16.11.2015, Backstage (Werk), München

CARCASS, OBITUARY, NAPALM DEATH, VOIVOD (Deathcrusher-Tour)

Veröffentlicht am 20.11.2015

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Man beame sich zurück an den Anfang der Neunziger des vorigen Jahrhunderts und stelle sich vor, dass NAPALM DEATH mit "Harmony Corruption" im klassischen Line Up noch mit Jesse Pintano (RIP) auf der Bühne stehen, CARCASS gerade "Necroticism – Descanting The Insalubrious" veröffentlicht haben und noch mit Ken Owen am Schlagzeug und ARCH ENEMY-Michael Amott aufgeigen, während OBITUARY noch immer im "Cause Of Death"-Erfolgstaumel schwelgen und mit Allen West und Frank Watkins (RIP) am Start sind und VOIVOD mit Piggy (RIP) und Basser Blacky werken, mit "Angel Rat" gerade an einem Scheitelpunkt ihrer Karriere. Eine gemeinsame Tour solcher Granden war seinerzeit schwer vorstellbar, maximal im Rahmen später stattfindender Christmas- und Osterfestivals wären solche Killerpackages denkbar gewesen.

Auch wenn ich meinen Metal-Frieden im Fall dieses Bandpakets schon  längst habe, da ich (bis auf VOIVOD) alle Combos bereits in jenen glorreichen Metal-Tagen live erleben durfte, sei es OBITUARY 1991 (bzw. 1992 sogar auf der gleichen Tour mit NAPALM DEATH - samt dem Opener DISMEMBER) oder CARCASS ebenfalls 1992 auf der "Gods Of Grind"-Tour mit ENTOMBED, so war die Aufregung nach der Bekanntgabe dieses Über-Packages, das unter dem "Deathcrusher"-Banner fast ein Vierteljahrhundert später Europa durchpflügen sollte, unerwartet groß! Schließlich handelte es sich bei dieser Entourage um keine abgehalfterte Zweckgemeinschaft, die gemeinsam touren muß, um ein paar Alt-Anhänger von der Couch zu locken, sondern um Genre-Legenden, die zuletzt mit grandiosen bis tollen Alben ("Target Earth", "Apex Predator - Easy Meat", "Inked In Blood", "Surgical Steel") ihren x-ten Frühling erleben und gefestigter als jemals zuvor die Bühnenbretter regieren. Apropos Bühnenbretter...das Backstage präsentierte sich einmal mehr als eine nahezu perfekte, heute auch bestens gefüllte Location mit Arena-Flair im überschaubar-sympathischen Rahmen.

HEROD
Den Eidgenossen kam die undankbare Aufgabe zu, dieses Mörderpackage zu eröffnen. Nur wenige Songs waren den Schweizern zugestanden, bevor sie mit ihrem "Progressive Sludge" (Eigenbezeichnung) nach rund 20 Minuten wieder verschwanden. Zwar überraschend gut beklatscht, muss doch festgehalten werden, dass dieser Musikstil auf dieser Tour komplett fehlgebucht ist und auch nicht für die wohl erhoffte Abwechslung sorgte. Aus welchen Gründen auch immer es die Schweizer auf diese Tournee verschlagen hatte, das Unterfangen war sprichwörtlich für den Hugo, Breakdowns, psychedelisches Gedröhne und hysterisches Geschrei gingen schlichtweg an einem vorbei, einen solchen Opener brauchte irgendwie niemand auf dieser derart hochklassig bestückten Tour.

 

VOIVOD
Auf die Kanadier war ich heute Abend eigentlich am meisten gespannt, dennoch vermochte mich die nach dem Tod von Piggy und dem Ausstieg von Blacky verbliebene Resttruppe - Kultfronter Snake und Mastermind Away - heute leider nicht die von mir erhoffte, abgespaced-chaotische Achtziger-Anarchie, für die ich die Band auf den ersten Alben verehre, zu verbreiten. Vergleichbar einem Raubtier, dem man die Zähne gezogen hatte, zogen die Vier ihr Set durch, zwar sehr bemüht, aber ohne finalen Biß. Ein lässig auftrommelnder Away zog einen in seinen Bann, während die Saitenfraktion trotz aller musikalischer Perfektion und gutem Livesound eher farblos blieb. Schräg-Organ Snake agierte zwar sehr unterhaltsam und sympathisch, aber eben auch zu brav und harmlos. Während sich viele dem musikalischen Genuß hingaben, wollte bei mir der Funke heute leider nicht überspringen. Zu bieder und unaufregend tönte die mittlerweile gereifte Truppe, versinnbildlicht etwa durch das flockige "The Prow". Gut, "Korgüll, The Exterminator" erobert schon lange keine Wastelands mehr, diese Tatsache hatte ich heute wohl zu sehr negiert, auch wenn die "RRRÖÖÖAAARRR"- oder "Dimension Hatröss"-Tracks "Ripping Headaches" und "Tribal Convictions" den Appetit anheizten, so konnten sie in der Livesituation jedoch leider nicht die Magie jener längst vergangenen Tage entfalten. Ein Aggro-Schub a la "Killing Technology", "Overreaction" oder "Thrashing Rage" hätte hier gutgetan (aber klar, mit dem neuen "Forever Mountain" war natürlich auch die neue Split mit NAPALM DEATH zu bewerben), zudem hätte der Vierer aus seinem ohnehin schon kurzen Set (man beachte etwa OBITUARY und CARCASS) mit "Tornado" oder "Ravenous Medicine" oder von mir aus "Panorama" zweifellos mehr machen können. Aber O.K., Punk, Krawall und Anarchie war gestern, VOIVOD waren schon lange komplexer und psychedelischer wie auch erwachsen geworden. Auch die Uralt-Bandhymne "Voivod" konnte am Schluß das Ruder leider nicht herumzureißen, zumindest für mich, denn eine Vielzahl der Besucher fand an der Darbietung der Kanadier äußerst ansprechend, sodass der Auftritt für die Band als Erfolg verbucht werden durfte.

Setlist:
- Ripping Headaches
-Tribal Convictions
- The Unknown Knows
- Psychic Vacuum
- The Prow
- Order Of The Blackguards
- Forever Mountain
- Voivod

 

NAPALM DEATH
Danach sollte es allerdings ordentlich im Karton rappeln. Die Großmeister of Death-Grind baten zum Gala-Diner, ach was, zur Schlachtplatte, versinnbildlicht auf dem Cover des letzten Albums "Apex Predator - Easy Meat" (Review), mit dem es auch gleich losgehen sollte. Es folgten rund 45 Minuten pures akustisches Inferno. Die Jungs aus Birgmingham wußten wie immer, wo die Zündschnur für die ekstatische Sound-Bombe zu finden ist...gnadenlos wurde gezündelt, bis sich rohe Energie und erdrückende Wucht ungehindert Bahn brechen konnten und über die Menge hinwegdröhnte. Dankbar aufgenommen vom Publikum amtshandelten die Engländer erwartet zwingend und einmal mehr überwältigend gut. Selbst wenn man sich die Herren auf Tonträger wohl nicht täglich reinpfeift, so ist jedem Metal-Konsumenten dringend ein Live-Erlebnis dieser Ausnahmecombo anzuempfehlen, um ein Gefühl für nicht weniger als die akustische Apokalypse zu bekommen. Endzeitstimmung und Chaos, allerdings wohlfeil gelenkt und kontrolliert von Bass-Viech und Mördermittelscheitel Shane Embury, Drum-Machine Danny Herrera sowie Hobbyspastiker und Frontbrüller Barney Greenway. Sechssaiter Mitch Harris war heute nicht am Start, wurde jedoch (vor allem im Vocal-Bereich) äußerst würdig von John Cooke ersetzt, der allerdings aussah, als er ob er frisch aus einer üblen UK-Asi-Höhle gekrochen wäre.

Fronter Barney gebärdete sich einmal mehr wie ein Agitator par excellence, führte sympathisch und gewinnend durch´s Programm, punktete mit sympathischen, teils rudimentär-deutschen ("Meine Damen und Herren"), Lifestyle- und Anti-Faschischmus (eh klar, beim DEAD KENNEDYS-Cover) - Ansagen. Neben erstaunlich vielen Songs vom ausgezeichneten letzten Brachialbrocken (u.a. der rockige Brecher "Cesspits" oder das psychotische "How The Years Condemn") unternahm die Grind-Institution auch die obligatorischen Expeditionen in wüste 80er-Urzeiten ("Scum") und garnierte den Soundorkan mit Bandhits wie "Silence Is Deafening" und natürlich "Suffer The Children". "Siege Of Power" raubte den Zuschauern schlußendlich noch den Restverstand, die Menge war für den nahenden Mördergroove aus dem US-Sunshine-State weichgekocht. Das infernale Verwüstungskommando entzündete auch ohne Kracher wie "Breed To Breathe" oder "Plague Rages" wieder einen Ball aus purer Energie, um dessen absolutistische Vernichtungskraft nur jene restlose Gewissheit haben, die das englische Quartett zumindest einmal live auf hiesigen Bühnen wüten gesehen haben.

Setlist:
- Apex Predator - Easy Meat
- Silence Is Deafening
- On The Brink Of Extinction
- Smash A Single Digit
- Timeless Flogging
- Scum
- Life
- The Kill
- Deceiver
- You Suffer
- How The Years Condemn
- Cesspits
- Nazi Punks Fuck Off (DEAD KENNEDYS-Cover)
- Unchallenged Hate
- Suffer The Children
- Siege Of Power

 

OBITUARY
Der mächtige "Redneck Stomp" kündete von dem Auftritt der Florida-Legende. Seitlich der Bühne war in Zwielicht schon deutlich die Matte von John Tardy zu erkennen, die sich in der Folge zu den Mördergrooves seiner Bandkollegen wiegen sollte, als eine Dreiviertelstunde zwingender Death Metal folgen sollten. Einmal mehr wurde klar, welch urwüchsiges und packendes Album "Inked In Blood" ist, von dem logischer Weise auch die Highlights gezockt wurden. Zwingende Härte und niederringender Midtempo-Groove des Todes regierten im Backstage und bestätigten die - aufgrund des Jännermonats durchaus euphorischen - Ausführungen von wegen "eines der besten Live-Konzerte des Jahres" anläßlich des Innsbruck-Konzerts (zum ausführlichen LIVEREPORT). Beim Altkracher "Dying" durften sich dank weißer Lichtshow und aus dem Bühnennebel herausragender Musikergestalten wahrlich die Pforten der Hölle öffnen. Eine amtliche Machtdemonstration der Death-Urväter begeisterte das Münchner Publikum als das Set - dominiert von den kernigen Riffs und dem doch dominanten Schlagzeug von Donald Tardy viel zu rasch schon in die Endphase eintrat.

Auf "Find The Arise" und "´Til Death" folgte das drückende "Don´t Care", bevor eine weitere erstklassige OBI-Vorstellung mit dem unvermeidbaren Classic "Slowly We Rot" verwelken und verrotten durfte. Dass die Herren um "Mr. Augenring", Trevor Peres diese ausgewogene Mischung aus Pflichtklassikern und moderner Kür noch viel länger weiterzelebrieren hätten können, braucht dabei nicht extra erwähnt zu werden! Eine kleine Randnotiz noch: Wer (trotzdem Frank Watkins bereits seit einigen Jahren nicht mehr an Bord der Death Metal-Fregatte war) nicht zumindest kurz an den kürzlich verschiedenen Stamm-Basser der Band dachte, darf sich nicht als Fan der DM-Veteranen bezeichnen, auch wenn Death-Haudegen Terry Butler seine Position würdig bekleidete.

Setlist:
- Redneck Stomp
- Centuries Of Lies
- Visions In My Head
- Intoxicated
- Bloodsoaked
- Dying
- Find The Arise
- `Til Death
- Don´t Care
- Slowly We Rot

 

CARCASS
Und wenn du denkst, da kommt nichts mehr, kommen die mighty CARCASS daher. Nach der alles zerbröselnden Urgewalt und dem  Midtempo-Mörder-Groove of Death rückte die Britenlegende um Jeff Walker an, alles in die Hölle zu rocken. Dem atmosphärischen "1985"-Intro folgte umgehend "Unfit For Human Consumption", das erstmals die Ausnahme-Klasse des Comeback-Albums "Surgical Steel"(Review) aufblitzen ließ. Die perfekte Fortführung der spätestens bei "Heartwork" begonnenen Entwicklung der Verquickung von hartem Metal und einer knackig-rockenden Attitüde fand mit diesem Album ihren vorläufigen Death n´ Roll-Höhepunkt. Und unter diesem mächtigen Zeichen stand auch der restliche Gig der einstigen Grind-Ikone. Die Reißer vom genannten Album ("Captive Bolt Pistol" oder "Cadaver Pouch Conveyor System") sind ohnehin moderne Klassiker, aber auch "This Mortal Coil" von "Heartwork" und Bandklassiker wie "Incarnated Solvent Abuse" und "Corporal Jigsore Quandary" ließen das Fanherz genauso hüpfen wie die Expeditionen in graue Bolz- und Grunz-Urzeiten (etwa "Exhume To Consume"). Trotz Jeff´s angegriffener Gesundheit ("I´m Feeling Bad Today") ließ der Vierer nichts anbrennen und knüpfte an die zuletzt in der bayrischen Landeshauptstadt gezeigte, hervorragende Leistung (zum LIVEREPORT) an.

Dreh- und Angelpunkt war naturgemäß Walker, doch beim Oldie "Genital Grinder" durfte sich auch Ur-Gitarrero Bill Steer am Mikro in Szene setzen, während vor der Bühne der Pit moshte und die Crowdsurfer empor- und niederstiegen. Fast schon nervig das zwar gutgemeinte, aber inflationäre Plektrenwerfen (dürften insgesamt so an die 15-20 Stück gewesen sein, zuletzt beobachtet bei den SCORPIONS, als Klaus Meine reihenweise Drumsticks verteilte) wie auch das Werfen mit ungeöffneten 0,5-Mineralwasserflaschen...sowas kann sprichwörtlich auch ins Auge gehen. Nach Jahrzehnten der Bühnenerfahrung doch eher anfänger-like von Mr. Walker, schließlich herrschten keine tropischen Temperaturen, sodass Flüssigkeitszufuhr für die ersten Reihen lebensnotwendig gewesen wäre. "Keep On Rotting In The Free World" wurde anlaßbedingt den Opfern des kürzlich verübten Terrorangriffs auf Paris gewidmet, gepaart mit der Ankündigung ihren anstehenden Gig in Paris keineswegs canceln zu wollen. CARCASS legten heute wieder einen in Summe rund 80minütigen Gig hin, der vor Dynamik und Rockattitüde nur so strotzte. Warum zur Hölle auch immer der langweilige EP-Track "Mount Of Execution" gespielt wurde, vor allem als vorletzter Titel, wird mir zwar unbegreiflich bleiben, allerdings sorgte schließlich noch der Übertitel "Heartwork" für Versöhnung und ließ noch einmal kernig-sägende Gitarrenriffs in breit rockendem Gewande strahlen, bevor kurz vor Mitternacht die Heimreise von einem Konzertabend angetreten werden konnte, der aufgrund der einzigartigen Klasse der (an diesem jetzt schon legendären "Deathcrusher"-Tourpackage) beteiligten Bands noch lange nachwirken wird. So gleich alle Bands für Außenstehende klingen mögen, so klar machte der Konzertabend die Unterschiede und einzigartigen Fähigkeiten der einzelnen Bands, ihre ureigenen Qualitäten (rohe Urgewalt, tödlicher Midtempo-Groove, hochdynamische, fett-rockende Songs) herauszustreichen und zu präsentieren. Alles Gründe, welche die Combos nach Jahrzehnten im Business noch immer in vollem Saft stehend und mit aktuellen Alben zeigt, die vieles zuletzt Veröffentlichte lockerst in den Schatten stellen!

Setlist:
- 1985 (Reprise)
- Unfit For Human Consumption
- Buried Dreams
- Incarnated Solvent Abuse
- Cadaver Pouch Conveyor System
- This Mortal Coil
- The Granulating Dark Satanic Mills
- Captive Bolt Pistol
- Genital Grinder
- Exhume To Consume
-  Reek Of Putrefaction
- Keep On Rotting In The Free World
- Corporal Jigsore Quandary
- Mount Of Execution
- Heartwork


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