16.6. - 19.6. 2016, Dessel,

Graspop Metal Meeting Tag 3 Samstag

Text: Lisi Ruetz | Fotos: Florian Bemsel
Veröffentlicht am 12.07.2016

Zugunsten eines (gesunden) Frühstücks begann der Festivaltag ein wenig später, die ersten Bands durften ohne unsere Anwesenheit spielen. Außerdem musste das Zelt von Fotografen-Flo umziehen. Wir wollten ihm nämlich nicht den liebevollen Spitznamen „Titanic“ geben. Dadurch schlug man dann auf dem Gelände auf, als HALESTORM jeden möglichen Hagelschauer in die Flucht schrien. Ja, das Wetter, obwohl nur noch wenig Regen angesagt war, hatte sich weiter verschlechtert - wenn auch kein starker Regen, so nieselte es immer wieder, kurze „nasse“ Intermezzi. Nur zum Ärgern.

Ich hatte mich jedenfalls auf HALESTORM gefreut. Die Power-Röhre von Lizzy Hale war auch dementsprechend unverkennbar und von weitem vernehmbar. Tatsächlich hagelte es eine kraftvolle und energiegeladene Performance. Die Hard Rock-Hymnen, die auf das Bühnenparkett gescheppert wurden, entfachten ordentlich Feuer unter den doch schon zahlreich aus dem Matsch gekrochenen Zuhörern. Leider war da fast ein wenig zu viel Energie in den Gesangsparts, denn Lizzy Hale schrie alles raus, was in ihren Eingeweiden festzuhängen schien. Und das avancierte zum Ende eines jedes Songs dann doch zu einem wilden Gekreische. Was anfänglich mit Bewunderung und kraftvollem Mitrocken belohnt wurde, wurde gegen Ende des Sets hin ein wenig „langweilig“ im Sinne von „nicht schon wieder“. Ein wenig schade, doch man kann nicht alles haben.

Deswegen tat es den Ohren eigentlich ganz gut, als man sich zurückzog, um PENNYWISE von etwas weiter hinten, unter dem vor dem einsetzenden Regen schützenden großen Zeltdach, zu beobachten, während man sich gemütlich die Kehle befeuchtete. PENNYWISE kamen auch bei der feiernden Meute hinten gut an, waren schwungvoll und rockiger als eigentlich gedacht. Sie brachten guten Schwung und trieben so manchen Fan immer wieder unter dem Zeltdach hervor, um dann doch vor der Bühne zu feiern. Für mich persönlich die Gute-Laune-Begleitmusik zum Mittagessen. 

Kaum hatten PENNYWISE die Bühne verlassen, gab es auch für uns einen Ortswechsel. SKINDRED sollten die „Jupiter Stage“ aufmischen. Die Mischung aus harten Klängen und Reggae-Hip Hop-was-weiß-ich klang zumindest auf den bisher gehörten Aufnahmen ganz interessant. Ob dies auch für ein komplettes Set reicht oder SKINDRED schon nach drei Songs anfangen zu nerven, würden sie mir nun beweisen. Das Ende vom Lied: Wir blieben bis zum Ende vom Lied… beziehungsweise bis zum Ende des gesamten Sets. Der frische und treibende Sound riss die dicht gedrängte Masse mit, brachte die Reihen zum Springen, Tanzen, Durchdrehen. Die Stimmung kochte über und ich kam nicht umhin, mir zu überlegen, was SKINDRED wohl auf einer der Hauptbühnen angestellt hätten. Mit Sicherheit hätten sie auch diese ordentlich weggerockt, denn der Sound steckte einfach jeden an, der der Bühne zu nahe kam. Groove, Rhythmus, gemischt mit der Härte der Riffs ließ alles andere vergessen. 



Ungewohnt gut gelaunt nach dieser ungewöhnlichen musikalischen Mischung wurde es wieder Zeit, sich vom Herrn Fotografen zu trennen. Verschiedene musikalische Interessen trieben ihn zu JEAN BEAUVOIR und mich zu den letzten Klängen von SKILLET und dann zu KILLSWITCH ENGAGE. SKILLET hatte nur noch drei Songs für mich, die ich aber genießen konnte. Aufgefallen ist mir die Truppe durch die etwas ungewöhnliche Formation und Aufstellung. Male vocals, dafür eine Frau an den Drums, die sich gleichzeitig immer wieder als Zweit-Vocalistin hervortut, ist nun keineswegs alltäglich. Auf alle Fälle hätten SKILLET länger spielen können. Nach der doch überschäumenden Performance von SKINDRED waren SKILLET perfekt, um wieder auf normalen Pegel zu kommen. Rockig schwungvoll und doch gemütlich genug. SKILLET haben live großes Potenzial, rocken ihren Sound vollkommen überzeugend herunter, ohne dabei albumfixiert zu klingen. Es passiert ja dann doch hin und wieder, dass live-Sound und Album so ähnlich klingen, als hätte man dieses im Hintergrund mitlaufen [so wie etwa bei MANOWAR - Anm. d. Red.]. 

KILLSWITCH ENGAGE, eine Band, die ich nicht in vorderster Front erleben musste, aber die auch von weiter hinten überzeugte. Eigentlich hätte ich weniger erwartet - doch live schafften sie es, die Bühne abzureißen, ohne mit Krawall-Einheitsbrei alles niederzuprügeln. Die Mischung aus harten Screams und klaren, kraftvollen Vocals kam mit ordentlich Druck. Gleichzeitig war genug Feinschliff und musikalisches Geschick mit von der Partie, dass auch ein Nicht-Fan unweigerlich zumindest mit dem Kopf nicken musste. Und so katapultierten sich KILLSWITCH ENGAGE für mich persönlich aus der Rolle der Übergangslösung, wie anfänglich geplant. Denn gleichzeitig schlichen sich PARADISE LOST mit tief tragendem Sound auf der „Marquee“-Bühne an. Nachdem die Herren KILLSWITCH ENGAGE also mit ihren durchaus immer wieder witzigen Zwischenansagen von Titten und Schwänzen begonnen hatten, sah ich meine Zeit gekommen, die Bühne zu wechseln, wenn auch nur für einen kurzen Abstecher. PARADISE LOST waren zwar getragen und trotzdem treibend und lieferten ordentlich ab, aber es fiel nicht leicht, von Tempo 200 nun auf den doch sehr breit getretenen, doomigen Sound von PARADISE LOST umzusatteln. Ich harrte für ein paar Lieder aus, doch die Stimmung wollte nicht überschwappen. Viel zu sehr war ich noch unter Strom, also wurde doch wieder umgesattelt und die Hauptbühne mit KILLSWITCH ENGAGE hatte mich wieder [Titten und Schwänze rulen eben; Anm. d. Red.]. 

Schwungvoll sollte es dann weitergehen, TESTAMENT schlugen in bester Thrash-Manier ein und trieben spätestens jetzt den Puls nach PARADISE LOST wieder auf Double Time. Geht doch. Egal, wie lange die altgedienten Mannen schon auf der Bühne stehen, jeder Song ist immer noch ein Volltreffer. Alt werden? Fehlanzeige! Die Feierlaune im Publikum war ungebrochen und ließ auch mich nicht unbehelligt. Dies artete soweit aus, dass nach TESTAMENT nun endgültig eine kleine Pause eingelegt werden musste. 

Wieder halbwegs fit für die letzte große Runde des heutigen – mittlerweile – Abends eilte ich voller Vorfreude zum „Metal Dome“. Ja genau, die Bühne, die mir ohnehin schon sehr viel Spaß gemacht hatte. TESSERACT waren angetreten, progressiver Sound aus dem großen (oder nicht mehr ganz so großen) Britannien. Und fegten mich weg. Der Sound war glasklar und jede Note exakt und auf den Punkt. Das Bühnenbild bestand lediglich aus den Umrissen des Tesseracts, der hin und wieder die Farbe wechselte. Das Bühnenlicht war daran angepasst. Die Passagen zwischen fast schon sphärischer Getragenheit und verschachtelter Progressivität mischten sich perfekt und ließen am Ende des Konzerts nur einen Schluss zu: Auf CD klingen die nicht so geil wie live



Noch im absoluten Hochgenuss schwelgend taten mir GHOST schon fast Leid, denn auf TESSERACT konnte nicht mehr viel kommen, was mich noch so richtig wegzupusten vermochte. Glücklicherweise hat das Graspop eine riesige Auswahl an Hochkarätern parat. Es war nicht schwer, sich auf GHOST umzustellen. Über die Musik muss man hier keine großen Worte mehr verlieren. Harter Rock/Metal im düsteren Gewand, eine klare Stimme und hookige Melodien. Soweit nichts Außergewöhnliches. Faszinierend ist die Bühnenshow, die Masken, die Kostüme und vor allem das übertrieben aristokratisch-überhebliche Gehabe des Sängers, der gerade deswegen so großartig rüberkommt. Kein Headbangen, kein Antreiben der Massen, kein wildes Herumgehüpfe. GHOST lebt von der Bedachtheit und der Langsamkeit der Bewegungen, von den Küsschen am Ende eines Songs, die der Sänger ins Publikum fliegen lässt, von minimalen Handbewegungen. Eine Band zum Feiern – resistance is futile!

Das volle Thrash-Brett wurde am heutigen Samstag auch geboten. Nachdem ich mir OBITUARY erspart hatte, gab es nun SLAYER auf die Ohren. Und wie gewohnt brauchte man kein Programmheft, um zu erfahren, wer als nächstes dran war, als die obligaten „SLAYER!!!“-Rufe von allen Seiten ertönten. Ja, ich muss gestehen, ich mag Thrash, aber diese Truppe hat mich noch nie begeistert. Deswegen blieb meinereiner auch in gebotenem Sicherheitsabstand. Allerdings muss ich auch hier zugeben, dass mich die Thrasher positiv überrascht haben. SLAYER gingen gut ab und trieben nicht nur sich sondern auch das Publikum erneut zu Höchstleistungen an. SLAYER sind eben doch nach wie vor an vorderster Front, wenn es um Thrash geht, und daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Ein paar Jährchen Erfahrung haben sie ja immerhin schon und dadurch auch zwei, drei altgediente Fans, die den Jungen zeigen, wie es geht.

Der Kontrast konnte kaum größer sein, als keine zehn Minuten nach den letzten geschrammten SLAYER-Klängen NIGHTWISH das Hauptabendprogramm einläuteten. Auch wenn ich die Finnen musikalisch schon jahrelang verfolge, reißt mich das neue Album nicht vom Hocker, weswegen ich nicht allzu viel erwartete, aber trotzdem hoffnungsvoll gespannt war. Und auch NIGHTWISH sollten mich eines Besseren belehren. Eine Wahnsinns-Bühnenshow, viel Energie und Power, eine kraftvolle Stimme, wie man es eigentlich von Floor Jansen gewöhnt ist (nur nicht vom neuen Album), astreine musikalische Leistung. NIGHTWISH waren ein würdiger Headliner und durch die Effekte, die visuelle Show und die Pyrotechnik wurde noch mehr Bombast in die leider viel zu kurz anmutende Bühnenzeit gelegt. Lediglich bei der Textzeile (aus Nemo): „How I wish for soothing rain“ - in  strömendem Regen - hätte ich gern jemanden von der Bühne gehauen. Aber wir wollen hier nicht pingelig werden. Der Songwriter kann ja nix dafür, dass es damals in der finnischen Einsamkeit 35 Grad im Schatten und wüstenähnliche Verhältnisse hatte. Da kann man sich schon mal ein paar Tröpfchen Regen wünschen. NIGHTWISH haben live die volle Punktzahl erreicht und für ihre Live-Shows kann ich eine absolute Empfehlung aussprechen.

Da sollte es für VOLBEAT noch schwer werden, mitzuhalten. Auch wenn der typische Klang der Band sofort reinhaute und die Größe und Professionalität der Band unumstritten zu hören und zu sehen war, ähnelten sich die Lieder mit der Zeit dann doch zu sehr [gähnschnarch; Anm. d. Red.]. Oder ich war einfach zu müde und nicht mehr empfänglich für die eigentlich gern gehörte Band. Aber nachdem mich VOLBEAT nicht packen konnten und ich mir das volle Set nicht antun wollte, beschloss ich nach der Halbzeit den Abend Nacht werden zu lassen und verkroch mich dann doch in meine Zeltinsel. Immerhin war da immer noch ein weiterer, großer Tag, der folgen würde.

Der Samstag hatte eine unglaubliche Banddichte und auch Bandbreite an Genres zu bieten, und auch wenn es manchmal schade ist, dass man eine Band zugunsten einer anderen liegen lassen muss, ist es – wie bei KILLSWITCH ENGAGE und PARADISE LOST - dann wieder ein Pluspunkt. And the winner of the day is… mein immer noch trockenes Zelt! Na dann, gute Nacht. 

 


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