25.06.2015, PMK, Innsbruck

EVERGREY - Hymns For The Broken 2015

Text: Laichster
Veröffentlicht am 27.06.2015

Die Bühne Innsbruck hat ein Herz für Prog, so wurden uns zuletzt die immer noch übermächtigen FATES WARNING präsentiert (zum Livereport) und heute holt man mit den Schweden EVERGREY die nächste Kulttruppe des Genre in die Innsbrucker p.m.k. Der Zuschauerzuspruch hält sich wie erwartet in Grenzen, EVERGREY haben nie den Sprung zur weltweiten Bekanntheit geschafft und dümpeln unverdienterweise immer noch zwischen Underground und Durchbruch umher. Jeder, der die Götheburger jedoch schon einmal live erleben durfte, weiß, dass es sich immer lohnt, eine Show des Progressive-Fünfers zu besuchen und so versammeln sich heute die Liebhaber von ausgeklügelten Songstrukturen und epischem Unterton zur Huldigung einer zu Unrecht von der Masse unterbewerteten und verschmähten Band.

Mit „Hymns For The Broken“ (zum Review) hat man sich im Jahr 2014 wieder extrem stark zurückgemeldet, nachdem man schon munkelte, es wäre um EVERGREY geschehen. Ein zweites „The Inner Circle“ (zum Review) lieferte man natürlich nicht ab, das Prog-Monster zeigt sich neuerdings mit Samples überladen und warf uns ein forderndes Album auf den Plattenteller. Kollege Wiederwald titelte, um die Verkehrssicherheit beunruhigt: “ Nebenher im Auto hören geht hier nicht. Dazu passiert einfach zu viel. Dafür kann man sich auf sein Lieblingssofa zurückziehen und sich eine Stunde lang in eine Welt entführen lassen, die voller Melancholie und Schmerz, aber auch voller aufbauender Melodien und klischeefreier Musik ist.“ Selbst hat man sich „Hymns For The Broken“ zwei Wochen lang jeden Tag am Pendlerweg gegönnt und erfreut sich trotzdem noch bester Gesundheit und bevor einer fragt – die kleine Delle am Kofferraumdeckel war schon vorher vorhanden!

Zwischen dem Debüt „The Dark Discovery“ und „Hymns For The Broken“ liegen 16 Jahre, sieben weitere Longplayer, sowie unzählige kleine kompositorische Meisterwerke. Tom S. Englund und seine Mannen, welche wieder im „The Inner Circle“-Line-Up auf der Bühne werken, bieten uns heute einen Querschnitt aus „Hymns For The Broken“ und Klassikern der Bandgeschichte. Vorausgesetzt das massenweise Equipment hat auf der winzigen Bühne der p.m.k. Platz? Wenn Grizzley Englund den Bauch einzieht wird es sich schon ausgehen, sonderlich viel Platz für große Posen bleibt den Protagonisten dann aber auch nicht mehr. Ebensolche benötigen Musiker vom Format EVERGREY aber keinesfalls, die Songs alleine sprechen ihre Sprache und reißen den Zuschauer von der ersten Minute an mit. „King Of Errors“, subjektiv gesehen die stärkste Nummer des letzten Werks, gibt den eindrucksvollen Einstieg in fast zwei Stunden fesselnde Performance, die mit selten gesehener technischer Perfektion und imposanten Klangbild aufwartet - das kurzzeitige Basswummern sei verziehen, in der Location ist man doch oft Schlimmeres gewohnt.

Mit „Leave It Behind Us“ geht es zum Vorgänger „Glorious Collision“ (zum Review), der Schwenk im Härtegrad zeigt sich live noch einmal deutlicher als beim Vergleich der beiden Alben, gegen das melancholische „King Of Errors“ ballern die Riffs hier schon anders brachial durch die Nacht. Aber genau dieser Wechsel im Songwritting, die Dimetrie aus verspielter Sanftheit, getragen durch melodiöse Gitarrenparts und dem Keybord im Gegensatz zu eden basslastigen und tight gezockten Parts, machen den EVERGREY-Reiz aus. Zurück zur „In Search Of Truth“-Scheibe mit „The Masterplan“, eines der heutigen Highlights am qualitativ hochwertig gepflasterten Abend, der bestimmt keine leichte Kost darstellt, dem Zuschauer momentan jedoch wirklich alles bietet, was er sich zu einem fetten Konzertabend wünscht. Schluchzend romantisch geht man mit dem stimmlichen Tauglichkeitsbeweis „Missing You“ (erzählt bitte niemanden von den Krawallos, dass mir die Schnulze gefällt!) nahtlos zur Zugabe über. „Broken Wings“ darf natürlich nicht fehlen und „A Touch Of Blessing“ noch weniger. Die beiden Nummern bringen die eingesessenen EVERGREY-Kenner dann zu einem einstimmigen Chor und als Allerletztes kehrt man mit „The Grand Collapse“ wieder in die Gegenwart zurück.

Setlist:
(Ausnahmsweise absolut ohne Gewähr, irgendwer hat die Setlist geklaut bevor ich knipsen konnte, ergo Notiz- und Gedächtnisrekonstruktion)
- King Of Errors
- Leave It Behind Us
- The Fire
- Monday Morning Apocalypse
- Black Undertow
- The Masterplan
- Solitude Within
- A New Dawn
- I´m Sorry
- Missing You
-------------------------------------------------
- When The Walls Go Down
- Recreation Day
- Broken Wings
- A Touch Of Blessing
- The Grand Collapse

Was bleibt ist die Erfahrung, gerade eine unbestreitbare Prog-Machtdemonstration der Sonderklasse genossen zu haben. Auch wenn manch böse Zunge behauptet, die Schweden würden Frauenmusik produzieren - heute wurde das p.m.k. mit Komplexität und technischer Perfektion abgefackelt und das schaffen auch nur die wenigsten Prügel-Combos!
 


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