09.05.2015, Luitpoldhalle

SAGA

Veröffentlicht am 16.05.2015

"Dass mir der Kerl bloß einen guten Platz bekommt" meint SAGA-Sänger Michael Sadler zu seinem Tourmanager als er den jungen Mann im Rollstuhl beim kleinen Meet-And-Greet vor dem Gig erspäht. Der Kanadier ist sichtlich entspannt und - ganz ohne Gutmenschengehabe - einfach ziemlich nett. Er und die restlichen SAGA-Jungs halten trotz Müdigkeit und latenter Erkrankungen (Basser Jim Crichton kämpft mit einer hartnäckigen Verkühlung) tapfer und ohne Murren durch, machen brav Fotos mit Fans und Drummer Mike Thorne lässt sich auch gern mal ein paar neue Gimmicks für sein Kit präsentieren. Nachdem ich bereits dem Soundcheck beiwohnen durfte, weiß ich: Der heutige Abend wird enorm geil, der Sound ist überaus brilliant und die Luitpoldhalle in Freising bietet neben einer verhältnismäßig riesigen Bühne auch noch eine tolle Akustik und Platz für etwa 1.200 Nasen. Die finden sich dann auch bald mal ein, wenn die alten Helden rufen kommen halt die alten Fans. Und erstaunlich viele Frauen (in Österreich bei einem Prog-Rock-Konzert eher nicht so sehr der Fall). Kurz nach acht startet das Power-Quintett seine rund 90-minütige Show und bereits nach den ersten Takten von "Once Upon A Time" ist einem bewusst, wie wichtig Michael Sadler für diese Band eigentlich ist. Und immer war. Selbst während des beileibe nicht schlechten, aber kurzen Zwischenpiels von Rob Moratti auf "The Human Condition" (2009) haben die meisten auf die Rückkehr des charismatischen Glatzkopfs mit der unverkennbaren Stimme gehofft.

Das Freisinger Publikum ist begeistert, das geht in Deutschland aber allgemein besser als in Ösiland, wo wir doch um einiges reservierter sind. Spätestens bei "On The Loose" plärrt jeder Mittfuffziger im Saal die Lyrics auswendig mit, sogar beim Synthie-lastigen, etwas ruhigeren "Scratching The Surface" zucken die Leute regelrecht aus. Der Sound ist auch bei voller Halle exzellent und SAGA haben auf der Bühne auch so einiges an Technik aufgefahren. Neben den mit zwei riesigen Metallgabeln bestückten Drumkit von Mike Thorne sticht vor allem die enorme Keyboard-Burg von Jim Gilmour ins Auge. Ganze zwölf (!) Keyboards tummeln sich auf dem halbrunden Rack, neben sonst noch allerlei Gimmicks und Schnickschnack. Aber der Gute nützt jedes seiner Tasteninstrumente auch aus! Mister Sadler thront in der Mitte hinter einer kleinen Workstation mit Macbook und handlichem Synth, kommt aber oft genug zu seinem Mikro am vorderen Bühnenrand, wenn er gerade nix zusammen mit Gilmour und Basser Jim Crichton (hat ebenfalls ein Keyboard stehen) klimpern muss. Dann dirigiert er die Massen und die fressen ihm aus der Hand. Oder besser: hängen an seinen Lippen. Wenn Michael will, dann singt das Volk, es funktioniert wie einstudiert und wie man es auch auf Live-Scheiben wie "Detours" wunderschön nachhören kann. Nach "Time To Go" und einem furiosen "Don't Be Late" darf dann Schlagzeuger Mike zeigen, weswegen er das Casting 2012 gewonnen hat. Der Bursche ist ein detailverliebter, rhythmisch höchst anspruchsvoller Drummer, der auch vor altmodischem Zeugs wie einem Drumpad mit Achtziger-Sounds nicht zurückschreckt und der sein Kit angenehm reduziert hält.

Wüsste man es nicht, man würde meinen der Kerl ist schon ewig bei der Combo. Die Überleitung zu "Wildest Dreams" vollzieht man gekonnt, dann geht's an mit Songs für die Ewigkeit. "Ice Nice" wird dicht gefolgt von "Humble Stance", für mich fast der Höhepunkt der Show, wo sich alle wieder mal zum Reggae-Rhythmus schütteln, auch ich. Schräges Bild. Die gekonnte Song-Mischung aus 37 Jahren Bandgeschichte gipfelt in den unvermeidlichen Zugaben "Wind Him Up" und "The Flyer" mit seinem unvermeidlichen "Fly"-Singalongs. Auf eine dritte Encore, so wie bei den Shows zuvor, verzichten SAGA heute, wohl wegen der etwas angeschlagenen Gesundheit zumindest zweier Bandmitglieder. Somit kann man es ihnen auch nicht mal übel nehmen. Ich meine, was wollen wir? Wir waren eineinhalb Stunden im Prog-Himmel, bei bestem Klang und bei tollem Publikum. Entertainment pur. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Kanadier mittlerweile ans Werk schreiten, wird nur noch von ihrer Professionalität übertroffen, die ihrerseits jedoch nur wenig Spielraum für Improvisation bereithält. Ian Crichton, der kleine, immer etwas stoisch wirkende Mann mit der lauten Gitarre, der ständig gegen einen Wust aus Keyboardsounds anzukämpfen hat, glänzt durch sein ureigenes, typisches Riffing, das immer ein wenig zwischen den Zeilen liegt. Bruder Jim Crichton am Tiefton-Holz (ein Interview mit ihm findet ihr übrigens hier) legt das solide Groove-Fundament, das sich fast schon ein wenig bescheiden ausnimmt, verglichen mit der Raumstation, die in Form der Tastengeräte von Jim Gilmour bedrohlich über ihm schweben. Und Mike Thorne dürfte auch menschlich bestens in die Band passen, ist Backstage immer bescheiden, niemals laut. Außer auf der Bühne.

Und dann eben Michael Sadler. Ohne ihn ist SAGA für mich zumindest jetzt nicht mehr vorstellbar. Seine größtenteils in Deutsch gehaltenen Ansagen sorgen für zusätzlichen Sympathie-Bonus - putzig etwa, wie er ein etwa zehnjähriges Geschwisterpaar in der ersten Reihe erspäht und die Eltern besorgt fragt, ob denn die Kiddies eh Gehörschutz drin hätten. Und wenn ich jetzt ehrlich bin, hätte der Gig doch noch länger dauern dürfen. Ich denke, mit SAGA ist auch in Zukunft noch schwer zu rechnen, eventuell auch mal wieder in Wien. In Freising war's jedenfalls ein gelungener Abend ohne Macken, der die 400 Kilometer Anreise mehr als Wert war. Anschließend geht's dann noch auf ein oder zwei Getränke auf die benachbarte Kirmes, denn das "Uferlos-Festival" (in dessen Rahmen das Konzert stattfindet) bietet nicht nur musikalischen, sondern auch kulturellen Austausch. Da findet man dann neben einem Handwerks-Markt, einer Fressmeile und verschiedensten musikalischen Darbietungen vom Gospel bis zur zünftigen Bayern-Musi auch eine Bar in einem Ringelspiel. Und so sitze ich dann da, Augen zu, die SAGA-Show noch im Ohr und ziehe bei einer gesunden Maß bayrischem Bier meine Kreise in der kühlen Freisinger Frühlingsnacht.



SETLIST

(Goodbye) Once Upon A Time Someone Should You're Not Alone Hot To Cold On The Loose On My Way Not This Way (Chapter 10) Scratching The Surface Time To Go I'll Be Don't Be Late (Chapter 2) Drum Solo Wildest Dreams Ice Nice Humble Stance Careful Where You Step Encore: Wind Him Up The Flyer


WERBUNG: Hard
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