18.06.2017, Dessel,

GRASPOP METAL MEETING 2017 - Samstag

Veröffentlicht am 28.06.2017

Kälte konserviert. Dies sieht man beim Gros der skandinavischen Herrschaften, die scheinbar über Jahrzehnte hinweg zeitlos bleiben und dann über Nacht alt werden. Nun, wir sind wohl alle ein wenig skandinavisch, denn nach der nächtlichen Kälte (und ja, es war verdammt kalt) fühlte zumindest ich mich ein paar Jahrzehnte älter. Und eine ganze Sahara schmutziger. Ohne Kaffee macht auch das ganze Morgengemuffel keinen Spaß, doch diese wütende gelbe Funzel am Himmel legte uns dann doch eher ein paar kühle Vitamine nahe. 

Durch tatsächlich größere Anlaufschwierigkeiten begann der Festivaltag nun doch ein, zwei Bands später, doch in Begleitung des melodischen Einhorngetrappels von RHAPSODY ging es dann doch gleich in die Vollen. Oder waren es RHAPSODY OF FIRE? Ich komm da immer wieder durcheinander. Jedenfalls war wieder Fabio Lione am Mikro und auf die Ohren gab's in erster Linie den alten Stoff von der "Symphony of the enchanted Lands". Keine schlechte Begleitmusik, um Schwert und Rüstung zu füttern und seinen Drachen zu polieren. [Anm. d. Lekt: I see, what you did there...] Die Italiener lieferten eine kritikfreie, zeitlose Show von Güte, aber ohne große Wow-Effekte und manchmal blitzte dann doch die Frage auf, ob diese Truppe denn schon einen gewissen Kult-"Die sind schon alt, die muss man feiern"-Status erreicht haben, oder am Ende dann doch irgendwie immer gleich klingen und man dazu neigt, minimal die Power zu verlieren.


 Verkatert? Nach dem Frühstück ab auf's Riesenrad! Huiii...


Als wir, äußerst vorsichtig und mit sehr sehr kleinen Augen, wieder auf die Mainstages zuhumpelten, brüllten uns bereits von Weitem die ARCHITECTS ins Gesicht. Die Show war gewohnt solide und eigentlich hatten wir diesem Auftritt angesichts der letzten Veröffentlichungen bereits entgegengefiebert. Vielleicht lag es an unserer minimalen Ausdauer und Belastbarkeit des heutigen, jetzt schon viel zu warmen Tages, oder daran, dass wir endlich etwas finden mussten, das wir außer der glühenden Scheibe kritisieren konnten: Die ARCHITECTS jedenfalls wurden nach den ersten, mit zustimmendem Kopfnicken abgesegneten Songs zu einem doch etwas zu krawallig in die Meute gebrülltem Einheitsbrei - und fielen dadurch leider unseren mädchenhaften Launen zum Opfer. 

Nicht besser sollte es da SANCTUARY ergeben, zu welchen wir uns eigentlich geflüchtet hatten. Erneut war das Marquee, das für so viele Bands schon Ruhm und Untergang bedeutet hatte, Ort des Geschehens. Oder des Verbrechens. SANCTUARY sind ja dafür bekannt, mit virtuosem Gitarrengefriemel und - zumindest in den neueren Releases - einem an NEVERMORE angelehnten Sound zu punkten. Dieser Vergleich fällt nicht nur durch das stimmliche Können leicht. Leider - so gut und stimmig der Sound in tieferen Lagen auch war, sobald sich der Gesang in die Höhen schwang, klang dieser derart "scharfkantig", dass es dauerhaft selbst in den Gehörgängen eines halbtauben Metal-Maniacs schmerzte. Man stelle sich einen viel zu laut aufgedrehten Rob Halford vor, der maßlos übersteuert ist. Ja, das kommt hin. Man hatte ständig das Bedürfnis, nach vorne zu rennen und dem Soundmenschen mit einem der bei der Hitze ohnehin unnütz herumstehenden Gummistiefel eins über den Schädel zu ziehen. Oder zwei, oder drei. Statt dessen - bevor unsere Gewaltbereitschaft überschäumte und tollwutartige Ausmaße annahm - gönnten wir uns einen gebührenden Sicherheitsabstand und verfolgten von einem der äußerst raren Schattenplätze das weitere Geschehen.


Schattenparker in ihrem natürlichen Habitat. Körperteile außerhalb verdampfen.


Hatte man erst einmal seinen Allerwertesten mit allem, was da noch dran war, an einem zumindest etwas kühleren Schattenplatz geparkt, verließ man diesen nicht so schnell wieder. Dadurch wurde die Show von DANKO JONES und das - ach, wie kann das denn sein - sehr SEPULTURA-lastige MAX & IGGOR CAVALERA-Wurzelschlagen mehr gehört denn gesehen. Doch wir kennen es ja alle: Manche Bands eignen sich hervorragend für eine gemütliche Verschnaufpause und andere muss man dann doch etwas näher begutachten. Wobei ich persönlich schon hin und wieder gezuckt habe, die "alten" Zeiten von "Roots" und Co. doch etwas mehr mitzufeiern, doch alles andere als müßiges Wippen mit dem großen Zeh war einfach zu sportlich-schweißtreibend.

Als wir aus der Ferne das grollende Raunen Godzillas vernahmen, wurde dies nach verwirrter aber kurzer Beratung zunächst recht entschlossen als Magenknurren tausender Menschen interpretiert, die sich leider keinen Burger für 12€ leisten konnten. Dies stellte sich jedoch als fatale Fehleinschätzung heraus. Vielmehr hatten auf der Mainstage GOJIRA mit der Arbeit begonnen – und die standen definitiv auf unserem Plan. So machten wir uns unter Zuhilfenahme der berühmten Erdmännchen-Technik (geduckt durch die recht locker gepackte Menge schlängeln, Aussicht und Akustik prüfen, weiterschlängeln...) daran, noch einen angemessenen Standpunkt zu erreichen. Als uns dies dann zu den einzigartigen Klängen von "Silvera" gelang, blieb eigentlich nichts anderes mehr übrig, als völlig fasziniert den restlichen Auftritt zu feiern. GOJIRAs einfallsreiches Songwriting und die alles ummähende Kombination aus Vocals und Gitarrenbrettern machen sie wahrlich zu einer der besten Live-Bands, die man sich heutzutage so reinziehen kann.

Es sei denn, man wird davon durch Mallorca-Touristen abgehalten. Ok, die Sonne hatte einer von uns einen krassen Sonnenbrand eingebracht – sah bestimmt lustig aus. Aber so manchem Individuum muss der Lavaplanet wohl zu lange aufs Hirn gebraten haben, dass es mehrere Personen unabhängig voneinander schafften, uns durch unfreiwillige Umarmungen, Hut-vom-Kopf-reißen, ganzes Tablett-Bier-über-den-Rücken-schütten (Leute, wie teuer muss das gewesen sein!) und auf-den-Sonnenbrand-grapschen dazu zu bringen, genervt die Flucht zu ergreifen. Natürlich wollten sie uns nur davor bewahren, noch länger in der Sonne zu stehen. Ein paar Meter weiter ist uns das dann trotzdem gelungen, bis zum grandiosen Ende, bei dem sich zu "Vacuity" ordentlich die Wut aus dem Kopf gebrüllt wurde: "Bring light to my attention, the walls of vacuum fall, this force increases and tells me where to go..." – nämlich noch schnell zur Zeltbühne, um die letzten zwei Songs von MAYHEM zu verehren und sich am eisigen Froststurm zu laben, der einem wohlig sommerfrisch durch die Boxen entgegenblies. Wer "De Mysteriis Dom Sathanas" hat, braucht keine Klimaanalage.


MAYHEM (Abbildung ähnlich).
[Anm. d. Lekt.: An diesem Punkt verschwand der Lektor japsend vor Lachen unter dem Tisch.]


Auf jedem Festival gibt es Tageshighlights, die man um nichts und auf keinen Fall verpassen will und darf. Und da muss es nicht unbedingt die Main Stage sein, die man belagert. In diesem Fall verschlug es uns ins Marquee, jene Zeltbühne, die schon am Vortag durch den etwas hallenden Sound bei manchen Bands - wie SOLSTAFIR - positiv aufgefallen war, der ein oder anderen Band aber dann eher das Genick zumindest angebrochen hat. Keine Zweifel gab es nun bei AMORPHIS. Egal, wie sich die Finnen durch ihr angenehm frostiges Set spielen würden, schlecht konnte es gar nicht werden. Schnell hatte man sich in die vorderen Reihen gequetscht und konnte eine einwandfreie, unverwechselbar kraftvolle Show genießen. Die Stimmung in der Meute ließ keine Wünsche offen, Texte waren brav auswendig gelernt und sogar der geklatschte Rhythmus weitgehend im Takt zelebriert worden.

Selbst, als sich ausgerechnet bei "Death of a King" direkt nach dem Intro die PA verabschiedet hatte und man außer Drums und einem fantastisch pantomimisch rockenden und headbangendem Finnenquartett nichts weiter serviert bekam, wurde nach Berichtigung des Fehlers (jemand hat wohl den passenden Stecker wieder eingestöpselt) vollkommen professionell und sehr sympathisch weitergefeiert. Ein kurzer Kommentar dazu und weiter ging das Konzerthighlight mit den letzten Songs. Viel zu kurz die Show, viel zu viel Energie, die man noch freizulassen imstande gewesen wäre und eindeutig viel zu komisch, als man sich umdrehte und von dem abgedunkelten Zelt in das gleißende Licht einer abendlichen Sonne starrte. Für einen Moment wirkte der Gang nach draußen wie das Eintreten in eine Parallelwelt. Dass es nach AMORPHIS hell und heiß und dämlich leuchtend war, wirkte einfach falsch.


Dort hinaus blickten AMORPHIS, als ihnen jemand den Stecker zog – der Rest blickte AMORPHIS an.


Eigentlich hatten wir aufgrund akuter Erschöpfungszustände (und anscheinend auch einem gewissen Grad an Hirnverlust) vor, DEEP PURPLE zu schwänzen um danach noch fit genug für IN FLAMES zu sein. Eigentlich, denn als wir den legendären Sound bereits von Weitem vernahmen, konnte uns kaum noch etwas aufhalten. Also ab im Storchen-Slalom herum um liegende Schlafende, liegende Liebende und liegende Erbrechende auf die flauschige Mainstage-Wiese. Eine gute Entscheidung, diesen Legenden doch noch zuzuhören, denn so entstand wieder ein Erlebnis, an das man sich noch lange zurückerinnern wird. Ganz besonders auch deshalb, weil der Sound großartig abgemischt war und das gesamte Publikum, angefeuert vom unvermeidlichen "I can't hear you" noch bis ganz hinten mitgetanzt und gesungen hat. So schmetterten auch wir mit voller Inbrunst: "Smooooooke on the waaater..." – und mit einem kaum zu beschreibenden Grinsen habe ich mir später auf der nervigen Zug-Rückfahrt die dabei entstandenen schrägen Audio-Aufnahme-Schnipsel angehört – und so die gute Laune wiederbelebt. Danke DEEP PURPLE, ihr alten Haudegen. (Und was Schreiberling Nr.1 vergessen hat zu erwähnen: "Smoke on the water" schmetterte es auch aus jeder einzelnen Dixie 2.0-Toilettenkabine - und das waren ganz schön viele - was dem ganzen noch ein recht hübsches dröhnendes Echo verlieh, das doch für einen mittelschwer großen Lachanfall sorgte). [Anm. d. Lekt.: Ihr habt Gras nicht nur fotografiert, glaube ich...]

Zu IN FLAMES rannten wir dementsprechend gut gelaunt und frühzeitig, um die bestmöglichen Plätze abzustauben. Nach und nach realisierten wir jedoch, dass wir eigentlich auch locker bis vorne durchkämen und das kurz vor dem Auftritt eines Headliners. Trotzdem platzierten wir uns erst einmal im vorderen Drittel und genossen den persönlichen Freiraum, als es losging. IN FLAMES starteten den Gig mit neueren Songs. Das schien dem Publikum nicht besonders zu gefallen. Bereits als "Wallflower", "Alias", "Before I Fall" und "Leeches" erklangen, machten unter unseren verwirrten Blicken etliche (auch ganz vorne stehende) Zuschauer plötzlich kehrt und verließen reihenweise den Ort des Geschehens! Das sollte sich noch während des gesamten Auftrittes so fortführen, sodass wir immer weiter vorrückten, allein schon weil sich vor uns riesige menschenleere Flächen auftaten. Bei den älteren Hits wie "Only For The Weak", "Cloud Connected" und ganz besonders "Deliver Us" hat der harte Rest dann endlich die Gelegenheit zum Abfeiern genutzt. Trotzdem blieb bis zum Ende eine ganz seltsame Stimmung – vor der Bühne sowieso, aber auch auf ihr. Gegen Ende hin wurde es erst stimmungsvoll traurig in einem kleinem Meer aus Lichtern und Feuerzeugen und dann fast schon zum Weinen depressiv, als Anders Fridén noch einmal an seinen verstorbenen Kollegen und Freund Chris Cornell von SOUNDGARDEN erinnerte, mit deren Musik IN FLAMES die Zuschauer dann auch zur Nachtruhe entließ. Geblieben ist ein Fragezeichen über dem Kopf, ein wenig gedrückte Stimmung, sowie Verärgerung über die respektlose Geste, einfach demonstrativ den Platz zu verlassen sobald einem ein Song nicht gefällt. Das müssen wahre Fans gewesen sein.


 

Hier geht's weiter zum ersten Teil: GRASPOP - Freitag

Und hier zur künstlerisch anspruchsvollen Foto-Galerie

Anmerkung:

* Trotz Presse-Akkreditierung und Gewährung eines Field-Photo-Pass, mussten wir einen Vertrag unterzeichnen, der uns strikt untersagt, die auf den Bühnen auftretenden Bands zu fotografieren. Zunächst empört, doch dann belustigt, haben wir also äußerst elegant um die Bands herum fotografiert – und konsequenterweise dann auch um alles Andere. Man möge uns diese kleine Albernheit nachsehen.


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