19.05.2016, Ernst Happel Stadion, Wien

AC/DC

Veröffentlicht am 23.05.2016

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Man hielt es zunächst für einen schlechten, weil gar zu unrealistischen Aprilscherz: Vor wenigen Monaten noch begannen Gerüchte zu kursieren, dass nicht nur der langjährige AC/DC-Fronter Brian Johnson die verbleibenden Dates der "Rock or Bust"-Tour aus gesundheitlichen Gründen nicht bestreiten würde können, zu allem Überfluss wurde dann auch noch der ohnehin als schwierig und unzuverlässig bekannte GUNS N' ROSES-Frontmann Axl Rose als neuer Sänger kolportiert. Doch was zuerst als Scherzmeldung abgetan wurde erhärtete sich schnell zu wahrheitsschwangeren Gerüchten: So trafen Axl Rose und die Mitglieder von AC/DC einander zu Meetings, und wenig später wurde dann tatsächlich die Verpflichtung von Rose als Frontmann für die verbleibenden 14 Shows der laufenden AC/DC-Tour bekanntgegeben.

Naturgemäß folgte ein lauter Aufschrei, vor allem in den Reihen der langjährigen AC/DC-Fans, wurde doch Brian Johnson, der seit über 35 Jahren die australischen Hardrocker an der Front begleitete, ohne viel Federlesens scheinbar geschasst und stattdessen ein Sänger an Bord geholt, über dessen Qualitäten, milde gesagt, geteilte Meinungen herrschten.

Und doch: 2016 könnte das Jahr des W. Axl Rose werden. Denn nicht nur die von Gunners-Fans sehnsüchtig erwartete Reunion mit seinem kongenialen Partner Slash in einer Reinkarnation der "alten" GUNS N' ROSES Anfang des Jahres geriet zum Triumphzug dank umjubelter Konzerte im Troubadour in Los Angeles, Las Vegas und beim Coachella-Festival, sondern auch die ersten gemeinsamen Shows mit AC/DC rissen Fans und Presse zu Jubelrufen hin. Axl war pünktlich, Axl war fokussiert, Axl war gut bei Stimme - ja kann denn, darf denn das sein? Und gelingt es Axl Rose jetzt, anno 2016, womöglich das einzulösen, was er vor fast 10 Jahren mit "Chinese Democracy", diesem längsten Running Gag der Rock-Geschichte, versprach, aber nur mäßig schaffte?

Und so folgten die treuen Fans von AC/DC auch dem schrillen Rufe von Herrn Roses Stimme ins Ernst-Happel-Stadion an diesem kühlen Mai-Abend; immerhin nur 600 Ticketbesitzer machten von dem Rückgaberecht Gebrauch, dass die Band gnädigerweise für all jene instituierte, die AC/DC ohne Brian Johnson so gar nicht sehen wollten.

Als die Opener des Abends, TYLER BRYANT & THE SHAKEDOWN um kurz nach sieben Uhr die Bühne des Happel entern, ist das Areal noch nicht mal zur Hälfte gefüllt; und auch die sich verdichtenden Regenwolken stellen den Auftritt der Band unter keinen allzu guten Stern. Nichtsdestoweniger rockt sich der erst 25jährige TYLER BRYANT mit seinen Mannen amtlich durch ein gefälliges Set aus sehr bluesigem Retro-Rock, der beim zweifelsfrei vorhandenen Zielpublikum sicher bestens aufgehoben ist und vor allem in den vorderen Reihen auch gelegentlich schon für mitklatschende Hände sorgt.

Ein bisschen gar zäh jedoch erschient diesem Rezensenten die Performance der Band, sind doch die meisten Songs der Truppe im unteren (nicht zu sagen: untersten) Geschwindigkeitsbereich angesiedelt, und so schlängeln sich Songs wie "House On Fire", "Stitch It Up" oder auch das gefällige ANN COLE-Cover von "Got My Mojo Working" meist eher behäbig aus den Boxen; wirklich "rockendes" Feeling kommt selten auf. Man muss der Band aber zu Gute halten, dass sie einen schwierigen Job sehr routiniert meistert, ihr Ding einfach durchzieht und nichts anbrennen lässt; jedoch vermisst man doch die ganz großen Hooks, die potenziellen Hits, die eben eine Band wie AC/DC dereinst groß gemacht haben. So bleibt am Ende des Tages von TYLER BRYANT nicht mehr als solide gespielter, bluesiger Rock ohne große Augenöffner. Sicher keine schlechte Wahl als Opener, und sicher auch kein Support, der dem Hauptact die Show stehlen könnte.

Aber wie soll das auch möglich sein bei Granden wie AC/DC und W. Axl Rose, diesmal in zwischen Wahnsinn und purer Genialität oszillierender Gemeinschaft verbunden? Denn als nach der obligatorischen Umbaupause - inklusive Enthüllung des Axl'schen Throns (immerhin ist das linke Bein immer noch leicht lädiert; woher, weiß niemand so recht) - die ersten Feuerwerkskörper zünden und die Rocker aus Down Under gemeinsam mit einem stehenden(!) Axl Rose mit "Rock Or Bust" und "Shoot To Thrill" starten, sind schnell alle Sorgen hinweggefegt: Axl/DC rocken ebenso grandios wie bei den Shows in Portugal oder Belgien zuvor, Axl Rose kann auch wieder gehen und verbringt tatsächlich den Großteil des Konzerts auf seinen Beinen - bereits wieder inklusive kleiner Tanzeinlagen - und er ist auch, und das ist wohl das Wesentlichste - hervorragend bei Stimme. Konzentriert, intonationstechnisch am Punkt und mit einer wiedererstarkten Stimme, die ob ihres schon immer nasalen, krächzenden Charakters ohnehin großartig zum Sound von AC/DC passt, und die dafür sorgt, dass allen Nörglern wohl sehr schnell jedwede Kritik im Halse stecken bleibt.

Denn, Hand aufs Herz, wenn schon jemand einen Kultsänger wie Brian Johnson bei einer Kultband wie AC/DC ersetzen muss, dann ist das eigentlich verdammt nochmal schon ein bisschen geil, wenn das dann ein Axl Rose ist - einer der nicht mehr zahlreich verbleibenden "Rock-Dinosaurier", die in einer jener wenigen Bands tätig sind, die in einer ähnlichen Gewichtsklasse wie die australischen Stromtechniker spielen.

Und scheinbar will es auch Axl seinen Kritikern beweisen: textsicher und ja, auch eigentlich fehlerfrei rockt er sich durch manchmal mehr ("Back In Black", "Dirty Deeds Done Dirt Cheap", "Thunderstruck"), manchmal weniger oft gehörte Kracher aus dem Backkatalog von AC/DC ("Rock'n'Roll Damnation", "If You Want Blood (You've Got It)", "Riff Raff") und scheint auch wieder mit guter Laune und Spielfreude gesegnet, rutscht ihm doch mehr als einmal ein fetter Grinser ins Gesicht.

Mit Moderationen zwischen den Songs hält man sich nicht lange auf, ein paar eher maue One-Liner werden da ins Publikum geworfen, aber daran stößt sich niemand: denn wenn Kulthits der Marke "Hells Bells", "T.N.T." und "You Shook Me All Night Long" in ohrenzerstäubender Manier in den nächtlichen Himmel über Wien gepfeffert werden (der übrigens zwischenzeitlich wieder aufgeklärt war, wie auch der kurze Regenschauer wieder geendet hatte), getragen von Reibeisen-Kreischern des Axl Rose und umrahmt von der unnachahmlichen Bühnenpräsenz des Angus Young, dann darf getrost gesagt werden: Axl is Baxl! Und dann verzeiht man auch Angus Young sein "Längstes Solo der Welt mit nur einer gespielten Note" während dem das reguläre Set beschließenden "Let There Be Rock". Das ist halt Angus Young: der darf das.

Und wahrlich, ich sage euch: So begab es sich, dass in jenen Tagen der totgeglaubte W. Axl Rose auferstand von seinem Throne der Beinverletzung, und nun sitzet er zur Rechten von Angus dem Jungen; von dort wird er begeistern die Lebenden und die noch nicht Toten, und wird die zunächst vom Scheitern bedrohte Tour der australischen Rock-Titanen erretten. Kaum jemand hätte das wohl vor wenigen Monaten noch geglaubt, doch in jenen Tagen geschahen wohl Zeichen und Wunder, und die Götter des Rock'n'Roll lächelten noch einmal milde auf uns niedere Sterbliche herab und ließen diese Elefantenhochzeit des Rock zu einem wahren Triumphzug verkommen, über den man sich - in den Abendstunden der Rock-Giganten, deren Zeit nun ohnehin viel zu schnell abzulaufen scheint - noch einmal tränenden Auges richtig freuen durfte.

Und so bleibt nach dem Zugabenblock - inklusive des stadionerbebenden "Highway To Hell" tatsächlich nur noch zu sagen: "For Those About To Rock - We Salute You!"

Und wir salutieren an diesem Abend insbesondere einem gewissen W. Axl Rose, der scheinbar seinen Highway zur Hölle hinter sich gelassen hat und sich nunmehr wie der Phönix aus der Asche wieder in den Rock-Olymp erhebt. Ganz großes Kino von beiden beteiligten Parteien, es war wahrlich die Große Koalition des Rock'n'Roll an diesem Abend in Wien; daran könnten sich auch unsere Landesfürsten ein Beispiel nehmen.

Setlist AC/DC:

Rock Or Bust
Shoot To Thrill
Hell Ain't A Bad Place To Be
Back In Black
Got Some Rock & Roll Thunder
Dirty Deeds Done Dirt Cheap
Rock'n'Roll Damnation
Thunderstruck
High Voltage
Rock'n'Roll Train
Hells Bells
Given The Dog A Bone
If You Want Blood (You've Got It)
Sin City
You Shook Me All Night Long
Shot Down In Flames
Have A Drink On Me
T.N.T.
Whole Lotta Rosie
Let There Be Rock
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Highway To Hell
Riff Raff
For Those About To Rock (We Salute You)


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