18.8.2016 - 20.8.2016, Spital am Semmering, Spital am Semmering

Kaltenbach Open Air 2016

Text: Mike Seidinger, Kalti | Fotos: Kalti
Veröffentlicht am 25.08.2016

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Mit Kaltenbach ist das so eine Sache. Obwohl irgendwie jedes Jahr alles gleich ist, ist doch jedes Jahr alles anders. Mit einigen Stolpersteinen hat sich das kleine, feine Open Air in den Wäldern des steirischen Stuhlecks über die letzten Jahre zu einem Fixpunkt etabliert, der ohne großartigen, überflüssigen Festival-Schnickschnack auskommt und trotzdem immer wieder hochkarätige Bands aus Österreich und Top-Headliner aus der gossen weiten Metal-Welt präsentieren kann. „Back to Basics“ heißt es im Kaltenbachgraben: die kulinarische Auswahl ist klein, aber oho und sehr schmackhaft – und vor allem aus der Region, das Bier ist gut und preislich OK, es gibt Band- und Festival-Merch, ein paar kleinere Händler-Stände und einen Autogrammstand von unseren Moremetal-Kollegen, und man kann sich somit auf dem KOA dem Wesentlichen widmen: saufen mit Freunden bei guter Musik in wunderschöner Kulisse. Und auch mit Festivalberichten ist das jedes Jahr so eine Sache. „Heuer machen wir nur eine kleine Zusammenfassung mit ein paar Bildern, Kalti.“ Ja, nee, iss klar.

Wie ein Familientreffen ist dieses Festival für viele mittlerweile, die meisten Gesichter kennt man bereits aus den vorangegangenen Jahren, aber es kommen auch immer wieder Fans extra eingeflogen, so wie heuer etwa aus Schweden, Israel oder sogar Chile und Australien. Die Organisation ist auch heuer wieder top, dank einem jahrelang eingespielten Team, das in der Region verortet ist und somit auch bei etwaigen Problemen oder (Bier-)Engpässen schnell reagieren kann. Die Security ist zurückhaltend und zuvorkommend gleichermaßen und greift nur im äußersten Notfall ein. Trotz eines kurzen Zwischenfalls am Eingang und den üblichen spaßigen Happenings wie verstauchten Gliedmaßen oder alkoholbedingten Blackouts ist in den steirischen Wäldern noch immer die Entspannung angesagt: die Uhren gehen einen Tick langsamer im Kaltenbachgraben, und das ist gut so.

Der Donnerstag hat sich seit einigen Jahren ja bereits als „Warm Up-Tag“ etabliert, spätestens seit dem vorjährigen Auftritt von DARK FUNERAL ist er aber scheinbar ein „echter“, dritter Kaltenbach-Tag geworden. Das Programm startet diesmal mit alten Bekannten: MORTAL STRIKE zerdepschen – wie fast schon jedes Jahr, wegen der Tradition warat‘s – gekonnt die Bühne mit ihren mundgerechten Thrash-Happen, Kollege Kalti und ich lassen es mal als amtliche Begrüßung durchgehen und machen zu den Klängen der Ösi-Germany-Dänemark-Posse den obligatorischen Rundgang zum Hallo Sagen, Bier Anstoßen und Leute Umarmen. Die etwas unspektakulären Schwarzmetaller WALDSCHRAT können anschließend zumindest mit gutem Sound überzeugen und ihre etwas vom Pagan durchsetzten Dunkelbolzen ins bereits zahlreich anwesende Publikum feuern. Stilistisch ist das KOA ja eigentlich immer schon auf Death, Thrash, Black und Folk mit all seinen Auswüchsen „begrenzt“ gewesen, und an dieses Konzept hält man sich auch heuer wieder erfolgreich.

Ich schnappe mir in der Zwischenzeit gleich mal Elizabeth und Mac von FRANTIC AMBER für eine nette Gesprächsrunde (das Ergebnis könnt ihr in Kürze auf Stormbringer sehen!), bevor sie auch schon die Bühne stürmen. Trotz immenser Soundprobleme – den halben Gig lang hört man fast nur eine, höllisch laute Gitarre – ist das schwedische Kampfgeschwader bei bester Laune und beweist einmal mehr, dass man durchaus schon in der Oberliga mitspielen kann, wenn auch noch nicht in der von ARCH ENEMY. Die Vergleiche drängen sich ob der weiblichen Vocals natürlich auf, auch wenn Liz Andrews auch mal elfenhaft – sprich: normal – singen kann. Songtechnisch konzentriert man sich auf das Debut „Burning Insight“ vom Vorjahr, die vier Mädels und ein Drummer knien sich ordentlich ins Zeug und gewinnen hier sicher den ein oder anderen Fan dazu. Die Band läuft einem an den drei Tagen immer wieder über den Weg und vor allem Mac und Freundin/Gitarristin Mio Jäger erweisen sich dabei als nette Plauderpartner.

Wir bleiben in Schweden. DIABOLICAL haben zwar auch immer noch mit dem Sound zu kämpfen, kommen aber wesentlich kompakter und nicht ganz so verspielt rüber wie FRANTIC AMBER. Düster zelebrieren Sverker Widgren und seine Mannen ihren zutiefst dunklen Todesmetall, wobei vor allem die Vocals derb brutal daherkommen. Am ehesten erinnern mich die Nordländer noch an BEHEMOTH, und auch in Punkto Präzision stehen sie dem Polen-Trio in nichts nach. Was für eine geile Performance, die noch lange durch die Wälder hallen würde, wäre da nicht ein gewisser Herr Hoest. Der fahrige Madman kann es scheinbar gar nicht erwarten, auf die Bühne zu kommen, nachdem er mal eben den üblichen Tagesbedarf an stilvollen Getränken im Handstreich weggeräumt hat, und trotzdem: der Typ liefert ab als gäbe es kein Morgen. Er zeigt sich quasi in (Achtung! Beine hoch! Der kommt flach!) Hoestform. Politische Gesinnung hin oder her (heute einzigst durch sein Shirt mit durchgestrichenem Halbmond ein wenig koloriert), die Band tritt einfach nur Arsch. Mit ihrem unverkennbaren Mischmasch aus Black Metal und Rotz’n Roll ziselieren sich TAAKE ins kollektive Gehirn, tatsächlich doch bei bestem, messerscharfen Sound. Drummer Brodd, in dezenter MISFITS-Optik, ist der Inbegriff an brutaler Präzision und dabei so entspannt als würde er in der „Ganzen Woche“ blättern. Die Truppe zimmert einen Vorschlaghammer nach dem anderen in den Wald, und am Ende weiß ich wieder, warum das alles hier so geil ist. Und überhaupt.

Da können ANOMALIE nur verlieren, die anschließend noch als „Late Night Special“ den Tag ausklingen lassen. Marrok, Gitarrist der kürzlich aufgelösten SELBSTENTLEIBUNG, präsentiert sein neues Projekt zwar amtlich und mit allem gebotenen Schmackes, aber die Leute sind bereits ein wenig vom Gerstensaft dahingerafft. Das Unterbringen von Kerzenlichtern auf der Bühne, inklusive spärlicher Beleuchtung durch die Scheinwerfer und einem Holz-Mikroständer, zaubert zumindest eine Stimmung auf das Festivalgelände, die für Gänsehaut sorgt. Das letzte Album „Refugium“ geht live so wie auf Platte durch Mark und Bein. Eine Band, die in ihrer Gesamtheit viel zu wenig Bekanntheit genießt und sich hoffentlich in den nächsten Jahren noch weiter in die Ohren musikaffiner Menschen der Welt spielen wird.

Man hat noch nette Begegnungen Backstage, feiert ein wenig mit den üblichen Verdächtigen und genießt das feuchtkalte Semmering-Wetter. Für einen Warm-Up-Day sind wir alle ziemlich unterkühlt und beizeiten schlurfe zumindest ich das Tal hinunter in mein Hotelzimmer, was ja bekanntlich eine gefühlte halbe Ewigkeit dauert. Kollege Kalti ist zu diesem Zeitpunkt längst verschollen, aber pünktlich zum Frühstück um halb zehn (!) wieder frisch (Hust!), munter und rasiert.

Regeln sind ja bekanntlich da, um gebrochen zu werden. Habe ich mich die Jahre davor konsequent geweigert, vor 16 Uhr am Gelände zu sein – man muss sich ja schließlich noch regenerieren, duschen, schminken, frisieren oder ähnliches – muss ich heute natürlich für INSANITY ALERT pünktlich um zwei vor Ort sein, denn die Tiroler Derwische kicken Ass wo immer sie auftauchen, und natürlich auch hier. Für die frühe Uhrzeit bildet sich im Staub vor der Bühne auch ein beachtlicher Moshpit, denn moshen soll man ja laut Sänger Heavy Kevy „for your life“. In knapp 40 Minuten knüppeln die Alpen-Anarchos wieder mal alles in Grund und Boden, es kommen lustige Styroporschilder zum Einsatz, neuerdings in der unkaputtbaren Variante, und natürlich Zwangsjacken, Spaßbrillen und Riesen-Tüten (rein symbolisch, versteht sich). Wer die Jungs kennt, weiß, dass hier nichts anbrennt außer der Dutchie, und mit einem Gas weit jenseits von Vollgas drischt man sich durch M.O.D.- und SUICIDAL TENDENCIES-lastiges Kulturgut. Kevin ist super drauf, glänzt mit spektakulär schrägen Ansagen („Das ist unser Drummer Don Melanzani, anscheinend der einzige Deutsche auf dem Gelände!“), und AGE OF AGONY haben rein dadurch bereits verloren, nach der Spaßbrigade auf die Bühne zu müssen.

So schlecht meistern sie ihren Slot allerdings nicht, im Gegenteil. Das ungarische Todesbataillon fährt einen amtlichen Sound auf, während ich mich mit INSANITY ALERT-Drummer Klemens über Haare und deren Verlust unterhalte. Kaltenbach ist halt auch immer hoch philosophisch. Während der durchwegs starken Darbietung von AGE OF AGONY verdunkelt sich allerding der Himmel und es wird scheinbar Zeit für den alljährlichen, unaufhaltsamen Regenguss. Der setzt dann auch genau ein, als die Power-Metaller von STEEL ENGRAVED auf die Bühne höppeln. Was schade ist, denn die Bayern geben trotz gähnender Leere vor der Bühne hundert Prozent, was sie neben den Arschkarten-Preisträgern doch auch noch zu den Sympathie-Gewinnern des heutigen Tages macht. Übers Wetter soll man sich bekanntlich nicht aufregen, bringt ja eh nix. Und so schaue ich mir die druckvolle Show, wie viele andere auch, von der trockenen Bar aus an, unter die ich rechtzeitig geflüchtet bin. Tapfer zocken STEEL ENGRAVED bis zum Schluss, und siehe da – pünktlich zu HARAKIRI FOR THE SKY ist es wieder schön. Shit happens, Biz sucks.

Die hoch im Kurs stehende Band aus dem ANOMALIE-Umfeld spare ich mir aber zwecks Nahrungsaufnahme. Man muss ja zwischen all den Fruchtsäften auch mal Fleisch zu sich nehmen. Durch ständige Wiedersehens-Orgien an allen Enden des Geländes müssen auch die Brachial-Goregrinder RECTAL SMEGMA aus Holland erst mal dran glauben. Da deren derber Style  aber eh nicht so mein Fall ist, bin ich erst wieder bei SKYFORGER vor der Bühne. Die Folk-Paganisten aus Riga passen nicht nur musikalisch perfekt in die steirische Bergwelt, sondern auch optisch: Waldschrat-Couture vom feinsten, dazu deftige Folklore, meist lieblich, manchmal harsch. Da schmeckt das Bier plötzlich nach Met und die einsetzende Dunkelheit säuselt Mystik übers Gelände. Zwischen all den härteren Combos sind SKYFORGER heute zusammen mit STEEL ENGRAVED eher die Außenseiter, können aber durchaus überzeugen und mit tollem Sound punkten. Den haben auch die folgenden INSOMNIUM, die perfekt in Szene gesetzt mit dem hinter der Bühne aufgehenden Mond ihren Set beginnen. Natürlich sind die Finnen immer ein Garant für melodischen Death Metal gewesen, zu deren Weisen man sowohl mitsingen als auch mitschunkeln kann. Heute übertreffen sich Charmebolzen Niilo Sevänen und seine Truppe wieder mal selbst. INSOMNIUM sind einfach die perfekte Band für Nacht, Wald, Mond und leicht bierselige Stimmung, das Publikum ist schlicht euphorisch, und das Gitarren-Doppel Friman/Vanhala (letzterer sogar „nur“ mit Leih-Axt, nachdem am Flughafen das halbe Equipment verschwunden war) wird nur noch von den folgenden EXODOS-Axemen getoppt. Natürlich spielen die vier aber heute nicht ihr neuestes, vierzigminütiges Ein-Song-Werk „Winter’s Gate“ sondern setzen auf Nummer sicher und fahren Best-Of vom feinsten. Einfach nur geil, das.

EXODUS feiern danach ihre Kaltenbach-Premiere, und wer die Bay Area-Mannschaft kennt weiß, dass heute niemand enttäuscht nach Hause gehen wird. Von Beginn an zertrümmern Steve „Zetro“ Souza (der schon des Nachmittags in schwerer Schräglage übers Gelände schlurfte, jetzt aber wieder top-fit ist) und seine Frisco-Freunde jegliche Zweifel, wer hier heute die Hosen anhat, mit den dicksten Eiern drinnen. Mit dem sympathischen Kragen Lum an der zweiten Klampfe (Gary Holt ist ja inzwischen schwer verslayert) liefert sich Hüne Lee Altus gar überirdische Riffduelle, Drummer Tom Hunting drischt solide und Kraken-haft auf sein Kit ein, Basser und Lum-Duoble Jack Gibson wirkt etwas introvertiert. So wie die ganze Band ein paar Songs braucht, bis sie auftaut und das Kaltenbach-Feeling inhaliert hat. Aber dann geht’s dahin: in der ersten Reihe zeigt eine junge Dame ihre zwei besten Stücke, und der Band gefällt das natürlich außerordentlich gut –vor allem Lee blüht da richtiggehend auf. Mit einem Hitfeuerwerk von 15 Songs und den unkaputtbaren Dampfhämmern „Bonded By Blood“, „Toxic Waltz“ und „Strike Of The Beast“ als Zugaben schlagen EXODUS gleich nochmal eine zusätzliche Schneise in die an Waldlichtungen nicht gerade arme Stuhleck-Region.

Wir sagen einfach nur „Danke“ und schwingen uns euphorish Backstage, während der Closing Act TAXIDERMIST mit sattem Grindcore und ausgestopftem Mops Hermann als Maskottchen die noch verbleibenden Menschen beschallen muss. Wo die schrulligen Wiener Grindcore-Spezialisten einen Mops haben, hatten EXODUS aber immerhin Möpse, und sind so – natürlich auch musikalisch und zusammen mit INSOMNIUM – die Gewinner des heutigen Tages. Ohne Kalti, der an irgendeiner Bar festklebt (stocknüchtern, versteht sich), geht es gen Spital am Semmering hinunter, nicht ganz ohne Melancholie – nur noch ein Tag! Aber der kann mit gar deftigem Stil-Mix aufwarten.

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Natürlich müssen wir den Auftritt unserer Stormbringer-Sangesgrazie Eva mit HALO CREATION spritzen. Ich meine, 11:30 ist sogar für hartgesottene Festivalanarchos eine mühsame Zeit, und Meinereiner hat sich zu dem Zeitpunkt grad mal das zweite Frühstücksei bestellt. Und da das Frühstück gleich fließend ins Mittagessen übergeht, taktisch nur kurz von einem massiven Regenerations-Duschen unterbrochen, sind wir letztendlich erst um 16 Uhr zu SAKRILEG am Gelände. Die Kärntner Schwarzbrigade aus dem FEANOR OMEGA-Umfeld geben wir uns zum Eingrooven aus sicherer Entfernung, die darauf folgenden polnischen Porn-Grinder NUCLEAR VOMIT ein wenig mehr aus nächster Nähe. Da ich aber um diese Uhrzeit und generell nicht viel mit „Bree Bree Bree“ und Gutturallauten anfangen kann, gibt’s erst mal Smalltalk mit den auch heute wieder zahlreich erschienenen Maniacs aus aller Herren (Bundes)Länder. THULCANDRA werden natürlich anschließend von vielen schon recht herbeigesehnt, und liefern dann auch prompt ab.

Die knappe Dreiviertelstunde gerät zur DISSECTION-Gedenkveranstaltung, und der Mob nimmt es dankend hin. Natürlich sind die Ludwig-Brüder, OBSCURA-Chef Steffen Kummerer und Drummer Erebor auch irgendwo ziemlich eigenständig und technisch nicht ganz so verzahnt wie andere Death Metal-Kapellen, aber der Spirit von Jon Nödtveidt, dessen Tod sich vor einer Woche bereits zum zehnten Mal jährte, liegt über dem Gelände und in den Ohren der bereits zahlreich aufmarschierten THULCANDRA-Jünger. Soundtechnisch wiederum kann man nicht zu hundert Prozent überzeugen, was aber in Anbetracht der wuchtigen technischen Leistung eh wurscht sein kann. Zwischendurch wird zur Auflockerung weiter hinten dann noch eine Autogramm-Session mit Sly, dem „Spitalian Stallion“, eingeschoben. Bei dem Spaß-Event mit dem allseits bekannten Stagehand aus Spital kommen mehr Leute als zu jeder Band, um sich Bäuche, Arme, Titten und sogar Pimmel signieren zu lassen. Einige verdutzte Leute fragen sogar, welcher Band der Kerl denn wohl angehöre. Kaltenbach halt.

INTERNAL SUFFERING aus dem fernen Kolumbien, jetzt allerdings in Spanien wohnhaft, haben dann die Arschkarte des Tages: sie müssen ohne Drummer Wilson „Brigadier“ Henao auf die Bühne, der bei einem Motorradunfall vor einigen Wochen schwer verletzt wurde (Wir wünschen ihm auf diesem Wege natürlich baldige Besserung!). Allen Widrigkeiten zum Trotz legen die verbliebenen drei Hombres einen technisch einwandfreien Set auf die Bühne, unterstützt von einem Drumcomputer. Das sieht zwar reichlich seltsam aus und erinnert des Öfteren an Proberaum, aber das Trio gibt sich Mühe, ist dankbar überhaupt spielen zu können und zockt seinen „Technical Brutal Death Metal“, der klingt als würde man PESTILENCE mit dreifacher Geschwindigkeit abspielen, mit südamerikanischer Hingabe. Nach dem Set habe ich mir die Band für ein Interview geschnappt. Nachdem Mika Luttinen nachmittags bereits übers Gelände flaniert ist und bereitwillig jede Pose am Autogrammstand  (der wie immer von den Moremetal-Kollgen bestens betreut wird) eingenommen hat, steht der liebenswürdige, irre Finne mit seiner Chaoscrew IMPALED NAZARENE dann auch schon auf der Bühne.

Und ja, ein IMPALED NAZARENE-Konzert ist durchaus unterhaltsam. Inflationär wird der Mittelfinger gen Alles und Jeden gestreckt, die Ansagen sind Luttinen-like anarchisch-komisch, und der eher an eine Rock’n Roll-Band auf Koks erinnernde Stil der Truppe aus Oulu geht ab wie ein Zäpfchen im Arsch von Schmitt’s Katze. Wer braucht Präzision, wenn allein die Hingabe zählt? Und wer kann mit einer derartigen Promille-Zahl, die die Band mit sich auf die Bühne schleppt, sonst noch so einen genialen Gig abliefern? Kontroversen hin oder her, man muss die Band einfach lieben (ganz wenige angeblich sollen sie aber auch hassen). Da kommen TANKARD gerade recht, die olympische Sauf-Fackel in der Stafette zu übernehmen. Die Frankfurter Spaßfraktion ist wie immer gut drauf und fährt ein Best-Of-Programm aus drei Dekaden Beer Thrash, natürlich mit gleichsam unkaputtbaren wie bitterernsten Epen wie „Chemical Invasion“, „The Morning After“ und „Alien“ im Gepäck. Dass die Band stilistisch zwischen Finnen-Black’n Rotz und Schwedentod praktisch auf verlorenem Posten steht, ist dabei völlig egal. Das Publikum gibt Gas, will Spaß, und den bekommt es auch: „Wir sind heute die einzige Pop-Band im Line-Up!“ ulkt Bauchbesitzer Gerre, und spätestens bei „(Empty) Tankard“ wissen auch die größten Schnarchnasen, dass immer noch Kaltenbach ist.

Das Publikum dünnt nämlich schön langsam etwas aus, und eine Zeit lang sieht es so aus als wäre TANKARD bereits der Headliner gewesen. UNLEASHED-Drummer Anders Schultz liegt mit 40 Grad Fieber im Backstage-Bereich, die Wikinger-Brigade ist jedoch trotzdem gewillt, den Gig durchzuziehen. Nach dem Prinzip „Schau ma halt mal…“ geht die Band auf die Bühne und liefert einen Set ab, den andere Möchtegern-Combos nicht mal in völliger Gesundheit so hinbekommen würden. Für einen Menschen, der eigentlich mit Kamillentee das Bett hüten sollte, trommelt Anders auch heute immer noch in eigenen Sphären, da können sich sämtliche Mimimi-Kameraden, die bereits mit einem verknacksten Zeh die Flinte ins Korn werfen, mal ein Scheibchen davon abschneiden. UNLEASHED prügeln zum Finale einen einstündigen Set (statt der anberaumten 75 Minuten, aber immerhin) ins Schigebiet, der noch lange nachhallen wird. Johnny Hedlund stellt Drummer Anders dann noch lapidar und trockenhumorig als „Mister Soon-to-be-dead“ vor, und das Zusammenspiel dieser Institution des gepflegten Nord-Deaths ist sowieso schon seit langem über jeden Zweifel erhaben. Hut ab und danke! Da kann sogar der langsam aber sicher einsetzende Regen Jedem scheissegal sein.

Und die Rausschmeißer ABRUPT DEMISE, die ihren Nachmittags-Slot mit den hier eher passenden SAKRILEG tauschen mussten, können da nur noch tapfer sein, und so zocken sie ihren wuchtigen, anspruchsvollen Todesmetall mit stoischer Gelassenheit zu den abziehenden Fanscharen. Ich bummle bald darauf ins Hotel, so mancher lässt es aber noch ordentlich krachen (auch ein gewisser Herr K., wie man hört) – man will natürlich noch jede Sekunde hier auskosten. Und was bleibt? Natürlich wieder all die spaßigen Erinnerungen, die ganzen Bekannten und Freunde, die man unterm Jahr oft nicht wirklich viel sieht, die gepflegten Gesprächsrunden bei Hochprozentigem, die unzähligen Runden „Kätzchen“, die wir für den Tierschutz gesoffen haben, die tolle Crew, die feine Organisation, die unkomplizierte Bevölkerung, die großartige Kulisse, das drei Tage unbeschwert sein, lustige Hüte, Regenwetter, Sonnenschein, viele Kutten, Partystörche, kultige Fans, Möpse, urige Typen, und was sonst noch so alles zählt am Kaltenbach.

Und was bleibt nun wirklich? Ungefähr 350 Tage, denn dann sind wir ja schon wieder hier. Nach dem Festival ist bekanntlich vor dem Festival. Und in Bälde werden Ronny, Tom, Fred und Co. bereits die ersten Bands für 2017 bekannt geben.

Und für alle, die es nicht erwarten können ... HIER unser Kaltenbach-Film 2015 zum Schwelgen, Erinnern, Freuen oder einfach nur Staunen!

                 Es berichteten: Mike "Metalstrunz" Seidinger und Christoph "Bäm!Schabel" Kaltenböck.


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