20.2.2016, Biebob, Vosselaar

SYMPHONY X "Underworld-Tour" & MYRATH & MELTED SPACE

Text: Lisi Ruetz | Fotos: Lisi Ruetz
Veröffentlicht am 27.02.2016

Da lud das Biebob in Vosselaar zum großen Progressive-Tanz und ich konnte nicht anders, als dem Ruf zu folgen. MYRATH stand mit neuem Album „Legacy“ am Start, SYMPHONY X durchwanderte mit dem ihrigen die „Underworld“, kein Zweifel also, dass die Party eine große werden sollte. 

Doch zuerst sollten MELTED SPACE, die sich selbst dem Opera Metal verschrieben haben, Bühne und Publikum anwärmen. Meinen Ohren noch unbekannt, kann die Formation um den französischen Songwriter und Komponisten Pierre Le Pape auf drei Alben und eine EP zurückblicken. Vom neuesten Album – „The Great Lie“ (2015) – sollte sich die Setlist zusammenstellen. Auf diesem rekrutierte Le Pape ordentlich bekanntes Musikerpersonal, sodass ich mich nun MNEMIC-Sänger Guillaume Bideau gegenüber sah. Doch damit nicht genug: Nach einem symphonischen Intro und einem krachend-schwungvollen Einstieg und der Erkenntnis, dass die beiden Sänger auf der Bühne von klarem Gesang über Shouts über Grölen die komplette Bandbreite abzudenken gedachten, schlängelten sich überraschend noch zwei dunkel gekleidete Damen auf die Bühne, welche die beiden Vokalisten unterstützen sollten.


MELTED SPACE

Jetzt wurde es aber eng auf der ohnehin schon kleinen Bühne des Biebob. Zudem erkannte ich eine der Damen als eine Sängerin, die auch schon SERENITY und VISIONS OF ATLANTIS ihre Stimme geliehen hatte. Gemeinsam vereinten sich Stimmen und Instrumentarium, das mit sehr starken Musikern aufwarten konnte, in ein kraftvolles symphonisches Gewitter, das sich aber leider mit Fortschreiten in einen leichten Nieselregen verwandelte. Immer wieder wurden kraftvolle Duette aufgebaut, die perfekt in ein durchgeplantes Gesamtkonzept passten, manchmal wurden regelrechte vokale Schlachten zwischen klarer Stimme und Gegröle ausgetragen, doch die spätere Dominanz der Frauenstimmen verlieh der Atmosphäre zu viel Getragenheit und Sanftheit – wo man doch auf mächtige Power-Bands wie MYRATH und SYMPHONY X wartete.  Den Musikern sei keineswegs abgesprochen, dass sie nicht durch Güte und Qualität geglänzt hatten – und das trotz teilweise fataler Probleme beim Sound, sodass manches Mal Stimmen in der Versenkung verschwanden – doch das Feuer der ersten Lieder wurde dann doch zur Glut, als MELTED SPACE  ihren Ausklang mit sehr getragenen Melodien und einer fast schon Gothic-haften Frauenstimmen-Dynamik abschlossen. 

Setlist: 
 - Terrible Fight
 - Trust And Betrayal
 - Hopeless Crime
 - Titania
 - ...Para Bellum
 - No Need To Fear


MYRATH: Fronter Zaher Zorgatti und Keyboarder Elyes Bouchoucha

Recht zügig wurden dann MYRATH auf den Plan gerufen. Da ich das Vergnügen hatte, die Truppe aus Tunesien schon einmal auf dem Prog Power Europe zu sehen, wo sie mich vollkommen umgehauen hatten, waren sie meine geheimen Favoriten des Abends. Allerdings sollte sich schon beim Soundcheck herauskristallisieren, dass die Probleme mit der Soundtechnik nicht abzubrechen schienen. Nach dem Intro „Jasmin“, das auch die Eröffnung auf dem neuen Album „Legacy“ darstellt, wurde mit „Storm of Lies“ richtig eröffnet und ein gutes Tempo vorgelegt. Leider musste sich Sänger Zaher Zorgati ein wenig durch die ersten Textzeilen quälen. Da konnte er machen, was er wollte, gehört (erhört) wurde er nicht. Dies besserte sich dann glücklicherweise spätestens beim höheren Mittelteil und Refrain, wo er zeigen konnte, was er stimmlich leisten kann. Nach einem etwas durchwachsenen Start ging man direkt über zu „Get Your Freedom Back“, das ähnlich schwungvoll  fast nahtlos überleitete. Die Truppe, die sich durch die orientalischen Einflüsse in ihrer Musik und im Gesang auszeichnete, kämpfte weiter, um das Publikum mitzureißen, auch wenn der Sound immer wieder einiges vermissen ließ. Eben diese arabischen Klänge zum Beispiel, die phasenweise in Nicht-Schall und Rauch aufgingen. Doch dann fing die Halle endlich Feuer, als der Title Track des Albums - „Believer“ - angestimmt wurde. Rundum bekannt, wurde fleißig mitgefeiert und mitgesungen. Band und Publikum pushten sich gegenseitig. Das Eis schien gebrochen, entweder, weil noch ein weiterer bekannter Song mit „Wide Shut“ hinterher geschoben wurde oder weil es der Band nun einfach „wurscht“ war. Und sie gaben ihr Bestes, um den wackeligen Sound wieder wettzuspielen. Dass die Jungs von MYRATH dazu problemlos in der Lage sind, bewiesen sie in ihrem perfekten Zusammenspiel und den einwandfreien Soli, egal ob auf der E-Gitarre, dem sechssaitigen Bass oder durch die melodiegebenden Töne des Keyboards. Gerade in den folgenden Nummern „Nobodys Lives“ und „Duat“, die Tempo rausnahmen und dafür durch eingängige und getragene Vocals glänzen, konnte auch der Sänger zeigen, was seine Stimmbänder an Tonabfolgen hergaben. Zwischen das "Legacy"-Duett am Schluss wurde noch „Merciless Times“ geschoben, ein Fast-Forward-Track vom „Tales From The Sand“ Album, das die ganze Bandbreite der Spielereien MYRATHS bediente. Alles in allem war der Auftritt der Tunesier durchwachsen, mit wackeligem Sound und dem Versuch, das Beste herauszuholen (sie haben sich sichtlich bemüht). Das ist schade, denn sie können es anders, wie ich selbst schon erleben durfte. Dieses Mal hatten sie einfach Pech, wurden unter ihrem Wert verkauft und waren sichtlich selbst nicht zufrieden. Schade für MYRATH, die meines Erachtens noch immer viel zu wenig Aufmerksamkeit erhalten. 


MYRATH: Klampfer Malek Ben Arbia und Fronter Zaher Zorgatti

Setlist: 
 - Storm Of Lies
 - Get Your Freedom back
 - Believer
 - Wide Shut
 - Nobody´s Lives
 - Merciless Times
 - Duat

Aber der Abend war noch lange nicht gelaufen. Jetzt erst recht freute ich mich auf SYMPHONY X. Deren neuestes Album war meiner Meinung nach weniger auf Novitäten, als mehr auf solidem SYMPHONY X-Fundament gebaut, umso gespannter war ich, was die Live-Show halten konnte. Und sie hielt…und hielt…und hielt... Die Mannen aus den USA sind ja dafür bekannt, sich immer wieder selbst zu toppen. Dies haben sie geschafft. Nach dem wenig überraschenden Intro vom „Underworld“- Album stiegen Russell Allen und sein Haufen in brachialem Sturzflug mit „Nevermore“ hinab in die Unterwelt. Mehr Bühnenpräsenz, mehr Arbeit mit dem Publikum, Allen tanzte und schauspielerte die Lyrics regelrecht mit. Sehr gestenreich, mit perfekter Stimmgewalt und einem unglaublichen Erscheinungsbild auf der doch recht gemächlich kleinen Bühne machten er und sein Prog-Orchester dem belgischen Biebob vom ersten Moment an Feuer unterm Hintern. Die unglaubliche Spielfreude, die SYMPHONY X an den Tag – oder besser an den Abend – legten, riss die Meute mit und ließ kaum Platz zum Verschnaufen. Mit großen Melodie-Untermalungen, unglaublich schnellen Soli auf dem Griffbrett und der wandelbaren Stimme zwischen dreckigen Shouts und klarer Stimme wurde man durch „Underworld“ und „Kiss Of Fire“ gezerrt, ehe man zum ruhigeren Stück „Without You“ endlich ein wenig nach Luft schnappen konnte. Das hieß aber nicht, dass die Spannung und Energie Allens und seine Spielereien mit dem Publikum einen auch nur einen Augenblick losgelassen hätten. Zwischendurch eine kurze Erklärung, dass zur Feier des Abends das komplette Album zum Besten gegeben würde und „Underworld“ nicht nur einen griechisch-mythischen Hintergrund hat, sondern man durchaus auch mal für Freunde und Bekannte durch die Hölle laufen kann, um sie retten und zurückholen zu wollen, dann rauschten die Prog-Könige mit Highspeed weiter durch das Programm.


SYMPHONY X: Russell Allen singt sich in die "Underworld"

Bei "Charon" ruderte sich der Sänger mit dem Mikroständer sehr theatralisch durch den Song, bei „To Hell And Back“ teilte er die Gesangsrolle quasi mit sich selbst und verpasste sich je nach Part eine passende Maske. Direkt darauf folgte „In My Darkest Hour“, bei welchem auch Michael Romeo endlich mehr in den Mittelpunkt gerückt wurde. Sprichwörtlich. Dabei pflegte der Klampfenvirtuose es sonst doch, auf seinem Platz zu verweilen. Es war nicht schwer, jedes Lied mitzufeiern, die ansteckende Marschgeschwindigkeit und die virtuose Spielfähigkeit, die alles auf den Punkt brachte, ließen die Spannung niemals absinken. Zwischendurch wurde nach „Run With The Devil“ dem Mikromann ein Ständchen gesungen und mit ihm gescherzt, ehe es mit „Swansong“ etwas ruhiger wurde und der konzeptuelle Storybogen des Albums seinem tragischen Ende entgegen eilte. Zwischendurch und wieder spontan aus dem Ärmel geschüttelt kam auch der metallische Nachwuchs auf seine Kosten, als ein Junge aus der ersten Reihe (mit EVERGREY-T-Shirt!) auf die Bühne geholt und „geehrt“ wurde. Dem Knaben wird dieses Konzert wohl unvergessen bleiben. Während sich dann Russell Allen hinter der Bühne wohl kurz die Stimme ölte – obwohl er das gar nicht nötig hat – stimmten die Instrumentalisten das orchestrale „Death Of Balance“ vom Album „V“ an, was live und mit Rock-Instrumentarium noch einmal eine Ohrenweide war. Es wurde in früheren Song-Gewässern gefischt, als – nachdem der Sänger den Weg auf die Bühne wiedergefunden hatte – mit „Out Of The Ashes“ und „Sea Of Lies“ zwei Kracher vom „Divine Wings Of Tragedy“ - Album einschlugen. Dass sich die Mannen damit schon vom Acker machten, ohne den letzten Track vom neuen Album zu spielen, ließ das Publikum natürlich nicht zu und wehrte sich lautstark mit Gesangschören und Rufen. Diese Aufforderung wurde dann mit „Set The World On Fire“ von "Paradise Lost" quittiert, ehe es dann wirklich mit „Legend Never Ends“ in die absolut finale Runde ging.

Setlist:
 - Ouverture
 - Nevermore
 - Underworld
 - Kiss Of Fire
 - Without You
 - Charon
 - To Hell And Back
 - In My Darkest Hour
 - Run With The Devil
 - Swan Song
 - The Death Of Balance/Lacrymosa
 - Out Of The Ashes
 - Sea Of Lies
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 - Set The World On Fire (The Lie Of Lies)
 - The Legend Never Ends


SYMPHONY X

Ein grandioser Konzertabend mit dem altgedienten Headliner SYMPHONY X, der mit unglaublicher Energie, Spielfreude und virtuoser Exaktheit glänzte, den soundgeplagten Pechvögeln MYRATH, die sich durch das Set kämpften und trotzdem zeigen konnten, was sie musikalisch zu bieten haben und dem Opener MELTED SPACE, der gut anheizte, aber dem Power-Level nicht ganz gerecht werden konnte. Die Prog-Party steigt in deutschsprachigen Gefilden noch, wer sich also überlegt, mitzufeiern: Lasst euch nicht aufhalten!

 

 

 


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