15.2.2016, Simm City Festsaal Zentrum Simmering, Wien

ABBATH & INQUISITION & SELBSTENTLEIBUNG & TULSADOOM

Text: Mike Seidinger | Fotos: Kalti
Veröffentlicht am 19.02.2016

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Meister ABBATH hat gerufen, und die Jünger folgen willig in die SimmCity, die heute zum wiederholten Male von apokalyptischen Klängen erschüttert wird, nachdem vor einigen Monaten bereits der Tross von CARCASS und NAPALM DEATH hier Station gemacht und die Konzerthalle einer ersten Feuertaufe unterzogen hat. Heute also die Black Metal-Dröhnung, und bereits beim ersten Song von TULSADOOM ist gut die Hälfte der insgesamt 400 Besucher vor der Bühne, eh klar, denn die Wiener Spaßbrigade gibt bekanntlich von Null weg Vollgas. Die immer noch sehr eigenwillige Mischung aus Thrash'n Roll, Viking-Metal, hie und da angereichert mit kleinen Brocken Schwarzmetall geht einfach ab wie das sprichwörtliche Zapferl, vor allem als Opener an einem Montagabend.

Neo-Frontwurst Sototh Dult ist eine echte Bereicherung für die Band, die in den letzten Jahren  nicht nur optisch, sondern auch akustisch immens dazugewonnen hat. Dult sieht zwar in der VARG-Gedächtnis-Wäsche aus wie aus einem Mittelalter-Epos gerissen, dafür verzichtet Bass-Viech Rick Thunder heute auf seinen obligatorischen Fellvorleger-Umhang. Überhaupt ist man sehr darauf bedacht, trotz Klischees en Masse nicht ins Peinliche abzudriften wie so mancher Genre-Kollege, und das gelingt auch. Spielerisch irrsinnig dicht und auf den Punkt sind die Fünf mittlerweile auf einem ziemlich hohen Level angekommen und verkaufen ihre Mucke auch super. Das sieht und hört man auch an den Reaktionen im Publikum, das nach einer halben Stunde TULSADOOM bestens gelaunt und perfekt aufgewärmt ist. Und das ist gut so, denn jetzt kommt sie, die Kälte.

SETLIST TULSADOOM
Enter The Snakecult
Storms Of The Netherworld
Coal Of Blue Fire
Fuck The God Of The Four Finds
Stormride
Final Cataclysm

Sototh Dult (TULSADOOM)

Das Phänomen SELBSTENTLEIBUNG ist rational eigentlich nicht erklärbar. Der Black Metal im Stile von TAAKE oder SARGEIST ist eher im Slow-Motion-Bereich angesiedelt, die Blastbeats sind eher rar. Die Optik ist, obwohl sie anfangs etwas überladen wirkt, doch zweckmäßig und unterstreicht den morbiden Gesamtstil. Und dennoch - oder gerade deswegen - sticht die Wien-Oberösterreich-Connection aus dem Einheitspool der Standard-Schwarzmetaller heraus. Ist es die gelungene Mischung aus abgehobener, entrückter Todesästhetik? Oder der konsumentenfreundliche, weil doch eher simpel arrangierte Musikstil? Egal, was es ist, es fasziniert, und wenn Ober-Waldschrat Tötung hinter Kapuze und Bart seine Verse hervor röchelt - meist mit dem Rücken zum Publikum - dann sind alle Freunde des nihilistischen Antikosmos im siebten Himmel. Oder der siebten Vorhölle, je nachdem. SELBSTENTLEIBUNG konnten mich auf dem letzten Kaltenbach Open Air bei Sonnenschein und Gute-Laune-Stimmung nachmittags nicht ganz so überzeugen, da ist das heute ja idealerweise ganz großes Gedöns mit fetter Lightshow und zunehmend gutem Sound. Und verglichen mit TULSADOOM wirkt die negativ-suizidale Schiene der Selbstentleibten gleich noch einen Zacken abweisender, was die Ausnahmestellung dieser Truppe nach dieser Performance noch mal dick unterstreicht und den Ohrenzeugen ermahnt: Mit uns ist zu rechnen!  

SETLIST SELBSTENTLEIBUNG
Schatten
Kategorie: Tot
Namenlos
Therapie 3.1
Desomorphin
Kontrollverlust
Hinter Spiegeln Und Beton
 

Tötung (SELBSTENTLEIBUNG)

Wenn es um Performance geht, stehen die Amis von INQUISITION übrigens auch ganz weit oben. Es gibt wenige Bands, die zu zweit eine solche Wucht und Aggression auf die Bühne wuchten. Ok, natürlich wird da ein wenig nachgeholfen: Dagon hat seine Gitarre über zwei Amp-Stacks laufen und bekommt noch eine Menge Bassfrequenzen rein gemixt. Drummer Incubus - optisch immer ein bisschen an Muppet-Animal gemahnend - hat seinen Sound natürlich auch eher in die Tiefe getrimmt, und so hat man mit geschlossenen Augen wirklich das Gefühl, hier stünden fünf Musiker auf der Bühne. Dagon wuselt zwischen seinen beiden Mikroständern hin und her, während er das volle Saiten-Brett in den SimmCity-Saal zimmert, echt imposant und mit einer Vehemenz dargeboten, die einigen Schnarch-Combos des Genres leider grundlegend fehlt. Liegt vielleicht auch daran, dass die Band aus den USA kommt, da geht man halt mit ein wenig mehr Konsequenz zur Sache. Die bereits 1988 gegründete Combo, die mittlerweile eben nur noch Duo ist, kleckert nicht, sondern klotzt, hier werden sprichwörtlich Nagelarmbänder mit Köpfen gemacht und nicht nur der geneigte Verfasser dieser Zeilen ist ob so geballter Professionalität und Konsequenz am Ende einfach nur weggeblasen. Der rote Teppich ist also gelegt, das Kriterium ist nur: hoffentlich stolpert ABBATH nicht drüber ...

SETLIST INQUISITION
Force Of The Floating Tomb
Ancient Monumental War Hymn
Dark Mutilation Rites
Master Of The Cosmological Black Cauldron
Embraced By The Unholy Powers Of Death And Destruction
Command Of The Dark Crown

Dagon (INQUISITION)

Bis kurz vor der Show war eigentlich überhaupt nicht klar, ob es Herr Olve Eikemo heute überhaupt auf die Bühne schafft. Der gute Mann dürfte irgendwas erwischt haben, weswegen auch unser eigentlich geplantes Interview kurzerhand abgesagt wurde. Vor der Show kommt ABBATH ganz bescheiden auf die Bühne und entschuldigt sich gleich mal für seine angeschlagene Stimme. Kurz darauf steht er, mit einiger Verspätung (wie oft müssen diese lustigen Herren mit der Taschenlampe eigentlich über die Bühne stiefeln und nachschauen, ob eh niemand in den letzten drei Minuten eine Wasserflasche umgeschmissen hat?) doch da, der Leibhaftige, der Black Metal-Gott aus Blashyrkh, mitten in Good Old Simmering - das, wie bereits erwähnt, dem frostbitten Kingdom in Ergonomie und Bevölkerung nicht unähnlich ist. Und nach dem Opener "To War" schaut's auch kurz mal so aus, als wär's das auch schon wieder gewesen. ABBATH geht ab, und lässt die Leute mal fünf Minuten im Ungewissen, ob er nun backstage Kamillentee süffelt oder bereits einen Herzinfarkt erlitten hat.

Aber dann Erleichterung, die Truppe startet nochmal durch und nach ein paar Takten merkt man ABBATH eigentlich nichts mehr von seinem Dilemma an. Er fühlt sich wohl im Kreise seiner Liebsten: dem immer grimmig dreinblickenden King Ov Hell (von dem es ja angeblich keine Lächel-Fotos geben darf, voll trve halt), Über-Trommler Gabe Seeber, der wie immer mit Maske sein Kit in Überpräzision betoniert und dem eher unscheinbaren, spielerisch aber arschtighten Live-Gitarristen Ole André Farstad. Und er genießt auch sichtlich seinen Solo-Ruhm, denn mittlerweile ist seit dem Split von IMMORTAL fast ein Jahr vergangen und die Leute kamen ohnehin nicht wegen Horgh oder Demonaz zu einer schwarzen Messe, sondern wegen ABBATH. Der Sound ist jetzt auch echt fein, zumindest seitlich vor der PA kann man sich ordentlich den Scheitel auf zwölf legen lassen. Mit "Nebular Ravens Winter", "Tyrants" und "One By One" hat der Meister auch drei IMMORTAL-Klassiker ins Set gepackt, deren Versionen seine Ex-Kollegen vermutlich schön alt aussehen lassen - hier gibt's keine Kompromisse nicht! Mit "Warriors" ist sogar ein Stück des "I"-Sideprojects im Programm, bei dem der King Ov Hell ja auch schon dabei war. Der posed übrigens - niemals lächelnd - als gäbe es kein Morgen, und ABBATH hat sein Mikro so weit unten, dass man sich fragt, ob das nur zum Ausgleich zu seinen BÖMBERS-Shows so ist, wo er ja in Lemmy-Manier eher gen Himmel singt. Leider schlägt die Gesundheit des Meisters dann doch noch ins Negative und so ist nach "One By One" leider unerwartet Schicht im Schacht. Verwunderung bei den einen, Schulterzucken bei den anderen, Verständnis bei den meisten, denn trotzdem sind die meisten entzückt ob der Wucht an Schwarzmusik, die in knapp einer Stunde hier und heute auf sie eingeprasselt ist.

King ov Hell, Abbath (ABBATH)

SETLIST ABBATH
To War
Winter Bane
Nebular Ravens Winter (IMMORTAL:Cover)
Warriors (I-Cover)
Ashes Of The Damned
Fenrir Hunts
Tyrants (IMMORTAL-Cover)
One By One (IMMORTAL-Cover)

Trotz des kurzen Gastspiels des Leibhaftigen war dieser Abend nämlich auch nicht zuletzt wegen des saumäßig hohen Qualitätsanspruchs der Beteiligten ein absolutes Highlight. Die SimmCity, anfangs eher belächelt und zwischendurch auch mal Aufführungsort für's Bezirksorchester und den Beschwerdechor, hat zwar eine recht eigenwillige Akustik, ist aber ab halber Füllung dann doch im Ohr relativ erträglich. Wenn man nicht bei den vielen Lichtern an den Seitenwänden gleich mal einen epileptischen Anfall bekommt. Wenn ABBATH dann brav, wie von Kollege Kaltenböck angeordnet, Kräuterzuckerl lutscht und dann nächstens mal rund und gesund bei uns um die Ecke biegt, wir wollen uns gar nicht ausrechnen, mit welcher Wucht er und seine Band dann erst erschlagen könnte, wenn er uns schon halb krank beinahe plattgefahren hat. IMMORTAL können sich jedenfalls ganz, ganz warm anziehen, oder schon mal präventiv in den Keller gehen um zu weinen.

(Die Setlists sind wie immer ohne Gewähr)

 


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