17.06.2017, Dessel,

GRASPOP METAL MEETING 2017 - Freitag

Veröffentlicht am 23.06.2017

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Schon letztes Jahr konnte das GRASPOP METAL MEETING durch ein hochrangiges Line-up und eine großartige Organisation (wir schließen das „Müll-Problem“ jetzt mal aus) glänzen und so gehörte es fast zur Pflicht, sich dieses Jahr um eine Wiederholung zu bemühen. Mit hochkarätigen Headlinern und vielen kleinen, feinen Glitzersteinchen und Rohdiamanten auf den verschiedenen Bühnen, ist es auch nicht schwer, den gediegenen Metal-Fan mit der Masse an Genres und Abwechslung zu locken.

So traten auch wir am Freitag Morgen den Weg nach Dessel an. Schön bepackt mit allem, was der „leicht beladene“ Festivalgänger so braucht: Knäckebrot, Wimpelkette, Luftschlangen – denn auch, wenn die Fußwege am Graspop im Vergleich zu vielen anderen Festivals dieser Größenordnung relativ kurz sind, will man sich ja auf gar keinen Fall überanstrengen. Die Zelte haarscharf noch an den letzten freien Fleck am Wegesrand gequetscht und schon wurde nach ersten Check-In-Lustigkeiten und einem seltsamen Foto-Verbot (siehe Anmerkung am Ende des Artikels*) zu BATTLE BEAST eingelaufen. Zu „Bastard Son of Odin“, „Familiar Hell“ und Co. bekam eine für die Uhrzeit schon gewaltige Masse vor der Mainstage direkt eine ordentliche Power-Show von Front-Walküre und Reibeisen-Stimme Noora um die Ohren gehauen. Trotz bedecktem Himmel schnellte die Temperatur an der Front so doch relativ schnell in den kritischen Bereich. An Feuer fehlt es den Finnen definitiv nicht. Lustig aber auch – wobei bei einem ernstzunehmenden Metalfan nicht mehr ungewöhnlich –, dass die Ansage zu „Black Ninja“ bei der Erwähnung von Pokemon (Fuck yeah, Pokemon) beinahe mehr Begeisterung in der Meute ausgelöst hat als so mancher Band zugetragen wurde.


(c) Daria Hoffmann

Die Stormbringer-Einsatz-Zentrale, nachdem die neuen Nachbarn darüber gestolpert sind.


Auf dem Weg zum ersten maßlos überteuerten Festival-Bier, zog uns tief stampfender Krach dann ins Marquee, eine der Zeltbühnen. Dort erblickten wir als aller erstes sehr erfreut: Haaaaare! Nein, gefunden haben wir keine Hair-Metal-Truppe, die uns entgegen glitzert und mit Haarspray-Odeur den Feinstaub des Geländes aus der Nase zieht, sondern den astreinen Death von DECAPITATED, die zwischen Zerstörungswut und fließendem Gitarrengewimmer optisch mit den dauerrotierenden Mega-Tentakel-Dreads des Shouters begeisterten. (Später kommt als Ausgleich auch noch was mit entblößten Brüsten, versprochen. Hehe, als ob!). Kurz waren die trockenen Kehlen vergessen, der Drang, diese Death-Walze zu feiern, war dann doch übermächtig und so blieben wir.


Das Portal in eine andere Welt – egal in welche Richtung, man wurde gescannt.


Wie gut, dass das Graspop wirklich an JEDER Ecke genügend Stände hat, um seine hart verdienten Token, das Festival-Bezahl-Geld, das schneller weg geht als der Dreck auf der Haut, auszugeben. So wurde der Durst gestillt und der Metal Dome (schon letztes Jahr durch den fein abgestimmten Sound und die gute Akustik die Lieblingsbühne schlechthin) lud zum KING ́S X-Stelldichein. Die Progressive-Rock-Truppe um Gitarristen Ty Tabor, die sich noch nie auf klare Genre-Linien verstanden hat, rockte den Dome genau mit ihrer Kernkompetenz: Erst dreckige Gitarrenriffs und fast schon Punk-Attitüde, dann prog-rockige Eingängigkeit, immer gepaart mit der musikalischen Güte, die jedes anspruchsvolle Musikherz erfreut. Dass außerdem ein Dreigestirn auf der Bühne so vielfältig und auf hohem Niveau unterhält, ist dabei wohl ein ähnlicher Hingucker wie des Bassisten viel zu lange Arme, die den Bass, der ohnehin schon auf den Knien hängt, immer noch zu nahe an den Schultern wirken lässt.


Wenn das Foto nicht beschnitten wäre, könnte man hier die Band sehen – spannend!


Mittlerweile waren wir recht überrascht, dass zwei genretechnisch so unterschiedlich aufgestellte Metalfans wie wir, immer noch die gleichen Wege einschlugen. Aber nicht nur macht zu zweit feiern viel mehr Spaß, auch Fachdiskussionen und Lachanfälle erregen beim Zwiegespräch wesentlich weniger Aufsehen als solo! (Gratis Stormbringer Alltags-Tipp).

Als Nächstes war uns ein wenig nach Kontrastprogramm: MELECHESCH, die Feuerkönige aus Jerusalem betraten die in blutiges Tiefrot getauchte Bühne und verbreiteten vom ersten Song an eine gewaltige Energie. Die Ankündigung von "Multiple Truths" vom letzten Album "Enki" hat dann wirklich jeden noch so legeren Gammler in Bewegung versetzt. Leider ging genau das, was MELECHESH so großartig macht, die orientalischen Melodien, etwas im Zeltsound unter. Das war zwar bedauerlich, allerdings kann man es auch als Qualitätsmerkmal sehen, dass der Auftritt trotzdem total überzeugte - nicht zuletzt durch die energetische Performance für die sich gegen Ende keine Pommesgabeln, sondern mit den Händen geformte Dreiecke erhoben.


(c) Daria Hoffmann

Strahlende Verhältnisse und Zuschauer bei MELECHESH (rechts, nicht im Bild).


Nach diesem Brett wollte sich unsereiner ein kleines Päuschen gönnen, das aber dank des bereits laufenden Gigs von SÓLSTAFIR direkt wieder beendet werden musste. Ein wenig Island in der brennenden Wüste. Im Schatten des Zeltdachs lagen und saßen viele Zuhörer auf dem Boden um die ergreifende und zugleich beruhigende Atmosphäre zu genießen. Was manchen Bands zum Nachteil gereichte, der hallende Sound im Zelt, wirkte auf SÓLSTAFIRs Musik äußerst schmeichelnd. Wir konnten uns zwar gerade noch auf den Beinen halten, zumindest eine Beteiligte hatte nach diesem Erlebnis aber ziemlich dicke Tränen of Emotion of Death im ansonsten ziemlich sandigen Auge. Es kann auch nur der Durchzug gewesen sein, meint sie. Leiden musste unter der grandiosen SÓLSTAFIR-Einlage dann SEPULTURA, die zeitgleich die Hauptbühne beschallten und für uns nur noch die letzten zehn Minuten der Show zu huldigen waren.

Unter den begleitenden Klängen der weitgehend größten Hits von TWISTED SISTER, die von DEE SNIDER fachgerecht, voller Kraft, aber dennoch immer gleich klingend in die Meute geträllert wurden, erkundeten wir die „Annehmlichkeiten“ des Festivals (Mindfuck: Dixies mit Wasserspülung), fütterten den gierigen Handyakku und uns selbst. Wer TWISTED SISTER schon ein paar Mal in den vorderen Reihen mitgefeiert hat, hätte bei DEE SNIDER nun keine große Überraschung erlebt. Er wird wohl immer der Kult-Kreischer von „We ́re not gonna take it“ bleiben, nicht altern und die Party-Massen begeistern, bis er tot von der Bühne fällt (auch wenn man solche Sachen nach dem großen Musikersterben der letzten Jahre wohl nicht zu laut sagen und schon gar nicht in die Tastatur hauen sollte).

ALCEST interessierten uns dann schon weitaus brennender. Erneut wurde der Metal Dome aufgesucht. Nachdem die Wartezeit mit einer Diskussion der phonetischen Ähnlichkeit des Bandnamens mit ekelerregenden Begriffen überbrückt werden konnte, löste sich Gelächter schon bald in Staunen und Wohlgefallen auf. Schon das eigentlich ziemlich banale Bandlogo in der melanchoniefördernden blaulastigen Benebelung tat eine gewisse Wirkung und sobald die Band ihr Set auf die Meute freiließ, wollte niemand jemals ein Zweifler gewesen sein. Das kraftvolle, dennoch ruhige, teils sphärisch wirkende Set überzeugte restlos und lud zum längeren Verweilen ein. Unterstützt durch eine ansprechende Licht-Untermalung (ja, wir sind die Ultras unter den Licht-Fans) wechselte die Stimmung recht bald von durch Power-Performances vollkommen überhitzt zu gemächlich-entspannt. Es ist zu anstrengend, eine mathematische Kalkulation aufzustellen, wieviele Kilo (!) Gras während der Klänge von ALCEST in staubbelasteten Lungen verschwunden sind, aber es dürfte so Einiges gewesen sein. Wer weiß, vielleicht kann man passiv high werden und zerfließt deshalb noch leichter mit der Band irgendwo im Klanguniversum. Woodstock für Neuzeitler, nur sehr viel schöner.


Leuchtende Punkte! – Wer schaut da noch auf die Musiker?


Noch einmal tief eingeatmet und dann ab zu den Mainstages, in die Sonne. Greller und gleißender kam sie uns selten vor, wähnte man sich beim Blick auf die Bühne doch eben noch in tiefster Nacht. Von Weitem erblicken wir die als glitzernder Fuchs umherwirbelnde Simone Simons von EPICA. Auch hier muss natürlich erst kritisch hinterfragt werden – ganz natürlicher Musikschreiber-Reflex: Warum hat die Frau sich riesige Pailletten auf die Augenlider geklebt, die sie sichtbar beim Wimperklimpern stören. Sind wir hier im Musical oder was? Darf man überhaupt soviel Spaß haben während man ein regenbogenförmiges Keyboard bedient und dabei auf der Absperrung balanciert? Sollte klargehen, denn diese Show riss einen augenklimperblicklich in einen Strudel aus guter Laune. Hilflos muss man erfahren, wie der eigene Mund sich zu einem verzückten Lächeln verzieht, das man sonst nur aus der Margarinewerbung gewohnt ist. Das ist Entertainment pur im goldenen Schein der niedersinkenden Sonne – ganz mal abgesehen von den beeindruckenden Vocals und der übrigen musikalischen Qualität. Als wir beim Rückzug, noch ganz euphorisch, das Marquee passierten und gruselige Jaulerei vernahmen, die von belustigten Passanten prompt nachgeahmt wurde, überkam uns eine Erkenntnis: Heureka! Es gibt wahrlich gute Gründe, warum EPICA auf der Main-Stage spielen und TARJA nicht. Der Rest ist beschämtes Schweigen.


Menschen, die ein Ziel im Leben haben: bis RAMMSTEIN durchhalten.


Zu den Klängen von EUROPE mussten dann die trägen Körper erst einmal auf der Wiese vor der Main-Stage abgelegt werden um vor dem Headliner des Abends neue Kräfte zu sammeln. Zu besagter ehemaligen "Final Countdown"-Eintagsfliege müssen auch gar nicht viele Worte verloren werden. Quasi neu auferstanden mit frischem, gut gelaunten Rock scheint EUROPE irgendwie nicht alt zu werden. Joey Tempest liefert eine energetische und sympathische Show und hat bei "Rock the Night" noch ein kleines "Du...Du hast.." Intermezzo in petto, um einen winzigen Hinweis auf das noch anstehende Highlight zu liefern. Als diese sich endlich bemerkbar machten, gelang es uns jeweils noch auf ein paar Songs bei BRIDES OF LUCIFER und EMPEROR vorbeizuschauen. Dann stand das große Finale auch schon bevor:

Bei RAMMSTEIN muss man nicht mehr viel beschreiben. Das ist zwar einerseits gut so, denn man bekommt exakt das, was man erwartet. Andererseits könnte man herumnörgeln, dass zu viel Professionalität und Durchorganisiertheit – und die damit verbundene Vorhersehbarkeit – ein wenig die Spannung trüben. Statt dies jedoch zu tun, haben wir uns einfach dem absoluten Fan-Tum hingegeben und die überragende Show mit all den Knalleffekten und Feuerfontänen genauso übertrieben abgefeiert, wie alle anderen Besucher des Graspop, die sich gefühlt vollzählig vor der Mainstage eingefunden hatten um jeden einzelnen Song von vorne bis hinten so laut wie möglich mitzuschreien – ganz gleich welcher Muttersprache sie sich normalerweise bedienen. In dieser Atmosphäre konnte man sich komplett in eine temporäre Feier-Gemeinschaft fallen lassen, was in dieser Art und Weise kaum einer anderen Band gelingt. Ein absolut großartiges Erlebnis, das man garantiert nicht mehr vergessen wird – selbst wenn man zu Hause normalerweise nie in die Stimmung gerät, ein Album von RAMMSTEIN aufzulegen. Nach Zugabe des Pyromanen-Festes "Sonne", und den Klassikern "Amerika" und "Engel", strömte die Menschenmasse sichtlich beeindruckt und beeindruckend schweigend wieder zurück in ihre Zeltbehausungen. Auch wir schwammen mit – und hatten ebenfalls nicht mehr viel zu sagen außer einem krächzenden "Bis morgen!".

 

Anmerkung:

* Trotz Presse-Akkreditierung und Gewährung eines Field-Photo-Pass, mussten wir einen Vertrag unterzeichnen, der uns strikt untersagt, die auf den Bühnen auftretenden Bands zu fotografieren. Zunächst empört, doch dann belustigt, haben wir also äußerst elegant um die Bands herum fotografiert – und konsequenterweise dann auch um alles Andere. Man möge uns diese kleine Albernheit nachsehen.
 


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