27.9.2016, Underground, Köln (Ehrenfeld)

MYRATH - Legacy Tour 2016

Text: Lisi Ruetz | Fotos: Lisi Ruetz
Veröffentlicht am 11.10.2016

Erst waren sie Anfang des Jahres noch unter dem Banner von SYMPHONY X als Vorband auf Tour, da kommen MYRATH nun noch mit einer Headliner-Tour um die Ecke. Wie ein heißer Wüstensturm fegten sie auf ihrer Legacy-Tour unter anderem auch durch deutsche Konzerthallen. Tunesischer Metal vom Feinsten: progressiv, mitreißend und mit der richtigen orientalischen Würze. Kein Wunder also, dass ich mir dieses Konzert-Highlight nicht entgehen lassen konnte. Einzige Überlegung: Sowohl Köln als auch Bochum waren durchaus in Reichweite. Auf welches Konzert also gehen? Die Entscheidung war schnell getroffen. Auf beide!

Köln, Underground, 27.9.2016

Setlist    

  • Jasmin
  • Believer
  • Get your freedom back
  • Storm of lies
  • Wide shut
  • The unburnt
  • Madness
  • Forever and a day
  • The needle
  • Under siege
  • Endure the silence
  • Nobodys lives
  • Tales of the sand
  • Duat
  • Intro (zugabe)
  • Sour sight
  • Merciless times
  • Beyond the stars

Hochwertiger Prog mit eingängigen Melodien, Virtuosität an den Instrumenten, punktgenaue und hoch versierte Rhythmik, Vocals, die ihresgleichen suchen und darüber die tunesisch-arabische Klangwolke, die dem Sound die unverkennbare Note gibt: Ich wusste genau, was mich erwartete und dennoch – oder gerade deswegen – war die Vorfreude riesig. Das Underground, die Location, in welcher das Wüstenfest stattfinden würde, war mir bis dato noch unbekannt, outete sich aber als klein und fein und meiner Meinung nach als großer Geheimtipp für spannende und aufgrund der „Größe“ sehr intime Shows. 

Ein Platz in der ersten Reihe war schnell gesichert und nachdem die ersten Nebelschwaden die kleine Bühne, die bis auf das Symbol auf dem Legacy-Albumcover (Hand der Fatima) im Hintergrund und dem MYRATH-Logo am Mikro-Ständer recht schmucklos war, eingehüllt hatten, ertönte wenig überraschend das Intro „Jasmin“, das auch den Opener des Legacy-Albums darstellt. Aus den Schwaden schälte sich einer Fata Morgana gleich eine sich gekonnt windende und schlängelnde Tänzerin, die sich ganz den orientalischen Klängen hingab und das Intro optisch außerordentlich verfeinerte. Kahina Spirit, die portugiesische Bauchtänzerin, die MYRATH auch schon auf früheren Bühnenshows begleitet hatte, lud auch dieses Mal ein, sich auf die MYRATH-Magic einzulassen. Im Hintergrund schoben sich dann der Reihe nach die Musiker an ihre Plätze, um dann direkt mit „Believer“ durchzustarten. Sofort sprang der Funke über und das gut gefüllte Underground feierte mit der Band das Aushängeschild des aktuellen Albums. Ohne Unterbrechung wurde dann „Get your freedom back“ nachgeschoben, ehe Sänger Zaher Zorgati zu einer kurzen Begrüßung und Ankündigung unterbrach. Sehr lange hielt man sich aber nicht mit Reden auf. „Storm of Lies“ und „Wide Shut“, das auf das „Tales of the sands“-Album zurückgreift, heizten das Underground weiter mit progressiver Power und virtuosem Können an. (Neben dem meisterlichen Können sind auch die Instrumente bestaunenswert. Customized siebensaitige Gitarre oder sechssaitiger, half-fretless Bass, alles dabei. MYRATH ist wohl in jeder Hinsicht etwas Besonderes). Sänger Zaher erheiterte anschließend das Publikum mit seinen Deutschkenntnissen, die in erster Linie aus Fluchwörtern und „Deine Mutter“-Witzen bestanden. Dann stand der musikalische Wüstensturm ganz im Zeichen von Game of Thrones. Auf „The Unburnt“ folgte „Madness“, bei dem Stillstehen ohnehin untersagt war. Der treibende Rhythmus brachte auch den letzten Mitläufer in der hintersten Ecke der Bar zumindest zu einem rhythmischen Nicken. Wobei zu diesem Zeitpunkt das melodisch-progressive Machwerk der Tunesier jeden gepackt haben dürfte. 

Immer wieder bot in sehr rhythmisch oder arabisch arrangierten und geprägten Songs Kahina Spirit einen tollen Anblick, während sich MYRATH durch Tracks wie „Under Siege“, „The Needle“, „Endure the Silence“ oder „Nobodys Lives“ rockten und dabei mit absoluter Lässigkeit und Drang zum Perfekten glänzten. Wieder einmal bewies die Band, dass sie nicht nur auf den Alben perfekt zusammenklingen, eine großartige Brücke schlagen zwischen aufwendig komponierten und virtuos in Szene gesetzten Songs und den traditionell tunesisch-arabischen Arrangements, sondern auch, dass immer noch Platz für Interpretation und kleine Feinheiten blieb. Vor allem der Gesang schwang sich immer wieder zu neuen Taten auf, die auf dem Album nicht vorkommen, aber nicht weniger begeisterten. 

Ein absolutes Highlight und wahre MYRATH-Magic gab es dann aber zum vorläufigen Abschluss. Bei „Duat“ (spätestens jetzt einer meiner Lieblingssongs, auch wenn es angesichts der Masse an grandiosen Songs schwer ist, sich zu entscheiden) sprang Sänger Zaher Zorgati von der Bühne und mimte den Geschichtenerzähler, von dem der Song selbst handelt. Er forderte das Publikum auf, sich hinzusetzen, begab sich in deren Mitte und besang seine Geschichte. Eine unglaubliche Stimmung, strahlende Gesichter und absolute Begeisterung breiteten sich aus und erschuf einen der seltenen Momente, in denen es unmöglich ist, Szenen und Bilder in Worte zu fassen. Wieder einmal hat die Band an diesem Abend alles erobert, was es zu erobern gab. Keyboarder Elyes und Bauchtanz-Schönheit Kahina gaben sich dann noch ein Tänzchen, ehe sich MYRATH vorerst verabschiedeten. 



Natürlich wollten die Massen mehr. Und sie bekamen es auch. MYRATH legten noch einmal nach und rissen mit weiteren drei Songs die letzten Reserven aus den Begeisterten. Nach dem Kracher „Beyond the Stars“ war dann aber endgültig Schluss und die MYRATH-Magic was done. Was blieb, waren eine ganze Menge strahlender Gesichter, der Sturm an die Bar, um der mittlerweile fast tropischen Hitze im Underground entgegen zu wirken und für mich persönlich die Vorfreude, dass der nächste Abend in Bochum ein weiteres Mal MYRATH versprach. 

Bochum – Rockpalast: 28.9.2016

Die Vorfreude wurde jäh gedämpft von einer gesperrten Autobahn. Aus einer Fahrzeit von 30 Minuten wurden eine Stunde und 20 Minuten und ich sah das Interview mit MYRATH vor dem Konzert schon ins Wasser fallen. Doch die sympathischen Tunesier (jetzt kann ich das ja auch aus Erfahrung sagen) machten es trotzdem möglich und waren dabei auch noch – inklusive Manager Kevin Codfert – unglaublich freundlich und bemüht. Noch ein weiterer Pluspunkt für die ohnehin schon volle Skala der Prog-Truppe (zum Interview geht's hier).

Da sich Setlist und Aufbau dem gestrigen Konzert in Köln ähneln, werden hier nur noch wenige Worte über einen weiteren hochqualitativen Auftritt verloren. Der Rockpalast war deutlich weniger gefüllt, die Fans überschaubarer und auch ein wenig verhaltener als in Köln. Vielleicht gerade deswegen wirkte die Show von MYRATH zum Teil noch kraftvoller, noch bemühter. Die Fans auf ihre Seite zu ziehen, gelang ihnen daher mühelos. „Duat" wirkte noch intensiver, nicht zuletzt, weil sich zu Sänger Zaher auch noch Gitarrist Malek Ben Arbia und Bassist Anis Jouini in die Mitte der Fans gesellten, um den Song dort weiterzuspielen. Wer braucht schon eine Bühne? Nach der gelungenen Show nahm sich die Band auch noch Zeit, sich unter das Volk zu mischen, um Autogramme zu geben oder das ein oder andere Gespräch zu führen, ehe der Rockpalast geräumt und der Konzertabend beendet wurde. Zwei Tage MYRATH live, die an Intensität und Eindrücken absolut unvergessen bleiben werden. Wer das versäumt hat macht den Fehler hoffentlich nicht noch einmal. Kommt die Band in eure Nähe, geht hin! Es lohnt sich! 

 


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