4.4.2017, ((szene)) Wien, Wien

HAKEN & THE ALGORITHM & NEXT TO NONE

Veröffentlicht am 06.04.2017

Während auf der anderen Seite der Stadt ein gewisser Adam Darski die Country-Gitarren zum Schwingen und die Stormbringer-Hipsterfraktion (bestehend einzig und allein aus Christoph „Was ist das für 1 Bart“ Kaltenböck) in Wallung bringt, sind in der Wiener ((szene)) an diesem 4.April Prog-Festspiele angesagt: die Göttergabe HAKEN feiert ihr zehnjähriges Bestehen ausgiebig auf Tour mit THE ALGORITHM und NEXT TO NONE, und trotzdem alle diese Bands sich unter dem „progressiven“ Banner tummeln, könnte der Abend abwechslungsreicher nicht sein. Ein ausverkauftes Haus macht Hoffnung, dass es mit diesem Genre in Österreich doch noch bergauf gehen kann und straft gleichzeitig meine Vermutung Lügen, es würde sich heute eh nur um einen „kuscheligen Familienabend“ handeln, wie halt so oft bei Werktags-Prog in der Donaumetropole.

Den Beginn machen pünktlich um Acht NEXT TO NONE aus Pennsylvania, an denen wahrscheinlich, abgesehen vom Altersschnitt 18, normalerweise nichts wirklich außergewöhnlich wäre, würde da nicht ein kleiner Wuschelkopf mit Namen Max Portnoy an der Schießbude hocken. Der ultra-talentierte Drummerspross sieht seinem Dad Mike nicht nur wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich (schaut euch mal die Promo-Pics zu DREAM THEATERs „When Dream And Day Unite“ an!), sondern hat zweifelsfrei auch dessen Talent und Lässigkeit geerbt. Mit seinen Buddies Kris, Derrick und Thomas und mit für sein Alter immenser Musik-Erfahrung tritt der junge Mann an, die nächsten Generationen Fans an das Medium Prog heran zu führen. Mit der bemerkenswerten, wenn auch bereits zwei Jahre alten Debut-Scheibe „A Light In The Dark“ im Gepäck und voller jugendlichem Tatendrang zerlegen die vier wortwörtlich gleich mal die altehrwürdige Szene-Bühne – Max drischt so vehement auf sein Set ein, dass man meint, er würde damit jeden Moment durch die Bretter brechen und theoretisch bräuchte der Kerl nicht mal verstärkende Mikrofone an den Trommeln. Der Prog des Vierers ist durchaus auf modern getrimmt, ohne seine Wurzeln zu leugnen. Die bekennenden SLIPKNOT- und LAMB OF GOD-Fans eskalieren immer wieder in ultraharte Riffgewitter, nur um gleich darauf brav DREAM THEATER-haften Melodien zu frönen. Ideenreichtum und fast noch kindlicher Tatendrang machen die Dynamik der Band aus, das Songwriting ist stimmig und die Präsentation rund und routiniert. Sänger und Keyboarder Thomas Cucé erinnert mit seiner Nicht-Frisur und seinem Front-Tastenkasten unweigerlich an Einar Solberg von LEPROUS und ist auch irgendwie genau so introvertiert. Unterm Strich eine Top-Performance, die einzig durch den unnötig übersteuerten Sound inklusive Feedbacks zu leiden hat. Eine wahre Freude, den Jungs zuzusehen und zu -hören, auch wenn natürlich der zentrale Dreh- und Angelpunkt Max Portnoy (dreht seinen Lockenkopf dann auch wie ein Helikopter) ist.

Setlist NEXT TO NONE
The Edge Of Sanity
You Are Not Me
Control
Blood On My Hands

Danach erst mal Stilbruch. Rémy Gallego und Jean Ferry aus dem französischen Perpignan machen laut Eigendefinition „Heavy Computer Music“. Happy Industrial würde es wahrscheinlich eher treffen. Mit Keyboard-Loops, tiefergestimmter Klampfe und Drums verwandeln die beiden eigenwilligen Musiker die ((szene)) dann fast in einen Tanzpalast. Die Bühnen-Beleuchtung erinnert an SCOOTER und ist nichts für Epileptiker, und mit dem Trockeneisnebel wird so dermaßen geballert, dass beim dritten Song die ganze Halle in Wolken liegt. Wobei – „Song“ trifft es hier vielleicht nicht so ganz, denn THE ALGORITHM machen ausschließlich auf instrumental. Das hat seine Vor- und Nachteile, der Verfasser dieser Zeilen steht aber auf Dauer nicht so sehr drauf. Aber Remy und Jean haben ihren Spaß, und das Publikum gleichsam – sieht man doch sogar ekstatisch zuckende Leiber im Strobo-Gewitter und wähnt sich fast auf einer heavy Goa-Party. Spacig ist das Zeug allemal, das die beiden Profimusiker sekundös detailliert in die mittlerweile ordentlich gefüllte Halle feuern, daneben aber auch wegen des fehlenden Gesangs auf Dauer ein bisschen monoton. Als Brückenschlag zwischen NEXT TO NONE und HAKEN funktioniert es trotzdem wunderbar, und wem das Zeug nicht gefällt, der kann sich derweil ja mal ein Bier holen. Oder zwei. Hyper Hyper für die Prog-Jugend und Musik, die dem Namen der Band alle Ehre macht.

Setlist THE ALGORITHM
Floating Point
Pointers
Brute Force
Overclock
Deadlock
Shellcode
Machine (BORN OF OSIRIS Cover)
Access Granted

HAKEN haben es trotz einer Dekade Rumschippern in sämtlichen namhaften Locations dieser Erde nie geschafft, heimische Gefilde zu beehren. Damit ist heute Schluss: die sympathischen Briten geben ein Österreich-Debut, das sich gewaschen hat und noch lange in Erinnerung bleiben wird. Mit einer kultigen Setlist aus Alt und Neu – schwierig immerhin, bei vier Alben an massig Überlängen-Tracks – erobert das Sextett die Herzen derer, die sie noch nicht so kannten, im Sturm und überzeugt diejenigen, die sie eh schon lieben, so wie etwa auch meine Wenigkeit, auf voller Länge. Spieltechnisch über jeden Zweifel erhaben – ja fast schon zu perfekt und ohne jeglichen Ausrutscher! – zelebrieren HAKEN ein Prog-Hochamt der Sonderklasse. Sänger-Derwisch Ross Jennings erweist sich als charismatischer, souveräner Frontmann, der trotz spärlich-schrulliger Ansagen das Publikum sofort auf seiner Seite hat. Die Gitarrenfraktion Henshall/Griffiths agiert eher stoisch und hat lustige Instrumente: fast jede Gitarre, die die beiden benutzen, ist fretless, mindestens achtsaitig und eine Sonderanfertigung. Keyboarder Diego Tejeida dauergrinst hinter seiner Tastenburg und kommt stilecht zu „1985“ sogar mit Umhänge-Keyboard an den Bühnenrand. Bandküken Conner Green am Sechsaiter-Bass stellt sich eher bescheiden in den Hintergrund, aber niemandem entgeht dadurch die enorme Bandbreite, die der Mann seinem Langholz zu entlocken weiß. Erstmals offenbart sich live nämlich, nicht nur für mich, wie wichtig das Bass-Fundament für HAKEN ist, das man halt auf Konserve nie so richtig wahrnimmt.

Über Ray Hearne braucht man eigentlich keine Worte mehr zu verlieren – und es gibt ohnehin keine, die auch nur ansatzweise das beschreiben würden, was der unscheinbare Glatzkopf - der auf Tour übrigens auf Bestellung auch Drum Lessons gibt! - an seinem Kit so abhält. Ray zählt mittlerweile zu den besten und innovativsten seiner Zunft und darf auch gerne in einem Atemzug mit Kapazundern wie Gavin Harrison oder Ray Luzier genannt werden. Und dann ist da eben Ross Jennings. Er ist ein Glücksgriff, nicht nur als Sänger, sondern insgesamt als zentrale Figur. Manchmal sieht er unheimlich und entrückt aus, manchmal dank seines auffälligen Muttermals unterm Auge wie ein weinender Harlekin, immer singt er solide und abwechslungsreich und ist sich auch für die eine oder andere Showeinlage nicht zu blöd. So kommt er zu „1985“ mit blinkender Max Headroom-Brille auf die Bühne und verteilt das als Merch erhältliche Teil auch gleich ans Publikum. Nämliches ist nach dem ersten Track „affinity.exe“ bereits enthusiasmiert und es ist schön, so viele junge Leute links und rechts neben mir zu sehen, die sich zu den immer wieder auftauchenden MESHUGGAH-Riffs genauso einen abgniedeln wie zu den Retro-Passagen a la YES oder GENTLE GIANT - und auch noch sämtliche Texte mitgrölen. Beim aberwitzigen „Cockroach King“, eins zu eins dargeboten inklusive Kaskaden-Gesang, flippen dann alle inklusive mir endgültig aus, da ist das sechzehnminütige „The Architect“ nur noch Formsache. Und weil‘s grad so schön ist, hauen HAKEN als Zugabe abschließend noch den 22-Minuten-Bandwurm „Visions“ vom gleichnamigen Zweitlingswerk oben drauf, man gönnt sich und seinem Publikum ja sonst nix.

Dann ist nach fast 100 Minuten Schicht im Schacht, und trotz des Wunsches, dieser Abend möge bitte nie, nie, nie zu Ende gehen, ist irgendwie alles gesagt. Im April schon von meinem absoluten Jahres-Highlight zu sprechen, ist zwar ein wenig verwegen, aber dennoch: diesen Abend zu toppen wird schwer, für Bands aus allen Sparten. Wenn nämlich nicht nur die Musik, sondern auch das Drumherum so perfekt passt (spezieller Dank geht an dieser Stelle an Tourmanager Steve Inman, von dessen Coolness und Nettigkeit so manch ein Kollege des fahrenden Volkes etwas gebrauchen könnte!), dann geht man nicht mit dem Gefühl nach Hause, auf einem Konzert gewesen zu sein, nein – dann ist es als käme man vom Wellness-Urlaub heim, hundemüde aber glücklich und wie neu geboren. Der Progressive Metal ist demnach noch lange nicht am Ende, im Gegenteil – er hat gerade erst (wieder mal) begonnen!

Setlist HAKEN
Affinity.exe
Initiate
In Memorium
1985
Red Giant
Aquarius (Medley)
Atlas Stone
Cockroach King
The Architect
The Endless Knot
Encore:
Visions

[Alle Setlists wie immer ohne Gewähr!]

 


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