03.-06.-08.2016, Wacken Festival Area, Wacken

Wacken Open Air 2016 - Samstag - Shine oder nicht Sein

Text: Jazz Styx | Fotos: Daria Hoffmann
Veröffentlicht am 14.08.2016

Meine Augen öffnen sich. Ich schaue mich um. Ich bin zuhause. Zuhause in meinem Zelt auf dem Wacken Open Air. Kater? Nein! Bierchen? Ja! Bei angenehmem Sonnenschein setze ich … Was ist das? In Sekunden färbt sich der gerade noch weiß-blaue Himmel dunkelgrau und es beginnt zu blitzen und zu donnern. Allerorts rennen die Festivalisten in ihre Autos, bevor ein Platzregen vom Level Sintflut über Wacken hereinbricht, als hätte er sich vorgenommen, das heilige Metalland in ein Meer zu verwandeln. Zum Glück endet das nasse Wetterphänomen auch bald wieder und es bleiben ca. 60 Minuten bis zum Auftritt der Könige des albernen Deathcore-Elektro-Genremixes um 12 Uhr früh. Gerade genug Zeit, genügend Wodka-Energy, Sekt und Met in die Hirnrinde gluckern zu lassen, um der „Party at the Horror House“ angemessen ausrastend zu begegnen.

 

 

ESKIMO CALLBOY heißt die Ausgeburt an Untrveness, die diesmal ein Programm mitbringt, das neben den unausweichlichen Pflichthits wie „Muffin Purper-Gurk“ und „Is Anyone Up“ auf Anti-Metal setzt. Ein ESKIMO-CALLBOY-Konzert mit mehr Boyband-Ausstrahlung habe ich noch nicht gesehen (und ich war schon bei einigen). So ist der Dubstep-Cover-Song „Cinema“ von Skrillex dabei, aber auch Rap, Pop, Trap und nicht zuletzt das Stück „Baby (T. U. M. H.)“, das sich sehr stark an 'N SYNCs „Tearin' Up My Heart“ bedient. Wer hier hüpft und springt, weiß sehr genau, wie untrve er gerade ist. Und ich flippe komplett aus bis nichts mehr an mir trocken ist. Ausgelaugt, durchnässt und mit dem Geschmack von nicht mehr ganz frischem Wacken-Schlamm im Mund reibe ich meinen schmerzenden Nacken. Bis zum nächsten Mal, Sushi, Kevin und Co, ich freue mich schon drauf!

Durch die Schlammwüste kämpfe ich mich hinüber zum großen Zelt, in dem MONUMENTS eine deutlich härtere Gangart auflegen, als man nach dem Hören ihrer Studioaufnahmen erwarten würde. Eine Gewisse Ähnlichkeit im Groovigen, dem Corigen und der Abgehfähigkeit haben sie zu Machine Head. Sehr gelungen.

 

 

Zurück unter dem eigenen Pavillondach gilt es nun, den Pegel zu halten oder, besser noch, ihn zu toppen. Durch zahlreiche Trinkkumpane, die sich im Camp zusammenfinden ist dies allerdings auch eine Leichtigkeit. Sogar meine Zwillingsschwester ist vorbeigekommen oder sehe ich mich schon doppelt?

 

Willkommen in der Sackgasse,
Willkommen in der Realität,

Willkommen in eurem Leben,
Ich hoffe, ihr seid noch nicht zu spät.“
(Blitzkreuz von CALLEJON).

 

Die ewigen Konkurrenten von ESKIMO CALLBOY, sofern man ihrem humorvoll inszenierten Beef glauben mag, sind CALLEJON, die am späten Nachmittag ihr Programm mit „Wir sind Angst“ starten und sofort eine neue Party vor der allzu passend benannten Party-Stage auslösen. Besonderen Spaß macht es, tausenden und abertausenden Metallern dabei zuzusehen, wie sie zum Metalcore-Cover von FETTES BROTs „Schwule Mädchen“ feiern – Metalheads rasten aus zum ach so abgelehnten Hip Hop. In ihren eigenen Songs sind CALLEJON immer wieder sehr feinfühlig, melancholisch, bitter und doch unglaublich stark. Unbesiegbar und auf ewig unübertroffen ragt auch Sänger BastiBastis Lieblingssong „Kind im Nebel“ als tief emotionales Meisterwerk heraus, das überwältigend gut aufgefangen wird vom kaum weniger dramatischen „Unter Tage“. Irgendwie schmeckt es hier nach Träne – eigentlich nicht nur nach einer. Wie immer wird es am Ende noch mal asozial mit dem raplastigen „Porn from Spain 2“.

 

Schlammlevel von Tag 1: Rosa Unterhose bereits nötig.

 

War die Akustik bei CALLEJON im vorderen Bereich schon nur mittelmäßig, ist sie bei STEEL PANTHER regelrecht unterwältigend. Die aufs Äußerste sexualisierten Texte und Gestiken des Bühnenprogramms werden von einem fast zur Nebensächlichkeit reduzierten, doch aber auch geschickt selbstironischen Glam Metal begleitet. Natürlich machen die Spaß und etwas nackte Damenhaut ist auch nicht per se unsehenswert, aber die Einseitigkeit rutscht auch bald ins Abgedroschene. Wenn man dann noch von ein paar testosterongeladenen und volltrunkenen Ultramann-Männern umringt ist und die Klangqualität für jede Amateurbühne peinlich wäre, dann ist es Zeit für den Rückzug, auf dem ich feststelle, wie unendlich beliebt STEEL PANTHER (oder doch Publikumsbrüste?) sein müssen, denn das Publikum steht bis zu den Ausgängen.

 

Eigentlich sollte nun mein Wackenbesuch bei ein paar abschließenden Portionen Flüssigglück sein Ende finden, aber ich mag noch nicht akzeptieren, dass es schon wieder vorbei sein soll. So marschiere ich in bester Begleitung ein letztes Mal für dieses Jahr durch den Schlamm von Wacken, um PARKWAY DRIVE zu sehen. Die spielen einen sehr schönen Metalcore, der im Gesang mehr zu seinen Hardcore-Wurzeln tendiert. Nicht abgedroschen und ohne die genretypische Breakdownlastigkeit, dafür aber mit viel Energie, dynamischer Härte und bodenständiger Professionalität – außerdem zahlreiche Flammen und sogar ein Feuerwerk. Wenn dann noch die liebevollen Ansagen des Frontmanns zum Circlepit aufrufen, bleibt auch zu später Stunde kaum ein Metalfan unbewegt. Als PARKWAY DRIVE die Bühne verlassen, erklärt hinter mir ein beleibter Mann ganz ernst gemeint, dass sie gefälligst noch „Boneyards“ spielen sollten, sonst scheiße er ihnen auf die Bühne – da kenne er nichts! Aber in den beiden applausheischenden Zugaben wird dieser Wunsch nicht erfüllt. Da wird wohl jemand später noch seinen Anus bemühen müssen. Mir haben die Australier einen angenehmen Ausklang beschert.

 

 

Nun gibt es noch einen Abschieds-Whisky, ein resümierendes, nachdenkliches, leicht trauriges, aber sehnsuchtsvoll aufs nächste Jahr in Wacken verweisendes Gespräch, bevor das 27. W:O:A zu einem Ende findet. Den Abreisekampf mit den matschigen Wiesen haben ich und meine Mitreisenden schon so oft gewonnen, dass die Aussicht darauf eher eine interessante Herausforderung als eine Bedrohung ist. Ich habe selten zufriedener einschlafen können.

 

HIER find ihr die Galerie mit allen Fotos vom W:O:A 2016.


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