28.03.2015, Park In, Hall in Tirol

ATLANTEAN KODEX - Annihilation of Tyrol

Veröffentlicht am 02.04.2015

Der "Keller" ruft uns heute wieder einmal und damit ist kein unpassender unter der Gürtellinie angesiedelter Witz über niederösterreichische Do-It-Yourself-Tiefgeschossbaumeister gemeint, nein, diese Bezeichnung betitelt in der Tiroler Szene nichts anderes als die Räumlichkeiten des Jugendzentrums Hall in Tirol. Gut versteckt in einer Seitengasse zwischen historisch wertvoller Altstadt der ehemaligen Salzabbaumetropole Europas und der Landesanstalt für Psychiatrie verbirgt sich die trotz beengter Verhältnisse die mit Undergroundcharakter strotzende Location, in der doch immer wieder dank Alpine Steel und einer Kooperation mit Upload Sound fette Headliner ins Untergeschoss gelockt werden, so zuletzt im Jahre 2014 mit der Kulttruppe CLOVEN HOOF und heute geht es in die nächste Runde, mit einem ganz besonderen Headliner. Kein geringerer als die bayrische Epic-Wucht ATLANTEAN KODEX kommen ins beschauliche Hall, um eine ihrer grenzgenialen Shows zu zelebrieren. Den Support stellt heute zum einen Tirol mit der Black/Thrash-Krawallhoffnung TRANSILVANIA und anderseits unsere südlichen Nachbarn mit der Death-Kombo SAGORAH und den Vintage/Stoner angehauchten HUMUS.

Fettes Package, perfekt für einen Samstagabend und das alles auch noch bei freiem Eintritt, da ist es doch ein wenig traurig zu sehen, dass sich heute nur wieder einmal gezählte 60 Besucher, welche man doch alle irgendwie kennt, versammeln um ATLANTEAN KODEX zu huldigen. Ein Familientreffen des harten Kerns mit etwas fahlem Beigeschmack sind die Tiroler inzwischen so konzertfaul geworden, dass sie sich nicht einmal durch Gratis-Gigs von der Couch locken lassen? Nun denn, was soll man machen, Stormbringer ist jedenfalls wieder mit am Start und berichtet wie immer zum Support der lokalen Metalszene, auch wenn wir hier mehr Aufwand als Lohn zu erwarten haben, aber irgendwo ist es für die beiden heute anwesenden Schreiber doch eine Herzensangelegenheit tief im Sumpf des Undergrounds nach versteckten Perlen zu wühlen und diese Musiker, wie auch Veranstalter nach Kräften zu unterstützen und nicht nur von der Couch zu kriechen, wenn die ganz Großen des Business versprechen den eigenen Namen im Glanzlicht erstrahlen zu lassen! Aber zurück zum heutigen Abend, man trifft sich also mit bekannten Gesichtern zum Socializing und dann geht es schon mit zehn Minuten Verspätung los. Hat eigentlich schon irgendjemand einmal eine italienische Band gesehen, die es pünktlich auch die Bühne geschafft hat?

HUMUS:
Wie erwähnt startet die Band dann erst aus unerklärlichen Gründen mit zehn Minuten Verspätung. Schon am Outfit lässt sich erkennen, die Herren fahren auf die Stoner/Vintage-Schiene ab, ein kariertes Hemd war dafür immer noch ein solider Indikator. Aber wenden wir uns dem wichtigen zu, der Musik. Man hat ja in letzter Zeit schon unzählige solcher in Mama's Schallplattenkiste nach Inspiration kramende Bands erlebt und man darf auch nicht müde werden zu erwähnen, dass ein Großteil dieser Kombos doch kläglich an ihren Imitationsversuchen scheiterte und HUMUS werden hier heute leider keine Ausnahme darstellen. Das Songwritting stellt sich jetzt nicht gerade als das einfallsreichste dar, aufgrund der noch geringen Zuschaueranzahl zeigen sich die Musiker auch nicht übermäßig spielfreudig und ein übersteuerter Sound aus den Boxen macht die Sache auch nicht besser. Den endgültigen Overkill bekommt man aber stimmlich geliefert. Die Vocals werden in der Muttersprache der Südlander wiedergegeben und das führt nördlich des Brenners meist eher zu Depression als zu freudiger Verzückung, dass der Fronter dann auch noch zeitenweise so schnulzig durch das Mikro trällert, dass man es mit der Angst zu tun bekommt - hier handelt es sich um den Sohn von EROS RAMAZOTTI, der komplettiert das Desaster. Man verzieht sich also ziemlich schnell Richtung Bar und dementsprechend werden Hoffnungen in die jetzt folgenden SAGORAH gesetzt, bitte lasset fetten Death-Metal zur Ohrendesinfektion auf das Auditorium hereinbrechen.

SAGORAH:
Und was mit HUMUS begonnen hat, zieht sich bei SAGORAH weiter, die Südtiroler sollten schon längst Krawall verbreiten und stecken immer noch mitten im Soundcheck, bei Hinweisen auf den Verzug durch organisatorisches Personal zeigt man sich sichtlich genervt, was jetzt nicht gerade als stimmungshebend eingestuft werden kann. Okay, vielleicht wird die Sache ja gleich durch eine ordentliche Gnackwatschen ausgebessert. Death Metal sollte doch immer gehen, doch auch SAGORAH zünden heute nicht richtig. Todesblei muss aggressiv sein, es muss wie Kannonendonner wummern und nach vorne drücken wie ein Bataillon beim Sturmangriff, alles dies schafft die Kombo, die doch ambitioniert werkt, nicht wirklich umzusetzen.

Das Gitarrenspiel klingt asymetrisch und Fronter Iwan Holzer spuckt auch nicht Blut und Gedärme, sondern wirkt dann bei seinen angestrengten Versuchen sich durchs Set zu röcheln meist eher niedlich, keine Spur einer stimmlich pervertierten Ausgeburt der Hölle selbst. Den Sound selbst kann man mögen oder nicht, hier trifft altes Liedgut auf Moderne und wird wild vermischt, am Finish scheitert die Band aber unweigerlich, auch wenn man Songs wie "In The Mirror" oder "Cocaine Cowboy" durchaus Potential zurechnen würde, wenn die Umsetzung doch mehr auf die Fresse hauen würde.

Setlist:
- Intro
- And We Cry
- Meat Time
- In The Mirror
- Endless Pain
- Cocaine Cowboy
- Mindfucker
- Victim
- Behemoth

TRANSILVANIA:
Auf das nun folgende freut sich der Verfasser schon ganz besonders, hat er doch das Debüt von TRANSILVANIA vor knapp einem Monat am "Alpine Steel Festival" (zum Livereport) aufgrund einer Erkrankung verpasst und ist durch das positive Feedback durch Kollege Patsch über den ersten Live-Auftritt der Black/Thrash-Wüstlinge schon mehr als hungrig auf eine tight gezockte Portion angeschwärzten Wahnsinns zu Ehren des Höllenfürsten. Zum Hören gab es von der Vereinigung Old-School-Metal-Verrückter unter der Führung von Szenebekanntheit und Oberkrawallfetischist Possessor (ex-EPIDERMIS/ex-OLD SKULL) bisher nur einen dreckig klingenden und überaus beachtlichen Demotrack unter dem selbstbetitelten Namen "Transilvania" (Demotrack auf YouTube). Krawall, Dreck und primitive Riffs im First-Wave-Black-Metal-Style, eine Mischung aus HELLHAMMER, CELTIC FROST und der Abgedrehtheit von DARKTHRONE erwartet uns und dementsprechend versammelt sich alles, was in Tirol Anspruch auf die Nahkampfspange im Die-Hard-Business hat vor der Bühne, wo Gitarrist Mammon gerade den stimmungsvollen Kerzenständer und seine persönliche Grablaterne entzündet. Der Mann marschiert mit dem Ding wahrscheinlich auch am nächsten Martins-Umzug mit und erschrickt mit seinem nach Alteisendeponie aussehenden Bühnenoutfit und dem Corpsepaint kleine Kinder in Scharen. Apropos Altmetall, Fronter Possessor sollte man ein Gefahrengut-Schild um den Hals hängen, kein Mann trägt so viel Hohlspitzenmunition am Körper wie der Vollblutmusiker und sieht dazu noch dank des vor dem Auftritt genommen Blutbades aus als komme er direkt aus der Knochenmühle von Verdun. Irgendwie wagt man zu bezweifeln, dass die vier S in Possossor wirklich für "super sexy, seriöse Schnitte" stehen sollen, sexy trifft dann eher auf Lead-Gitarrist Olfpulsus zu, für die hautenge, rote Hose gibt es Trvness-Extrapunkte.

Drummer Hellblaster sieht da optisch richtig harmlos aus, weniger harmlos ist das Geprügel, das der Knüppler dem Geschütz entlockt. Es knallt, dass sich die eh schon etwas instabil wirkenden Balken des Park Inn nur so biegen. "On The Back Of Satans Stallion" holt die Zuschauer wieder aus ihrem Schlaf den die Vorbands bescherten und die Band zeigt sich als furchteregender Poserschreck mit brachial ungebremster Energie. Der Possessor mutiert derweilen in seiner Bestimmung als Frontschwein zum personifizierten Wahnsinn. Ein Irrer, der in seiner Rolle aufgeht wie nur ganz wenige, da wird gequält gestikuliert, man windet sich über die Bühne, kurzum: Dieser Musiker lebt sein Werk mit allem, was da in seiner Brust vor sich hinschlägt und wenn der Metal stirbt, dann wird wohl auch der Possessor seinen letzten Atemzug tun. Der extrovertierte Idealismus der Band springt auch aufs Publikum über und "Guardians Of Necropolis" oder "Moonlight In Sorchery" werden mit fliegenden Haaren und gereckter Faust abgefeiert. Wen interessiert es da schon, dass die Boxen zeitenweise an ihr Limit kommen und der Sound nicht so perfekt ist, wie er sein müsste. Ein Großteil sei aber hier der nicht gerade akkustisch vorteilhaften Location geschuldet, dementsprechend blickt man mit Vorfreude auf den 09. Mai 2015, wenn TRANSILVANIA als Support für ATTIC im klangtechnisch optimalen alten Kino Landeck wieder die Hölle auf Erden beschwören werden, entgegen. Mit eingangs erwähnter Bandhymne reißt man dann noch die letzten Köpfe ab und zurück bleibt ein sich einiges Publikum: TRANSILVANIA wissen was sie machen und vor allem tun sie es aus purer Überzeugung!

Setlist:
- On The Back Of Satans Stallion
- One Night In Salem
- Guardians Of Necropolis
- Morbid Majesty
- Moonlight In Sorcery
- Transilvania

ATLANTEAN KODEX waren dem Verfasser bis zum heutigen Tag immer ein Rätsel, was wahrscheinlich an einer bis jetzt zu geringen Beschäftigung mit den hochkomplexen Stücken der Band zu tun hat und deswegen wird der Schreiberling sich nun zum ersten Mal live von den immer hoch gepriesenen Qualitäten der Bayern überzeugen lassen und übergibt das Wort an ATLANTEAN KODEX-Bewunderer Thomas, welcher euch vom Headliner berichten wird.

ATLANTEAN KODEX:
Man mochte es kaum glauben, dass eines DER Epic/Heavy Metal-Aushängeschilder tatsächlich Tiroler Boden betreten sollte, um die überschaubare, aber wachsende Schar an traditionsbewussten und auf die wahren Werte eingeschworenen Metaller in Verzückung zu versetzen. Dass es aber trotz eines Samstagabends und freien Eintritts nur knapp 60 Nasen sein sollten, die sich zur Huldigung dieser großen Band eingefunden hatten, stimmte doch nachdenklich, welche Zustände in der Tiroler Konzertlandschaft herrschen. Der Generationswechsel hat sich hier schon längst vollzogen, dank der juvenilen Metal-Garden kann die Underground-Konzertkultur gepflegt und aufrecht erhalten werden. Wie auch immer, die zuvor lose gruppierten Anwesenden versammelten sich bei den ersten Klängen des Hauptacts direkt vor der Bühne, um ihre Helden hochleben zu lassen. Und diese starteten gleich wuchtig wie imposant mit “Enthroned In Clouds And Fire”, das eine pure Würdigung und Verneigung vor großen BATHORY-Taten aus der “Hammerheart”-Phase ist. Dass es sich bei ATLANTEAN KODEX um eine großformatige Band handelt, zeigt sich daran, dass sie es sich leisten können, ihre bislang wohl bekannteste Nummer “Sol Invictus” zu diesem frühen Showzeitpunkt als zweiten Song rauszuhauen. Fäuste wurden in die Höhe gereckt, der Chorus inbrünstig mitgesungen und der direkt vor der Bühne massierte Pulk machte Alarm wie 300 Fans. Alleine mit diesem Song hat sich die Band ein Denkmal gesetzt, ein Song, mit dem sich für die Band ein sonnengeflutetes Loch im wolkenverhangenen, schwarz-dräuenden Himmel öffnen sollte, durch das die stimmungsvollen Bandhymnen direkt nach Valhalla schweben sollten. Schon der Gig am Keep It True-Festival 2014 (zum Festivalreport) sorgte bei mir für große Begeisterung. Trotz Tageslichts war es ergreifend, bei der Vorstellung der Bayern die fanatischen und berührten Metal-Maniacs aus der ganzen Welt hingebungsvoll und enthusiastisch mitgehen zu sehen. Und auch heute sollte es nicht anders sein, wenn auch im kleineren, aber dennoch intensiven Rahmen.

Ob der fanatischen Resonanz aus dem teils von weither angereisten Publikum ging auch den durch einen Magen-Darm-Virus geschwächten Musikern merklich das Herz auf. Glaubte man mit “Sol Invictus” schon eine ganz große Nummer gehört zu haben, trumpften ATLANTEAN KODEX mit dem mächtigen, würdevollen “Heresiarch” auf. Von Wehmut, dem epischen Geist der melodischen Gitarren des Duos Koch/Trummer wie auch dem wuchtigen Drumming ergriffen, durfte man sich im siebten Epic-Himmel wähnen, in dem DJ Quorthon die MANOWAR-Frühwerke mit der einen oder anderen WHILE HEAVEN WEPT oder CANDLEMASS-Platte auflockert. Weiters groß das ausladend-schöne “Pilgrim”, das für stimmungsvolle Gänsehautmomente sorgte und das Doom-Zentrum der Fans stimulierte. Ebenfalls vom famosen Longplay-Debüt "The Golden Bough", das 2010 den Grundstein für das großartige "The White Goddess" legte und schlussendlich endgültig für helle Begeisterung in der Epic/Heavy Metal-Szene sorgte, wurde “A Prophet In A Forest” gespielt, bei dem die Band zudem mit einem “Emerald” (THIN LIZZY-Einstieg) überraschte. Ein weiteres ganz großes Highlight im heutigen, grandiosen Gastspiel in der Tiroler Bergwelt war das WARLORD-Cover “Lucifer's Hammer”, das natürlich wie die Faust auf's Auge passte und von den Fans auch begeistert aufgenommen wurde. “…Save Us From Ourselves” schallte durch das Park Inn. Apropos Schallen...Sänger Markus Becker war auch heute wieder gut bei Stimme und überzeugte im rund 90-minütigen Set auch mit seiner sympathischen Performance. Nicht einmal das im Park Inn immer zu helle Stage-Licht vermochte die mystisch-anmutige Aura und dichte Atmosphäre auf der Bühne wesentlich zu beeinträchtigen. Dieser Ausnahmenummer setzten die Deutschen die ergreifend schöne Ode an Europa "Twelve Stars And An Azure Gown (An Anthem For Europa)" nach, welche vom begeisterten Publikum amtlich abgefeiert wurde. Dieser Titel sollte zudem die am meisten bejubelte Nummer im Set sein und auch ein gutes Beispiel dafür darstellen, dass es sich auch inhaltlich lohnt, tiefer in das Konzept der Band einzutauchen. Ein Blick in die Runde verriet, dass vom Following der Band nicht nur mächtige “Kodex, Kodex”-Begeisterungsstürme skandiert wurden, sondern der packende Sound der Band richtiggehend aufsogen und mitgelebt wird, wie sich u.a. bei diesem Song eindrucksvoll zeigte.

 

Das Konzert der Epic-Metal-Extraklasse neigte mit der Signature-Hymne “The Atlantean Kodex" leider viel zu früh dem Ende zu. Die Anwesenden konnten noch einmal mitfiebern und den Heavy Metal zelebrieren, bevor sich kurz nach Mitternacht endgültig die Pforten schlossen. Eine Ausnahmeband hatte ihr Österreich-Gastspiel absolviert und bei den Anwesenden für Glücksgefühle und unvergessliche Metal-Momente gesorgt. Mission dank Upload/Alpine Steel erfüllt, ATLANTEAN KODEX sind in ihrer Sparte eine wahrlich große Band, auch wenn der Rahmen der heutigen Show der epischen Performance kaum gerecht werden konnte. Hier wären Legionen von Fanaten vonnöten, welche ihre Fäuste und Hämmer im dämmrig-nebligen Feuerschein tausendfach gen Himmel recken und mächtige Chöre anschwellen lassen, um dem inhaltlichen Anspruch und der musikalischen Umsetzung der Vision von ATLANTEAN KODEX nur ansatzweise gerecht zu werden und gleichsam einen würdigen Rahmen zu bieten.
[Thomas Patsch]

Setlist:
- Enthroned In Clouds And Fire
- Sol Invictus
- Heresiarch
- From Shores Forsaken
- Pilgrim
- A Prophet In The Forest
- Temple Of Katholic Magick
- Lucifer's Hammer (WARLORD-Cover)
- Twelve Stars And An Azure Gown
- The Atlantean Kodex

Somit ist wieder ein absolut gelungener Metal-Abend an uns vorbeigezogen und Stormbringer freut sich jetzt schon auf die hoffentlich nächste Kooperation zwischen Alpine Steel und Upload Sound, wir sind jedenfalls wieder am Start, wenn im Keller wieder der Metal pulsert! Weitere Bilder könnt ihr in unserer Galerie zum Event sehen.


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