24.10.2015, Majestic Music Club (budova YMCA), Bratislava

LEPROUS / SPHERE / RENDEZVOUS POINT

Veröffentlicht am 29.10.2015

Natürlich ist es immer wieder bitter, wenn Bands auf ihren Touren um Österreich einen Bogen machen, überhaupt wenn man  bedenkt, dass dieser Tourtross in den Tagen davor von Mailand nach Rumänien gefahren ist, um am Tag danach in Serbien zu spielen und danach in Bratislava zu gastieren. Die slowakische Hauptstadt bedeutet für uns Wiener aber eh noch immer das geringere Übel, liegt sie doch nur handliche 80 Kilometer entfernt. Und die Grenz-Metropole verfügt mit dem Majestic Music Club/Club Randal über ein veritables Veranstaltungszentrum mit reichlich Ostblock-Charme: In dem weitläufigen Backsteinbau befinden sich neben einer Castingagentur, Anwaltsbüros (!) und Ateliers auch drei Bars und ebenso viele Bühnen. Die norwegischen Ausnahmetalente von LEPROUS dürfen heute auf der größten davon gastieren. Der Zuschauerraum des "Majestic" fasst mit Tribüne etwa 700 Leute, die bleibt heute aber geschlossen und so verteilen sich etwa 300 Nasen im großzügigen Raum, dessen einziges Manko die Bar ist, die von unzähligen Metallstützen wie ein Irrgarten umstellt wird. Da kann's schon mal passieren, dass man in aller Euphorie irgendwo dagegen donnert. Dafür ist der Sound erste Sahne und der Backstage-Bereich so groß wie manch ein Club nicht.

Im Gepäck haben die Burschen aus Notodden in der Telemark diesmal die Landsleute von RENDEZVOUS POINT und SPHERE (nicht zu verwechseln mit den Polen gleichen Namens!). Interessant dabei gleich mal, dass Trommel-Wunderkind Baard Kolstad bei ersteren auch die Felle verdrischt, weswegen die natürlich auch den Anfang machen. Im Gegensatz zu LEPROUS sitzt der Drummer hier seitlich und prügelt ein wenig zügelloser auf das Kit ein, fast möchte man meinen, er improvisiert von Zeit zu Zeit. Musikalisch gibt's nix zu meckern, auch wenn der technisch anspruchsvolle Prog-Death nicht unbedingt gleich jeden zum Mattenbeuteln animiert. Sänger Geirmund Hansen kann's sowohl gemein als auch clean und klingt dabei fast schon etwas weiblich, was der Musik aber durchaus zu Gute kommt. Blickfang und in sich ruhender Kontrapunkt zu Baard Kolstadt ist aber Bassistin Gunn-Hilde Erstad, die auf ihrem Fünfsaiter erstaunlich agil ist und ihren männlichen Kollegen, die heute fast ausschließlich sieben- und achtsaitige Klampfen bezupfen, um nichts nachsteht. Von RENDEZVOUS POINT, die 2010 gegründet wurden, gibt's noch keinen offiziellen Release und man weiß nicht so recht, ob das Ganze nun ein Projekt ist oder schon eine "richtige" Band. Aber immerhin kann man einen 40-minütigen Set problemlos mit Kurzweil füllen, die Nummern sind halbwegs abwechslungsreich und wie gesagt auch ziemlich anspruchsvoll, oft fast schon jazzig. Das wird dem heutigen Publikum aber durchaus gerecht, das in erster Linie gekommen zu sein scheint, um den Musikern auf die Finger zu schauen, und dazu gibt's ja heute auch reichlich Gelegenheit.


Zum Beispiel bei den ebenfalls aus Norwegen stammenden SPHERE, die rein optisch schon mal alle Konventionen brechen: Da wäre mal Gitarrist Marius Strand, der eine Vorliebe für übergroße Baggy-Pants zu haben scheint und am Griffbrett eine überdimensionale Go-Pro montiert hat. Oder Basser Øystein Sundsbø, dessen Sechssaiter schicke LEDs im Griffbrett hat, die in allen Farben leuchten. Oder das Backdrop, ebenfalls mit Lämpchen bestückt, das wie eine einsame Werbereklame in einer Osloer Seitengasse oben an der Wand vor sich hin blinkt. Nichts für Epileptiker, diese Band. Das Quintett, das aus den Resten der verblichenen Combo BLACK COMEDY gegründet wurde, zockt - man kann es so frei heraus sagen - MESHUGGAH-Mucke wie sie im Buche steht. Nicht dass hier bloß willentlich kopiert würde, aber das ganze Konzept klingt wie eine Blaupause der schwedischen Techno-Deather. Ist ja nicht weiter schlecht, wird aber mit fortschreitender Dauer erstens ein wenig langweilig und zweitens auch für Ohr und Hirn zu anstrengend. Das verliert irgendwie an Flow, das bremst zu oft, auch wenn die um einige Halbtöne tiefer getrimmten achtsaitigen Gitarren echt fett klingen. Am Schluss bleibt es Nerd-Musik für Nerd-Fans, von denen es in Bratislava aber offensichtlich nicht wenige gibt.

LEPROUS sind momentan in der Szene eine ziemliche Ausnahmeerscheinung. Die ehemalige Backing-Band von IHSAHN (ex-EMPEROR) hat mit "The Congregation" nicht nur einen heißen Anwärter auf das Album des Jahres rausgebracht, sondern wagt sich in Sphären vor, die einer Band in ihrem Alter (alle sind so um die 30) normalerweise noch zu heikel sind. Oft verlässt man den ausgelatschen Metal-Pfad, wagt sich in poppige Gefilde, alles wird ruhig, nur um dann mit noch mehr Vehemenz in einem Gefühlsorgasmus zu eruptieren. Das Bühnenbild unterstreicht die Musik, ist spartanisch, aber effektiv - vier riesige TV-Geräte spielen synchron Bildimpressionen ein, die Band ist dezent schwarz gekleidet und somit stellt sich keiner der Musiker optisch in den Vordergrund. Dass die Setlist fast ausschließlich aus Songs von "Coal" und dem neuen Album besteht, scheint viele zu stören, wie ich in diversen "Expertengesprächen" herausfand. Viele hätten sich mehr vom Debut "Tall Poppy Syndrome" (2009) gewünscht, von dem jedoch nichts gespielt wird. Dafür stehen mit "Mediocrity Wins" und "Forced Entry" zwei Songs von "Bilateral" (2011) im Set, wobei vor allem Zweiteres deutlich macht, welch Riesenschritte in die Eigenständigkeit LEPROUS über die letzten Jahre gemacht haben: Die düsteren, autarken Songs von "The Congregation" passen gerade so gar nicht zu der Arcade Game-Atmosphäre von "Bilateral" und genau diese Diskrepanz macht die Ausnahme-Band LEPROUS aus. Neben überragenden technischen Fertigkeiten und Einsätzen, die wie aus dem Nichts komplett auf den Punkt kommen, verblüffen die live um einen zusätzlichen Gitarristen verstärkten Norweger vor allem durch ihre Unabhängigkeit von irgendwelchen Trends und Genres.

Song-Wünsche bleiben zwar ein paar offen, aber da die Combo den Löwenanteil an Songs der letzten beiden Alben bringt, bleiben auch die Fans gelassen. Der heimliche "Hit" ist natürlich "The Price" und das flotte "Rewind" kommt live nochmal um einen Deut intensiver, obwohl Baard Kolstad hier am Ende doch ein wenig mit dem vertrackten Rhythmus zu kämpfen scheint. Was soll's, der Mann leistet auf dieser Tour ohnehin Übermenschliches. Sänger Einar Solberg, unkonventionell mit seinen beiden Keyboards meistens räumlich gebunden und nur selten "unterwegs", hat nicht nur eine außergewöhnliche Stimme (die auch live keine Wünsche offen lässt), sondern auch sein eigenes, oft weibliches Gehabe. Kombiniert mit dem Emo-Einheits-Seitenscheitel, der fast die gesamte Truppe erfasst hat, ergibt das eine schräge, aber dennoch stimmige Mixtur, wo das Gehörte und das Gesehene zusammenpassen. So ruhig LEPROUS bisweilen tönen, so aktiv sind sie gottseidank auf der Bühne: selten habe ich schöneres, synchrones Headbanging gesehen. Nach satten eineinhalb Stunden verlassen LEPROUS den Saal, das Publikum ist durchwegs zufrieden und auch die T-Shirts (die mit 20 Euro für slowakische Geldbörsen fast schon teuer sind) finden guten Absatz. Wir treten den Rückweg gen Wien mit der Gewissheit an, dass LEPOUS auch eine längere Reise wert gewesen wären.

Die Fotos wurden uns teilweise von Martin Mayer zur Verfügung gestellt. Wenn ihr mehr von ihm sehen wollt, HIER geht's zu seinem Flickr-Account!

Setlist LEPROUS
The Flood
Foe
Third Law
Chronic
Rewind
The Cloak
Mediocrity Wins
Red
Slave


Encore
The Price
Moon
Down
The Valley


Encore 2
Forced Entry


WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: Nordic Union
ANZEIGE