02.08.2017, Wacken Festival Area, Wacken

Wacken 2017 - Metal-Mittwoch

Text: Jazz
Veröffentlicht am 12.08.2017

Ich denke nicht, dass es einer weiteren oberflächlichen Einleitung in das 75.000 Gäste starke Metal-Festival in Norddeutschland bedarf, das seit 1990 nun zum 28. Mal stattfindet. Auch, ob es längst nicht mehr Kult oder nur noch Kommerz ist, welche Bands dort spielen oder nicht spielen sollten, welche Fans dort hingehen oder welche Festivaltouristen dort fernbleiben sollten, das alles soll hier nicht das Thema sein. Wer aber Lust hat, sich in das Wacken Open Air 2017 einzufühlen, sich zu erinnern oder festzustellen, dass man dort nach wie vor eine unendliche Ladung Spaß haben kann, ist herzlich willkommen, meinen Spuren im Schlamm zu folgen.

Vorglühen

Im Jahr 2017 ist der Montag schon ein Tag, an dem man ohne Zuzahlung anreisen kann. Doch die Zeit von Montag bis zum Mittwochmittag sei hier folgendermaßen in aller Kürze zusammengefasst: Nüchterne, stille, leere grüne Wiesen füllen sich mit bunten Zelten und schwarz bekleideten Menschen, die alles andere als nüchtern und still bleiben. Wer in dieser Vorglüh-Phase des Festivals nicht bereits eine hervorragend gute Zeit hat, macht irgendetwas massiv falsch.


(c) Dr. Jules May


Metal-Battle-Mittwoch

Die ersten Schritte hinein in das Infield des Wacken Open Airs lassen mich bereits ganz andächtig werden. Es verschlägt mir die Stimme, mein Mund wird trocken, meine Atmung schneller und meine Augen größer. Dann schlägt mir der erste Schrei aus dem gigantischen Zelt entgegen, in dem zwei der acht wichtigsten Bühnen untergebracht sind. Endlich wieder den ohrenbetäubenden Krach und das lautstarke Gebrüll auf den Ohren zu haben, treibt mir die Tränen in die Augen. Oh ja, hier bin ich wahrlich zuhause! Wacken ist Heimat!

Diese ersten Klänge, die ihren Weg in meine sehnsüchtigen Ohren finden, stammen von ABINCHOVA. Die Schweizer Metal-Battle-Teilnehmer sind trotz der mittäglichen Uhrzeit ziemlich gut besucht und danken dies der Menge mit einer angenehmen Mischung aus Melodic Death Metal und Folk. Hervorhebenswert sind all jene Parts, in denen Frontmann Arnaud mächtig deathig brüllt und die Instrumente ordentlich Gas geben. Wie so oft, macht dabei besonders die Geige Spaß. Wenn die dazugehörige Geigerin Nora jedoch singt oder zwischensongliche Ansagen in hartem Dialekt getätigt werden, rutscht mir die ein oder andere gequälte Grimasse in die Gesichtsmuskulatur.

Die Auftrittsfenster der Metal-Battle-Bands sind nur 20 Minuten kurz und so erklingen unwesentlich später MEGALODON aus Südafrika. Auf einer nur schwer eingängigen Basis eines groovenden, aber trotzdem rhythmisch komplizierten Death Metals verursachen die derzeit noch eher kleinen Fische mit den schwarzen Kapuzen reichlich Herzrhythmusstörungen. Mal mit Metalcore-, mal mit Black-Metal-Elementen bringen sie die Trommelfelle zum beben, bleiben aber ziemlich ungefällig. Doch wer von Metal Gefälligkeit erwartet, findet auf Wacken sicher zu anderer Zeit leichtere Kost.

Lettlands ONCE UPON zum Beispiel. Die spielen ungefähr das, was man heute ganz gerne in die recht grobe Schublade Modern Metal wirft: ein ungebundenes Metalcore-Fundament mit offenen Ausbau-Optionen in verschiedene Metal-Genres. Mit ihren weißen Shirts sehen die Jungs weder wirklich märchenhaft noch besonders metallig aus, aber solange Vocalist Arthur nicht anfängt, säuselnd zu flüstern, können die Fünf die Gehörgänge der Wackengänger sichtlich erfreuen. Allzu aktives Gemoshe lässt jedoch noch auf sich warten. Das liegt vielleicht auch an der emotional zerrissenen Note von ONCE UPONs Musik, die Arthur gerne mit reichlich Gezerre an seinem eigenen Oberteil symbolisierend untermalt. Interessierte finden aktuelles Material der Band auf der neuen EP „Morningstar“.

Wo im Anschluss die bulgarischen OPHAN spielen sollen, ist zunächst nur höhlenhaft blaues Licht und eine gollumesk kriechende Gestalt zu sehen. Doch auch bei mehr Licht, das im Zuge der einsetzenden Musikeraktivität hinzugeschaltet wird, scheint es, als wäre Tihomir, der Sänger, nach einem schweren Unfall unzureichend notversorgt worden, bevor man ihn auf die Bühne gelassen hat. Seine mitunter angeblackten Deathgrowls keifen aber mächtig, creepy und leidend aus dem progressiven Instrumentalchaos heraus. Überhaupt klingen OPHAN live weitaus brutaler als auf ihrer – dennoch sehr gelungenen – aktuellen EP „The Wheel of Fortune“. Auch wenn die teils horrorfilmartige, teils durch geschwärzte Gesichter auffallende Optik der Musiker etwas merkwürdig ist, bilden ihre Klänge einen kleinen Höhepunkt in der heutigen Running Order. Dennoch leert sich seit ABINCHOVA das Zelt bis hierher immer mehr und mehr.

Finnland schickt – oh Wunder – Black Metal ins Rennen und sorgt damit für eine jähe umkehr des Publikumsschwunds. FROM THE VOID tragen zunächst Tücher über ihren Gesichtern, sodass von ihrem Corpse Paint anfangs wenig zu sehen ist. Auf dem Kopf des Sängers prangt ein Geweih, an seinem Mikro sind Tierschädel zu sehen. Die düsteren Mienen der Musiker hindern sie nicht an der Interaktion mit dem Publikum, das die Schwarzmetaller mit dem Hauch von Horror und Dark Metal kräftig feiert. Finnland besitzt ja durchaus den Ruf, guten Gitarrenkrach hervorzubringen und FROM THE VOID machen da auch keine Ausnahme.

Vielleicht wird es der eine oder andere schon gemerkt haben, aber natürlich ist dieser Festivalbericht durchaus nicht ganz objektiv. So ist das nun einmal mit der Kunst und deren Rezeption. Bei mir lösen die jetzt auftretenden JET JAGUAR mit ihrem Heavy Metal aus Mexiko zum Beispiel einen sofortigen, unwiderstehlichen Fluchtreflex aus. Doch offensichtlich bekommen sie von anderen so viel Zuspruch, dass sie das diesjährige Metal Battle für sich entscheiden können. Als wackerer Krieger im immerwährenden Streit der Metal-Subgenres bin ich selbstredend zutiefst erbost darüber. Ach nee, eigentlich nicht. Vielmehr freue ich mich für die Mexikaner und die Vielfalt der Musik auf Wacken.

Meine Flucht vor spanischsprachigem Heavy-Stuff führt mich ins Wackinger Village, wo reichlich Futter, Met und Bier angeboten werden. Aber auch zahlreiche andere Kurzweiligkeiten sind hier zu entdecken: zum Beispiel Axtwerfen, Ritterkämpfe, Runenketten und natürlich Musik. In gerade diesem Moment ist diese jedoch von der Wasteland-Stage aus zu hören. Aus aufgetürmten Containern heraus und in endzeitlichen Outfits spielen NULL POSITIV. Während ich mir bei ihrem aktuellen Album „Koma“ den Vergleich mit TOKIO HOTEL nicht sparen konnte, muss ich eingestehen, dass die Truppe um Fronterin Elli live echt heftig, echt eigen, echt gut klingt.

Zurück im Zelt wird deutlich, dass sogar der Hardcore aus Island nach Death Metal kingt. Und der eisige Wind der nordischen Insel haucht dem Death auch noch Doom hinzu. So jedenfalls bei den Metal-Battlern UNE MISÈRE. Das Sextett walzt sich durch das gigantische Zelt und lässt schnell vergessen, dass der heutige Tag doch eigentlich eher eine Art Vorprogramm zum W:O:A darstellen soll. Die geladene Gewalt ihrer Musik transportiert eine außergewöhnliche Fülle von Emotionen: So viel Verzweiflung, so viel Wut, so viel von allem – und das in nur 20 Minuten. Erstklassig! Tausende emporgereckte Fäuste und ein ansehnlicher Circle Pit sehen das genauso.


(c) Th. Eisbrenner

DOMINATION schreddern dann von null auf hundert in drei bis vier Takten. Die griechischen Thrasher finden im Gesang fließende Übergänge vom Thrash zum Death zum Hardcore, zurück zum Thrash und nochmal zum Hardcore. Da sich aber leider in den letzten Jahren unter den Metal-Fans der Haarausfall – oder, schlimmer noch, eine Verbrüderung mit den Erzfeinden, den Frisören – breitgemacht hat, sieht man kaum Haare fliegen. Die Musik geht trotzdem steil. Ob sie jedoch ausreicht, um eine stabile Fanbase aufzubauen, werden die kommenden Jahre zeigen.

So, liebe Kinder, Ringelpiez ist jetzt vorbei. ANALEPSY knüppeldreschen derartig goregrindigen Brutal Death Metal in die Menge, dass jeder treffende Vergleich diesen Text jugendgefährdend machen würde. Damit zerschroten sie das Fressbrett des geneigten Lauschers mehr, als wahrscheinlich jeder andere Act den Wacken dieses Jahr zu bieten hat. Das ist in guter alter Actionfilm-Manier oneliner-würdig: Und wenn man glaubt, härter geht's nicht mehr, kommt von Portugal ANALEPSY her. Hier freiwillig zuzuhören ist eine Form von selbstverletzendem Verhalten. ANALEPSY sind die totale Zerstörung – nur noch ein bisschen heftiger. Hört einfach selbst mal in „Atrocities From Beyond“ rein! Nach dieser extremen Nummer brauche ich erst einmal Urlaub. Und Alkohol.

 

Hier geht es zum Bericht vom Donnerstag, Freitag und Samstag (sofern diese bereits online sind).


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