07-01-2017, Backstage (All Area), München

MEGAHERZ vs. FLESHGOD APOCALYPSE

Text: Anthalerero | Fotos: Anthalerero
Veröffentlicht am 13.01.2017

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Welch Überraschung, im neuen Jahr sind wir gleich wieder einmal im Backstage München zu Gast, des Rezensenten zweites Wohnzimmer, neben dem Salzburger Rockhouse. Bekanntlich besteht das Backstage nicht nur aus einer Halle, sondern gleich aus deren drei – und so geschieht es durchaus einmal, dass nicht nur ein Konzert aus dem härteren Bereich (mit dem Terminus „Metal“ muss man ja bekanntlich aufpassen, das nehmen manche seeehr genau!) lockt, sondern gleich deren zwei. Als stiloffener Schreiberling, der sich von Faserschmeichler bis Todesgeknüppel alles reinzieht, ist man in solchen Fällen des Öfteren in der Zwickmühle – was anschauen? Pflichtbewusst die Gnackwatschn von FLESHGOD APOCALYPSE und Gefolge abholen, die das erste Konzert ihrer "King"-Tour in München spielen? Oder zu MEGAHERZ schunkeln, die ihr „Finale Dahoam“ der „Erdwärts“-Tour an gleicher Stelle abhalten?

Die Verlockung ist groß, die Wege zwischen den beiden Hallen klein – so probieren wir dieses Mal doch etwas gänzlich Neues: ein Konzertbattle! Wir lassen die jeweiligen Bands, jeweils drei an der Zahl, einfach in direktem Vergleich gegeneinander antreten! Wer wird hier wohl den Sieg davon tragen?

 

- SÜNDENRAUSCH vs. NIGHTLAND

Im Werk eröffneten SÜNDENRAUSCH mit deutschsprachigem Gothic/Poprock. Musikalisch im soliden Bereich angesiedelt, mussten die Hamburger als Opener ein wenig kämpfen, ging doch das Folgeprogramm im Werk etwas mehr in den NDH-Bereich. Entsprechend ließen die vergleichsweise sanften Klänge des Songwriter-Duos (auf der Bühne aber dennoch in voller Bandbesetzung unterwegs) das Publikum in München relativ kalt, was auch Sängerin Kira mit ihrer engelsgleichen, nur leider nicht sehr kraftvoll wirkenden Stimme nicht mehr herausreißen konnte. Schlagfertig war die hübsch zurechtgemachte Dame aber allemal – auf den „Ausziehn!“-Ruf eines in veralteten Klischees feststeckenden Besuchers konterte sie mit einem lockeren „Du zuerst!“, was spontane Schüchternheit beim Rufer auslöste. Also keine nackte Haut heute...


 

Waren die Herren im Werk augenscheinlich recht angetan, so kamen gegenüber in der Halle die Damen voll auf ihre Kosten – hübsche, teils langhaarige (bis zum Arsch!) Italienier in Rüstungen eröffneten dort den härteren Teil des Konzertbattles unter dem Namen NIGHTLAND. Früher mehr im Melodic Death/Powermetal (inklusive klebrigem Dosenkeyboard) zuhause, ging der durchwegs knackig anzusehende Vierer auf seinem letzten Album „Obsession“ (von dem auch alle gespielten Songs des Abends stammten) deutlich in die symphonischere Ecke im Stile von FLESHGOD APOCALYPSE. Selbiges kam beim Publikum, wie auch zu erwarten war, äußerst gut an, und so flogen zu den Italienern gleich massig die Haare in der gut gefüllten Halle durch die Luft. Schön ausgewogener Sound sorgte für musikalischen Genuss, fieses Gegrunze von Fronter Ludovico Cioffi und eine brettharte Gitarrenwand bliesen die Nebenhöhlen der Besucher frei. Lauter Beifall und eine hohe Anzahl an nach dem Auftritt über den Ladentisch wandernden CD's bestätigte, dass NIGHTLAND in der Halle auf äußerst fruchtbaren Boden gefallen waren.

Setlist (Ohne Gewähr!)

  • Dreamless Life
  • A.R.E.S.
  • Icarus
  • Alpha Et Omega
  • Astralize
  • Last Dance Of A Treacherous Mind
  • Obsession

 

 

Klarer Sieger der ersten Runde: NIGHTLAND. Es steht 0:1!


- ERDLING vs. CARACH ANGREN

Weiter geht der Reigen im Werk mit ERDLING, die aus Teilen von STAHLMANN hervorgingen und erst vor einem Jahr, im Januar 2016, ihr Debütalbum veröffentlichten. Stilistisch tief im NDH mit Gothic-Einschlag verwurzelt, konnte die Hannoveraner Formation beim Publikum gleich um einiges mehr Resonanz generieren, als das noch bei ihren Vorgängern auf der Bühne der Fall war. Zwar wirkten viele der Songs noch ein wenig reißbrettartig konstruiert, doch das tat der Live-Wirksamkeit absolut keinen Abbruch – eher im Gegenteil, rissen die schmissigen Songs so die Besucher noch schneller und einfacher mit. Einen großen Anteil daran hatte die einnehmende Performance aller Bandmitglieder, vor allem von Fronter Neill, der gegen Ende der Show sogar mit einer Stagediving-Einlage überraschte und damit den etwas zu dominant eingestellten Bass-Sound vergessen machen konnte. Lustiges Detail am Rande: Neill verlor bei seiner Einlage im Publikum seinen In-Ear-Empfänger – doch nach einem Suchaufruf von der Bühne herunter, konnte das verschollene Teil von den Besuchern schnell gefunden und wieder unbeschädigt zurück zu seinem Besitzer gereicht werden. ERDLING gingen runter wie Öl, und holten sich keinesfalls zu Unrecht tosenden Applaus im sehr gut gefüllten Werk ab.

Setlist (Ohne Gewähr!)

  • Aus den Tiefen
  • Du bist Soldat
  • Stimme der Wahrheit
  • Schattenland
  • Im Horizont
  • Dickicht
  • Mein Element
  • Firmament
  • Blitz und Donner

 

Drüben in der Halle wurde es einen ordentlichen Ton schwärzer, mit CARACH ANGREN. Symphonischer Black Metal mit Corpsepaint und ansprechend theatralischer Performance brach über die Halle herein und der Blastbeat-Anteil schraubte sich gleich noch einmal um ein gutes Stück nach oben. Pendelnd zwischen cineastischen Arrangements im Stile von DIMMU BORGIR und klassischem, gitarrenmelodisch orientiertem Black Metal, mit einem kleinen, aus dem Death-Bereich entlehnten Growling-Anteil, konnten die Niederländer die Besucher in der Halle leider nicht ganz so gut mitziehen wie noch die Italiener von NIGHTLAND zuvor. An der Bühnenpräsenz des Vierers (mit beweglichem Keyboardständer, der wunderbar schräge Posen für den Tastenmann in noch schrägerer Aufmachung zuließ) lag es jedenfalls nicht, doch vielleicht hatte der etwas verwaschen wirkende Sound, der Gitarren und Symphonik leider streckenweise recht breiig machte, einen Anteil daran. So müssen CARACH ANGREN, obwohl in den vorderen Reihen ganz ordentlich abgefeiert, unterm Strich leider mit etwas weniger Zuspruch vorlieb nehmen.

Setlist: (Ohne Gewähr!)

  • Once Upon A Time...
  • There's No Place Like Home
  • Lingering In An Imprint Haunting
  • Departure Towards A Nautical Curse
  • When Crows Tick On Windows
  • Spectral Infantry Battalions
  • Bitte Tötet Mich
  • Sir John
  • The Carriage Wheel Murder
  • Killed and Served By The Devil
  • Bloodstains On The Captain's Log

 

Runde Zwei geht somit an ERDLING! - 1:1

 

- MEGAHERZ vs. FLESHGOD APOCALYPSE

Und dann stieg es, das „Finale Dahoam“, der Tourabschluss der „Erdwärts“-Tour des NDH-Urgesteins MEGAHERZ. Zwar konnte man den Sound als einen Zacken zu laut verorten, doch das störte in der herrschenden Partystimmung niemanden. Die Zuschauer gingen vom Fleck weg ab wie ein Schnitzel und das gut gefüllte Werk sang und grölte sich die Seele aus dem Leib. Bereits zum Opener „Zombieland“ stürmten schon Zombies auf die Bühne und werteten die visuelle Komponente der ohnehin stark optisch orientierten Band gleich noch ein Stück auf. Die blutbesudelten, vor sich hin saftelnden Gesellen wurden teils von der Band auf der Bühne niedergeschlagen und fachgerecht entsorgt, oder begaben sich zu den Fotografen in den Graben, wo sie das Publikum betatschten und betropften. Man lebt gefährlich im Graben! Die Zombieapokalypse brach aber zum Glück nicht los, dafür ein Feuerwerk an starken Titeln (Songs wie „Miststück“ oder „Jagdzeit“ dürfen natürlich nicht fehlen!!!), das das Publikum über die komplette Konzertlänge bei der Stange halten konnte. Ob es auch noch irgendwelche Einlagen zum Abschluss gab, darüber kann leider nicht berichtet werden, denn sollte es welche gegeben haben, so fielen sie in den Zeitraum des Hin-und Herpendelns zwischen den Hallen. In jedem Fall war das äußerst gut besuchte Konzert im Werk ein krönender Abschluss einer durch die Bank erfolgreichen Tour von MEGAHERZ. Klar, so große Hallen wie ihre Brüder von EISBRECHER (tschuldige, den Vergleich müsst ihr euch trotzdem mal wieder gefallen lassen...) füllen sie nicht, doch das tat der Stimmung zu keinem Zeitpunkt einen Abbruch!

Setlist: (Ohne Gewähr!)

  • Zombieland
  • Fanatisch
  • Glorreiche Zeiten
  • Dein Herz schlägt
  • Wer hat Angst vorm schwarzen Mann
  • Roter Mond
  • Heute Nacht
  • Einsam
  • Kopfschuss
  • Miststück
  • Heuchler
  • Augenblick
  • Ist das verrückt?
  • Jordan
  • Für immer
  • Jagdzeit
  • 5. März
  • Gegen den Wind
  • Himmelsstürmer

 

Wenn der Vorhang vor der Bühne zugezogen wird und man klassische Musik als Pausenfüller vernehmen kann, dann kann das nur Eines bedeuten: FLESHGOD APOCALYPSE bereiten sich darauf vor die Halle zu zerstören. Und die Italiener kamen, sahen und siegten. Eine mächtige Soundwand, wie man sie in der mittelgroßen der drei Backstage-Hallen nur selten hören kann, brach über die Zuschauer herein, und der komplette Innenraum verwandelte sich innerhalb kürzester Zeit in ein wogendes Meer aus Haaren, als die Hundertschaften an Metalheads wild die Mähnen schüttelten. Gegenüber der unfassbar dichten Atmosphäre, kreiert durch den klaren, aber dennoch gnadenlos drückenden Sound, präzisen Nähmaschinen-Doublebass (meine Herren, das ist Hochleistungssport!), epischen Arrangements und gnadenlos guter Vocalperformance, sah selbst eine großartige Liveband wie MEGAHERZ regelrecht blass aus. FLESHGOD APOCALYPSE holzten mit Hochgeschwindigkeit und Präzision durch ihr Set aus ausufernden Hymnen und knallten solch ein Brett in die Halle, dass es einfach nur eine Freude war. Wo bei anderen Bands eine Opernsängerin mit Resonanzraum der Marke Montserrat Caballé den Sound mit Opernvibrato in Grund und Boden singen könnte, fügte sich die mit den Italienern mitreisende Diva perfekt in das Gesamtgefüge ein, duellierte sich gerade zu episch mit dem wütend grollenden Fronter Tommaso und verlieh der raumfüllenden Musik einen opernhaften, geradezu erhabenen Touch. Was für ein verdammter Abriss, man konnte sich kaum von dieser irrwitzigen Soundmagie losreißen, die FLESHGOD APOCALYPSE da kreierten. Was für ein Tourauftakt!

Setlist: (Ohne Gewähr!)

  • Marche Royale
  • In Aeternum
  • Healing Through War
  • Pathfinder
  • Cold As Perfection
  • The Violation
  • Prologue
  • Epilogue
  • Gravity
  • The Fool
  • The Egoism
  • Syphilis
  • In Honour Of Reason
  • Minotaur (The Wrath Of Poseidon)
  • The Forsaking

 

Nun wird es schwierig... es steht bereits 1:1, und sowohl der gnadenlose Abriss von FLESHGOD APOCALYPSE als auch die großartige Party von MEGAHERZ waren auf ihre Weise überragend. Der Berichterstatter vergibt seinen Punkt an den italienischen Wahnsinn, während der Publikumsaward mit Abstand an MEGAHERZ geht, die mit dem größten Zuspruch und dem lautesten Publikum punkten konnten. Somit schließen wir das Konzertbattle mit einem Gleichstand von 2:2 – obwohl komplett unterschiedlicher Stilrichtung, waren beide Konzerte wirklich, wirklich gut.


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