20.01.2016, Weekender, Innsbruck

TRIBULATION & GRAVE PLEASURES & VAMPIRE (The Wailing Dead Tour)

Text: Thomas Patsch, Laichster | Fotos: Galerie: Brigita Benini, Laichster
Veröffentlicht am 23.01.2016

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Wochenteilung im Heiligen Land Tirol – da wirft sich manch einer doch den Hipster-Schal um (Professor Possessor steht jener übrigens, im Gegensatz zum Pseudoszenegänger, vorzüglichst) und pilgert, im Trott, ins Innsbrucker Weekender, um sich momentan angesagter Sparten- und Nischenmusik hinzugeben – und das nicht nur weil TRIBULATION auch der Fanschicht der Plastikmetal-Vorzeige-Band GHOST gefallen könnte. Schwerer Black/Death lockt die Gestalten der Unterwelt und die Trve-Keeper aus ihren Löchern und trotz des szeneinternen Hypes um den heutigen Headliner, versammelt sich doch nur eine geringe Anhängerschaft im Keller der Tschamlerstraße. Der am darauffolgenden Tag anstehende Auftritt von THERION mag dem Zuschauerzustrom auch nicht gerade zuträglich sein, auch wenn es sich bei jenen um eine überbewertete Randgruppenband für Rüschenhemdfetischisten handelt und jene waren eigentlich nur bei CELTIC FROST kultig.

Fragwürdige Outfits soll es heute auch zu bestaunen geben, bei diesem Schaulaufen der Grufti-Elite – das Publikum hingegen kleidet sich doch eher im klassischen Schwarz, Kutte und Leder, MAYHEM-Backpatch, Pins und Nieten, gezeichnet durch Extreme und Kult. Alles, was des sich stolz abgrenzenden Okkult-Krawallos Herz höher schlagen lässt. Omas-Biedermeier-Pullover ist doch recht unpassend zur Weihrauchstäbchenmesse, welche durch das erste Blutopfer, intoniert durch die Priester von VAMPIRE, eröffnet wird und mehr oder doch eher weniger glorreich durch die Inkarnation BEASTMILKs – die da heißt GRAVE PLEASURES – zum düsteren Hauptteil der Zeremonie übergeführt wird. Bringt Wein, Räucherwerk und Jungfrauen, lasset uns beten zum Herren der Finsternis, zu Kreaturen der Schattenwelt – so auch Kultistenbruder Patsch, der heute das H.E.A.T.-Shirt an den Nagel hängt, um uns von der wütenden, misanthropischen Abrissbirne VAMPIRE zu berichten… Gott ist tot!

VAMPIRE:
Wahrscheinlich enterten VAMPIRE ohne größere Erwartungen die Bühne. Vermutlich waren die Reaktionen auf den bislang absolvierten fünf der insgesamt 16 Dates umfassenden Tour eher durchwachsen. Allerdings wurde recht bald klar, dass das Innsbrucker Publikum den Düstermännern aus dem hohen Norden äußerst wohlgesonnen sein sollte. Sehr knackig und crunchy holzten die Fünf ihren aus dem Besten des Debütalbums (zum Review) bestehenden Set herunter und legten dabei bis auf Fronter Hand Of Doom eine eher beiläufig wirkende Performance vor. Dem kernig aus den Boxen krachenden, dunkeltödlichen Charme von Abrissbirnen wie "At Midnight I'll Possess Your Corpse" oder mächtigen Sägern wie "Howl From The Coffin" wollte sich keiner widersetzen, der entsprechende Applaus schien die Schweden irgendwie zu verblüffen.


VAMPIRE - Hand Of Doom

Neben den leuchtenden Augen des Schnitters auf dem Bühnenbackdrop war vor allem der Sänger der Blickfang auf der Bühne, montierte unfreiwillig den Mikroständer ab und versuchte die Anwesenden davon zu überzeugen, dass die beste heimische Metalband ABIGOR sei. Diese Einschätzung teilte zwar nicht jeder Anwesende, dennoch wurde dem fetzig aufspielenden Quintett während des rund 45-minütigen Sets Sympathie und Wohlwollen zuteil. Nach der kürzlich veröffentlichten EP sollten die Kollegen aber bald mit einer neuen Full-Length um die Ecke kommen, um die heute live gezeigten Qualitäten zu untermauern. "Kunst kommt von Können. Käme es von Wollen, so hieße sie Wulst", meinte einst schon Nietzsche und VAMPIRE zählen definitiv zur ersten Kategorie. [-Thomas Patsch-]

GRAVE PLEASURES:
Waren BEASTMILK doch schon ein spezieller Fall, das gemeine H-Wort liegt einem auf der Zunge, so zerlegte sich die Band selbst und entfernte sich, nach Abgang von Snell und Paile, suizidal aus dem musikalischen Genpool, kein großer Verlust für meine Person – der ein oder andere weint noch heute in seinen Hipsterbart und wischt sich den salzigen Beschlag mit Omas asseligen Strickschal von der Fensterglasbrille. Ja, nur weil Fenriz es geil findet, muss man es nicht anhimmeln, Hauptsache der norwegische Meister erhält seine ihm zustehende Huldigung, alles andere ist Glaubenssache – GRAVE PLEASURES hat dahingehend nur mehr relativ wenig mit Glauben zu tun, vielmehr lässt sich ein knallhartes Fazit ziehen, dass da leider noch vernichtender ausfällt als die sowieso schon wenig Ehrerbietung zeigende Meinung zum Vorgänger. Das Ding plätschert so vor sich hin, bahnt sich seinen Weg, ohne große Highlights zu setzen – weder musikalisch, noch durch atmosphärische Bühnenpräsenz. 



GRAVE PLEASURES - Mat McNerney

Wer auf THE CURE für Arme mit dezenten, aber gnadenlos untergehenden Anflügen von punkigen MISFITS steht, ist bei GRAVE PLEASURES genau richtig – Mat McNerney wäre so gerne Robert Smith und scheitert schon an der Frisur, vom Rest fangen wir gar nicht an zu reden. Eine Luftmatratze hat mehr Tiefgang als das Gejaule, welches den Tierschutzverein auf den Plan rufen müsste. Die eingestreuten BEASTMILK-Nummern reißen einen dann noch mehr, als die GRAVE PLEASURES-Neukompositionen und der einzige Grund sich den Trauerzug näher anzusehen, ist wohl Gitarristin Linnea Olsson – die scheint aber selber nicht sonderlich Freude an ihrem Geklimper zu haben und verweilt stoisch am Bühnenrand. Hätte der norwegische Meister doch nicht so viel Vertrauen in das spielerische Vermögen gesetzt… Mitfreude, nicht Mitleiden macht den Freund!


TRIBULATION - die gekonnte Inszenierung des Horrors

TRIBULATION:
Weihnachten ist zwar vorbei und doch gilt mit Räucherstäbchen, wie auch zuletzt beim Düsternis-Overkill mit WEDERGANGER, immer wenn der süße Duft des Räucherwerks emporsteigt: „Mehr Weihnachten geht nicht!“ – wie passend, bläst man doch selbst auch alle Jahre wieder Trübsal unterm Tannenbaum, doch TRIBULATION sollen zwar dem misanthropischen Anspruch gerecht werden, doch keinesfalls die Mienen versteinern. „Das älteste und stärkste Gefühl ist Angst, die älteste und stärkste Form der Angst, ist die Angst vor dem Unbekannten“, titulierte Lovecraft einst, und die Schweden bedienen sich diesem Credo auf ausgeklügelte Weise – umgibt die Theatralik des Schauspiels doch der morbide Charme des Horrors, unterstrichen durch das gruftihafte Auftreten der Protagonisten, das beim zweiten Blick gar nicht mehr der Lächerlichkeit dient, sondern vielmehr das literarische Konzept, des inszenierten Grauens, unterstreicht. Coprsepaint als echtes Stilmittel und balletthaftes Getänzel als gezeichneter Ausdruck des Inhaltes. Atmosphäre geschaffen aus gnadenloser Klischeebedienung, ohne dabei selbst als Lachnummer zu enden, das ist die große Kunst, die TRIBULATION über ihrer musikalischen Qualität zu einer, von der breiten Masse viel zu wenig beachteten, Live-Macht erwachsen lassen – großes, abgründiges Theater auf kleiner Bühne! 


TRIBULATION - Johannes Andersson

Die Klänge des Intros reißen das gebannte Publikum hinab in die Finsternis. Ähnlich einer WATAIN-Messe steht der Aufbau der Spannung am Beginn, um einen mit „Melancholia“ zu bannen – ein Entfliehen scheint unmöglich, aus diesen Träumen der Toten. Wuchtig und zugleich ergreifend, ein gekonntes Spiel mit Licht und Schatten, den ureigenen Ängsten des Menschen und jederzeit unnahbar – ein Spiel mit Distanz und Nähe, das durch die spärlichen Ansagen und Interaktion mit den Jüngern noch intensiviert wird. „Dark Wave mit Härte“, nannte es unser Patschhausen so treffend – Inszenierung ist alles! Genau so und nicht anders muss eine fesselnde Show insziniert sein, um den Sprung von billiger Pseudo-Okkult-Masche zu qualitativer Unterhaltung zu schaffen, hier können einige Große noch lernen. „Strange Gateways Beckon“, „When The Sky Is Black“, der Vorhang fällt, die zart-bitteren, nekroromantischen Klänge entlassen uns wieder in die Realität… Die Kraft steckt in der Qualität!

Setlist:
- Ultra Silvam
- Melancholia
- In The Dreams Of The Dead
- Fragt den Inder was das war
- The Vampyre
- The Motherhood Of God
- Randa
- Winds
-------------------------------------------
- Strange Gateways Beckon
- When The Sky Is Black

Großes Horror-Kino im Weekender, mit leider relativ wenig Zuschauerzuspruch und trotzdem vollgesteckt mit Atmosphäre und Spannung – TRIBULATION sind eindeutig eine Klasse für sich und werken auf einem Level, bei dem Qualität weit vor Quantität steht und das steht mehr als nur gut ins bepinselte Gesicht. Wir freuen uns schon auf unseren nächsten Besuch im Weekender, der auch solcher Nischenmusik ein Zuhause gibt und dafür gebührt nicht nur unser, sondern auch der handvoll wertschätzender Musikliebhaber Dank!


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