27.12.2015, Backstage (Halle), München

GRAVE DIGGER - 35 Years 80's Birthday-Bash

Veröffentlicht am 30.12.2015

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„Ja, davon hab ich auch gehört. Er tötet Männer zu Hunderten, und wenn er hier wäre, dann hätte er die Engländer schon längst mit Feuerbällen aus seinen Augen verzehrt, oder mit Blitzschlägen aus seinem Arsch!“ – nein, wir reden nicht von William Wallace und seinem Geschwader an durchgeknallten Kriegern, unsere Schotten kommen eigentlich aus Gladbeck – und das liegt nicht in den Highlands, sondern in Nordrhein-Westfalen. Der historische Claymore- und Whiskey-Freiheitskämpfer wurde dann doch von den Engländern ins Jenseits befördert, doch GRAVE DIGGER haben sich den Reaper in ihre eigenen Reihen geholt, entkamen dem Schafott schon des Öfteren und kämpfen so seit mittlerweilen 35 Jahren gegen Rotröcke und den Verfall der metallischen Kultur. Also mehr als nur ein Grund für Mistress Anthalerero und meine canide Lebensform eines unterwürfigen Redaktionsterriers, sich in die bayrischen Niederungen zu begeben (im Reiswaffeltiger – Danke Herrin, für dies verspätete Weihnachtsgeschenk einer Wunderwaffe! Würde der gute Dr. Axel Stoll nur noch leben um das mitzuerleben!) um diesem Urgestein zu huldigen – zu verlockend ist das heute zu Erwartende, als sich meinem nahezu nicht vorhandenen Privatleben auf der Couch hinzugeben. Verspricht die Truppe rund um den laufenden Meter Boltendahl (ein Boltendahl ist übrigens die kleinste, wissenschaftliche Einheit für messbare Musikerkörpergröße [Ich dachte, das wäre ein Dio. – Anm. Stefan Baumgartner]), ein ganz besonderes Set, mit Schwerpunkt auf die 1980er-Phase der Band … Heavy Metal Breakdown!

Das zieht also nicht nur die Stormbringer-West-Abgesandten aus ihren Erdlöchern – da erscheint heute Abend doch eine ansehnliche Zahl an doch überwiegend älterem Publikum zur Zeitreise in eine Ära, als die Boltendahlsche Stretchhose wirklich noch ur-hip war und solch aurikulären Vergewaltigungen wie WITHIN TEMPTATION noch eine misanthropische Zukunftsvision waren (Bussi, Bussi die Dame!). Die gute, alte Zeit, als die Bands, welche sich die Old-School-Kids heute auf ihre Kutten nageln, wirklich noch ohne Gehstock auftraten und sich nicht auf ein Randpublikum wie jenes am Freak-Mekka des „Keep It True Festivals“, beschränken mussten – mittlerweilen ist sie längst vorbei und synthaxbehinderte Metalcore-Kids („Yo alter, ich bin Veganer und so!“) brechen sich gegenseitig zu stumpfen Breaks und Downs die von Papas Geld gepuderten Nasen. Meine Wenigkeit bricht zwar auch zeitenweise bei ASPHYX-Panzerschlachten, dem rudimentären POWERWOLF-Schlachtvieh, das Riechorgan, gleichzeitig hängt man aber auch der („elitären“ – Anm. für Straight-Edgler) Kuttenträgerromantik nach – da freut einen das heutige doch ganz besonders, doch bevor der Reaper … sorry, der war damals ja noch gar nicht an Bord – bevor also der Grab Gräber ohne den Sensenmann die Bühne betritt, dürfen noch die GARAGEDAYS ran um die Halle des Backstage auf die richtige Temperatur vorzuwärmen. Auch der Highlander hat es, entgegen barbarischen Gerüchten, gerne mollig warm in seiner Hütte wenn die Puppen tanzen und der Glenmorangie in Strömen fließt. Die Berichterstattung zu den Mini-METALLICA-Klonen übernimmt gnädigerweise unsere sonst so erbarmungslose Redaktionsdomina, meine körperliche Anwesenheit ist ihr heute schon Strafe genug für mein ungebührliches Verhalten der Damenwelt gegenüber … 

GARAGEDAYS:
Der Redaktionsterrier und geschätzte Kollege Laichster benötigte vor dem Hauptact noch ein wenig Auslauf, so ward ihm dieser auch gegönnt und der anwesende Stormbringer-Fotograf übernahm kurzerhand auch die Berichterstattung des Supportacts. Und ebenjener Support war – wie bereits angekündigt – niemand anderer als die Lieblingschaoten des sich hier kurz austobenden Schreiberlings: GARAGEDAYS! Die vier Tiroler hatten bereits Anfang des Jahres im Vorprogramm von U.D.O. für ordentlich Furore auf den europäischen Bühnen gesorgt und waren nun kurzfristig in den Supportslot der deutschen Kulttruppe gerutscht. Der Gitarrist der ursprünglichen Supportband MOTORJESUS brach sich unglücklicherweise wenige Tage vor Weihnachten die Hand, so wurden als kurzfristiger Ersatz zunächst die GRAILKNIGHTS angekündigt, aber wenig später wieder ausgeladen und noch kurzfristiger der Tiroler Vierer an Bord geholt. Musikalisch passten GARAGEDAYS dann auch deutlich besser zum flotten Programm des Headliners, aber das nur am Rande.


 
GARAGEDAYS – heizen die Hütte vor

Getreu ihrem Motto des gleichnamigen Songs „Never Give Up“, ließen GARAGEDAYS nichts anbrennen und zündeten auf der Bühne gleich einmal den Turbo. NWoBHM mit thrashiger Note im METALLICA-Stil hieß die Devise, vorexerziert von vier hochmotivierten Musikern, die den Metal wirklich leben. Das bereits recht zahlreich anwesende Publikum ließ sich von den Songs auch recht schnell mitreißen und klatschte und grölte fleißig mit. Lediglich der Sound war etwas dünn geraten und die streckenweise zu leise eingestellten Vocals schmälerten das Vergnügen etwas – dafür gaben die Vier auf der Bühne umso mehr Gas! Gesichter erblickte man selten, zum Großteil verschwanden diese hinter den wirbelnden Mähnen der dauer-bangenden Musiker. Auch von den Zuschauern ließen sich bereits einige dazu hinreißen, vor allem zu schmissigen Titeln wie dem Schlussstück „Piece Of Shit“ ging es im vorderen Bereich der Bühne schon ordentlich ab. Profi-like der fliegende Gitarrenwechsel von Sänger/Gitarrist Marco mitten im Set – eine gerissene Saite sorgte für ein etwas ausuferndes Solo des zweiten Sechssaiters Rene um die Wechselzeit zu überbrücken. Lauten Applaus vom Publikum konnten sich GARAGEDAYS zu Recht abholen – auch wenn's Kollege Laichsters Fall nicht war. [Anthalerero]

GRAVE DIGGER:
Nachdem mich GARAGEDAYS in einen einem Kryoschlaf ähnlichen Zustand versetzt haben, weckt mich unsere Anstandsdame pünktlich zum Soundcheck, der die Startgeräusche des Delorian initialisiert, der Flux-Generator ist ausnahmsweise nicht defekt und wir reisen zurück ins Jahr 1984 zum Debütalbum „Heavy Metal Breakdown“ – jetzt fehlt mir eigentlich nur mehr das Hooverboard zum absoluten Glück, dann wenn wir hoffentlich nicht allzu schnell zurück in die Zukunft reisen. Derweilen gibt Marty McFly den „Headbanging Man“ – da rumpelte es noch ordentlich im Hause GRAVE DIGGER, nicht dass man die neuesten Veröffentlichungen missen möchte. Okay, „Clash Of The Gods“ (zum Review) war wirklich eine ziemlich halbgare Partie, aber mit „Return Of The Reaper“ (zum Review) hat man wieder gezeigt, dass der Sensenmann noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Eine Zuwendung zur technisch aufgeputzten und zeitgemäßen Produktion darf auch eine Kulttruppe wie GRAVE DIGGER über die Jahre nicht verleugnen, einerseits notwendig um am Puls der Zeit zu bleiben und nicht schneller zu verrosten, als ein abgewrackter Kutter vor Noudadhibou, anderseits geht doch ein gewisser Charme mit dem Verlust des Drecks und des Rotzes verloren, den man heute wieder aufleben lässt. Die Setlist hat es heute in sich, solche Old-School-Schmankerln bekommt man seit Jahren nicht mehr auf den Shows des sympathisch wie immer agierenden Trupps präsentiert … Metal music blows your heads, and metal maniacs bang to death, the air roars like a machine gun, banging devils on the run! 


GRAVE DIGGER – Chris Boltendahl

Zum Jubiläum gab es übrigens letztens erst mit „Exhumation (The Early Years)“ (zum Review) einen aufgemotzten Sampler des heutigen Programms zu erwerben – Puristen dürfen sich am fehlenden Gerumpel stoßen und sich jenes postwended mit „Witch Hunter“ von der gleichnahmigen Kult-Langrille abholen. Das schlägt ein wie ein thermonuklearer Schlag – richtig, wir fliegen mit der „Enola Gay“ nach Hiroshima, bevor wir mit „Fire In Your Eyes“ vom Parademanöver „War Games“ zum Abschnulzen ansetzen – fuck, das thrasht und holzt, aber es ist verdammt noch mal romantisch und es kommen einem fast die Tränen, wenn der gute Chris das melancholische Publikum durch seine (für die meisten Anwesenden – ich war noch nicht mal in Planung) Jugendzeit dirigiert. Das ist doch fast wie ein emotionaler Kopfschuss, „Shoot Her Down“ – das war damals schon auf dem 82er-Demo, wurde für die gleichnahmige EP 1984 noch einmal verwurstet und da uns der nette alte Mann mit der Einsteinfrisur heute auch mit Anekdoten unterhält, erfahren wir, dass der junge Boltendahl damals wohl ordentlich einen in der Batterie hatte, als er sich als psychopathischer Killer versuchte jeder Highlander fängt eben auch mal im normalen Business an… Made me weak, struck her feet, right into my balls, got my knife, took her life, watched her as she crawled, loved her so!


GRAVE DIGGER – Axel "Ironfinger" Ritt

Apropos Jugend, zu dieser gehören schließlich auch die Dummheiten und Sünden, die das Erwachsenwerden ausmachen und wenn man heute zurückblickt, kann man immer noch sagen: „Ja, wir waren jung und brauchten das Geld!“ Da lacht sogar der heute wieder virtuos aufspielende Axel „Ironfinger“ Ritt – der war zwar damals auch noch nicht an Bord, ist doch Boltendahl die ständige Konstante der Band gewesen. Es würde uns noch interessieren, mit welcher Sexualpraktik man sich den Beinamen „Ironfinger“ verdient, bevor es mit der wirklich verdrängten Jugendsünde weitergeht: erinnert ihr euch noch an den Terminator-Donald-Duck und die Band DIGGER? Ja, sie brauchten das Geld, aber man verleugnet heute Abend nichts und so tönt „Stand Up And Rock“ in der Neuinterpretation als Band, die es dann doch wegen dem Spaß an der Sache und nicht des Geldes wegen macht amtlich durchs Backstage. Übrigens, nach DIGGER hieß das Ding dann auch noch mal HAWAII – „Bottles And Four Coconouts“ ist dann aber anscheinend doch zu peinlich … The Band is really rocking, the crowd roars out for more, that´s unaffected feeling, from kids of Rock ´n´ Roll – Stand up and rock! 

Stationen am Werdegang einer Band, die heute sagen kann: „Here I Stand“ – und ein „Paradise“ erschafft man gerade für die anwesenden Fans, am Sound gibt es auch wahrlich nichts zu meckern – so geil klangen und klingen die 80er immer noch! Das ist alles echt, da braucht es keine Socken in der Spandex – ob der Gewinner des Outfit Contests solche zur Unterstreichung seiner Männlichkeit trägt, war nicht feststellbar, der amtliche Bart sollte jedoch als Statussymbol genügen. „We Wanna Rock You“ heißt das Motto des restlichen Abends, bevor der Reaper erscheint und mit „Yesterday“ richtig geschnultzt wird (Hast du mal ein Taschentuch für mich? Das ist so geil, ich habe mich angeschissen!) und natürlich unverzichtbar, die eine alle GRAVE-DIGGER-Fans einende Hymne „Heavy Metal Breakdown“, die diese endgeile Early-Years-Setlist beschließt … The night is long, the show is right, bang until you die, Heavy Metal Breakdown!  


GRAVE DIGGER – Drop the bomb!

Zur Zugabe reist man wieder Zurück in die Gegenwart und ballert den „Reaper“ durch die Nacht, so schließt sich der Kreis … the Reaper has returned! „Excalibur“ und „Tattooed Rider“ muss man mitgrölen, oder man ist verdammt noch mal kein Metalhead und nach den eher im klassischen Themenkreis angesiedelten Anfangstagen kommen wir mit „Highland Farewell“ endgültig in den schottischen Hochebenen an und wer weiß es, welcher Song fehlt noch? Richtig, ohne „Rebellion“ von der Bühne zu gehen würde selbst das heutige 80er Feuerwerk zunichte machen. GRAVE DIGGER enttäuschen ihre Fans nicht – da erklingt der Dudelsack und das schottische Volk erhebt sich klatschend zur Rebellion gegen die Obrigkeit … The Clans are marching against the law, bagpipers play the tunes of war, death or glory I will find, rebellion on my mind!

Setlist:
- Headbanging Man
- Witch Hunter
- Enoly Gay, Drop The Bomb
- Shoot Her Down
- Stand Up And Rock
- Here I Stand
- Paradise
- Get Away
- We Wanna Rock You
- Fire In Your Eyes
- Yesterday
- Heavy Metal Breakdown
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- The Reaper
- Excalibur
- Tattooed Rider
- Highland Farewell
- Rebellion


GRAVE DIGGER - die 80er erstehen wieder auf

GRAVE DIGGER sind auch nach 35 Jahre immer noch eine Klasse für sich – haben alle schweren Zeiten überwunden und stehen heute als eine der essentiellsten Bands des deutschen Heavy Metals so stark wie eh und je auf der Bühne und beeinflussen heute eine Generation an Musikern, die wie sie einst 1983 ins Studio pilgern, um dem Heavy Metal ein Gesicht zu geben. Der Verdienst von GRAVE DIGGER ist es nicht, Millionen von Alben verkauft zu haben, oder sich durch Star-Eskapaden hervorzutun – nein, GRAVE DIGGER halten bis heute die Fackel des Heavy Metals in die Höhe und dafür gehört ihnen, trotz DIGGER-Ausfällen und ein paar schwachen Alben, bis heute Tribut gezollt und die heutige 80er-Machtdemonstration darf mitunter als eine der allgemein geilsten Shows verbucht werden, der man in den letzten Jahren beiwohnen durfte … Feel the drop, the rhythm makes you hot, it´s music that burns inside of you, Keep on rockin´!    

 


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