19.12.2015, Salzburgarena, Salzburg

UNHEILIG - "Zeit zu gehen"-Tour

Text: mat
Veröffentlicht am 21.12.2015

"Zeit zu gehen". Zeit, um "Auf Nimmerwiedersehen" zu sagen. Wie sich mittlerweile herumgesprochen haben dürfte, absolvieren UNHEILIG derzeit ihre sogenannte Abschiedstournee. Nachdem der Graf jahrelang im deutschsprachigen Gothic- und Rave-Underground für Furore gesorgt hat und lange Zeit nur wirklichen Insidern ein Begriff war, haben sich UNHEILIG in den letzten Jahren zu einem der größten deutschen Pop-/Rock-Acts der 2000er-Jahre entwickelt. Seit dem balladesken Evergreen "Geboren, um zu leben" kennt der Hype rund um den glatzköpfigen Sympathikus kein Ende mehr. Die Hallen wurden von Jahr zu Jahr größer und so überrascht es auch nicht, dass der Graf mit seinen Bandkollegen im Zuge der "Zeit zu gehen"-Tour auch noch einmal eine Stippvisite in der Salzburgarena macht. Stadionausmaße quasi inklusive. Passend zum neuesten (und damit wohl letzten) Studio-Output "Gipfelstürmer", das anscheinend Österreich gewidmet ist und dessen Visualisierung auch zum größten Teil im Gebiet Zell am See entstanden ist, fühlt sich der Graf in Salzburg natürlich pudelwohl und wird auch dementsprechend vom Publikum aufgenommen.

Aus weiteren UNHEILIG-Erfahrungen meinerseits kommt mir das Publikum in diesem Fall etwas übersichtlicher vor, was aber auch nicht verwunderlich ist; ist die Band in den letzten paar Jahren im deutschsprachigen Raum doch mehr als omnipräsent. Und höchstwahrscheinlich ist das dem klugen Graf auch bewusst. Die Entscheidung, am Höhepunkt seiner Karriere das ganze musikalische Projekt einfach so wieder "ausfaden" zu lassen, bringt eine große Portion an Selbstreflexion mit, die man in diesem Business ansonsten wohl vergeblich sucht. Und genau wegen dieser Entscheidung und aufgrund der Tatsache, dass man den Grafen wohl wirklich zum letzten Mal live sieht, überkommt einem beim Betreten der Arena durchaus ein komisches Gefühl. Dieses ist aber schnell wieder vergessen, sobald die ersten Töne von "Der Berg", dem Intro des "Gipfelstürmer"-Albums, erklingt. Mit den üblichen mannshohen Kerzenständern als Bühnenrequisite sowie einer halben Lokomotive im Stagezentrum als Hingucker punktet das Setting überdies auch noch mit einer perfekt abgestimmten Lightshow, die das Publikum gleich mitnimmt.

Und dann geht's auch schon los: Der Graf entert die Bühne, im obligatorischen Outfit mit Frack und weißem Hemd. Wie immer: Mit vollem Elan, mit vollem Einsatz, mit voller Leidenschaft. Denn egal ob metallene Industrial-Kracher wie "Hinunter bis auf eins", UNHEILIG-Must-Haves wie "Maschine" oder aktuelle Titel wie "Echo" - UNHEILIG geben Gas, zu jeder Sekunde, quasi atemlos durch die Nacht. Man kann UNHEILIG viel vorwerfen; mangelnde Spielfreude oder fehlende Motivation aber keinesfalls. Was aber als Kritikpunkt schon angeführt werden muss: Die sehr "Gipfelstürmer"-lastige Setlist und die durchaus atmosphärisch gestalteten Video-Interludes, die den Graf (samt Koffer) wandernd durch die Salzburger Berglandschaft zeigen, nehmen dem ganzen Abend etwas an Druck und zwingendem Spannungsbogen. Zu poppig, zu schlagerhaft sind die neuesten Songs teilweise geraten, als dass sie einen live wirklich mitnehmen. Das trübt den Gesamteindruck aber nur marginal, denn durch das irre Tempo, das der Graf on stage vorlegt, und durch die starke zweite Setlist-Hälfte geht man auch am Ende dieses Konzertabends wieder relativ zufrieden in die warme Salzburger Dezemberluft hinaus. Denn vor allem in der zweiten Stunde gibt der Graf alles: Er schwitzt, sodass die Schweißtropfen auf der Nase perlen und nach der lasziven Tanzeinlage während "Maschine" kniet er pumpend am Bühnenboden, schweißnass und fertig. Aber genau das macht UNHEILIG aus - dieser grenzenlose Pathos, diese Dankbarkeit, dieser "Bums", wie man so schön sagt.

Deshalb stört es uns auch nicht so sehr, dass sich bei UNHEILIG-Gigs mittlerweile in der ersten Reihe doch fast nur noch ein mittelaltes weibliches, sich teilweise gar nicht mehr einkriegendes Publikum findet, das den pseudoerotischen Tanz-Moves des Grafen umso mehr abgewinnen kann. Egal, da stehen wir drüber und bei der Intonation von "Alle Jahre wieder", passend zur Weihnachtssaison, drücken wir auch ein Auge zu. Denn irgendwie ist das Ganze sympathisch, kurzweilig und doch auch mitreißend. So wie der Graf eben ist. Schade, dass wir das wahrscheinlich wirklich nie mehr sehen werden, denn jetzt ist "Zeit zu gehen". Und nichtsdestotrotz: Eine große, eine sympathische Entscheidung eines leidenschaftlichen Performers. Thumbs up für den Graf - das war gut...

 

Setlist (ohne Gewähr):
1. Der Berg
2. Hinunter bis auf eins
3. Winterland
4. Als wär's das erste Mal
5. Unter deiner Flagge
6. Echo
7. Freiheit
8. Tage wie Gold
9. Die Weisheiten des Lebens
10. Glück auf das Leben
11. Einer von Millionen
12. An deiner Seite
13. Lichter der Stadt
14. So wie du warst
15. Wie in guten alten Zeiten
16. Für immer
17. Maschine
18. Geboren, um zu leben

Encore:
19. Alle Jahre wieder
20. Große Freiheit
21. Zeit zu gehen


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