23.-26.06.2016, Hurricane Festival Area, Scheeßel

Hurricane 2016

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 02.07.2016

Hallo, ich bin Jazz und höre gerne Metal*! Dass mich der Stormbringer nun aber zum Hurricane schickt, ist wohl eher auf den Namen, als auf das Line-Up des Festivals zurückzuführen. Somit darf ich euch nun einladen, den Alltag eines Metallers auf einem Festival mit überwiegend Indie-Rock-Pop-Hip-Hop-Elektro-Schwerpunkten zu begleiten.

 

Donnerstag: Mit einem Klaps auf den Po in die Sintflut

 

Dass jedes größere Festival auch einen Anreisestau hat, ist ja nichts Neues, dass dieser allerdings sechs geschlagene Stunden bei brütender Sommerhitze dauert, steigert die Vorfreude auf das metallarme Wochenende nicht wirklich. Wenn dann aber gegen Abend das Zelt steht und man sich in seinen Campingstuhl fallen lässt, empfindet der langhaarige Schwarzträger das Zischen des ersten Dosenbieres** als einen Segen von Dio selbst.

 

Mit einem zweiten oder fünften Getränk geht es zum Festivalgelände – was bleibt einem Metaller in der Indie-Rock-Hölle, wenn nicht der Rausch? Im Zelt, der White Stage, spielen SWISS & DIE ANDERN unkomplizierten Punkrock, aber ich sehe mir lieber das Gelände an. Die nächsten Tage wird man vor den drei weiteren Bühnen vor lauter Hip-Hop und Indie-Rock wahrscheinlich sein eigenes Rülpsen nicht mehr verstehen können. Es gibt ein Riesenrad und eine große Rutsche, aber wie auch die Getränke- und Lebensmittel sind diese leider allzu treffende Beispiele für schmerzhafte Preispolitik.

 

Später tritt ROMANO mit den beiden geflochtenen Zöpfen auf. Der an Albernheiten orientierte Pop-Hip-Hop mit viel Elektro begräbt sich zunächst unter seinem eigenen Bass, ist nach besserer Abmischung dann aber gerade wegen seiner Einfachheit sehr feierbar. Schlagwortorientierter Partyspaß, der sich vielseitig bedient – Drum 'n' Bass, Eurodance, Reggae – und für jeden gibt es einen „Klaps auf den Po“.

 

Irgendwann nach Mitternacht – ich genieße ein weiteres gekühltes Getreidesüppchen bei den Nachbarn – verdichten sich die fallenden Himmelströpfchen zu einem wohltuenden Regen, der befreiend die Sonnencreme-Insektenschutz-Schweiß-Staub-Schicht abwäscht. Allerdings übertreibt er dann auch gleich ein bisschen: Wie durch die Wand eines Wasserfall springe ich zum Auto und sehe gerade noch, wie mein Zelt – das das Heaven-Shall-Burn-Unwetter vom With Full Force 2012 und die Schlammschlacht von Wacken 2015 ohne auch nur einen Tropfen im Inneren überstanden hat – unter der Sturmflut zusammenbricht. Die ersten fünf Minuten dieses Hagelsturmgewitters vernichten tausende Festivalhoffnungen. Zum Glück habe ich Bier im Auto.

 

Freitag: Ich bin nur wegen RAMMSTEIN hier!

 

Es regnet ein bisschen, die Sonne scheint auch nur ein bisschen, erstickend heiß ist es trotzdem. Reichlich prozentgekrönte Flüssigkeit für die Kehle hilft. Für die Trockenlegung des eigenen Zeltes reicht es gerade so. Die White Stage hat sich allerdings in ein stark verdrecktes Hallenbad verwandelt. Eventuell wäre es ratsamer, Chlor hineinzukippen und Schirmchendrinks an daneben aufgestellte Liegen zu liefern, als zu versuchen, das Wasser abzupumpen.


© Ilona Henne

Ich versuche es mit ZEBRAHEAD, in der Hoffnung, dort einen Hauch von Metal abzubekommen. Fehlanzeige. Pop Punk, der sicher rockt, wenn man Pop Punk mag. Auf dem Weg zu THE STANFIELDS weiche ich dem nörgeligen Hip-Hop von CHEFKET aus, um festzustellen, dass die Red Stage nicht bespielfähig ist. Also gibt es jetzt keinen Folk-Punk-Rock für mich. Auch der experimentelle Psycho-Elektro-Rap von HO99O9, der wenigstens metalleske bis corige Anleihen in seiner abgefahren-chaotischen Musik gehabt hätte, fällt ins Wasser.

 

Der ins Festival integrierte und angepasste Supermarkt liefert mir den Treibstoff gegen den Frust: 2015er Pino Grigio aus der Mini-Plastikflasche. Der entschädigt sogar für den rutschigen Kampf über, oder eher durch die Schlammwege. Auf einem kleinen Hügelchen ist sogar der Boden trocken. Von dort habe ich die Green Stage im Blick: ROYAL REPUBLIC transportieren mit ihrem eingängigen, sympathischen Garage Rock reichlich Tanzenergie in die Zuhörerbeine. Nach „Tommy Gun“ covern sie einen kurzen Ausschnitt aus Metallicas „Battery“, sodass ich wenigstens für einen Moment meinen Metal bekomme.

 

Als wenig später der Regen wieder beginnt, gibt es eine Durchsage, die ein Unwetter ankündigt und die Besucher in die Autos schickt, denn "das Auto ist der sicherste Ort" – ein Satz, der noch zum beinahe-offiziellen Untertitel des Hurricane 2016 wird. Auf dem Weg zu den Wagen wird wieder einmal klar, dass der aktuell unübersehbare Modetrend unter Indie-Rock-Festival-Girls Pyjama-Shorts sind. Statt dieser Belanglosigkeit hätte ich lieber ein paar Gedanken über die nun leider ausfallenden Alternative-Metaller von EMIL BULLS geteilt, aber irgendwer hat Petrus anscheinend wieder zu viel Bier gegeben. Zwei Stunden soll die Unterbrechung dauern, in denen beständig, aber nie viel Nass vom Himmel tropft – Zeit zum Auftanken.

 


© Robin Schmiedebach

 

Nach einigem Zittern wird nach fast drei Stunden das Programm verzögert fortgesetzt. ESKIMO CALLBOY spielen auf der endlich einsatzfähigen Red Stage. Während jeder zweite Festivalgast behauptet, nur wegen RAMMSTEIN hier zu sein, ist dies mein Festivalhöhepunkt. Die Jungs liefern den mit Abstand besten ESKIMO-CALLBOY-Core der Welt. Die grandiose Symbiose aus hartem Core und tanzbarem Elektro, lässt nicht nur mich jede Rücksicht auf die eigene Nackenmuskulatur vergessen und über alle Maßen ausflippen. Leider reicht die Zeit längst nicht für alle Songs, die sonst zu einem ESKIMO-CALLBOY-Konzert gehören, aber gerade aufgrund der Vermutung, das Konzert fiele der Unwetterwarnung zum Opfer, wurde hier ein Glücksmoment geschaffen – nicht nur für mich.

 

Auch „Nicht nichts“ gesagt werden darf über ANNENMAYKANTEREIT, die im Anschluss wunderbar intelligent-feinsinnigen, romantisch-realistischen Softrock mit überragender Stimme machten und dabei die große Kunst meistern, tiefen Herzschmerz ohne kitschige Übertreibungen zu texten.

 


© Malte Schmidt

 

Auf der Green Stage nebenan beginnt unterdessen ein hoher irischer Gesang, der jäh von energischem Hardcore-Folk-Punk unterbrochen wird: DROPKICK MURPHIES brüllen „The Boys Are Back“. Zu „Jonny I Hardly Knew Ya“ wird gemeinsam gegrölt, zu „Out Of Our Heads“ wird gemeinsam getanzt und zu „Never Forget“ gemeinsam in Erinnerungen geschwelgt. Während ein hölzerner Luftschifffahrer über die Zuschauerköpfe rudert, läuft der moderne Klassiker „Rose Tattoo“, bevor „Shipping Up To Boston“ den grandiosen Abschluss macht.

 

Nur einen Eichhörnchensprung entfernt auf der Blue Stage beweisen TRAILERPARK, wie unterschwellig tiefsinnig – Nicht weitersagen, sonst gibt es ein Imageproblem! – Assi-Elektro-Hip-Hop sein kann: Party pur, umgeben von Themen wie Drogen, diversen Sexualpraktiken, Fledermäusen und Pokémon.

 

Warum sind eigentlich circa 50% der Festivalgäste hier? Wegen RAMMSTEIN, für die man im Gegensatz zum Wacken Open Air nicht stundenlang anstehen muss, um dann von ganz hinten auf Leinwände zu starren. Ein Countdown läuft runter und die Band beginnt gleich mit einer Zusammenfassung ihrer größten Hits, beenden danach die Show aber nicht, sondern spielen die meisten dieser Songs leider auch noch in voller Länge. Das Publikum reagiert begeistert bis ekstatisch auf die Schlagwort-Songs wie „Reise, Reise“, „Hallelujah“, „Zerstören“, „Keine Lust“, „Feuer Frei!“ und „Ich will“. Dann gibt es natürlich noch die Songs, bei denen selbst ich mit meinem hier künstlich aufrechterhaltenen Anti-Mainact-Gefasel nicht meckern mag: „Mein Herz brennt“, „Links 2-3-4“, „Du hast“, „Sonne“, „Amerika“ und der alles überragende „Engel“.

In gewohnter, mittlerweile wohl langsam Alte-Deutsche-Härte-Manier wird gerockt und dazu gibt es natürlich auch reichlich Lichter, Dampf, Flammen, Funken, Feuerwerk und Inszenierungen.

 


© Malte Schmidt

 

Bereits mitten in der Nacht stapeln K.I.Z. intellektuell sehr tief, wenn sie behaupten, sie wären „Urlaub fürs Gehirn“. Mit ihrem elektrolastigen Hip-Hop sind sie zwar sehr auf Party ausgerichtet, aber – wie schon das aus Panzer und Statuen bestehende Bühnenbild zeigt – auch sehr sozialkritisch unterwegs, was nicht zuletzt und doch zuletzt der hervorragende Song „Hurra die Welt geht unter“ beweist – mit Refrainunterstützung von Hennig May von AnnenMayKantereit.

 

Samstag: Fällt aus wegen ist nicht!

 

„Sag mal, bin ich besoffen?“, frage ich mich, als beim Aufwachen der Boden wabert, aber das lautstarke Prasseln auf dem Zeltdach erklärt meine Wasserbettsituation: Ich schwimme und ringsumher prallen gigantische Regentropfen auf das große braune Meer. Ich zwinge meine geschundenen Füße in die Schlammklumpenschuhe, frage mich, wie sinnvoll es wohl wäre, meinen Nacken einzugipsen, und wate zum Bier.

 

FJØRT fallen aus. Schade, denn ihr deutschsprachiger Post-Hardcore-Lärm hätte mit seiner verzweifelten Tragik fraglos ins Bild der bestehenden Weltuntergangsoptik gepasst. KVELERTAK fallen aus. Schade, denn auch die norwegische Mischung aus Black Metal, Rock 'n' Roll und Hardcore Punk hätte eine einzigartige Horizonterweiterung für die Hurricane-Gäste sein können. SKINDRED fallen aus. Schade, denn die hätten wunderbar den hier verbreiteten Hip-Hop mit Punk und Metal gemischt. BLUES PILLS, FLOGGING MOLLY, THE OFFSPRING, THE PRODIGY, alle fallen aus. Das Festival ist im Gegensatz zu seinem zeitgleichen Pendant, dem Southside, nicht abgesagt, aber es findet auch nicht mehr statt – jedenfalls nicht heute.

 


© Lichtgestalten

 

Gemeinsam schreiben die Gäste, das #HurricaneSwimTeam, über den Festivalsender Camp FM einen treffenden Song:

Am sichersten seid ihr im Auto,

denn Blitzableiter spielt man nicht gern,

und saufen könnt ihr da genauso,

wer möchte, kann sich auch vermehr'n!“

 

Sonntag: Nach der Flut

 

Während die Nässe auf dem Rückmarsch ist – auf dem Campground durch die aufkommende Sonne, auf dem Infield durch Hochleistungspumpen –, werden mehr und mehr Abreisende von den unbedingt dafür notwendigen Traktoren durch den Schlamm geschleppt. Aber was mache ich nur mit diesem letzten Festivaltag, bei dem so gar kein Metal mehr auf dem Programm steht? Richtig! Keine Zeit verschwenden und ein höchst wissenschaftliches Experiment wagen: Wie viel Schnaps braucht ein Metaller, um Hip-Hop so richtig genießen zu können?

 

Am frühen Nachmittag spielen ZUGEZOGEN MASKULIN. Perfektes Testobjekt für den schwer torkelnden Metalhead: intellektueller Feuilleton-Hip-Hop, der nicht – wie so viele andere – auf Elektro-Party setzt. Die schrottig-geniale Hysterie-Stimme von ADHS-Rapper Grim104 und die Depri-Drogen-semi-retard-Coolness von Testo vereinen sich zu ganz großer Lyrik – oder ist das der Wodka-Energy, der da aus mir spricht? Fakt ist, dass hier bei bester Stimmung mehrere hervorragende Walls of Death stattfinden. Hopper, ihr habt es viel mehr drauf, als wir Metaller manchmal glauben!

 

Für die Strandbar-Musik von TOM ODELL oder den Iron-Man-Masken-Rapper LANCE BUTTERS reicht der Pegel dann aber doch nicht. Aber beim Supermarkt gibt es Wassermelonen im Angebot und ich habe noch Wodka. Perfekt für das Europameisterschaftsspiel Deutschland gegen die Slowakei. Was ich vergessen habe, ist die Tatsache, dass nicht einmal ein anständiger Vollrausch davor schützt, was besoffene Fußballfans so von sich geben, wenn sie sich für klüger als der Kommentator, der Trainer und die Spieler zusammen halten. Ich: Flucht! Schnell!

 

Da machen FRAKTUS doch gleich vielmehr Spaß. Als „Erfinder des Techno“, beweist die „beste Liveband Deutschlands“ – kann man zwei Tage nach dem Auftritt von Rammstein ruhig mal behaupten – erneut, dass sie die erste, einzige und letzte Hoffnung für das Elektro-Genre sind: intelligent, witzig, albern und bescheuert.

 

Der Versuch, danach noch in den emotional starken Hip-Hop von PRINZ PI reinzuhören, wurde sehr durch den gleichzeitig von der Nachbarbühne herüberdröhnenden Elektropop-Indie-Rock von TWO DOOR CINEMA CLUB gestört. Doch bevor der Tag und damit das Huricane-Festival endet, sorgen die Elektro-Hopper DEICHKIND noch mit reichlich „Krawall und Remmi Demmi“ für Stimmung.

 


© Christoph Eisenmenger

 

Fazit: heiter bis wolkenbrüchig

 

Das Unwetter-Festival Hurricane 2016 ist überstanden und der Trve-Metaller wird sagen, dass ja überhaupt gar kein Metal gespielt hat. Wenn man den großartigen Trancecore von ESKIMO CALLBOY und die überall heißgeliebte Neue Deutsche Härte von RAMMSTEIN, sowie den Hardcore-Folk-Rock von DROPKICK MURPHYS nicht zu Metal zählt, dann muss ich sogar zustimmen. Nichtsdestoweniger ging es aber bei Hip-Hop-Acts wie ZUGEZOGEN MASKULIN und K.I.Z. metalmäßig ab und die ganze Bandbreite von Pogo-Mosh-Circle-Wall-of-Death-Pits ist ohnehin weit über das Metalgenre hinaus verbreitet. Ein Festival, das tapfer gegen das Wetter gekämpft und dabei oft nicht gewonnen hat, geht zu Ende und hinterlässt trotz vieler enttäuschter auch viele, viele begeisterte Besucher.

 

 

* Dieser Bericht kann Spuren äußerster Subjektivität enthalten!

 

** Der Autor empfiehlt einen gesunden Lebensstil und möchte darauf hinweisen, dass exzessiver Alkoholkonsum sehr ungesund ist!


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