06-04-2016, Markthalle Hamburg, Hamburg

ASP & SPIELBANN

Text: Jazz Styx | Fotos: Jan Termath
Veröffentlicht am 09.04.2016

» Hier gehts zur Galerie...

Das bisschen Sonne, das sich an diesem grauen Tag unscheinbar hinter regnerischen Wolken versteckte, geht unter, als sich die vielen Nachtkinder aller Altersgruppen in ihre Schattenkleidchen werfen, um am 6. April die Gothic-Novel-Rocker von ASP in der Hamburger Markthalle zu besuchen. Die musikalische Reise beginnt jedoch, wie schon beim ersten Teil der „Verfallen“-Tour, mit den Düsterrockern von SPIELBANN.

Dieser Weg führt für die schwarzen Gestalten über einen nächtlichen Friedhof: dunkel, schauerlich, klischeebeladen. Die Klänge hier sind rockig bis hardrockig, düster und eingängig, bis poppig. Der Sänger Seb hat die Nase über der hipsteresken Gesichtsfrisur – wie auch die anderen Musiker – zum schlichten Corpsepaint gepudert. Seine Stimme ist passend und schaurig schön, oder fällt zumindest neben der der Sängerin Nic positiv auf. Die erzählten Geschichten bewegen sich meist in gefühlten Sphären moderner Vampirromantik und Hohlbein'scher Fantasy.
Dass sie auch das Publikum spalten, beweisen die zahlreichen Gespräche, die während der ruhigeren Passagen – beispielsweise des tragisch-schönen, aber etwas plakativen „Lebewohl“ – die friedhöfliche Stimmung bedrohen. Schade, denn ebendiese Parts sind Nics Stärken. Auf der anderen Seite sind die meisten Schattengestalten hellauf begeistert und lassen sich in SPIELBANNs  Spielbann ziehen: Rege Beteiligung und reichlich Applaus sind der Sold für ihre düster-jugendliche Weltschmerz-Tragiromantik.

Während dieses Bild des Nachtwanderer-Friedhofs einen gewissen Hauch pubertärer Klischeehaftigkeit zurücklässt, verwandelt sich der Saal zum Auftritt von ASP in eine Bibliothek für Erwachsene, die sich ihren kindlichen Sinn für Schauergeschichten bewahrt haben. In einem staubigen, alten Flügel eines alten steinernen Baus liest Sänger Asp selbst aus den Gothic Novels der 27-jährigen Bandgeschichte vor: mal laut, mal leise, recht hart, dann wieder ganz sanft, meist rockig, aber auch elektronisch. Asp erscheint wie ein tragischer Clown, der seine Gäste erfreuen möchte, aber trotz seiner unvergleichlich liebenswerten Art stets auch Gänsehaut verursacht. Seine Worte zwischen den Stücken sind mitunter geradezu niedlich und werden mit besonderer Zustimmung geehrt, als er sich die Handys zwischen sich und dem Publikum fortwünscht.
ASP stöbern im Laufe des Abends in ihren frühen Werken wie der fünfbändigen Geschichte „Der schwarze Schmetterling“: Bedrängend, aber hoffnungsvoll ist der „Kokon“, selbsttreu-rebellisch „Schwarzes Blut“, eine Hymne an ein dunkles Lebensgefühl. Der „Wechselbalg“, zum Beispiel, ist dem „Fremder-Zyklus“ entnommen und einen beeindruckenden Höhepunkt stellt „Krabat“ dar, das auf der gleichnamigen serbischen Sage und Ottfried Preußlers Umsetzung derselben basiert. Die Kerngeschichte des Abends ist jedoch das jüngste Werk: „Verfallen“ fasst die beiden dicht aufeinander erschienenen Alben „Astoria“ und „Fassaden“ zusammen. Von „Himmel und Hölle“ bis zum „Umrissmann“ versinkt die Markthalle in dunklen, traurigen, faszinierenden, schaurigen und schönen Geschichten, wie beispielsweise der vom Tod der schönen „Loreley“, in spannungsvoll-bedrohlicher Tragik.

Fazit: Nachtgestalten schlichen heute zur rockig Lesung über einen Friedhof hin zur alten Bibliothek. SPIELBANN lieferte den Soundtrack zur fantastischen Nachtwanderung zwischen den Gräbern. Mit einer Portion poppiger Banalität in ihrem Düsterrock vermitteln sie den Eindruck einer gewissen musikalischen wie textlichen Jugendlichkeit, schaffen aber Stimmung und Emotionen mit gemischtgeschlechtlichem Front-Duo.
ASP warten im staubigen Gemäuer zwischen Bücherregalen voller Schauergeschichten, die sie in ihrer grausamen Härte und traurigen Schönheit den Gästen vorspielen. Passend dazu vermittelt Sänger Asp eine tiefe, liebevolle Stimmung, die zu Recht mit herausragender Begeisterung des Publikums gefeiert wird – vom ersten bis letzten Moment. Seine Stimme und mehr noch die langatmige „E-E-E-O-O-O“-Nachsing-Phase sind nicht jedermanns Sache, aber ASP kann in jedem Fall auch heute wieder eine bewegende Einzigartigkeit zugestanden werden.


WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: Pulse
ANZEIGE