05.06.2016, Donauinsel, Wien

ROCK IN VIENNA 2016 - Tag 3

Veröffentlicht am 17.06.2016

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ROCK IN VIENNA - Tag 3 aka "Der Tag der Abrechnung"

Der Sonntag und somit letzte Tag des ROCK IN VIENNA Festivals 2016 war wahrscheinlich nicht nur für mich der anstrengendste und musikalisch hochwertigste Tag. Vom Opener THE VINTAGE CARAVAN bis zu den von allen Metalfans immer noch zutiefst verehrten IRON MAIDEN wurde ein fast zehnstündiges Unterhaltungsprogramm geboten, das nur durch kurze, dafür aber heftige Regenschauer Verschnaufpausen zuließ. Der Tag begann für mich um 13 Uhr bei herrlichem Sonnenschein und einer Mischung der Ausstattung der letzten Tage (kurze Hose, keine Sonnencreme, aber zumindest eine Regenjacke) und ich sollte damit bis auf einen zu verkraftenden Sonnenbrand gut gerüstet sein.

Pünktlich um 13:20 Uhr starteten THE VINTAGE CARAVAN als das erste Highlight des Festivaltages, das sich schon nach der ROCK IN VIENNA After-Show im „Aera“ am Freitag angekündigt hatte und auch auf der großen – nach einem eigenen Song umbenannten – „Expand Your Mind“-Stage überzeugen konnte. Was dieses junge, dynamische Psychedelic-Rock-Trio live ablieferte, ließ nicht nur die Hippies, sondern auch Omas (es gibt Beweisfotos!) im Publikum frohlocken. Die Spielfreude, das technische Können und die genialen Melodien bis zum Abwinken zauberten mir schon zur frühen Stunde einen fetten Grinser ins Gesicht, der vielleicht auch das Ergebnis des Whiskey-Pancake-Frühstücks bei meinen formidablen Gastgebern dieses Wochenendes war – Kalti und Dani, ihr seit die Besten (scheiß auf Air BnB)!

Das nächste persönliche Highlight war Mark Tremonti mit seiner Soloband TREMONTI. Den Gitarrenhelden meiner Jugend, der mir mit seiner, bei vielen Metalfans umstrittenen Band CREED, den Weg von DIE ÄRZTE Richtung Hard Rock geleitet hatte, durfte ich vor einem Jahr zum Interview bitten. Die Show im Juni 2015 in der ((szene)) war ein voller Triumphzug. Die auch aus den Nachbarländern angereisten Fans feierten ihren Helden auch am ROCK IN VIENNA ordentlich ab. Vor allem durch seine starke Stimme, die für mich zu den angenehmsten im Metalbereich überhaupt zählt, punktete die knappe 30 Minuten dauernde Show.

Viel Zeit für Ansagen blieb bei der kurzen Spielzeit kaum, mit den sechs Songs vom Opener „Another Heart“ vom Album „Cauterize“, über „Betray Me“ vom aktuellen „Dust“, bis zum Closer „Wish You Well“ vom Debüt „All I Was“ wurden alle Stücke gespielt und es wurde gegroovt, wie es sich gehört. Man kann vielleicht bekritteln, dass die Songs weniger Ohrwurmcharakter haben als jene von ALTER BRIDGE, Spaß machen sie vor allem live aber auf alle Fälle.

Amerikanisch ging‘s mit SHINEDOWN in bester Mainstream-Rock-Manier ohne Ecken und Kanten weiter. Die Songs „Sound Of Madness“ oder „Second Chance“ sind so eingängig wie die feuchten Muschis der weiblichen NICKELBACK-Fans. (Anm. d. Lekt.: Ein Extrasternchen für diesen wunderbaren Vergleich! Gibt es da etwa persönliche Erfahrungen dazu...? ) Musikalisch war das Ganze sehr professionell vorgetragen, diesmal zumindest besser als 2009, als Support von DISTURBED im Gasometer, als Sänger Brent Smith mit seinen zwei Mikros sichtlich überfordert war. SHINEDOWN tun aber keinem weh und groovten beim Abschlusstrack „Enemies“ zumindest amtlich. Trotzdem würde ich beim nächsten Mal lieber GODSMACK sehen, die es nach dem abgesagten „Arena“-Gig zwar zum NOVAROCK schafften, aber noch nie nach Wien.

Um 15 Uhr war die Zeit für ZAKK WYLDE, den Gitarrenhelden schlechthin, gekommen, der auch mit seiner lässigen Stimme überzeugt und mich von der erzeugten Stimmung teilweise an ALICE IN CHAINS – die beste Grunge-Band aller Zeiten – erinnert. Schon am Mittwoch zuvor hatte ZAKK ein Solokonzert im Linzer „Posthof“ gespielt und für einige Besucher eine starke Show abgeliefert, während andere sich dabei offensichtlich gelangweilt hatten.

BLACK LABEL SOCIETY sollte man dabei eben nicht als Maßstab nehmen. ZAKK hat in seinen 40 Minuten Showprogramm den Groove leider nicht gefunden und verlor sich nach dem durchaus starken Opener „Sold My Soul“, wie schon bei seiner OZZY & FRIENDS-Show in der Wiener Stadthalle, in seinen Solo-Eskapaden – die es bei dem von mir hochverehrten JOE SATRIANI nicht gibt, bei dem jeder Song eine neue, eigene Idee entwickelt. Als Poser vor dem Herrn hat Mr. WYLDE durchaus seine Berechtigung, auf einem Festival möchten wird dann nächstes Mal aber doch lieber BLACK LABEL SOCIETY sehen.

Die danach folgenden POWERWOLF sind für mich ein zweischneidiges Schwert, wie auch SABATON, die mich mit ihrem Keyboard-Gedudel und dem überproduzierten Sound fast so schlimm nerven wie ALESTORM. Als ich POWERWOLF am METALFEST 2010 um Punkt 12 Uhr Mittag mit Weihrauchfass ihre „Metal-Messe“ vor ca. 30 Leuten predigen hörte, fand ich das Ganze noch ziemlich lustig. Spätestens bei der POWER OF METAL-Tour 2011 in der „Arena“, bei der POWERWOLF noch vor den legendären GRAVE DIGGER gespielt hatten, das Publikum aber eher Ersteren aus der Hand fraß, wurde mir klar, dass sich ab diesem Zeitpunkt am traditionellen Metal-Publikum etwas ändern würde.

Das ausgiebige Touren kann man zwar als harte Arbeit durchaus bewundern und es ist nichts dagegen einzuwenden, dass eine Metal-Show auch ein Unterhaltungsprogamm sein soll. Den Titel des Songs „Resurrection by Erection“ finde ich durchaus lustig, cool sind POWERWOLF aber trotzdem nicht, vor allem Frontmann Attila Dorn (Georgij von RUSSKAYA-Lookalike!) ging mir mit seinen Ansagen schnell auf die Nerven. Wer positive Liveberichte über POWERWOLF lesen will, findet sie hier: POWERWOLF

Der musikalisch hochwertigste Metal-Act und für viele das Highlight des Festivals, waren die Franzosen von GOJIRA. Auch ich schließe mich deren Meinung an, hatten mich ihre Auftritte schon am NOVA ROCK 2012 und auch letztes Jahr am RIV begeistert. Nur wenige Metalbands verstehen es heutzutage noch zu überraschen – GOJIRA schafft dies: Mit einem unglaublich schweren Groove, den markanten scharfen Gitarrenlicks und genialem E-Saiten-Tapping.

Den Bogen vom Opener „Toxic Garbage Island“ bis zum finalen Song "Vacuity“, bildete das „The Way Of All Flesh“-Material. Dazwischen gab‘s von den Alben „Terra Incognita“, über „The Link“, bis „From Mars to Sirius“ eine Bedienung der älteren Fan-Fraktion. Da hätte ich mich wohl mehr einhören sollen, denn von dem mir besser bekannten „L’Enfant Sauvage“ wurde nur der Titeltrack geboten. Die neuen, vorab live dargebotenen Songs „Silvera“ und „Stranded“ vom kommenden Album „Magma“ versprechen jedoch Großartiges und sollten die Band jetzt wirklich dazu bringen, in Wien eine Club Show zu spielen. (Für Kalti am besten mit PAIN und THE VINTAGE CARAVAN im Vorprogramm).

Ein ordentlicher Metal-Brocken stand dem RIV-Publikum aber noch bevor. Die Show von KREATOR bediente nicht nur die anwesenden Bandmitglieder der Wiener Lokalmatadoren MORTAL STRIKE und deren Fans. Als einer der härteren Metal-Acts des RIV, schwangen Mille und Co. die Abrissbirne bis zum ersten Regenguss. Ich war nach GOJIRA aber schon ordentlich erledigt und da ich KREATOR bereits 2014 im Gasometer und 2015 auf dem BANG YOUR HEAD-Festival gesehen hatte, verfolgte ich selbst die Show nur peripher.

Die Setlist von „Enemy Of God“ über „Phantom Antichrist“ bis „Pleasure To Kill“ gab für die Anwesenden keinen Grund zur Beschwerde. Nicht nur für NIGHTWISH-Fans waren die Thrash Metal-Songs einander vielleicht eine Spur zu ähnlich, was aber immer so ist, wenn man sich mit der Musik nicht genauer beschäftigt. Böse Zungen behaupten sogar, dass es beim Thrash-Metal das erklärte Ziel sei, jeden Song ähnlich klingen zu lassen.

Nachdem der erste starke, aber kurze Regenguss vorübergegangen war, kam die nächste Keyboard-Band an die Reihe und ich muss zugeben, dass ich schon in der von vielen Fans als „selige alte Zeit“ bezeichneten Ära keinen Zugang zu NIGHTWISH gefunden hatte. In dem Genre sind mir KAMELOT und, noch mehr, EVERGREY oder die österreichischen SERENITY um einiges lieber. Von der Show lässt sich dadurch nur schwerlich berichten. Ich versuche es aber trotzdem, es soll ja auch Journalisten geben, die vorab Berichte (z. B. über RAMMSTEIN-Engelsflügel) schreiben, ohne die Show bis zum Ende gesehen zu haben.

Wie immer man zur neuen, vocal-technisch sicher hervorragenden Sängerin Floor Jansen stehen mag, ich habe einfach Angst vor dieser Frau, die hünenhaft die übrigen Bandmitglieder an Größe überragt. Als Kriegerin in der Serie VIKINGS würde das „Mannsweib“ sicher eine gute Figur machen, auf der Bühne versprüht sie bei mir aber Furcht und Schrecken. (Anm. d. Lekt.: Da scheint sich die Männerwelt ja einig zu sein. Manchen scheints ja aber zu gefallen. Feixende Grüße von der Lektoratsdomina!) Auch nicht allzu viel Grund zur Freude dürften Fans alter Stunde gehabt haben, war das älteste Stück der Setlist doch „Ghost Love Score“ vom „Once“-Album. Das durchaus starke Material vom aktuellen „Endless Forms Most Beautiful“ bildete aufgrund der neuen Sängerin verständlicherweise den Mittelpunkt. Statt den damals noch von der süßen Annette Olzon eingesungenen drei „Imaginaerum“-Songs, hätte es aber doch noch ein paar Klassiker geben können.

Mir war das als Nicht-Fan herzlichst egal und ich schaute deshalb mal bei der verspäteten DRAGONFORCE-Show auf der „Jolly Roger“-Stage vorbei, vor der sich eine ansehnliche Fan-Schar versammelt hatte, die aufgrund von technischen Schwierigkeiten in nasser Kleidung der Dinge harren musste. Höhepunkt meines „Besuchs“ war das Treffen von VAL SANS-Sänger Andy B. Diese Band wäre mir hier, oder als direkter Support von IRON MAIDEN lieber gewesen. Nachdem ich bei DRAGONFORCE wieder festgestellt hatte, dass der Gesang, mehr noch als bei NIGHTWISH, nach Mädchenband klang, kehrte ich den technisch überragenden Gitarrenwichsern und dem nervenden, auch ohne Trampolin herum hüpfenden Keyborder wieder den Rücken.

IN EXTREMO, die Mittelalter-Festival-Band schlechthin, spielten im vorerst regenfreien Zeitfenster ein kurzes Best-Of-Set. Stimmungstechnisch sind die Deutschen rund um Michael „Das Letzte Einhorn“ (was hat er sich bei diesem Künstlernamen nur gedacht?) Rhein als „Lückenfüller“ vor IRON MAIDEN keine schlechte Wahl. Die Setlist vom starken „Rasend Herz“, über die Landstreicher-Hymne „Frei Zu Sein“ und das beschwingte „Zigeunerskat“, bot den Fans feinstes Mitsing-Liedgut.

Die Klassiker „Vollmond“ und das emotionale „Liam“ bildeten dann den Höhepunkt der Show, bevor mit „Belladonna“ vom letzten Album „Kunstraub“ das Hitfeuerwerk wetterbedingt leider frühzeitig beendet werden musste. IN EXTREMO wird aber schon im Herbst die Chance gegeben, aus ihrem Köcher Hit um Hit ins Publikum abzufeuern. Das Dudelsack- und Sackpfeifen-Gedudel ging mir zumindest nicht so auf den „Sack“ wie alle Keyboards dieses Tages zusammengenommen.

Wenig verwunderlicher Weise, gab es das größte Fanaufkommen bei den ewigen Heavy-Metal-Favoriten IRON MAIDEN, die genau 30 Jahre nach ihrer letzten Show auf der Donauinsel im Rahmen der „Somewhere In Time“-Tour, die sensationelle Veranstaltungslocation wieder beehrten. Wieso werden eigentlich nicht mehr Events außer dem unsäglichen Donauinselfest hier veranstaltet? Michael „Hicks, ich habe gesprochen“ Häupl könnte den österreichischen Weinumsatz damit deutlich erhöhen.

Aber zurück zu MAIDEN, die ich erst im Jahre 2010 auf dem Sziget Festival zum ersten Mal sehen konnte. Obwohl mir die „Somewhere Back In Time“-Tour 2008 mit ihrer Setlist mehr gefallen hätte, war das Konzert – wie es für die erste Show einer legendären Band üblich ist – ein persönliches Highlight. Ich wusste 2010 ja noch nicht, dass MAIDEN ab 2011 nahezu jährlich auf österreichischen Festivals spielen würden und ich damit einer ähnlichen Übersättigung wie bei METALLICA ausgeliefert werden würde. War 2011 am NOVAROCK noch das eher durchwachsene „The Final Frontier“-Album Mittelpunkt der Show, punkteten die „Maiden England“-Shows am SEEROCK 2013 und NOVA 2014 mit einer Klassiker-Setlist, die am ROCK IN VIENNA 2016 nicht in dieser Form erwartet werden durfte.

Das neue Album „The Book Of Souls“ wurde ja bereits heftig diskutiert. Ich muss sagen, dass vor allem die Longtracks, wie der Opener „If Eternity Should Fail“, „The Red And The Black“ oder der Titeltrack live derart abwechslungsreich daherkamen, dass ich regelrecht überrascht war. Ich befürchtete, dass sich das „Hallowed Be Thy Name“-Schema – nicht nur meiner Meinung nach der beste Song von MAIDEN – das bereits bei „Fear Of The Dark“ ordentlich ausgelutscht worden war, wiederholen würde. „Speed Of Light“ und vor allem „Tears Of a Clown“ (wieso schreibt man Songs über das unheimlichste Wesen des Planeten?) fand ich weniger prickelnd.

Zwischen den sechs „Book Of Souls“-Songs glänzten aber schon die ersten Höhepunkte für viele Fans hervor, wie beispielsweise die Hymne „Children Of The Damned“. Auch die schnelleren Tracks wie „The Trooper“, bei dem Bruce wie immer die englische Fahne schwang, oder „Powerslave“, wobei er eine eigenartige, unpassende mexikanische Wrestling-Maske trug, überzeugten. Ab „Hallowed Be Thy Name“ ging der Klassikerreigen noch ordentlich weiter, „Fear Of The Dark“ war halt aufgrund des Mitsingfaktors der eingängigste Song.

Der erste Auftritt Eddies vor einer beeindruckenden Maya-Kultur-Kulisse fand bereits bei „The Book Of Souls“ statt, als Bruce dem Maskottchen das Herz herausriss und in eine Opferschale warf, um den Regengott zu beschwichtigen. War der Regen zu Beginn der Show zwar nicht mehr heftig, regnete es dann eine Stunde lang doch ganz ordentlich.

Beim Song „Iron Maiden“, dem letzten regulären vor der Zugabe, waren alle Schäfchen aber bereits im Trockenen und es konnte der Riesen-Eddie von allen Gitarristen, vor allem von Hampelmann Janick Gers, bekämpft werden. Grinsekatze Dave Murray konzentrierte sich eher aufs Gitarrenspielen und Adrian Smith war wie immer der coole Poser. Dass Steve Harris IRON MAIDEN lebt, merkt man an seiner Vollgas-Performance und auch dem Geburtstagskind Nicko McBrain sah man die Freude, wieder in Wien zu spielen, merklich an.

Die Zugaben „The Number Of The Beast“, der Comback-Track “Blood Brothers” von “Brave New World” und zum Abschluss “Wasted Years” dürften dann wohl jeden MAIDEN-Fan zufriedengestellt haben und hätten es wohl auch „Bill & Ted“ angetan. Damit fand ein großartiges ROCK IN VIENNA-Festival sein Ende, das sich gegenüber dem letzten Jahr stark gesteigert hatte, aber sicher trotzdem noch einiges an Verbesserungspotential für 2017 bereithält.


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