03.08. - 06.08.2016, Wacken Festival Area, Wacken

Wacken Open Air 2016 - Donnerstag - Ein bisschen Rain muss Shine

Veröffentlicht am 11.08.2016

Da Kollege Jazz bereits am Vortag die Eroberungsfahne in den heiligen Acker gespießt hat, befindet er sich zu der nachtschlafenden Uhrzeit, zu der ich heute meine 27 Rücksäcke in die U-Bahn bugsiere, vermutlich irgendwo zwischen der Reise ins Traumland und dem Meet-and-Greet mit der Kopfschmerzfee.

Mit fortschreitender Zielannäherung kommt das seltsame Heimatgefühl auf, dass einen normalerweise nur dann überfällt, wenn man von einer Weltreise zurückkehrt. Denn ich – so dachte ich mit theatralischer Stimme – bin das verlorene Schaf, das vor beinahe zehn Jahren beschlossen hatte, NIE wieder das W:O:A zu besuchen. Aus Gründen, die ich vergessen habe, denn jetzt bin ich ja offensichtlich doch wieder da.

Hinfort mit der sentimentalen Scheiße, nächster Halt: Partybahnhof Itzehoe! Menschenmassen, jemand schreit heiser: „Ist das geil hier alles, ey!“, und dann fahren wir mit dem lautesten Bus Norddeutschlands zum Festivalge... Ach nee, irgendwie doch nicht. Itzehoe ist komplett ausgestorben. Um 8 Uhr früh sind die einzigen lebenden Menschen weit und breit ein Taxifahrer und ein stark angesoffener Pfandsammler im Wackenshirt, der an der Bushaltestelle sitzt und behauptet, ihm sei schon drei Mal alles gestohlen worden bis auf diesen einen Müllbeutel. Ich entscheide mich fürs Taxi.

Nach dem schwer bepackten, einstündigen Geländemarsch durch Wackens schöne Waldlandschaft (Kenner haben ein Gefährt dabei!), betrete ich ein durch geheimnisvolle Folienwände abgeschirmtes Quarantänecamp für Menschen mit Notizblöcken. Dann noch schnell einhändig (aufgrund der Bierdose) und einäugig (fragt nicht) mein Zelt aufgebaut und dabei Piratenlieder singen. Meine Nachbarn aus den Niederlanden helfen, stellen aber sofort klar, dass sie nur mal Wacken miterleben wollen und mit der Musik nicht so viel anfangen können. Als Kontrast dazu stapft die wohl exotischste Death-Band dieses Jahrs, OVERTHRUST aus Botswana, umher und wirbt engagiert für ihren Auftritt auf der Wastelandstage. Echt sympathische Leute. Und für mich das Signal, mich auf die Suche nach Musik zu begeben.

Unterdessen erwacht Jazz aus den Tiefen seiner Brutal-Death-Metalcore-Träume of progressive Elektro-Doom-Jazz:

Als kurz nach dem Einschlafen „Wake Up“ von SUICIDE SILENCE von außen auf mein Zelt eindröhnt, wird mein allmorgendlicher Universalhass augenblicklich in schwermetallische Feierlaune umgelenkt, sodass das fröhlich gezuckerte Flüssiggerstenschnitzel bereits mit Freude die Mundfäule aus den Zähnen spült. Da kann auch die steife Brise nichts dran ändern, zumal sie sich die gegenwärtige Wetterkarte mit einem spürbaren Hauch von Sonne teilen muss.

Das Frühstückskonzertprogramm wird von CARRION aus Belgien eingeleitet. Die knüppeln dem Publikum mit corigen Thrash und Death Metal der härtesten Gangart die zerknautschten Gesichtsausdrücke aus den müden Visagen. Der angenehm brutale Härtegrad hilft moderat über die leichte Monotonie hinweg, aber das doch noch sehr dünne Publikum ist nur zu wenigen sachten Dancemoves zu bewegen. Ein undankbarer Slot für durchaus mehr als passable Musik.

Im Anschluss beginnen auch CROWS CROWN aus Honduras mit Death-Metal-Klängen, die jedoch bei einsetzendem Gebrüll, stärker noch als ihre Vorgänger, Death- und Metalcore durchkommen lassen. Ganz besonders zertrümmernd geil ist es, zu hören, wie unvergleichlich schön Shouts und Growling auch auf Spanisch klingen können. Spätestens CROWS CROWN machen mich wirklich wach und glücklich. Die hervorragenden Mittelamerikaner sind mein persönlicher Sieger des diesjährigen Metal Battles.

„Oriental Melodic Black Metal“ soll beschreiben, was RITUAL DAYS dann in voller und fiesest corpsegepainteter Evil-Schwarz-Montur den Gehörgängen des Publikums antun. Leider ist die Optik der fernöstlichen Höllengestalten auch schon das qualitativ hochwertigste Element dieser Gruselshow, aber extra-trver Black Metal gehört ja schon beinahe per Definition ein bisschen scheiße – und das machen die Chinesen echt gut!

Die nächste kleine Etappe nach einer gehörigen Promilleauffrischung, beginnt mit den letzten Tönen der obskuren argentinischen Horror-Extrem-Metaller von LEPERGOD, bevor ZOMBIES ATE MY GIRLFRIEND losballern: im Kern Metalcore mit besonders starkem Gitarrenspiel und einer gekonnten Ignoranz für Genregrenzen. So reizen die Südafrikaner als letzter Metal-Battle-Akt des Festivals die Nackenmuskulatur der Extrem-Kopfnicker noch einmal aufs Äußerste aus (und – Spoiler – gewinnen damit nicht unverdient das weltweite Metal Battle).

THE RAVEN AGE wirken danach so sanft wie Federn auf geschmolzenem Softeis. Ihren Alternative Romance Metal könnte man sicherlich gut auf einer Kuschel-Metal-Kompilation unterbringen. Sie bringen quasi den Beweis, dass auch weicher Metal ordentlich rocken kann, bevor ich vorbei an den beeindruckend postapokalyptisch kostümierten Wasteland Warriors – leider ohne MegaBosch – sowie dem sanften Mittelalter-Rock von RELIQUIAE zu meinem Grill zurückschwimme.
 

Zurück zum bebilderten Oldschool-Metal-Programm von Daria:

„Vor der Musik“, so wusste zu Lebzeiten schon der Prophet Kilmister zu verkünden, „sollst du darben und ewiglich warten auf den Shuttlebus der da eventuell kommen mag!“ Na gut, wer will dem Mann schon widersprechen. Danach dann aber endlich: Hallo Holy-Ground, schön dich wiederzusehen!

Los geht’s mit THE OTHER auf der W.E.T-Stage, ein wenig Horrorpunk zum warmwerden, das kann ja nicht schaden – im Gegensatz zu den Klängen Organisator Thomas Jensens ehemaliger Schülerband SKYLINE, die ich noch ein paar Songs miterleben darf. Danach muss jedoch gejagt werden. Der Patient benötigt dringend Stärkung, denn was gleich folgen soll, ist nicht von schlechten Eltern. Genau genommen doch schon irgendwie von den Eltern, denn heute Abend gibt es Nachhilfe in Rockgeschichte bei der „Night to Remember“. Ich habe mir vorgenommen, einmal im Leben die ganzen alten Herren anzuschauen, die ich sonst eigentlich nie höre und noch nie live gesehen habe. Es gibt ein Fünf-Gänge-Menü, bestehend aus SAXON, FOREIGNER, WHITESNAKE, IRON MAIDEN und BLUE ÖYSTER CULT.

Die ersten drei Bands verlangen es, meinen Tätigkeitsbereich von meiner gerade erst gefundenen neuen Familie – bestehend aus einem perversen Pandabären und zwei italienischen Nacktmodels mit Warpaint – abzuziehen und die nächsten sechs Stunden um die Black-Stage herumzutanzen. SAXON (Baujahr 1976 oder 79, je nach Zeitrechnung) aus Great Britain, legen los. Ich finde einen guten Platz im letzten Drittel des Publikums und bin sehr gespannt. Vor allem darauf, wie lange ich das wirklich durchziehe, denn so richtig warm werde ich mit dem ganzen Classic-Rock-Kram, der noch folgen soll, nicht. Die Pressekonferenz von SAXON habe ich mir dafür aber ganz reingezogen.

Im Pressezelt kann man heute außerdem auch noch TARJA bewundern und ein Dach über dem Kopf kam mir bei dem zeitgleich einsetzenden Monsun gerade Recht. Die Stimmung ist dabei ein bisschen wie in einem Gottesdienst, unterbrochen von TARJAs explosiven Lachanfällen. Apropos TARJA: In der Wackener Kirche hat es zuvor einen exklusiven Auftritt gegeben, bei der man ihrem engelsgleichen Gesang andachtsvoll lauschen oder direkt bei Gott um Gnade bitten konnte. [Anm. d. Lekt.: Moment, man lässt Metaller in die Kirche? Einfach so?]

Bei FOREIGNER sieht das schon anders aus. Der erstaunlich alterslose Kelly Hansen kommt in seinem Signature-Look aus weißer Hose und Halstuch auf die Stage und wirbelt los. Der Start wird mit „Head Games“ im Publikum zwar verhalten aufgenommen, doch von Song zu Song steigert sich die Laune und es wird bis ganz hinten lautstark mitgesungen und gewackelt.

Da bringen auch einige Nieselschauer samt auffrischendem Wind keinen Abbruch, denn von den ganzen Hits wie „Dirty White Boy“ und „Cold As Ice“, „Jukebox Hero“ und „Urgent“, kennt jeder mindestens den Refrain. Den schnulzigen Schluss mit „I Wanna Know What Love Is“ nutze ich dann aber für eine Flucht zur Bar. Das ist mir dann doch zu viel Romantik, tagsüber, alleine, mit einer flatternden Mülltüte und Gummistiefeln bekleidet auf einem verdammten Metalfestival.

WHITESNAKE sind derweil auf der Bühne und performen professionell wie eh und je. Ich höre mir einige Songs an und stelle fest, dass ich bereits leichte Schwächen zeige. Das bringt mich vor IRON MAIDEN, die ich unbedingt sehen will, noch einmal dazu, mir den restlichen Auftritt bei einem Kaltgetränk im Sitzen auf einem der großen Videoscreens anzuschauen. Bevor es dann aber zu gemütlich wird, raffe ich mich zu einer Fotorunde über das Infield auf.

IRON MAIDEN haben bereits losgelegt, als ich noch im Watschelgang mit tausenden anderen Menschen zurück zum Ort des Geschehens matsche. Der Regen kommt und geht, dass es eine wahre Freude ist. Schon von Weitem kann sich auch ein Besucher aus dem Weltraum davon überzeugen, wer gerade spielt, denn es leuchtet jeder verfügbare Scheinwerfer beider Mainstages.

Bruce Dickinson und Kollegen liefern eine Wahnsinnsshow ab, die über zwei Stunden andauert und den krönenden Abschluss ihrer Book-Of-Souls-Welttournee darstellt. Das hat richtig Laune gemacht und das matschbesprenkelte und in Folien gehüllte Publikum sieht danach so fertig aus, wie es sich gehört, während die untruen Weicheier am Zeltplatz ihre Tränen mit ihren feuchten Socken wegtupfen mussten, als sie davon hören was sie verpasst haben.
 

Derweil im vollbesetzten Räucher-Camp von Jazz:

Da mir der Donnerstag einfach viel zu hard (rockig) und heavy (metallig) ist, heißt es für mich an diesem Abend: „Grillen, grillen, grillen und die Campnachbarn Bier holen schicken“ – oder so ähnlich. Tatsächlich locken wohl Fleischgeruch und gute Laune immer wieder Gäste unter den Pavillon: der rotbärtige Österreicher im Bademantel, der sehr gerne von Mushrooms spricht, die 50-jährige Biologin, die mit ihrer Single-Clique angereist ist, weil sie auf einer Party die elektronische Musik des DJs nicht ausstehen konnte, das junge Einhorn, das wunderbar naiv erwartet hatte, sonst keine Einhörner auf Wacken zu treffen, den sympathischen Australier, der versucht, für seine hörenswerte Band COPIA zu werben, die tätowierte, promovierte Therapeutin, die eine Vorliebe für Dixi-Gespräche hat, oder der Schönling, der mit großer Freude sein umfängliches Geografiewissen präsentiert.

In interessante, witzige, alberne, besorgniserregende und tiefsinnige Gespräche verwickelt, verpasse ich gerne den Mainmainmainact IRON MAIDEN, nippe bis weit in die Nacht hinein an einigen sehr angenehmen Whiskys und verpasse auch wetterbedingt die Mittelalter-Chaoten von FEUERSCHWANZ, von denen mir später noch einige Besucher begeistert erzählten.
 

Zurück zum schlammig-kultigen Tagesabschluss von Daria:

Dieser lange Tag sollte entspannt mit dem nächtlichen Gig von BLUE ÖYSTER CULT ausklingen. Doch davor steht der mühselige Weg zur W.E.T.-Stage an, der sich mittlerweile in eine, dem letztjährigen Wacken würdige, Schlammbadewanne verwandelt hat und deshalb, vor allem im Dunkeln, einem Überlebenskampf gleicht. Besonders für einen Mann, der einige Meter neben mir im Vollsuff und ohne jegliche Einbeziehung seiner Arme vornüber in den Schlamm fällt, mit dem Gesicht in diesem vergraben liegenbleibt und sich dann nicht mehr bewegt. Zusammen mit einem anderen Beobachter richten wir den Typen wieder auf, der daraufhin mit komplett schwarzrotem Gesicht zombiemäßig weiterschwankt, ohne sich noch einmal umzusehen.

Nachdem ich selbst auch ungefähr 20 Mal fast ausgerutscht bin, bin ich sehr froh, dass BLUE ÖYSTER CULT im Zelt stattfinden. Trotz erstaunlich vielen Besuchern vor der Bühne kocht die Stimmung nicht gerade über. Das mag aber auch der späten Uhrzeit und den ruhigen Songs geschuldet sein. Bei „Don`t Fear The Reaper“ erinnern sich dann doch einige an den Text und kommen wieder zu Bewusstsein. So geht der Donnerstag in Wacken mit Hippiefeeling und einem weiteren Gewaltmarsch zum Campground zu Ende.

HIER find ihr die Galerie mit allen Fotos vom W:O:A 2016.


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