30.10.2015, Großer Rathaussaal, Telfs

W.A.S.P. - "The Bloody Road To Golgotha - Tour 2015"

Text: Laichster | Fotos: Laichster
Veröffentlicht am 01.11.2015

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Wenn "Telfs Lebt" mit einem weiteren Metal-Event ruft, dann folgt Stormbringer Tirol - obwohl, eigentlich erscheinen wir heute nur um unserem unnötigen und absolut übertriebenen Pflichtgefühl der Szene gegenüber Ausdruck zu verleihen, denn bei einem solchen Schaulaufen aller bekannten Tyrolean-Metalheads, bei einem ultramega-unglaublichen-sensationellen-extensiven-Konzerterlebnis wie W.A.S.P. in der Rock City, darf der Metal-Adabei auf keinen Fall fehlen und seine relativ planlosen, dafür aber makellosen Luxuskörper am Laufsteg der Überheblichkeit zu präsentieren - beim letzten unglaublich, fantastischen und nie wieder zu schlagenden „Pflichtkonzert“ einer gewissen Dark-Metal-Ikone waren wir ja leider aufgrund unseres spärlich, aber dennoch zu gewissen Teilen vorhandenen Privatlebens verhindert (aber was weiß schon ein engstirniger Death-Prolet wie ich über wahre Kunst – keinen Dunst meinte die EAV damals) und als Vorbereitung auf die Marke "We Are Sexual Perverts" hat sich meine Wenigkeit stattdessen bei Champagner und billigen Schlamp... ich meine natürlich Unterhaltungskünstlerinnen auf das heutige Event einstimmen lassen – auf der eigenen Couch versteht sich, ich musste ja nebenbei die Unterbezirksliga im „Ball-Treten“ im Stream auf meinem neuen 66,6 Zoll LCD verfolgen. Wem das jetzt schon zu viel Ironie des Schicksals war, der möge sich anderorts um so etwas wie eine „Fachmeinung“ erkundigen, denn heute fällt die Sarkasmuskeule auf Blackie "The Walking Dead" Lawless - Legendenstatus schützt vor eventuell bösartig überspitzter Kritik nicht (der Leser möge die Maxima der Übertreibungskurve selbst bestimmen), auch wenn manch einer glaubt im Kalifornien-Gespann hätten sich der Vater, der Sohn und die weiße Taube vereint, um uns aus dunkelsten Nächten, einer Kartharsis gleichend, von allem unwürdigen Krawall- und Grindaggrogesocks zu erlösen.


LUCKY BASTARDZ - where did you get that jacket?

Wenn wir schon von mathematisch definierter Übertreibungskunst sprechen, kann sich der Zahlenfetischist in gottgegebener Analysis verirren und wenn Kollege Baumgartner erst kürzlich aus Büchners „Woyzeck“ zitieren durfte, so darf ich heute für mathematische Fortbildung sorgen. Man stelle also überhöht den Grad der humoristischen Satire mit einer Funktion in Abhängigkeit der durch den heutigen Hauptprotagonisten gelieferten Auflagen dar. Die Kurve strebt steil gegen ein Maxima und Fortgeschrittene erkennen sofort – das kann man auch ohne eine aufwendige Kurvendiskussion lösen… d/dx Bitch! Die Nullstelle der ersten Ableitung erkennt man sofort mit freien Auge, wenn man davon spricht, dass der Gesetzlose einfach zu klein für die Rolle des Terminators war und trotzdem seit Jahren mit übersteigertem Ego durch das Metal-Universum geistert, einfach war diese Kultifgur halt noch nie. Ergo, wir erkennen einen Zusammenhang – veranschaulicht dargestellt: Wenn ich auf der Spitze des Brennerpasses stehe, und wir angesprochene Funktion mit der Steigung der A13 gleichsetzen, so zeigt die erste Ableitung eine horizontale Tangente an unsere Funktion, die Steigung ist gleich null und folgt unweigerlich in den negativen Bereich, obwohl der Wendepunkt schon längst überschritten ist – und weil wir gerade an der südlichen Landesgrenze stehen und der Kurve weiter folgen, so kommen wir irgendwann bei unserem heutigen Opener an. Der Geograph hat es richtig erkannt, es sind Italiener – LUCKY BASTARDZ. Der kalifornische Heißspund verweilt derweilen aber immer noch auf der Spitze und sonnt sich auf der horizontalen Tangente seines Lebenswerkes, während unsere südlichen Nachbarn sich über die Steigung der meist flachen Erfolgskurve auf die Bühne des Telfer-Rathaussaales kämpfen – oder um es in den Worten von Goethe auszudrücken: „Mit der Mathematik ist kein heiteres Verhältnis zu gewinnen!“


LUCKY BASTARDZ - Fronter Titian

LUCKY BASTARDZ:
Der Rathaussaal hat sich in der Zwischenzeit auch schon gut gefüllt, sollte man doch heute mit rund 600 Besuchern ein knackvolles Haus bekommen und das trotz des heutigen Konzertoverkills. Dreht doch gerade der MONEY BOY den Swag in Innsbruck auf (nicht nur Thrash, nein auch Trash ist King), in Kufstein hagelt es „Doctor Doctor“ von den kultbeladenen UFO und in der Hauptstadt sollten nebenbei noch WANDA ihre - einer Fischvergiftung gleichkommende - „Musik“ unters Volk bringen – die Puffmusik mit textlichen Anleihen an das Schlager-Feuilleton wurde dann aber kurzfristig abgesagt und so schlitzen sich wahrscheinlich gerade (parallel zum ersten Riff der unehelichen Kinder) die ersten Bobo-Hipster mit ihren unter Tränen zerbrochenen Fensterglasbrillengläsern die Pulsschlagadern auf… "Amore" für jeden Gorefetischisten! Grindig sind die LUCKY BASTARDZ zwar nicht, Fronter Titian schaut in seinem Pinguin-Outfit eher aus wie ein zuckerlsüßer Einhorn-Dressurreiter, aber eventuell verbirgt sich unter der Tingeltangel-Bob-Matte doch ein kranker Geist, der Schlagring am Mikroständer wirft doch einige Fragen auf. 

Gleich zwiespältig zeigt sich die Performance der Band, zwar ambitioniert und durchaus professionell im Stageacting, hakt der Sound doch ordentlich nach und gerade innovativ sind die Kompositionen der Makkaroni-Combo auch nicht wirklich. Man kommt sich irgendwie vor wie gefangen im Klassiker „Täglich grüßt das Murmeltier“, nur dass der Hauptdarsteller eben nicht Bill Murray ist und die sich wiederholende Story auf dem Breittreten von THIN-LIZZY Riffs steht – mit dem Unterschied, dass die Iren weniger wie die Schweine auf der Schlachtbank quietschen. Um nicht allzu hart mit ihnen ins Gericht zu gehen: „Sin City“ oder „Tiger Hostel“ zeigen zwar Ansätze von Eigenständigkeit, animieren sogar zum Mitwippen, aber das alleine genügt eben nicht, um neben dem heutigen Headliner bestehen zu können. Das Publikum klatscht trotzdem brav mit und aus Kritikersicht bleibt wieder einmal die Einsicht – man sollte vielleicht auch als Weltband eine außergewöhnliche Vorband als Toursupport einstellen, oder einem Local-Support die Chance geben, sich vor breiten Massen zu präsentieren, aber anscheinend ist einmal mehr der Auktionshammer über den Slot gefallen. 


W.A.S.P. - "Wild Child" Blackie Lawless

W.A.S.P.:
„Golgotha“ schlug nicht nur bei meinem hochgeschätzten Kollegen Patsch (zum Review) ein, nein auch anderorts wurde Studioalbum Nr. 15 des auftoupierten Germknödels in den siebten Himmel gelobt und um mich jetzt gleich das erste Mal bei den W.A.S.P.-Die-Hard-Ultras unbeliebt zu machen – für mich sind das alles nur Schönredeparolen. Auch ich folgte dem „Kaufbefehl in allen Versionen“, nur um festzustellen - „Golgotha“ reißt mich genauso vom Hocker wie ein lauer Luftzug. W.A.S.P. hat den Punch irgendwann Mitte der 1990er verloren und seitdem ist die Studioleistung von der breiten Masse mehr als überbewertet worden – zum Kult erhoben, angebetet und vergöttert – und meine unwürdige, blasphemische Wenigkeit muss leider dagegen halten: W.A.S.P. haben, im Gegensatz zu einer landläufigen Meinung, sehr wohl schlechte Alben produziert. Trotzdem stehe ich heute hier, zusammen mit einem Publikum, das wohl schon beim Koitus like a beast abging, bevor ich überhaupt wusste, dass die Kinder nicht vom Storch kommen. Anwesend um zu huldigen, der Anfangsphase einer der wohl einflussreichsten Bands des Metals, W.A.S.P. beeinflussten wohl gleichermaßen die klassische Schiene des Heavy-Metal bis heute, wie die Glitzerwelt des Glam, auch wenn einige glauben, das Kalifornien-Gespann würde sich als schnöder Hard-Rock klassifizieren lassen, aber jene glauben wahrscheinlich auch, dass ORDEN OGAN wie die jungen RUNNING WILD klingen. Seinen Zenit hat Rock ´n´ Rolf auch schon lange überschritten und so lassen sich doch Parallelen zwischen Blacky… ähm sorry Blackie und der deutschen Legende ziehen – Halloween wird heute vorverlegt, lasst die Zombies los und kreischt vorher noch mit einem verzweifelten „Blackie ich will ein Kind von dir!“ um euer Leben, wärend ich die Kettensäge auf Funktionstüchtigkeit checke.


W.A.S.P. - On your knees... ihr unwürdigen Würmer!

„Wrrroooam!“, das gute alte Fichtenmoped läuft wie ein Einser und wurde nur mitgebracht, falls Herr Lawless sich wirklich so benimmt, wie er mittlerweile aussieht – und unter lautem Applaus und Gebrüll schlurft er da durch den Äther seiner Existenz Richtung Bühne und verweilt abseits bis die Zeit gekommen sei...möge die Nacht des Untoten beginnen! Ich meine eine Schönheit war der Gesetzlose ja noch nie, mittlerweile hat man aber doch schon Angst, Blackie sei ein weiteres verunglücktes Experiment der „Umbrella-Cooperation“ – falls doch noch einmal eine Filmkarriere überlegt wird...diesmal hast du gute Chancen das Vorsprechen zu gewinnen, als Endgegner im nächsten „Resident Evil“, oder als Aufbackbrot im Spot einer Lebensmittelkette. Outfittechnisch hat sich auch nicht viel getan, wenigstens wird die Wampe jetzt unterm eigenen Bandshirt verdeckt und der Rest lässt vermuten, dass sich Cronos und Blackie den Stylisten und Kleiderschrank teilen – wobei, Cronos ist doch mit um einiges mehr Sex-Appeal ausgestattet, vorausgesetzt man steht auf DIO-Gedenkglatzen… Uuuagh, Warhead!

So stehe ich also in der vordersten Reihe, zücke meine Kamera und versuche einige ansehbare Pics von Frankensteins-Schöpfung für die Nachwelt (und diesen literarischen Ausdruck meiner kranken Gedankenwelt) zu schießen. Fotograben gibt’s nicht, der Meister will kein unwürdiges Journalistengesocks in seiner Nähe sehen, alleine die Anwesenheit seiner Eminenz muss Lohn genug sein – unwürdiges Pack! „On Your Knees“ erklingt als Intro, passend für das Weltbild der Diva sollte nun wohl jeder knien und sich in Huldigung seiner eigenen unwürdigen Existenz in Gegenwart dieses gottgleichen Wesens ergeben – und auch wenn ich ein Wurm bin, so knie ich doch nur vor Stormbringer-Anstandsdame Anthalerero (Bitte nicht... aaaah.. hmmpf hmpf!). Unter den Klängen von „Inside The Electric Circus“ erscheint Blackie schließlich und ein Aufruf geht durch die Massen: „Es lebt immer noch!“ Also hoffen wir, die Laune des Kaliforniers möge heute gut sein und dass er uns ein volles Set gönnt und nicht nach drei Nummern zurück in seine Kryokammer verschwindet. Aber es sollte wirklich 90 Minuten (Okay, 75 abzüglich der Zwischenintros/Blackie-Verschnaufpausen) hageln – wir sind stolz auf dich und beten dich in deiner unbeschreiblichen Güte an, oh großer Meister!


W.A.S.P. - Es lebt immer noch! 

„The Real Me“, „L.O.V.E. Machine“, unterstrichen von einer fetten, aufwändig gestalteten Videoshow, feiern die Massen die Legende ab und doch ist das alles irgendwie zu sauber. Jetzt kommt der Moment, an dem mich W.A.S.P.-Maniacs wohl ans Kreuz schlagen wollen, mich am Altar des Metals den Göttern des Stahls als Opfer darbieten wollen, denn „echt“ ist die Performance sicher nicht bei allen Teilen. MILLI-VANILLI lassen grüßen – dass ein Großteil der Backing-Vocals vom Band kommt, ist ja schon seit längerer Zeit ein offenes Geheimnis, aber bei „Last Runaway“ verdichten sich die Indizien wieder einmal, Blackie singt nicht mehr alles selbst – so mutmaßte man schon am diesjährigen „Bang Your Head Festival“ (zum Livereport). Stichhaltige Beweise vorzulegen wird natürlich schwer werden – Interview war ja keines drinnen, aber hätte ich ihn das wirklich gefragt, hätte es wohl auch heute kein ganzes Set gegeben und irgendwie verzeih ich es in Anbetracht des Umstandes, dass Mr. Lawless auch schon auf die 60 zugeht. Im Gegensatz zu einem OZZY OSBOURNE hat die L.A.-Stimme den Nachteil, dass er wirklich einmal singen konnte wie ein junger Gott und dass sich das nicht auf ewig erhalten wird, kratzt wohl enorm am Ego einer Diva im Format von Blackie Lawless und so greift man unter dem Druck, selbst keine Abstriche in seiner Performance hinnehmen zu können, zum technischen Doping.


W.A.S.P. - makes you scream, for the cash machine!

Nichtsdestotrotz darf man die "heiligen" W.A.S.P. abfeiern, nein, man muss die heutige Show abfeiern, man bekommt für verhältnismäßig kleines Geld eine aufwändige Produktion geliefert, und das im Heiligen Land Tirol, wo ein Event von diesem Format nur alle heiligen Zeiten stattfindet. SLAYER würden jetzt wohl wieder lästern bis es Blut regnet – wir sparen uns das aber der Pietät halber, wer weiß wie lange Blackie noch unter uns wandelt (Ja, der war fast zu gemein – Asche über mein Haupt). Selbstverständlich wird auch „Golgotha“ heute ordentlich promoted, es folgen noch „Miss You“, welches nach eigener Aussage eigentlich für „The Crimson Idol“ geschrieben wurde und natürlich mit dem Titeltrack… wo ist eigentlich Glen Benton wenn man ihn dringend braucht? Der Rest der Setlist ist relativ berechenbar und natürlich fehlt das ein oder andere heiß ersehnte Schmankerl, aber alleine die Zugabe hat es ins sich – wer kann zu „Chainsaw Charlie“ schon ruhig stehen und grölt nicht den für alle Ewigkeit in Stahl gegossenen Refrain mit? In unserem tiefsten Herzen sind wir doch alle noch ein kleines „Wild Child“ und „I Wanna Be Somebody“ lässt die Hütte zum letzten Mal kochen. Im Gewissen angereist, dass der Anspruch, dass alles noch „real“ bei W.A.S.P. ist, längst der Vergangenheit angehört konnte man eigentlich nicht enttäuscht werden und so entpuppte sich das heutige Gastspiel als solide Vorstellung einer ebenso verehrten wie streitbaren Persönlichkeit… He´ll make ya scream for the cash machine, down in Chainsaw Charlie´s morgue!

Setlist:
- On Your Knees/Inside The Electric Circus
- The Real Me (THE WHO-Cover)
- L.O.V.E. Machine
- Last Runaway
- Crazy
(The Titanic Overture)
- Arena Of Pleasure
- Miss You
(Thunderhead)
- Hellion/I Don´t Need No Doctor
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- Chainsaw Charlie (Murders In The New Morgue)
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- Wild Child
- I Wanna Be Somebody

Der abschließende Dank geht an Christian Santer und "Telfs Lebt", die mit ihren Konzerten die Rock-City zu dem gemacht haben was sie heute ist, nämlich eine Anlaufstelle für alle jene, die in regelmäßigen Abständen große Acts auf heimischem Boden, in entspannter und perfekt organisierter Atmopshäre sehen wollen und die hiesige Konzertlandschaft durch ihr Engagement enorm bereichern. Stormbringer steht auch weiter an eurer Seite und wir freuen uns jetzt schon darauf, wenn es wieder heißt – Telfs, Rock-City Tirols!


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