05.08.2017, Wacken Festival Area, Wacken

Wacken 2017 - Schrei-Samstag

Text: Jazz | Fotos: Fred Gasch
Veröffentlicht am 13.08.2017

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Samstag ist der letzte Tag des Wacken Open Airs. Ich trauere jetzt schon ein wenig, dass all das bald wieder nur eine Erinnerung sein wird. Sekt schafft Abhilfe! Ja, klar, Bier auch. Am besten aber Musik!

Beim Frühstück höre ich bereits mehrfach, dass das Konzert von MARILYN MANSON am Vortag den Ansprüchen des Publikums wohl nicht genügt habe. Im Laufe des Tages verdichtete sich das zu einer flächendeckenden Enttäuschung mit Worten wie „Zumutung“, „peinlich“, „ging gar nicht“ und „schlechtestes Konzert aller Zeiten“. Da ich nicht vor Ort war, die Metalheads sich aber sehr einig zu sein scheinen, lasse ich das mal so stehen. So etwas sollte bei einem solchen Mainact eigentlich eher nicht passieren!

Auf dem Weg zum großen Bühnenzelt stolpere ich kurz ins „Welcome to the Jungle“-Zelt, das gerade gut gefüllt ist mit Menschen, die Metal-Yoga machen. Was es nicht alles gibt! Für mich aber geht es weiter, um einen der abgefahrensten Acts des Festivals nicht zu verpassen.

THE HIRSCH EFFEKT machen Artcore: Mathcore trifft auf … Nein, hört einfach selbst hinein! Meine Worte reichen nicht aus für dieses Wunder der Musik, für diese Kunst! Gestern habe ich noch über das nahende Ende von THE DILLINGER ESCAPE PLAN getrauert und tue es noch, aber in THE HIRSCH EFFEKT kann man sehr gut einen noch verrückteren Ersatz für die entstehende Lücke finden. Das Konzert steigert und steigert sich, bis es mit dem Meisterwerk „LIFNEJ“ endet. Unbeschreiblich gut!

Der Funeral Doom von AHAB direkt im Anschluss fängt meine Stimmung nicht auf und so findet sich etwas Zeit für ein weiteres Fläschchen Sekt, bevor ich mich auf den Weg zur Louder-Stage (ehemals Party-Stage) mache.

Bei RUSSKAJA lässt sich zum wahrscheinlich besten Ska-Metal der östlichen Hemisphäre hervorragend das Tanzbein schwingen. Die Band war in den letzten Jahren noch als eine der mehrfach auftretenden Spaß-Bands auf den kleineren Bühnen, schafft es aber auch spielend, die Fläche vor einer großen Bühne zu füllen und in Bewegung zu setzen. Insbesondere der „Psycho Traktor“, eine Art Circle-Pit, sorgt für beste Laune, obwohl es sich nur sehr schwer in der sich langsam wieder verfestigenden Masse unter den Füßen laufen lässt. Geige, Trompete und die russisch-kratzige Stimme von Gerogij Makazaria unter einem leicht bewölkten Himmel, bei dennoch hohen Temperaturen: So lässt sich dieses Festival bestens genießen. Schade nur, dass RUSSKAJA parallel zu MAX & IGOR CAVALERA spielen, die mit ihrem „Return to Roots“-Programm sicher auch eine eindrucksvolle Show abgeliefert haben. Doch das Cover von AVICIIs „Wake Me Up“, das RUSSKAJA gerade spielen, macht zu viel Spaß, als dass ich mich ärgern könnte.

Deutlich härter geht es dann bei HEAVEN SHALL BURN weiter. Muss man zu denen noch viel sagen? Die härtere der deutschen Metalcore-Spitzen spielt Songs wie „Combat“ und „Endzeit“ und bringt dabei die Masse an diesem Sommersonnensamstag zum Kochen. Das ganze Schlammgetrete – vor allem bei dem riesigen Circlepit um die Fressstände herum – dient neben der guten Laune sicher auch noch einem ordentlichen Wadenmuskulaturaufbau. Auf der Bühne brüllt Marcus Bischoff von einer zum nuklearen Zwischenlager umgestalteten Bühne seine nicht ganz dialektfreien Shouts auf die Metallermenge hinab, die ihn und seine Kollegen gebührend feiert. OK, OK, viele warten auch nur auf die bekannteren Songs und lassen sich dabei die bleiche Haut von oben anrösten.

Dass jeder Metaller für seine Wacken-Sünden büßen muss, ist ja wohl allen klar. Da die Absolution am Sichersten ist, wenn man für eine religiöse Sache kämpft, ziehen wir nun mit POWERWOLF in den heiligen Krieg, der uns alle erlösen wird. Die „einzig wahre heilige Heavy-Metal-Messe“ verpflichtet uns alle, Krieger für die Religion des Metals zu werden. Zigtausenden Metalheads zuzuhören, die auf die sakralen Töne der Powermetaller eingehen und „Ave Maria“, „Halleluja“ und „Amen“ brüllen, hat etwas zugleich bewegendes und verstörendes. Aber spätestens bei „Amen and Attack“, das immer wieder klingt wie „A Banana Tank“, bin auch ich gehirngewaschen und voll dabei. Das intensive Mitmach-Programm führt die schwarze Gemeinde zu den „Werewolfs of Armenia“ und erklärt sie für „Sacred and Wild“. Auch wenn die Konzerte von POWERWOLF seit geraumer Zeit sehr gleichartig ablaufen, sind sie auch eine sichere Bank für die Begeisterung des Publikums. So natürlich auch heute.

In den Abendstunden wird das Wetter leider unbeständiger und unregelmäßige Schauer lassen mich im Schutz des Pavillons bleiben. Von dort aus kann ich diesen schlammigen Sekt-Samstag ausklingen lassen. Mal höre ich das Geschrei von FIT FOR AN AUTOPSY, mal den berühmten Schrei von SUBWAY TO SALLY – manchmal beides gleichzeitig. „Kleid aus Rosen“ und „Eisblumen“ begleiten mich in den Schlafsack, wo ich ein überragendes Wacken Open Air Revue passieren lasse.

Fazit

Das Wetter war weitgehend in Ordnung. Schlamm gehört zur Wacken-Normalität und ist mir lieber als Staub. Erhebliche Verfehlungen von Seiten des Festivals habe ich keine wahrgenommen. An der Mentalität, die Besucher manchmal ganz schön lange warten zu lassen (Gästeliste, Einlasskontrollen), sollte man allerdings noch nachbessern. Von den angeblichen Verbesserungen des Bodens war nicht besonders viel zu merken und die Bodenplatten auf einigen der Wege standen mitunter fast knietief unter Wasser. Ob sich das vermeiden ließe, wage ich nicht zu beurteilen.

Das Bandprogramm war sehr vielseitig, wenn auch ein wenig in Richtung Oldschool ausgelenkt. Natürlich ist es für viele beeindruckend, alte Rock- und Metal-Legenden zu sehen, aber allzu rentnerlastig sollte es dann auch nicht werden. Doch im Großen und Ganzen verteilten sich die Genres gut und ergaben auch nur wenige Überschneidungen, die Anlass zur Beschwerde gegeben hätten.

Persönliche Höhepunkte durfte ich bei den portugiesischen Metal-Battle-Teilnehmern ANALEPSY, bei den überaus heftigen ABORTED, bei APOCALYPTICAs Interpretation von „One“, bei den sakralen Klängen POWERWOLFs, bei den verrückten musikalischen Auswüchsen von THE HIRSCH EFFEKT und bei der überragenden Stimmung erleben, die SALTATIO MORTIS ausgelöst haben.

Meinen Dank an alle Beteiligten, besonders aber an jeden einzelnen Metalhead, der Wacken nach all den Jahren immer und immer wieder zu einem unfassbaren Vergnügen macht!

 

Hier geht es zum Bericht vom MittwochDonnerstag und Freitag.


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