19.10.2015, Arena, Wien

GOD IS AN ASTRONAUT und THE ILLS

Veröffentlicht am 21.10.2015

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Es gibt derer Konzerte, da glänzt der Rezensent - Anwesenheit vorausgesetzt - entweder durch Kompetenz, oder durch Inkompetenz. Dann kommen entweder leibhaftige Berichte zum Vorschein, selbst wenn juvenile Aspirationsschnittchen - wie zuletzt in Salzburg bei NEGATOR geschehen - erstmals ein Lärmkonzert besuchen. Oder, wir haben ein Nothingelsematters-Gate vorliegen, wie zuletzt im Rahmen des Rock In Vienna im Rektaltampon Österreich: Pardauz, METALLICA spielen erstmalig und einzigartig die Hymne für alle Bügelweiber nicht! Und dann gibt es derer Konzerte, bei denen es müßig, ja gar vergebene Liebesmüh wäre, eine handelsübliche, vernünftige Rezension zu schreiben. Denn es ließe sich allein mit einem vergnügtem Wiehern verlautbaren: "Die Band spielte erwartungsgemäß gut." - und es wäre alles und nichts gesagt: Dass die Band ihr Handwerk augenscheinlich auch in freier Wildbahn beherrscht, gleichzeitig aber die Damen und Herren der gewählten Location in ihren motorischen Leistungen (aus welchen Gründen auch immer) nicht derart gehandicapt waren, dass sie mit ihrer inkompetenten Präsenz das Ingenium zu demontieren trachteten. So weit, so gut. Und dies liegt dann allein in der Wirkungsmächtigkeit des musikalischen Kolosses begründet, ein Koloss, der sich der Deskription sperrt - ähnlich wie es heißt, man solle sich keine Bilder vom Anlitz Gottes machen. "Man muss dabei gewesen sein", um die Intensität in ihrer Wahrhaftigkeit zu begreifen.

Die Wiener Arena ist per se Garant dafür, Qualität zu kredenzen. Dafür spricht vor allem die RTOS-Reihe, die vielmehr eigene Gustostückerl nach Lust und Laune spielt, als wirtschaftlich zu denken. Und gerade in der großen Halle darf man zumeist ein Licht- und Tonumfeld vermuten, das - wie Dagobert Duck sagen würde - seinen Taler wert ist. Dass dabei die Bardamen in einem BONGRIPPER-Tempo ausschenken, ist zwar ebenfalls Tatsache, dafür aber förderlich für die Brieftasche. So ging, um in medias res zu gehen, Mitte Oktober ein Konzert vonstatten, dessen Rahmenbedingungen günstigster Natur waren: GOD IS AN ASTRONAUT, als Vorgruppe THE ILLS aus dem benachbarten Bratislava. Und ja, sowohl die Iren, wie auch die Slowaken, spielten "erwartungsgemäß gut".

Kennt ihr von Georg Büchner den "Woyzeck"? In jenem Dramenfragment, das auch kongenial von Klaus Kinski in Szene gesetzt wurde, wird von der Großmutter ein Märchen erzählt. Das Märchen vom Sterntaler: "Es war einmal ein arm Kind und hat kein Vater und kein Mutter. War alles tot und war Niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es ist hingangen und hat gerrt Tag und Nacht. Und wie auf der Erd Niemand mehr war, wollt’s in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an und wie’s endlich zum Mond kam, war’s ein Stück faul Holz und da ist es zur Sonn gangen und wie’s zur Sonn kam, war’s ein verwelkt Sonneblum und wie’s zu den Sterne kam, warn’s klei golde Mücke, die warn angesteckt wie der Neuntöter sie auf die Schlehe steckt und wie’s wieder auf die Erd wollt, war die Erd ein umgestürzter Hafen und war ganz allein und da hat sich’s hingesetzt und gerrt und da sitzt’ es noch und ist ganz allein." So in etwa ließe sich für die nicht Dagewesenen der Auftritt von THE ILLS verdeutlichen, die - irgendwo zwischen der "intellugenten" Phase von PINK FLOYD und CRIPPLED BLACK PHOENIX stehend, akustisch die vier Jahreszeiten in ihrem Wachsen und Gedeihen, wie auch im Verderben präsentierten. Da gab es himmelhoch jauchzende Momente, die wie flirrende Sonnenstrahlen über den morgenlichen Tau der Blätter fuhren, wie auch tonales Darben, das einem gelblichen Blatt gleich zu Erden fiel; Da gab es kristalline Passagen, die blitzend in die Haut stachen, als fuhre man mit Karacho durch eine Wand aus Eis, ramme sich Splitter durch die Haut. Und da gab es auch Momente, in denen ein wedekindisches Frühlingserwachen passierte, wo Klänge zu gedeihen trachteten, sich langsam entwickelten, den Kopf gen Sonne reckten und ihre Anmut entfalteten, ähnlich einem Liebespaar, das auf der vogelweidischen Weide auf Blättern sich bettet und wartet, bis die Nachtigall zirpt.
Mit instrumentalen Formationen habe ich - gleich welcher Stilistik - meine Schwierigkeiten. Sowohl die zuvor angesprochenen BONGRIPPER wie auch BLOTTED SCIENCE haben, zu gewissen Stunden, ihre Längen. Was aber die Slowaken fabrizierten, führte jedwede Unlust ad absurdum, zeigte, dass nicht nur die Stimme als Instrument, sondern auch das Instrument als Stimme eingesetzt werden kann - die Gitarre, wie Gene Simmons großkotzig verlautbart, nicht nur "gefickt werden kann", sondern selbige auch stöhnt, schreit, wie am Klimax. Aktiv, vom Koitus zehrend, also erzählt. Oder anders, frei nach Sideshow Bob ausgedrückt: "Die, Vorband, die!" - eine Vorband muss nicht schlechter, verzichtbarer Natur sein. Zudem wenn selbige, auf das Himmelfahrtskommando des "armen Kindes" zu sprechen kommend, den eigentlichen Headliner als "God Is An Austrian" ankündigt. Danke - ich habe zwar keinen Gottkomplex, denn ich bin von Sternzeichen Löwe und demnach Gott, aber dennoch: zuviel der Ehre!

Selbige, also die irischen Götter, tanzten zwar nicht in grünen Gewändern am Ende des Regenbogens um einen Goldtopf, ließen dabei aber eine Atmosphäre einem Urknall gleich entweichen, der sich gewaschen hat. "GOD IS AN ASTRONAUT nehmen ihren Hörer an der Hand, führen ihn durch ihren Kosmos", heißt es bei einem anderen Internetmedium, und wahrlich, man ist versucht, den Gnostiker Alfred Schuler mit seinem "Nero Cosmogonos" zu zitieren, in dem er schreibt: "Bäumt er sich auf auf, Stier Dionysos. Gebrandmarkt mit golddurchwirkten Opferbinden. Cosmos. Brandmal. Cosmos. Schandmal. Bereit zu Beil und Schlechthieb. Stierwut. Bereit zum Herzblut. Schalen zu füllen für Trunkne, Versunkene. Heiße, dampfende Herzblutschalten. Für alles, was in Scherben und Kot gestampft Lichtaugen um zitternde Kränze taucht. Für alles, was Schlangen in rasenden Nächten würgt." Von einem "Blutring" schreibt Schuler weiter, der sich um "dieses Kind Zeit" schließt, einen Glutmund öffnet, flammend, schäumend, brausend, träumend. Und genau in diesen "Glutmund" zog, nagend wie die Langoliers von Stephen King, das Quintett von der grünen Insel, sowohl pulsierend, wie auch feinfühlig, als man danach trachtete, Melancholie zu verpacken, als auch Positivistik --- zu heucheln? Der Drachenblutbaum des Lebens? "Echoes", von ihrem selbstbetitelten und daher programmatischen vierten Album, mag hierfür Pate stehen: Da suhlen sich pulsierende Melodien in Sehnsucht, triefen dabei weniger vor Kitsch denn von Sexualinkontinenzen (Und ja, das ist ein herrlicher, da treffender Neologismus!), TOOL gone nuts, eben. Man weiß zwar nicht, wohin man als nächstes steuert, aber man weiß: die Penetration wird gut sein, so sprach der HERR. Dreckig, und doch liebevoll.
Denn: Es wirkt aus einem Guss, obwohl GOD IS AN ASTRONAUT sich auch keine Sekunde auf einem Gemütszustand ausruhen. Man ist introvetiert fast zugleich wie extrovetiert, man schreit und stöhnt, bäumt sich auf, lässt sich tief fallen. Und der Widerhall hallt nach. "As I pump more blood and it seeps through my skin", singt entweder Lou Reed oder James Hetfield auf "Lulu", und fährt fragend fort: "Will you adore the river, the stream, the trickle, the tributary of my heart?" - und wir antworten mit GOD IS AN ASTRONAUT ein jauchzendes, "Ja, ich will! Tiefer! Fester! Stärker!" - "All Is Violent, All Is Bright" heißt ein Stück vom zweiten Album, und tatsächlich: Nach dem Zuckerbrot folgt die Peitsche, pa-dischhhh!
Die Musik, das ist schleißlich doch die schönste Verbindung. Gerade dann, wenn eine Band am Werken ist, die ihr siebtes Album nicht gedankenverloren nach dem Gott der Finsternis (Erebos), aber auch nach dem der Sonne (Helios) benamst hat. Gegensätze, nicht nur Venus und Mars, ziehen sich halt doch an, Schwanz in Vagina ist nicht alles allein, da müssen schon die Gehirnrinden ineinander greifen wie die Zahnräder aus "Metropolis", ticktack, fickfuck. Da können dann live auch mal Sonnen - in Form von Spiegelkugeln - um gerade daraus entstehende schwarze Löcher kreisen, im Nukleus bleibt doch das beständig pulsierende Schlagwerk als fest verankerter Dreh- und Angelpunkt, der in sich ruht. Panta rhei, alles fließt, und in der Ruhe liegt die Kraft: Mit ihrem wunderbar abgestimmten Zusammenspiel bewiesen die Herren mit all ihrem klaren Delay, Tapping und Feedback, das tobend querbeet preschte, dass zwar das Wort stärker als das Schwert zu sein vermag, dabei aber dem geschriebenen Ton, dem Wort dieser Rezension also, etwas verlustig geht - nämlich die offenbarte Transparenz der unendlichen Empfindsamkeit.


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