03.06.2016, Donauinsel, Wien

ROCK IN VIENNA 2016 - Tag 1

Veröffentlicht am 15.06.2016

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ROCK IN VIENNA 2016 - Tag 1 aka "Der Tag des großen Feuers"

Strahlender Sonnenschein erwartete Freitagnachmittag die Besucher des ROCK IN VIENNA-Festivals. Da fiel bei den meisten Leuten die Entscheidung, eine kurze Hose anzuziehen, nicht schwer. Nur ich war mit langer Hose und einer Regenjacke der „Depp“ des Tages, geregnet hat es trotz der Wettervorhersage nämlich bis zum Ende der RAMMSTEIN-Show nie. Die erste Geduldsprobe erwartete vor allem die Tageskartenbesitzer, in Form einer riesigen Warteschlage – Anakonda nichts dagegen! – die im Laufe des Tages wuchs und wuchs und so manche Band versäumen ließ.

Die Besucherzahlen ließen den Veranstalter sicher jubeln, das Publikum selbst, vor allem am Freitag, aufgrund des Gedränges eher weniger. Ein gemütliches Festival mit großen Headlinern ist das ROCK IN VIENNA keines, im Vergleich zu ROCK AM RING oder ROCK IM PARK, aber trotzdem noch herrlich angenehm. Das METALFEST AUSTRIA in Mining am Inn – Satan habe dieses Festival selig – und das KALTENBACH-Festvial bleiben in Österreich zumindest bis zum neuen Stadtfestival METAL ON THE HILL in Graz, das sich noch bewähren muss, unerreicht.

Die Gedanken an das legendäre letzte METALFEST 2012 waren noch kurz durch das Treffen meines damaligen Weggefährten Luki am Weg zum Eingang aufgewärmt worden, bevor ich mich um 15 Uhr ins noch überschaubare Getümmel warf. Auf dem Weg zur Hauptbühne bekam ich dann noch kurz die „Milchkannen“-Show der Alpenmetaller TUXEDOO mit, die sich von Festival zu Festival in immer mehr Besucherherzen spielen. Nach den Schlussakkorden von TUXEDOO wurde der kurze Weg Richtung Hauptbühne aufgenommen, um noch einen Eindruck von EISBRECHER zu gewinnen, die bereits eine ansehnliche Fan-Schar, die es schon durch den Einlass geschafft hatte, angezogen hatten.

Die Entscheidung, schon früh in den Wavebreaker zu gehen, war schon letztes Jahr die richtige gewesen. Es war dort zwar – wie am restlichen Gelände – auch nicht schattig, aber zumindest bis zum Headliner gemütlicher. Das Gratis-Trinkwasser und die saubere Toilettensituation im Wavebreaker sind für ein so großes Festival vorbildlich. Auch bei der Bierversorgung war im Wavebreaker im Gegensatz zum letzten Jahr nachgeholfen worden, auch wenn die zwei Bars, vor allem beim Headliner, notwendigen Platz wegnahmen. Da gehört der Bereich zumindest um ein paar Meter nach hinten erweitert.

Aber zurück zu EISBRECHER. Frontmann Alexx bzw. „Der Checker“ hatte das Publikum während der gesamten Spielzeit mit seinen sympathischen Ansagen fest im Griff. Das Songmaterial und der Bandsound gaben dem geneigten Fan keinen Grund zur Beschwerde. Beim obligatorischen MEGAHERZ-Hit „Miststück“ wurde lautstark mitgesungen. Auch das fette Backdrop eines Eisbrecher-Schiffs gestaltete den Hintergrund der für viele Bands eigentlich zu großen Soul-Stage, die dieses Jahr David Bowie und Lemmy gewidmet wurde, gebührend.

Die doch um einiges, vor allem in der Tiefe, kleinere Mind-Stage, die dem je nach Bildungsgrad als „1000 Schilling-Schein“-Typ oder als Nobelpreisträger bekannten Erwin Schrödinger (Anm. d. Lekt.: Der mit der Katze!) gewidmet war, bildete die für die Wirkung des Bandkollektivs vorteilhaftere Bühne. Und diesen Faktor nutzten PAIN, rund um einen in eine Zwangsweste gesteckten Frontmann Peter „Peda“ Tägtgren, voll und ganz aus. Schon das geniale Intro „Lux Aeterna“ - bekannt vom filmischen Meisterwerk "Requiem For A Dream" von Darren Aronofsky - stimmte zu einer Show der Extraklasse ein.

Als dann Fotografenmaestro Christoph Kaltenböck gerade noch rechtzeitig zum Opener „Same Old Song“ im Wavebreaker für eine seiner Lieblingsbands eintraf, war die Stimmung meiner Festivaltruppe am Kochen. Die Atmosphäre hielt bis zum Finale mit dem „Klingelton“-Song „Shut Your Mouth“, wie die Frisur von DRAGONY-Frontmann Sigi. Dem Geburtstagkind "Peda" wurde dazwischen noch ein Ständchen gesungen und eine Torte ins Gesicht geknallt. Sonst regierte aber die Musik. Die rein „objektive“ Meinung von Oberfan Kalti zur Show war „geil, geil, geil“. Das kann ich durchaus nachvollziehen, da ich ähnliche Gefühle für meine Lieblings-Liveband MUSTASCH hege, die gerne für nächstes Jahr gebucht werden dürfen.

Das nächste Highlight folgte mit ANTHRAX umgehend. Scott Ian stampfte wie ein bärtiger Godzilla frohen Mutes über die Bühne, während der braun gebrannte „Front-Opa“ Joey Belladonna verkündete, dass er noch „Among The Living“ weilt. Seit der Reunion mit dem Originalsänger stehen die altgedienten 80er-Metal-Veteranen wieder ordentlich im Saft und spielen seither aber auch fast immer die gleiche Setlist. Wie auch schon am Novarock 2014 waren die Metalheads sogleich im Moshpit gefangen. Zwischen den anscheinend notwendigen Coverversionen von „Got The Time“ und „Antisocial“, wurde mit „Madhouse“ eine Metal-Krankheit verbreitet.

Nach der Zombiebekämpfung bei „Fight ´Em Til You Can’t“ wurden mit „Evil Twin“ und „Breathing Lightning“ noch schnell die neuen Songs vom aktuellen Album „For All Kings“ dargeboten, dessen Coverartwork auch als riesiges Backdrop diente. Mit einer souveränen, wenn auch ein wenig unspektakulären Version vom All-Time Classic „Indian“, entließen ANTHRAX ihre treue Gefolgschaft in den Feierabend.

Eine wohlverdiente Pause gönnten sich die meisten Metalheads während der Show der umstrittenen Band BABYMETAL. Neugierig waren zwar doch einige, die die Show vom letzten Jahr nicht gesehen, oder gerade eben nichts anderes zu tun hatten. Ich bin dann doch mehr als skeptisch, wenn ein gehyptes Phänomen die Berechtigung hat, zwischen ANTHRAX und SLAYER in der Running Order zu stehen. Ich kann zugegebenermaßen mit dem Scheiß nichts anfangen, obwohl ich schon in meiner Jugend mit der "Pokémon"-CD meines Bruders und der "Sailor Moon"-CD meiner Schwester Bekanntschaft gemacht habe. Mir wäre statt BABYMETAL eine „Kamehameha“-Show von „Son Goku“ oder ein Auftritt der „Teenage Mutant Hero Turtles“ lieber.

Eine spezielle „Red Bull Skydive Show“ wurde dem Publikum danach angekündigt, die ich persönlich aber als ziemlich unnötig empfand. Da hätte ich mir lieber einen Trick von MacGyver vorführen lassen, wie er mit zwei Dosen Red Bull ein Telefon bastelt. Sei‘s drum, jetzt kam sowieso SLAYER an die Reihe und lieferte eine höllische Thrashshow wie sie im Buche steht – Dante’s „Inferno“ nichts dagegen!

Mit dem neuen „Repentless“ wurde gleich gnadenlos losgestartet. Das Gitarrenduo King und Holt funktionierte wie eine gut geölte Metalmaschine. Tom Araya verkündete danach sogleich mit „Diciple“, dass Gott uns sowieso alle hasst. Also kein Grund zum Jammern: „Postmortem“ bediente jeden Metalhead. Hass, Hass und nochmals Hass - weltweit sogar - keift der ergraute "Weihnachtsmann" bei „Hate Worldwide“ und will damit die Welt blutrot beschmieren. Grund zu fröhlicher Heiterkeit versprühen SLAYER-Texte keinen.

Die anständig abgehende Fan-Schar hatte aufgrund der starken Setlist, in der dann noch „War Ensemble“, „Mandatory Suicide“ und natürlich „Raining Blood“ folgten, aber jeden Grund zur Freude. Die Show war damit noch lange nicht vorbei: SLAYER holzten einen Klassiker nach dem anderen runter. „South Of Heaven“ läutete dann nach einer guten Stunde das Finale ein und mit „Angel Of Death“ wurde dann noch der letzte Gnadenstoß verpasst.

APOCALYPTICA folgte an einer schwierigen Running-Order-Position, versammelte sich doch schon eine Vielzahl an Besuchern vor der großen Soul-Stage für RAMMSTEIN. Einen kritischen Bericht zur aktuellen Besetzung bei APOCALYPTICA habe ich schon vom letzten Headliner Konzert im Gasometer abgeliefert. Und auch am ROCK IN VIENNA fühlte ich mich bestätigt, dass die alten Instrumental-Cover-Klassiker „Refuse/Resist“, „Master Of Puppets“ und „Seek & Destroy“ beim Publikum am besten ankamen.

Ein Fan von Neo-Sänger Frankie Perez werde ich wohl nie werden. Das im Vergleich zum im Original von Corey Taylor gesungene „I’m Not Jesus“ war live auch nicht so der Knaller. Bei „House Of Chains“ und „I Don’t Care“ setzte der Popsänger, dessen Stimmfarbe mich stark an Adam Levine von MAROON 5 denken lässt, zumindest eigene Akzente, welche aber so gar nicht zum APOCALYPTICA-Sound passen. Als letzter Song versöhnte mich dann „Hall Of The Mountain King“ aber, wie auch schon damals im Gasometer. Die fulminante Videoscreen-Show der Headliner Tour fehlte am Festival dann aber doch sehr. Für die große Show war am diesjährigen RIV aber eine andere Band zuständig.

Mit RAMMSTEIN hat der Veranstalter sich selbst und dem Wiener Publikum einen ganz großen Gefallen getan. Im Vergleich zum Vorjahr, als METALLICA wieder mal keine eigene Bühnen-Show zustande gebracht hatte (die seligen Zeiten der „Justice For All“-Tour 1989 sind lange vorbei) – da verpulvern wir lieber das ganze Geld in eine 3D-Film-Produktion – hatte zumindest MUSE showtechnische Akzente setzen können, wenn auch kein Vergleich zur vor Kurzem stattgefundenen Stadthallen-Show besteht. KISS spielten letztes Jahr die erwartete Show und auch bei RAMMSTEIN weiß man, was einen erwartet.

Die Publikumsreaktion und das Gedränge am Gelände zeigten, dass RAMMSTEIN in ihrer eigenen Liga spielen. Der Einstieg mit dem als „Ramm 4“ betitelten Medley, bei dem RAMMSTEIN-Songtitel als Textbausteine dienen, hat zwar Joey DeMaio mit „Blood Of The Kings“ mit MANOWAR-Songtitel bereits 1988 vorexerziert, und auch schon DIE ÄRZTE verkündeten 1995 in ihrem „Planet Punk“- Opener „Super Drei“: „Wir sind wieder da“. Auch der Refrain „Ja, nein, Rammstein“ glänzt nicht sonderlich mit Originalität, aber das war‘s dann auch schon fast mit den Kritikpunkten.

„Reise, Reise“ bildete den Einstieg in ein BestOf-Set, bei dem lediglich das darauffolgende „Hallelujah“ und das erst später dargebotene, für meinen Geschmack grauenhafte „Stripped“ (das dem Original von DEPECHE MODE nicht würdig ist) - wie schlecht kann man eigentlich (absichtlich) Englisch singen? – keine Volltreffer waren. „Zerstören“, bei dem Till eine Sprengstoffweste an hatte – um die Bild-Zeitung zu provozieren – kam ungemein brachial daher. „Keine Lust“ und „Feuer Frei“ bildeten danach die ersten großen Highlights der explosiven Show.

Endlich wurde auch wieder einmal die Ballade „Seemann“ gespielt, bei der Till auch seinen Emotionen freien Lauf lassen konnte. „Ich Tu Dir Weh“ als einziger Beitrag vom letzten Album ging in Ordnung. Richtig Stimmung kam dann aber wieder beim alten Klassiker „Du Riechst So Gut“ auf. Als dann noch „Mein Herz Brennt“ - einer meiner absoluten Lieblingssongs – diesmal ohne Piano, sondern in der orchestralen Album-Version, dargeboten wurde, war ich mir sicher, dass dies wohl die beste RAMMSTEIN Show werden würde, die ich je gesehen habe.

Danach mussten die Deutschen nur mehr ihren Jüngern „Links 2-3-4“, „Ich Will“ und „Du Hast“ predigen und alle Anwesenden waren vollends zufrieden. Bei der Zugabe „Sonne“ gab es dann aber noch einen erwähnenswerten Vorfall, der wohl zu einigen Diskussionen angeregt hat. Als das Mikro von Till während des Songs nicht mehr funktionierte, zeigte sich der Frontmann ob der technischen Fehlfunktion sichtlich angepisst und knallte es nicht ohne Kraft auf den Boden (er hätte halt doch eines von AKG verwenden sollen). (Anm. d. Lekt.: Schleichwerbung!) Gut, dass das Publikum bei den „schwierigen“ Lyrics Textsicherheit bewies.

Ob die Chose nun inszeniert war oder nicht, das darauffolgende, auf Akustikgitarren dargebotene „Ohne Dich“, zeigte die sonst sehr ernste und theatralische Band angenehm entspannt und sympathisch. So war diese Version ein wahrhaft nahbarer Moment und blieb deshalb besonders in Erinnerung. Zum Finale gab‘s dann noch den „Bravo Hits 17“-Hit „Engel“, den ich 1998 am Weg zum Jungscharlager zum ersten Mal gehört hatte und der mich nun in Erinnerungen schwelgen lies. Die brennenden Engelsflügel gab‘s diesmal zwar nicht, aber ich traue mich getrost zu behaupten, dass RAMMSTEIN dieses Mal keinen Fan enttäuscht haben.

Persönlicher Nachsatz: Die Musik außer Acht gelassen, sind für mich RAMMSTEIN vom martialischen Auftreten her die modernen MANOWAR. Statt des grimmigen, fast Furcht einflößenden Till, mimt ein Eric Adams halt den kriegerischen Sympathikus. Ich würde mir wünschen, dass meine alten Helden mit einem RAMMSTEIN-Budget gesegnet wären, damit sie bei ihrer Abschiedstournee 2017 mit einer so großen Show wie am MAGIC CIRCLE FESTIVAL 2008 glänzen könnten – da müssten sie dann nicht einmal wie damals ein siebenstündiges Rekord-Showprogramm bieten.

Nach RAMMSTEIN ging‘s auf zur offiziellen ROCK IN VIENNA Aftershow Party mit THE VINTAGE CARAVAN im „Aera“. Die Bandentdeckung des Jahres 2014 fand am 21.März 2014 statt - dem Konzertabend des Jahres mit den aktuell meiner Meinung nach besten Bands ihres Genres: GRAND MAGUS als True Metal-Band, AUDREY HORNE als Hard Rock-Band, ZODIAC als Blues Rock-Band und eben THE VINTAGE CARAVAN als Psychedelic Rock-Band. 2014 sah ich sie dann noch als Co-Headliner am LAKE ON FIRE und in der Arena vor BLUES PILLS. 2015 spielten sie auch noch vor EUROPE und vor AVATARIUM in Wien, 2016 folgte die erste Headliner-Tour mit DEAD LORD im Vorprogramm.

Für mich war, beim Konzert im Aera von Beginn an ab 23:30 dabei zu sein, eine Ehrensache, wo die Band vor den üblichen Verdächtigen und 50 weiteren "Hanseln", das Konzert des Wochenendes lieferte. Musikalisch war die Setlist vom Opener „Babylon“ vom zweiten Album „Arrival“, bis zum finalen „Midnight Meditation“ vom Debüt „Voyage“ ganz großes Kino, was die Isländer am Sonntag auf der Mindstage auch auf großer Bühne wiederholt bewiesen.


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