21.03.2015, Bastard Club

DER WEG EINER FREIHEIT, DOWNFALL OF GAIA

Veröffentlicht am 03.04.2015

Hipsteralarm. Das ist das erste, was mir einfällt, als ich auf den Parkplatz des Bastard Clubs einbiege und das auf den Einlass wartende Publikum scanne. Also fix die Röhrenjeans strammgezogen, den Undercut kontrolliert und das Holzfällerhemd aufgeknöpft und ab ins Getümmel - gibt nämlich keine Zeit zu verlieren, denn dieser Samstagabend, drittes Date der dreiwöchigen Tour, wird nur von zwei Bands bestritten (für 18 Euro Abendkasse ein optimistisches Konzept). Neben den mir relativ unbekannten DOWNFALL OF GAIA, offenbar einem der letzten Schreie im deutschen Sludge/Postirgendwas-Sektor, spielen DER WEG EINER FREIHEIT, die im Black Metal scheinbar als die neueste Offenbarung gelten. Warum und was die Band so von anderen unterscheidet?

Kein Plan. Aber sie leiten den Abend ein und das schon gegen acht und mit dem Opener der gerade just erschienenen dritten Platte "Stellar", dem fast neunminütigen finsteren Brocken "Repulsion". Und der ist mit seinem hinterhältig schleichenden Anfang, dem cleanen Gesang (das ist neu!) und dem fast klischeehaften Black-Metal-Mollriffing etwas, das man ähnlich - bis auf den Gesang - fast von MARDUK erwarten könnte. Auch vom Tempo her. In ähnlichen Dimensionen bewegt sich auch der Rest des Sets, das aus einer ausgewogenen Mischung der drei bisherigen DER WEG EINER FREIHEIT-Platten besteht: Neben "Repulsion" noch das wirklich überaus fröstelnde "Eiswanderer" und "Einkehr" vom neuen Album, den brutalen Hit "Lichtmensch" und "Zeichen" vom Vorgängeralbum "Unstille", "Der stille Fluss" von der "Agonie"-EP sowie "Ewigkeit" und "Aurora" vom Debüt. Nun unterscheiden sich die Songs stilistisch nicht wesentlich, sondern bewegen sich allesamt im Rahmen zwischen sehr kühlem, dramatischem Up-Tempo-Black-Metal und minimalen, aber wirklich minimalen Einflüssen aus irgendeinem Postbereich, den ich nie ganz verstanden habe. Und der äußert sich eigentlich am ehesten in den wehmütigen Leadgitarren, die den überlangen Stücken ihren Reiz geben. Wie dem aber auch sei: Ihre Sache machen DER WEG EINER FREIHEIT sehr gut, sie wirken sympathisch und nahhbar, gehen in ihrer Musik auf und gerade der ansonsten schüchtern wirkende Nikita Kamprad hat seinen Platz als Fronter mittlerweile gefunden und wirkt überzeugend und emotional. Zusammen mit Tobias Schuler, einem Uhrwerk am Drumkit, ist das ein mehr als solides Rückgrat für eine Band, die sich zurecht einen Namen als überzeugender Liveact gemacht hat. Da stört es auch nicht, dass die Band zwei oder drei Songs aufgrund technischer Probleme ohne Bass spielen muss. Leider auch deshalb, weil der Sound leider Gottes nicht so differenziert ist, dass das wirklich ins Gewicht fallen würde - was im Gewölbe des Bastard Clubs auch nicht so leicht sein mag. Aber egal. Ist immerhin Black Metal und nicht PORCUPINE TREE. Schade nur: Wie kann man einen Song wie "Vergängnis" schreiben und dann nicht spielen?

DOWNFALL OF GAIA hingegen haben weniger mit Black Metal am Hut (auch wenn die Ästhetik ihres letzten Albums "Aeon Unveils The Thrones Of Decay" der von DWEF auffällig ähnlich ist), sondern bedienen wirklich eher den Sludge-Bereich. Musikalisch weniger eindeutig zuzuordnen, sehr verschwommen, sehr instrumentallastig donnert die Truppe durch den Keller, der im Übrigen mittlerweile derartig zugenebelt ist, dass man sogar ein Stockwerk höher am Pissoir seinen eigenen... na ja, jedenfalls sieht man in dieser weißen Wand nichts, aber auch gar nichts. Auch deshalb, weil DOWNFALL OF GAIA fast vollständig auf jede Bühnenbeleuchtung verzichten. Mag ein nettes Konzept sein, um Konzertbesucher zum Hinhören zu bewegen. Außerdem bekommt da der Begriff "Shoegaze" eine ganz neue Bedeutung, denn anstatt auf die Bühne kann ich dann genausogut auf meine Schuhe glotzen, die sind dann auch milchweiße Schemen im Nebel. Andererseits kann ich dann auch genausogut zu Hause bleiben und mir eine der drei bisherigen Platte der Truppe auf Anschlag reinziehen. Aber ich will auch nicht nur meckern, denn musikalisch hat das Quartett durchaus eine Menge zu bieten, auch wenn es müßig ist, sich hier allzuviel über Songs, Strukturen oder sonstwas Gedanken zu machen, denn der einstündige Gig verschmilzt in diesem Raum ohne Licht und viele Konturen zu einer einzigen lauten, dröhnend atmosphärischen Masse aus fließenden Riffs, drückendem Schlagzeug und wilden Schreien. Somit würde ich sagen: Das Einmaleins des Sludge/Post-Metal beherrschen DOWNFALL OF GAIA allemal, auch wenn sie meinem Empfinden nach deutlich weniger unterhaltsam und zugänglich sind als DER WEG EINER FREIHEIT. Glücklicherweise kommt beiden Bands der verdiente Hipster-Applaus zugute. Den Vorteil hat's immerhin, dass nicht mehr nur verklemmte Leute in Volllederausstattung zu Black-Metal-Shows gehen: Die Stimmung ist deutlich entspannter. Und das, obwohl beim Bangen durchaus mal der Scheitel verrutschen und die Hornbrille beschlagen kann.


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