16.6. - 19.6. 2016, Dessel,

Graspop Metal Meeting Tag 4 Sonntag

Text: Lisi Ruetz | Fotos: Florian Bemsel
Veröffentlicht am 13.07.2016

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Da schwebt etwas Gelbes am Himmel. Es ist rund. Es strahlt. Sollte das Ungeheuer aus „Erik der Wikinger“ nun auch in Belgien erscheinen? Nein, es war die Sonne. Tatsächlich und spürbar! Was für ein Abschluss! Ich nach wie vor erstaunlich fit, musste sich der Herr Fotograf Mut antrinken… oder Zucker, denn meine mitgebrachte Flasche Met war nach einem Zug nur noch halbvoll. Nachdem wir das heutige Programm durchgegangen waren, beschlossen wir uns erst einmal mit Kaffee zu begießen, ehe es vor die Bühnen ging. Tatsächlich schien das Gelände schon am frühen Morgen doppelt so voll zu sein als an den anderen Tagen. Die Sonne und der mittlerweile auf dem Gelände trockene Boden lockten wohl sämtliche Kellerleichen aus ihren Zeltinseln. Nicht, dass wir auf dem Zeltgelände nicht trotzdem morgendliches Schlammtreten gehabt hätten. Aber egal, ob zehn Uhr vormittags oder Mitternacht. Im Gegensatz zu mancher Gummibestiefelung – meine Bergschuhe sitzen. 

Nachdem ich dem Herrn Fotograf von THE ALGORITHM erzählt hatte, die ihm wahrscheinlich gefallen könnten, ich mir aber unsicher war, ob die relative Elektronik-Lastigkeit der Mathematik-Metal-Truppe (oder wie auch immer diese Spezialisten sich nennen), live vielleicht etwas zu intensiv und nervig sein könnte, schafften wir es doch tatsächlich – wenn auch nicht ganz so pünktlich - zum… Metal Dome! Meine erklärte Lieblingsbühne! Es war ein Versuch. Und was für einer. THE ALGORITHM schlugen sich durch Mark und Bein, die elektronischen Klänge und Samples waren zwar zwischen den gitarrenlastigen Experimentierlinien recht übermächtig, doch ineinander sehr gut abgestimmt, sodass das Gesamtbild einer gut durchdachten und extrem versierten Band zustande kam. Ich wurde nicht nur positiv überrascht, sondern auch vollkommen mitgerissen. Der Soundteppich, der einem entgegen schlug, gepaart mit den teils polyrhythmischen, auch manchmal atonalen Intermezzi und dann wieder kollektives Fast Forward, um den Drive der Musik nicht zu verlieren, gestaltete sich zur Punktlandung. Toller Auftakt!

Irgendetwas stimmte heute allerdings mit der Running Order auf den Hauptbühnen nicht. Oder klingen SHINEDOWN mit einem Mal wirklich so core-lastig? Habe ich etwas verpasst? Nun, bis zur Bühne vor konnte ich nicht sehen, also wurde beschlossen – nachdem der Sound nicht so unseres war – erst einmal ausführlich zu frühstücken. Im Nachhinein, erst ziemlich spät, bemerkten wir, dass wir nicht SHINEDOWN gehört hatten, sondern SICK OF IT ALL. Das erklärte alles [...alles!?; der Korr.]. Eine Band am Anfang war ausgefallen, dadurch hatte sich die Running Order geändert. Allerdings wurden die nachfolgenden Spielzeiten nicht einfach vorgezogen, sondern irgendwie durcheinander gemischt. Das hatten wir allerdings noch nicht durchschaut. Dadurch, dass das Frühstück gerade so gemütlich – und auch sehr abwechslungsreich und genießbar war – war für uns zwar klar, dass es eine kleine Änderung gegeben haben musste, aber als anschließend OVERKILL loslegten, schien die Welt wieder in Ordnung. Wer schaut schon auf die Uhr, wenn er eine Running Order-Liste in der Tasche hat? 

Jedenfalls konnten OVERKILL [Ich hoffe, es waren auch wirklich Overkill! d.Korr.] mit vielen speedigen Krachern und einer energiegeladenen Show schon um diese Zeit ordentlich punkten. Die Meute wirkte ähnlich wie Solarzellen heute noch wilder und war kaum zu halten. Dies war wohl auch der Hauptgrund, warum ich mich mit der Bühnennähe etwas zurückgehalten habe. Moshpits sind nicht meine Freunde. Dies schmälerte aber nichts an dem mitreißenden Krach, der da über das Gelände geschrammt wurde und permanent weitere Massen anlockte. Der letzte Festivaltag versprach einer zu werden, der sämtliche Reserven fordern würde. 

Nach Checken des Programms fiel uns auf, dass wir einen Spielort noch gar nicht näher in Augenschein genommen hatten. Das Classic Rock Cafe, an dem wir jeden Tag vorbeigetrampelt waren, war uns bisher durch die Lappen gegangen. Da sich gerade VAN HAGAR, eine Van Halen-Coverband für den Auftritt vorbereitete, war dies die Gelegenheit, mal reinzuschauen. Das Classic Rock Café war tatsächlich einer Rockbar nachempfunden. Eine kleine Bühne, davor Platz für „stehendes Publikum“, viele Tische mit Barhockern, Treppen, die auf Erhöhungen führten, auf denen es noch mehr Tische und Platz für Zuschauer gab. Der perfekte gemütliche Absacker mitten auf dem anstrengenden Festival. Eine tolle Erfindung und schade, dass dies erst jetzt entdeckt wurde – also von uns. Machte aber nix, man hatte doch eh keine Zeit. VAN HAGAR ließen jedenfalls nichts anbrennen. Tolle Musiker und ein Sänger, der den Stil und die Stimmung von Van Halen großartig herüber brachte, vergriffen sich an einigen älteren, sowie sehr bekannten Songs gleichermaßen. Viel Nebel, das Ambiente, ja man fühlte sich schon ein paar Jährchen in die Vergangenheit versetzt [könnte auch der Met gewesen sein...; d.Korr.]. Wären noch Sitzplätze frei gewesen, hätte man es durchaus länger hier aushalten können. 



Aber wir hatten doch keine Zeit. Abgesehen davon, dass noch einige Bands auf uns warteten – oder eben nicht warteten und ohne uns weitermachten, wenn wir uns nicht beeilten – musste mein Rucksack gepackt und mein Zelt abgerissen werden. Für mich ging es ja schon am Abend wieder nach Hause. Nachdem dies erledigt war, trabte ich zurück aufs Gelände, während der Herr Fotograf noch ein wenig Pause machen und man sich für SAXON wieder treffen wollte. 

Leider kam es anders als geplant. Die Bandverschiebungen zogen sich wohl noch immer, denn als ich ankam, waren SAXON schon voll bei der Sache und der Igel schon am Landen… ähm, der Adler. Mittlerweile kann ich nicht mehr zählen, wie oft ich SAXON schon live gesehen habe, aber jedes Mal will ich wieder mitfeiern. Biff Byford und seine Mannen wollen einfach nicht an Potenzial und Rocker-Qualitäten einbüßen und liefern immer und immer wieder eine astreine, mitreißende Show. Auch wenn man den „steel eagle“ schon hundert Mal blinken gesehen hat und die Hits aus dem Ärmel geschüttelt mitgröhlen konnte, tut man jedes Mal aufs neue seine verdammte Pflicht! Und man wird der Kracher auch einfach nicht müde, die SAXON immer wieder ausgraben, denn von den „alten Sachen“ ist immer wieder was dabei, egal ob „Denim And Leather“ oder „Motorcycle Man“ – SAXON rocken alles weg. Mehr Worte muss man dazu nicht verlieren. 

Nachdem wir gespannt auf TREMONTI gewartet und den ersten Liedern eher kritisch gelauscht hatten, beschlossen wir, dass die hinteren Reihen, inklusive einem gemütlichen Platz auf dem trockenen Boden und etwas Flüssigem in der Hand doch der bessere Platz wäre, um TREMONTI zu hören als die vorderen Reihen. Auch wenn die Truppe schwungvoll-rockend durch das Programm führte, wollte der Funke nicht so recht überspringen. Einen geeigneten Platz gefunden, fiel uns auch auf, dass die Sonnenstrahlen schon die ersten Krebse erschaffen hatten. Während wir noch witzelten, dass wir wohl von Engländern umrundet waren, die jeden Sonnenstrahl in rote Haut-Farbe umwandeln, erhob sich der Herr Fotograf von seinem kurzen Nickerchen… mit einer knallroten Birne. Und wusste so gar nicht, warum wir ihn so strahlend auslachten…ähm anlachten.

 
Nun war es Zeit für metallischen Segen. POWERWOLF begannen mit ihrer Heavy Metal-Messe und das taten sie mit viel Spielfreude und ordentlich Schwung. Die Massen vor der Bühne vermehrten sich ständig, so schien es. Und sie waren alle gekommen, um auf Heavy Metal-Art Party zu machen. Denn mit den vielen Mitsing- und Mitgröhl-Songs, den Melodien, die ins Ohr gingen und dem schnellen Rhythmus waren POWERWOLF ideal für genau das. Die Sonne schien und der Sänger wurde einfach nicht müde, die Meute noch mehr anzuheizen. Erneut eine Metal-Messe, wie man sie von POWERWOLF kennt.

Minimal vernichtender wurde es dann mit ANTHRAX. Sie lieferten das volle Brett, eine kraftvolle und druckvolle Performance, die keinen Moment an Spannung nachließ. Selbst weiter hinten – mittlerweile hatte man ohnehin nur noch mit Qualitäten, die eines Schlangenmenschen würdig waren, die Chance, weit nach vorne zu gelangen – wurde man noch vom schneidenden Rhythmus mitgerissen und musste ANTHRAX Aufmerksamkeit schenken, ob man wollte oder nicht. Nun, ich wollte. Die Kerle machten Druck und trieben die wachsende Menschenmasse vor der Bühne noch einmal ordentlich an. 

TRIVIUM fielen dann großteils dem Hunger zum Opfer, den wir verspürten und vor dem Haupt-Act noch stillen mussten. Die Band war am Donnerstag schon Surprise Act und vom Fotografen-Flo schon als sehr sehenswerte und geniale Live-Band attestiert worden. Dennoch lieferte TRIVIUM lediglich die Begleitmusik auf der Essensjagd. Das was man allerdings hören konnte, bestätigte den Eindruck, dass die Truppe auf einer Hauptbühne genauso gut aufgehoben waren wie in der Zeltbühne des Warm-ups.
 
Dann hieß es aufstehen und sich bereit machen für den „Trooper“, „Run To The Hills“ und „Book Of Souls“. IRON MAIDEN! Zuerst aber kam noch der große Abschied. Fotograf mit Anhang wollten ihre Schlangentechniken anwenden, um sich Bruce Dickinson und Co. näher anzusehen, während ich weiterhin etwas hinten stehen blieb. Durch das etwas abschüssige Gelände war es für mich als kleinen Menschen sehr angenehm, weiter hinten doch noch ein paar Blicke zur Bühne erhaschen zu können. Zudem schrie mich jetzt schon die montägliche Arbeit an, gefälligst an meine Pflicht und nicht meinen Spaß zu denken. Die Stimme wurde allerdings gekonnt ignoriert und stattdessen der von Bruce Dickinson gelauscht. Dieser packte direkt mit den ersten Songs von „Book Of Souls“ aus, untermalte die Übergänge mit witzigen und sehr sympathischen Ansagen (er sprach sich über das Alter des Publikums aus und meinte, das wäre gleich wie mit den Maiden-Songs „I wouldn´t call it old, I´d call it legacy!“). Er widmete den Song „Tears Of A Clown“ Robin Williams und riss dann in der Mitte des Sets mit „The Trooper“ die Massen um. „Fear Of The Dark“ und „Wasted Years“ waren ebenfalls zwischen den neuen Songs vertreten. Es war absolute Hochstimmung angesagt, die Leute feierten über die Generationen hinweg eine Band, die ganz klar alt und jung einte. Eine fantastische, power-geladene Performance, die ich bis zum Abgang unter Monty Pythons „Always Look On The Bright Side Of Life“ genießen musste, ehe ich – leider fluchtartig – das Gelände verlassen musste, um mich dann auf dem Weg zu meinem Auto noch zu verlaufen. 

Dies hatte wohl auch eine gute Seite, denn so bekam ich noch relativ viel von TWISTED SISTER mit, die von außerhalb klangen, als würden sie ein ganzes Stadion in Stimmung bringen. Doch die energiegeladene Stimme Dee Sniders sollte dann doch gleichzeitig der Abschiedsgruß vom Graspop Metal Meeting sein. 

FAZIT: Anstrengend war es allemal, das Wetter hat es nicht einfach gemacht. Dennoch waren Organisation und Aufmachung des Festivals astrein und die Breite und Masse der Bands nahezu unschlagbar. Ich befürchte, dass ich diese große Party im Auge behalten und nächstes Jahr wieder auf der Matte stehen werde. Wer also belgische Festivalpreise nicht scheut und ansonsten eine gut organisierte Veranstaltung besuchen möchte und die nötige Ausdauer mitbringt, dem sei das Graspop wärmstens ans Herz gelegt. 

 


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