die Fotos!


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