16.08.2017 - 19.08.2017, Dinkelsbühl, Dinkelsbühl

Summer Breeze Festival 2017

Veröffentlicht am 28.09.2017

Es ist schon irgendwie kurios. Nach über 15 Jahren als Anhänger und reger Mitgestalter der Metalwelt, addiktiver Albenkäufer und Konzertgänger sowie weitgereister Festivalbesucher hat es meinereins noch nie, noch niemals und nicht ein einziges Mal aufs SUMMER BREEZE Open Air in Dinkelsbühl geschafft. Und das, obwohl ich von privaten und öffentlichen Ratgebern schon so viel Gutes gehört habe. Obwohl es geographisch besser erreichbar für mich ist als die bekannten Veranstaltungen der Mitbewerber. Obwohl es heuer und stets ein sensationelles Preis-/Leistungsverhältnis bietet und obwohl es einer der besten Line Ups des Jahres (auch retrospektiv betrachtet) liefert. Warum hat es solange gebraucht, bis das zwischen uns beiden mal funktionieren sollte? Im Jahre 2017 war es nun endlich so weit. Zu deinem 25sten Geburtstag gehen wir beide nun endlich einen Schritt aufeinander zu. Und auch wenn es wie so oft beim ersten Mal Schmerzen beim "Eindringen" gibt, so bin ich dennoch froh, dass wir beide nun endlich zusammen gefunden haben.

Nach dieser gar poetischen Balz begrüße ich nun auch alle anderen zu unserem Reisebericht und in Teilen Rückblick aufs diesjährige SUMMER BREEZE Open Air, welches in der Tat meine Premiere auf dem Flugplatz Dinkelsbühl sein sollte. Auch wenn ich in den Jahren zuvor nicht zugegen war, so war dennoch auch für mich zu spüren, dass in diesem Jahr alles anders sein sollte. Das 25. Geburtstagsfestival war nicht nur für die Veranstaltung selbst ein Meilenstein, sondern revolutioniert nebenher auch mal eben die Konzert- und Festivalszene an sich. Das SUMMER BREEZE 2017 geht damit auf jeden Fall in meheren Formen in die Geschichte ein. Für alle Dagewesenen und Daheimgeblieben begeben wir uns nun gemeinsam noch einmal auf die Reise. Eine Regel: Ich übernehme das Kommando (Sorry, Bobby...). Das heißt, dass es keinen allumfassenden Rückblick auf alle Bands gibt, sondern dass ihr mit meiner Bandauswahl leben müsst. Und dass es hier nicht nur um die Bands geht, sondern vielmehr um den Gesamteindruck, den das Festival bei mir und (hoffentlich) bei euch hinterlassen hat. Sachen gepackt? Dann geht's los!

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Mittwoch, 16.08.
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Gegen späten Morgen begeben wir uns aus dem Mittelrheintal Richtung Dinkelsbühl auf. Das Wetter ist gut. Erste Live-Kommentare vor Ort berichten allerdings von einer durchnässten Nacht für alle Dienstagsanreiser. Der geschädigte Ex-Wackengänger in mir befürchtet schon schlimmes. Es soll sich aber zeigen, dass die Formel "1 Regentropfen = 20m Durchmesser Morast" in Dinkelsbühl nicht zutrifft. Somit geht es mit ungetrübter Stimmung und bester Sicht auf nach Bayern. Am frühen Nachmittag fängt das Navigationsgerät an, sich mit Staumeldungen rund um Dinkelsbühl zu überschlagen. Dennoch bin ich zunächst noch guten Mutes und nicht gestresst, als ich gute 4km vor Dinkelsbühl zum Stehen komme. Die Blechlavine rollt zähflüssig aufs Dorf und schließlich durch das Dorf, in dem die örtliche Polizei die Regelung des Verkehrs übernimmt. Gut 80 Minuten später bin ich aus dem Dorf wieder raus und fahre auf das Festival zu, durch den Kreisel und in den nächsten Stau. Der Stau, der sich dann bis hoch zu den Sicherheitskontrollen durchzieht und in Sachen Langsamkeit kaum zu übertreffen ist. Mein Navi sagt, es sind noch zwei km bis zum Ziel, ich brauche geschlagene 120 Minuten. Insgesamt also drei Stunden Fahrt plus über drei Stunden Stau. Ja, ich habe in der Vergangenheit ähnliche Berichte gehört. Aber ich konnte es nicht glauben, dass es dennoch so schlimm ist. Ich versuche objektiv zu bleiben und bin es in der Nachbetrachtung weiterhin. Es ist gut, dass wirklich jedes Auto kontrolliert wird. Nicht nur wegen dem Glasverbot, sondern vor allem auch durch die weltweit angespannte Lage. Man muss ja auch nicht direkt so planen, dass man Mitten in der Rush Hour ankommt, oder? Weiß man jetzt besser, kann man nächstes Mal berücksichtigen. Beim ersten Mal tats noch weh. Damit wir den Bogen zur Einleitung überdeutlich schließen.

Ein lauter Knall reißt mich aus meinen Gedanken, ein Feuerwerk eröffnet die T-Party irgendwo in der Ferne. Ich richte mir derweil erstmal, trotz nachträglicher Akzeptanz, mächtig genervt mein Lager ein und marschiere voller Scheuklappen Richtung Infield. Nichts hören, nichts sehen ist die Devise. Zur Bühne irgendwie, damit man was mitbekommt, und zum Bierstand. Hier der erste postive Moment auf dem Gelände: Kein Beck's! Yes! Es gibt einheimisches Bier, was dankend und wohlschmeckend aufgenommen wird. Derweil eröffnen die Senkrechtstarter NIGHT DEMON den "Riot Of The Underground" auf der deutlich kleiner als erwarteten Camel Stage. Das amerikanische Dreiergespann legt eine wahnsinnig beeindruckende Leistung an den Tag. Dementsprechend sehen wir schon viele erhobene Fäuste und fliegende Matten bei Speed Krachern wie "Screams In The Night", "Curse Of The Dead" und "Full Speed Ahead". Spätestens bei der Bandhymne "Night Demon" hat sich die Band die volle Aufmerksamkeit des Publikums erspielt, welches dann mit dem MAIDEN-Cover "Wasted Years" eine völlig glückselige haleb Stunde NWoBHM erlebt hat.

Inzwischen machen sich VOMITORY auf der T-Stage bereit. Moment, wer? VOMITORY? Die Deutschen oder die Schweden? Egal, beide gibt es doch eigentlich nicht mehr? Heute gelten andere Gesetze. Denn heute steigt die allererste "T-Party" auf der T-Stage. Namensgeber für beides ist Michael Trengert, Mitbegründer des SUMMER BREEZE und Wegbereiter zahlreicher heute überaus erfolgreicher Bands, der im Jahre 2013 einem Krebsleiden erlag. Wie wichtig "T" für das Festival und viele Bands war und noch immer ist, das zeigt sich heute in Dinkelsbühl. Schon die verpassten BORN FROM PAIN haben eine eindrucksvolle Hommage an den Verstorbenen geliefert inklusive bengalischer Fackeln und übergroßem Banner. Dass man aber zu seinen Ehren eine, laut Ansagen auch weiterhin aufgelöste Band für einen Auftritt wiederbelebt, kommt selten bis gar nicht vor. Und somit sei es den Schweden auch verziehen, dass nicht alles tight läuft und der Sound sehr matschig daherkommt. Großen Applaus für die Aktion!

Weiter geht es mit IN EXTREMO, die zusätzlich zu ihrem 1.000 Konzert am Donnerstag Nacht noch eine dem Anlass gerechte Secret Show spielen. Was sich auch herumgesprochen hat, denn inzwischen ist das Areal rund um die T-Stage zum Bersten gefüllt. IN EX präsentieren heute eine völlig andere Show als die zur regulären Tour und spielen in erster Linie lange nicht gebrachte Klassiker und generell weniger Bekanntes. Leider dringt die PA nicht durch die deutlich gewachsene Meute durch, und so gelingt der normalerweise sicheren Bank heute nur im Ansatz das, für was sie normalerweise bekannt und berüchtigt ist. Dennoch ist es auch hier absolut zu loben, dass sich die Band zu Ehren Trengerts dazu herreißen lassen, ein komplett separates Set zu erstellen und dem Abend so eine ganz spezielle Note zu verleihen. (Setlist: Wind, Hiamali Tempore, Herr Mannelig, Ai Vis Lo Lop, Vänner Och Frände, Rotes Haar, Palästinalied, Krummavisur, Merseburger Zaubersprüche II, Omnia Sol Temperat, Spielmannsfluch, Frei zu sein)

 


IN EXTREMO (Foto: Leoni Dowidat)

 

Als nächster Überraschungsgast stehen die omnipräsenten POWERWOLF auf dem Plan. Hieran habe ich mich allerdings schon vor einiger Zeit sattgesehen, und so schauen wir mal rüber auf die Camel Stage, wo gearde die Portlander Black Metaller UADA zur schwarzen Messe laden. Black Metal ist auf der persönlichen Geschmacksliste gar nicht so populär vertreten, und dennoch können mich die Neulinge positiv überraschen. Das mir unbekannte Songmaterial ist selten schwelgerisch und elegisch, sonder punktuiert und zackig. Es geht hier und da ein bisschen in die Melo-Death Richtung, und die optische Erscheinung der komplett vermummten US-Amerikaner macht auf alle Fälle etwas her. Sollte man im Auge behalten.

Während von weit her immer noch "Hallelujah Amen"s zu uns schallen, bereiten wir uns auf den heimlichen Headliner des heutigen Abends vor, nämlich VITAL REMAINS! Der Sound ist brachial, laut, leicht übersteuert, aber dennoch spielt die Band ihren komplexen, teils ultraharten und um melodischen Versatz ergänzten Death Metal mit einer hammerharten Präsenz und Tightness. Die kleine Bühne wirkt auf einmal wie eine Main Stage, die ersten Mosh Pits entstehen, während sich der Rest ins Delirium headbangt. Und auch, wenn die Meute vornehmlich wegen Old School Death Metal Material anwesend sind, lassen sich Providencer es nicht nehmen, mit "In A World Without God" einen neueren Song zu spielen. So muss Todesblei! (Setlist: Where Is Your God Now, Icons Of Evil, Scorned, Hammer Down The Nails, In A World Without God, Let The Killing Beginn, Dechristianize)

Dass der Donnerstag-Headliner mal eben schon den Abend davor auf dem gleichen Festival headlined sieht man auch nicht alle Tage. Aber genauso wie bei IN EXTREMO geben sich auch AMON AMARTH die doppelte Ehre mit zwei unterschiedlichen Setlists. Heute kommen vor allem Fans der älteren Scheiben auf ihre kosten. Ganze fünf Songs vom glorreichen "With Oden On Our Side" gibt es, darunter die seltener gespielten "Asator", "Gods Of War Arise" und "Under The Northern Star". Aber es wird noch tiefer gegraben, wir hören den "Victorious March" vom Debüt, "Versus The World" wird endlich mal wieder gespielt (Warum ist dieses eigentlich von den Setlisten verschwunden??), "Fate Of Norns" induziert Gänsehaut. Diese "Skeletons-In-The-Closet" Shows, welche GAMMA RAY häufiger mal veröffentlichen, sollte bei vielen Bands dann und wann bestandteil des Bandzyklus werden. Fantastisch!

Später soll es noch DESTRUCTION als golrreiches Finale der T-Party geben, aber der Anreisetag fordert seinen Tribut und der Heimweg wird angetreten. Bevor ich das jedoch tue, muss ich mich hier in aller Ausführlichkeit über den einzig wirklich schwerwiegenden Kritikpunkt des SUMMER BREEZE auslassen. Die Klo-Situation im Infield ist schlichtweg desaströs. An der T-Stage gibt es eine handvoll Dixis, welche in windeseile überfüllt und auf Grund der großen Crowd Abends teilweise nur mit enormer Wartezeit, also zu spät, überhaupt zu betreten sind. Also entsteht in deren Umkreis eine im Volksmunde "Lake Of Piss" genannte Schlammeinöde, welche noch am Samstag ihr natürliches Odeur über den ganzen Festivalacker wehen lassen wird. An der Camel Stage soll es dafür mobile wassergespülte Klosetts geben. Das stimmt ja auch, aber auch hier wird man den gefüllten Blasen der angereisten Besucher nicht ansatzweise gerecht. Also kurz einkneifen, auf dem Rückweg über den Campground wird ja sicher eine Dixi-Batterie gerade frei sein, oder? Oder? Nein, da man in diesem Jahr verstärkt "Rent-A-Dixis" angeboten hat, sind 90% der vorgefundenen Ortschaften mit einem Hängeschloss versehen. Eine öffentliche Dixi-Batterie wird auf die Schnelle nicht gefunden. Auch am Tag darauf, als dann das gesamte Infield geöffnet wird, gibt es noch immer viel zu wenige Defäkierungs-Oasen, was für ein Festival dieser Größenordung ein absolutes No-Go ist. Wenn irgendwo nachgebessert werden muss, dann hier! Denn nur wo's Ärscherl unbekümmert brummt is auch das Herzal g'sund!

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Donnerstag, 17.08.
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Nach einer ausgesprochen ruhigen Nacht in der Nähe des Green Campings bin ich ausgeruht und früh willens zu einem ersten Rundgang über das inzwischen vollständig geöffnete Infield. Praktischerweise betrete ich das Gelände während von irgendwo her das Intro meiner absoluten Lieblingsserie "Game Of Thrones" in einer Live-Darbietung herüberweht. Fühlt sich gut an, strahlt auch irgendwie ein "Hier biste richtig!"-Gefühl aus. Schnell stellt sich heraus, dass der musikalische Willkommensgruß von der Ungarischen Folk-Punk Band FIRKIN stammt, welche gerade die beiden Hauptbühnen einweihen. Die Hymne an Westeros ist derweil nicht das einzige bekannte Stück Musik, welches von FIRKIN in FLOGGIN MOLLY'scher Geschwindigkeit und voller Energie vorgertragen wird. So sind die teilweise Eigenkompositionen immer wieder von Traditionals durchzogen und sorgen so auch bei nicht kennern der Band für Déjà-Vu-Momente. "Drunken Sailor" anyone? FIRKIN machen als Opener, auch wenn sie etwas Genrefremd sind, zumindest eine gute Figur und werden sicherlich häufiger auf den nächsten Festivals anzutreffen sein.

Wenn wir zehn Jahre zurück in die Vergangenheit reisen, was ist der größte Unterschied zwischen damaligen und heutigen Festivals (neben dem Preis)? Die Kulinarik! Früher reichten uns Frittenbude, Pizzabäcker und Grillstand, heute muss es Street-Food in den unterschiedlichsten Variationen und für alle Diäten sein. Auch das Summer-Breeze macht da keine Ausnahme und bietet im gesamten Infield eine verlockende Köstlichkeit nach der anderen an. Dabei ist es wummsegal, ob es der mächtige Barbarenspieß ist, welcher die Massen begeistert, oder der leckere vegane Spinatteller bei den Rastafaris einen Stand weiter, die Auswahl und die Qualität stimmt eigentlich überall. Selbst die Burger sind gut, und das sind se eigentlich auf Festivals nie. Großes Lob also an die kulinarische Vielfalt des BREEZE.

Mit einem leckeren Barbarenspieß zum Frühstück also blicke ich zufrieden in die Runde und zur Bühne, auf der FIRKIN gerade ihre letzten Akkorde ausklingen lassen. Ein Blick auf die Running Order sagt mir, dass es nun auf der zweiten Bühne mit THE NEW ROSES weitergeht. Aber wo ist die zweite Bühne? Und hat die eine Bühne, auf die ich starre, nicht schon überirdische Dimensionen genug? Wo soll denn da eine Zweite sein? Und ist das jetzt hier die "Summer" oder die "Breeze" Stage? Was sich auf den Geländeplänen ja schon irgendwie angedeutet hat, aber durch geschickte grafische Elemente absichtlich vertuscht wurde, zeigt sich jetzt. Es gibt noch eine weitere Besonderheit neben der "Umbenennung" von "Main" und "Pain" Stage zu "Summer" und "Breeze" Stage: Diese beiden Bühnen wurden vereint! Aber wie sollen denn zehn Minuten Umbaupause auf einer einzigen Stage eingehalten werden können? Das geht doch nie und nimmer? Wieso stehen denn sonst auf vielen anderen Festivals genau deshalb zwei Bühnen nebeneinander? Nachdem ich einige Minuten sprachlos wirken lasse, was da vor mir passiert, dämmert mir die Lösung und wundere mich, wieso so lange niemand vorher draufgekommen ist: Während eine Band vorne heraus Performt ("Summer Stage"), wird auf der rückseitigen Hälfte ("Breeze Stage") die nächste Band aufgebaut und verkabelt. Nach dem Gig wird die Bühne um 180 Grad gedreht, kurzer Line-Check und Banner aufgehangen - Los geht's! Und das klappt! Das meinte ich mit Eingangs erwähnter Revolutionierung. Das SUMMER BREEZE hat damit Pionierarbeit in der drastischen Verküzung von Changeoverzeiten geleistet, und das Konzept wird sicherlich bald auch von Mitbewerbern adaptiert. Man darf gespannt sein!

Sich danach einfach so wieder auf die Performance auf der Bühne zu konzentrieren fällt dabei nicht leicht. Aber THE NEW ROSES reißen die Aufmerksamkeit schnell wieder an sich. Die für die krankheitsbedingt ausgefallenen XANDRIA eingesprungenen Hard Rocker machen ihren Job sehr gut. Das Songmaterial ruft eine Menge Assoziationen zu Klassikern hervor ("It's A Long Way"), aber dennoch geht der bluesige, zuweil von GUNS'N'ROSES, AC/DC und BON JOVI beeinflusste Rock der Hessen absolut gut rein. So gut, dass mir der Ohrwurm "Thristy" lange nachklingt und ich mich frage, wo ich ihn vorher schonmal gehört habe. Ich bin auf alle Fälle noch besser gelaunt als vorher und notiere mir, mich in Zukunft intensiv mit dem Songmaterial der Truppe zu beschäftigen.

Der Autor dieses Erlebnisberichtes mag eine Musikrichtung nicht: Core! Auf der Running Order stehen nun in nicht chronologischer Reihenfolge WHILE SHE SLEEPS, OCEANS ATE ALASKA (Goldene Zitrone für den bescheuertsten Bandnamen), MISS MAY I, FIGHT THE FIGHT, WITHIN THE RUINS, WHITECHAPEL, TESSERACT und AUGUST BURNS RED, weshalb ich mich vornehm zu einigen gut gemischten Hopfen-Malz-Kaltschalen zurückziehe und den Nachmittag an mir vorbeiziehen lasse.

Zu den mächtigen OBITUARY bin ich dann aber wieder zurück. Und das ist auch gut so, denn direkt beim einleitenden "Internal Bleeding" fällt der drückende, aber kristallklare Sound der Floridianischen Old School Death Metal Combo positiv auf. Ebenso gefällt der nach wie vor überragende Spielwitz und die agile Bühnenpräsenz vor allem von Fronter John Tardy. Die Könige des False Finish präsentieren heute ein Best-Of durch Ihre Diskographie, von denen nicht alle Songs ausgespielt werden. So habe ich Probleme, "Chopped In Half" und "Turned Inside Out" richtig auseinander zu halten, aber macht nichts. "10.000 Ways To Die" hört man heraus und das obligatorische "Slowly We Rot" schraubt dem letzten Zweifler die Matte ab. OBI haben mich heute sehr glücklich gemacht.

Danach gibt es volles Kontrastprogramm und Entschleunigung, denn LONG DISTANCE CALLING versetzen die ganze Meute vor der T-Stage in Trance. Heute gibt es ein von den Fans der Band über Social Media speziell gevotetes Best-Of Set der Münsteraner Prog Rock Institution. Was sich aber ehrlich gesagt nicht wirklich von den Sets im Support von AMOPRHIS im letzten Winter unterscheidet. Das nimmt Stücken wie "Into The Black Wide Open", "Black Paper Planes" und den Klassikern "Arecibo" und "Metulsky Curse Revisited" allerdings nichts an Intensität. Wer nicht selbst das Tanzbein schwingt, der wird von dem heute drückend lauten Bass von Jan Hoffmann praktisch dazu genötigt. Ansonsten eine einwandfreie Leistung.

DECAPITATED sind modern geworden. In Erwartung einer total brutalen dementialen (Neusprech) Death Metal Vollbedienung werden wir im Intro zu "Deathvaluation" mit elektronischen, gar tanzbaren Klängen begrüßt, was erst mal etwas befremdlich wirkt. Überhaupt liegt der Schwerpunkt der heutigen Setlist mit ganzen vier Songs auf dem letzten Werk "Anticult", welches deutlich leichter und zugänglicher dahertönt als der Backkatalog. Als Entschädigung dafür gibt es später mit "Day 69", "Post (?) Organic" und dem sensationellen "Spheres Of Madness" noch eine schöne Dosis technisch präzisen Todesstahl auf die Ohren.
(Setlist: Deathvaluation, Kill The Cult, Post(?)Organic, Day 69, Never, Earth Scar, Spheres Of Madness, Homo Sum)

Zurück zur Hauptbühne, wo wir das Intro zu DEVIN TOWNSEND leider verpassen und erst zwischen "Stormbending" und "Failure" im Battlefield ankommen. "Heavy Devy" macht es uns heute auch nicht wirklich leicht, da die Setlist bewusst oder unbewusst die größten Hits der Truppe um das leicht psychedelische Mastermind ausklammert. Kein "Juular" zum Beispiel! Dafür darf Anneke Von Giersbergen zu "Supercrush" die Bühne betreten und bleibt auch bis zum Ende der Show anwesend. Auch eine Gitarre bekommt sie zwischenzeitlich mal umgeschnallt. Die künstlerische Bereicherung ihres Auftrittes bleibt trotzdem ein wenig schleierhaft, da Devy's Truppe viel auf Blechbüchseneffekte zurückgreift, welche auch Vocalpassagen umfasst. Klingt im Endeffekt aber negativer, als es wirklich war, denn DEVIN TOWNSEND schafft es eigentlich immer, sein Publikum in den Bann zu ziehen. Beim Kracher "Kingdom" brechen viele Dämme, und das abschließende "Higher" beinhaltet die zum Schmachten schönste Melodie des ganzen Festivals, weshalb das Konzert auf einer unverschämt hohen epischen Note endet!

Von einem musikalischen Egomanen zum nächsten, denn "Heavy Devy" drückt die Klinke niemandem geringeres als Mr. "Megadave" Mustaine und seinen Gefährten in die Hand. Man durfte gespannt sein, denn die Qualität eines MEGADETH Gigs steht und fällt mit der Verfassung des Masterminds. Um es vorweg zu nehmen: Der Auftritt sollte die Gemüter spalten und noch Tage später für in- und externe Diskussionen sorgen. Es war vielleicht nicht ganz glücklich, dass beim einleitenden "Hangar 18" Daves Mikro nur eingeschränkt funktioniert hat. Aber er schaltet schnell und weicht zu Kikos Mikro aus - welches aber gar nicht funktioniert. So kommen wir heute praktisch in den Genuss einer instrumentalen Version des Bandklassikers. Daves Bühnenpräsenz und Gesang sind dann auch im Nachhinein der häufigste Kritikpunkt an der Show. Seine Mimik am Mikro ist schon sehr gewöhnungsbedürftig, Gesangsstärke wie in den 80ern oder 90ern ist von Dave eh nicht mehr zu erwarten. So umgeht er höhere Passagen und Screams, auch viele Effekte werden genutzt. Nun ja, nun ist MEGADETH aber eine der "Big 4" des Thrash Metal, und Thrash Metal allein auf die Vocals zu reduzieren wäre der komplett falsche Ansatz. Was Megadave mit seinen Stimmbändern nicht (mehr) hinbekommt, das macht er mit nach wie vor unmenschlich guten Leistungen auf der Gitarre wett. Und mit Kiko Loureiro (ANGRA) als zweiten Gitarristen hat er einen nicht minder talentierten Counterpart an seiner Seite. Beide zusammen riffen, thrashen und solieren sich in Sphären, an die keine andere Band auf dem ganzen Festival auch nur Ansatzweise herankommt. Unterm Strich kann ich subjektiv sagen, dass der Auftritt als Erfolg gewertet werden darf. Die Chöre aus dem Publikum bei "Peace Sells" sprechen eigentlich für das gleiche Ergebnis.
(Setlist: Hangar 18, The Threat Is Real, Wake Up Dead, In My Darkest Hour, Sweating Bullets, Conquer Or Die!, Trust, A Tout Le Monde, She-Wolf, Poisonous Shadows, Tornado Of Souls, Dystopia, Symphony Of Destruction, Peace Sells, Holy Wars... The Punishment Due)

 


MEGADETH (Foto: Matt Bischof)

 

Einig ist sich das Volk dann wieder bei den Headlinern des gestrigen und heutigen Tages, AMON AMARTH! Nachdem es gestern eine besondere Show mit alten Klassikern zu bewundern gab, so wird heute die aktuelle Großproduktion aufgefahren. Die dann auch eins zu eins zu den Shows der Tour und auf anderen Festivals, sodass Überraschungen heute Mangelware sind. Macht aber nichts, denn die Show kann einiges. Das Bühnenbild inklusive Wikingerhörner am Drumset, die Feuershow, die Showkämpfe, das alles können und dürfen nur diese fünf Schweden. Welche in diesem Jahr auch durch eigene Statuen auf dem Infield verewigt wurden. Die Songauswahl liegt dementsprechend heute wieder auf den eingängigen neueren Stücken, sodass es nicht weiter ins Gewicht fällt, dass man mit "Pursuit Of Vikings" direkt im Intro einen seiner größten Hits verpulvert. "First Kill", "The Way Of Vikings" und "At Dawn's First Light" folgen vom aktuellen Output "Jomsviking" und sind einfach für die Bühne konzipiert. Das spätere "Raise Your Horns" allerdings überspannt den Bogen und wirkt wie ein ALESTORM Sauflied zu später Stunde. Nichts dagegen, aber es passt einfach nicht zu AMON AMARTH. Auch DORO nicht, welche, oh Überraschung, auch auf dem BREEZE "A Dream That Cannot Be" schütteln, äh, singen darf. Brauch ich nicht. Dann doch lieber schönes Gebolze Marke "Deciever Of The Gods" und Hymnen wie "Death In Fire"! Songauswahl hin oder her, AMON AMARTH erweisen sich als würdiger Headliner und ziehen die mitunter größte Crowd des gesamten Wochenendes.
(Setlist: Pursuit Of Vikings, As Loke Falls, First Kill, The Way Of Vikings, At Dawn's First Light, Cry Of The Black Birds, Deciever Of The Gods, Destroyer Of The Universe, Death In Fire, Father Of The Wolf, Runes To My Memory, War Of The Gods, Raise Your Horns, A Dream That Cannot Be, Guardians Of Asgaard, Twilight Of The Thunder God)

Wenn eine Band die Stimmung jetzt noch halten kann, dann sind es IN EXTREMO. Wie bei AMON AMARTH bekommen wir nach dem Special Set heute die volle Show serviert, welche dann auch wieder die Mitsingkracher im Gepäck hat. Der Sound ist auch glücklicherweise wieder Transparent, so hört man neben Dudelsack und Drums auch eindlich Gitarren und Michael Rheins unverwechselbare Vocals. Und direkt beim anfänglichen "Feuertaufe" schreit sich das gesamte Publikum mit den charakteristischen "Oh Oh" Chören in extase, die Pyros krachen wieder, die Stimmung ist da und wird auch bis zum Ende nicht abreißen. Alles andere wäre für das 1.000ste Konzert auch nicht würdig. Die Setlist konzentiert sich auf neuere Hits mit Partygarantie, auch wenn Klassiker wie "Vollmond" oder "Liam" natürlich nicht fehlen dürfte. Wenn das Publikum mal nicht so will wie Das Letzte Einhorn in Persona, dann wird letzteres auch mal ausfällig. "MUSCHIS!!!" dröhnt es ins Mikro, als das Publikum zwischenzeitlich den Namen des letzten Albumtitels "Quid Pro Quo" nicht mehr über die Lippen gelallt bekommt. Aber Pack schlägt sich und Pack verträgt sich, spätestens bei der Feierhymne Nummer Eins "Sternhagelvoll" liegen sich Band und Publikum sprichwörtlich in den Armen. Bei "Pikse Palve" gibt es dann zur Feier des Jubiläums noch ein tolles Feuerwerk und setzt dem ganzen die Krone auf und entlässt uns nach einem sensationellen Festivaltag in den wohlverdienten Schlaf. Was vergessen? Ach ja, KREATORs Mille Petrozza durfte die Gastvocals bei "Unsichtbar" dazusteuern. Der Vollständigkeit halber.

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Freitag, 18.08.
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Der Freitag soll der Ereignisreichste Tag des diesjährigen SUMMER BREEZE sein. Vor allem wettertechnisch ist heute der variabelste der vier Festivaltage. Schon früh morgens macht sich eine drückende, schwere Hitze über dem Flugplatz breit, die Sonne scheint unaufhaltsam, keine Wolke ist am Himmel. Umso überraschter bin ich, als ich zu CELLAR DARLING das Battlefield betrete. Für früh morgens ist doch gut was los hier! Klar sind Anna Murphy, Ivo Henzi und Merlin Sutter keine Unbekannten im Musikbuisiness, handelt es sich um drei ehemalige Mitglieder der Schweizer Folk Death Kapelle ELUVEITIE, welche etwas später auch noch auftreten sollen. Die Musik von CELLAR DARLING kann sich trotz fortbestehender Folk Elemente vom ehemaligen Arbeitgeber dennoch weiter nicht entfernen. CELLAR DARLING sind in einer Zeit, in der musikalisch fast alle Grenzen ausgelotet sind, tatsächlich noch echte Pioniere. Moderner Rock trifft progressive Elemente, die Folk Instrumente sind wenig Selbstzweck, sondern ordnen sich songdienlich in den Kontext ein. Die Performance ist noch etwas reserviert, aber dafür stringent. Ansagen gibt es wenige bis keine, stattdessen gibt es eine abwechslungsreiche Setlist mit Material des Debütalbums, welche nicht nur die eingängigen Songs berücksichtigt. Sehr interessanter Opener, noch interessantere Band. Ich freue mich schon auf die nächsten Schritte dieses ungewöhnlichen Dreiers.

Da fällt mir ein, heute stehen ja einige Highlights auf dem Programm, denn NUCLEAR BLAST feiern heute 30 jähriges Jubiläum. Wow, wie die Zeit vergeht. Ich kann mich noch an das NUCLEAR BLAST FESTIVAL zum 20 jährigen Jubiläum in der Stuttgarter Schleyerhalle erinnern, mit BLIND GUARDIAN, SUBWAY TO SALLY, DIMMU BORGIR, EDGUY, KATAKLYSM und einem witzigen DORO/RAGE Crossover zum Finale. Was ein Zufall, dass ich auch beim 30sten wieder dabei sein darf. Wo wird denn in zehn Jahren gefeiert? Damit ich mir schonmal freinehme!

Da mich CELLAR DARLING von meinem eigentlichen Frühstücksplan abgehalten haben, muss ich diesen leider während MEMORIAM nachholen. Ohne Futter im Magen geht die Laune baden! Oder so ähnlich! Dabei hätte ich die Nachfolgeband von BOLT THROWER gerne mal in Aktion gesehen. Dafür braucht mein melodisch verankertes Herz jetzt ein bisschen Kitsch. Und mit BATTLE BEAST steht die mit Abstand kitschigste Band des Festivals (nein, SONATA ARCTICA sind es nicht, dazu später) auf dem Programm. Standen BATTLE BEAST vor fünf Jahren noch für geerdeten, wenn auch schön primitiven Heavy Metal Marke WARLOCK, so hat man spätestes seit dem "Lionheart" Album Gefallen an BONNIE TYLER gefunden und deren JIM STEINMANN geprägte Eingängigkeit mit Heavy Beats kombiniert. Nennt man übrigens seit dem aktuellen Output "Rock Trash". Aha! Ich wäre aber unfair, wenn ich sagen würde, ich hätte keine Kurzweil bei dem Gig der Finnen. Die Publikumsanimation ist Genretypisch vorrangig beim Live-Gig, die Performance etwas klinisch, dafür aber einwandfrei. Der Setlistfokus liegt eben dann auch auf den neueren Stücken, aber ich erwische mich bei Songs wie "Familiar Hell" oder "Bastard Son Of Odin" einfach immer beim Schmunzeln. Doch, macht Spaß, geht in Ordnung! Eine Bitte: Bringt "Steel" zurück auf die Setlists. Es gibt keinen klischeebeladeneren Song als diesen, über den ich mich mehr freuen würde. (Setlist: Straight To The Heart, Bringer Of Pain, Familiar Hell, Black Ninja, Lost In Wars, Bastard Son Of Odin, Touch In The Night, King For A Day, Beyond The Burning Skies)

 


BATTLE BEAST (Foto: Leoni Dowidat)

 

Der nächste Absatz fällt mir extrem schwer zu schreiben, denn es wird ein Abgesang auf eine der ehemals größten Melodic Metal Bands ever. Power und Melodic Metal ist derzeit extrem unpopulär, schon klar, aber ich stehe voll und ganz dazu, SONATA ARCTICA lange Zeit zu meinen absoluten Lieblingen gezählt zu haben. Keine Band schaffte es, Spielwitz, Ideenvielfalt, Abwechslungsreichtum, Emotionalität und Melodik so zu vereinen wie die symphatischen Finnen. Davon ist leider schon lange nichts mehr zu spüren. Aber der zweiten Hälfte des "Days Of Greys" Albums hat man kaum gute Songs veröffentlicht, zu denen man Live dennoch greift. So hören wir heute eine exklusive Auswahl der größten Langeweiler jüngster Zeit. "Closer To An Animal" schläfert gleich zu beginn mächtig ein, sodass das eigentlich gute "The Wolves Die Young" danach völlig untergeht. "Paid In Full" war zu "Unia"-Zeiten mal ein emotionaler Kontrapunkt zu den heftigeren und zackigeren Stücken, heute ist er mit das härtetechnische Highlight. Danach bringt man mit "I Have A Right" und "Tallulah" gleich zwei Balladen hintereinander, auch das unterirdische "Life" bleibt uns nicht erspart. "Black Sheep" erweckt zaghaft Erinnerungen an bessere Tage. Aber der Tiefpunkt ist bei den beiden "Ecliptica" Klassikern "FullMoon" und "8th Commandement" erreicht. Beide werden so dermaßen unterdurchschnittlich motiviert präsentiert, dass es im Herzen wehtut. Drummer Tommy Portimo zieht die Stücke trotz Elias Viljanens zackigem Anspiel komplett ins Midtempo herunter und hat auch sonst deutliche Probleme mit hohen Geschwindigkeiten. On Top: Tonys endlose Ansagen. Klar, man darf auf der Bühne Persönlichkeit nicht nur mit Musik zur Geltung bringen, gerade im Power Metal sind längere Ansagen Usus. Tony überspannt den Bogen heute aber total, und das "Vodka" Gedönse macht nach einem schnarchigen Gig auch keinen Spaß mehr. Ich liebe SONATA ARCTICA. Heute allerdings sind sie nicht nur Stimmungskiller, sondern erspielen sich den Titel des schlechtesten Gigs auf dem gesamten Festival. (Setlist: Closer To An Anima, The Wolves Die Young, FullMoon, Paid In Full, I Have A Right, Tallulah, Black Sheep, 8th Commandment, Life, Don't Say A Word)

Nach dieser Enttäuschung bin ich nicht in Stimmung für gute Laune Punk Rock Marke BETONTOD und spaziere eine Weile übers Festivalgelände, wo mir die Sonne allerdings langsam aber sicher zu extrem wird. Auf der Suche nach einem schattigen Plätzchen kommt es auf einem Festival so oft, wie es kommen muss, man verquatscht sich, und plötzlich sind EPICA vorbei. ELUVEITIE erfährt ein anderes Schicksal. Ein Blick gen Himmel lässt Übles erahnen, genauso wie die Unwettermeldungen, die sekündlich das Smartphone zum Vibrieren bringen. Während ELUVEITIE geht dann auch der erste Regenschauer runter, man entschließt sich, den sicheren Unterschlupf nicht zu verlassen. Das erweist sich als sinnvoll, denn kurz vor CHILDREN OF BODOM wird das Festival auf Grund Sturmwarnung kurz unterbrochen. Danach herrscht Matsch! Doch wo im hohen Norden Wattwanderung und Kurtaxe angesagt wären, so ist in Dinskelsbühl heute glücklicherweise nur mit Schlamm bis Stiefelsohle zu kämpfen. Ohne entsprechendes Schuchwerk wäre man zwar auch hier aufgeschmissen, doch immerhin verstecken sich keine Gletscherspalten unter der brauchen Erdschicht.

CHILDREN OF BODOM müssen daher nun auch a) mit gekürzter Spielzeit und b) mit geringerem Andrang als geplant klarkommen. "Wildchild" Alexi und seine Mannen nehmen es allerdings locker und präsentieren uns gut gelaunt und geschwätzig ein schönes Best-Of Programm. Ein Konzert der Kinderchen ist vor allem Stets ein musikalischer Genuss. Auch nach vielen Jahren staunt man noch immer über Alexis unglaubliche Fähigkeiten an der Gitarre, und dass er zu den komplexesten Licks, Riffs und Soli auch noch arhythmisch Singen kann. Dass bei so einer Leistung nicht mehr viel Raum für Bewegung auf der Bühne ist, ist selbstverständlich. Dafür macht Laiho mit seinen nach wie vor infantilen Ansagen mächtig Dampf. Aber motherfucking Kracher wie fucking "Needled 24/7", fuckedyfucking "Downfall" und rock'n'fucking "Hate-" frumblfucking "Crew-" fuck "Death-" motherfuckingfuckingfuck "Ro-" fuck "-ll" brauchen keine optische Untermalung, sondern bringen jeden Headbanger vor der Bühne in Wallung. Leider müssen "Bodom After Midnight" und "Towards Dead End" auf Grund der Verzögerung weichen, dennoch ein absolut gelungener Auftritt der Finnen!

KREATOR sind inzwischen allen Konventionen des Thrash Metal entwachsen. Thrash hat ja was intimes, muffiges, schwitziges an sich. Selbst Größen wie SLAYER und, wie gestern gesehen, MEGADETH, legen den Fokus bei ihren Shows trotz großen Bühnen immer auf die Musik an sich, da wird nicht viel Schnickschnack drum herum gemacht. Nicht so bei KREATOR. Der Bühnenaufbau allein schon ist einfach mächtig und imposant. Zum Intro betreten dann vermummte Gestalten die Bühne und entzünden bengalische Fackeln, düstere Stimmung macht sich breit, während Mille und seine Gefolgschaft die "Hordes Of Chaos" erwecken. Direkt im Anschluss geht es mit "Phobia" in die Vollen, wieso auch warten mit den Klassikern? Dazu gibts jede Menge Pyro, Stream Shooter, Konfettibomben und Rauchsäulen. Alles fürs Auge. Allerdings wird hiermit nichts vertuscht, denn die musikalische Leistung ist, und das ist bei KREATOR ebenfalls sichere Bank, makellos. Wenn sich Mille und Sami an den Klampfen duellieren, dann ist das seit jeher höchstes Niveau. Die Setlist der Tour im Frühjahr wurde im Großen und Ganzen beibehalten, auch auf Ansagen wird im aktuellen Tourzyklus weitesgehend verzichtet. Kein "The KREATOR has returned" heute. Man bekommt so langsam den Eindruck, KREATOR mutieren zu einer Art RAMMSTEIN des Thrash. Macht aber nichts, weil das, was heute auf der "Summer/Breeze Stage" passiert einfach sensationell ist. (Setlist: Hordes Of Chaos, Phobia, Satan Is Real, Gods Of Violence, People Of The Lie, Total Death, Phantom Antichrist, Fallen Brother, Army Of Storms, Enemy Of God, From Flood Into Fire, World War Now, Hail To The Hordes, Extreme Agression, Civilization Collapse, Violent Revolution, Pleasure To Kill)

Premiere für mich hat heute zu später Stunde WINTERSUN. Bisher habe ich trotz reger Touraktivität noch keine Show der progressiven Finnen miterleben dürfen. Dennoch ist auch mir bewusst, dass es zu früher einen signifikanten Unterschied gibt. Mastermind Jari hat sich nämlich der Gitarre entledigt und einen weiteren Tourgitarristen angeheuert (habe den Namen leider nicht verstanden). Nimmt man einem Gitarristen und Sänger die Gitarre auf der Bühne weg, so stellt man häufig fest, dass sich die Person unsicher und nackig fühlt, die Performance stockt ein wenig. Nicht so bei WINTERSUN! Jari nutzt jeden einzelnen Zentimeter der gigantischen Hauptbühne, rennt, posiert, headbangt und ist nicht zu bändigen. Dazu liefert er eine der besten Gesangsperformances des ganzen Wochenendes, egal ob im extremen oder cleanen Bereich. Die Autogrammstunde am frühen Abend wurde noch wegen Krankheit abgesagt, aber wer hier gesundheitlich eingeschränkt sein soll, das ist nicht zu erkennen. Die übermäßig komplexen Stücke werden mit einer einzigartigen Agilität dargeboten, dass es einem nur den Atem rauben kann. Ein absolutes Highlight am späten Abend! (Setlist: Awaken From The Dark Slumber (Spring), Winter Madness, Starchild, Sons Of Winter And Stars, Eternal Darkness (Autumn))

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Samstag, 19.08.
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Da ist auch schon der letzte Festivaltag angekommen. Warnung und Spoileralarm vorweg: Wer hier wegen KORN reinliest, den muss ich direkt enttäuschen. Ich habe KORN nicht gesehen und wäre auch der absolut ungeeignetste Berichterstatter diesbezogen, weil ich die Band schlicht und ergreifend nicht mag.

Jetzt, wo wir das aus dem System haben, auf ins Infield. Von Katerstimmung kann keine Spur sein, denn schon während MR. HURLEY UND DIE PULVERAFFEN ihren Piratenklamauk auf der Bühne präsentieren, herrscht bereits am Einlass Headlinerandrang. Vor der Bühne hat sich eine nicht nur für 11:00 Uhr morgens immens große Schar angesammelt, das Publikum stellt klar, dass am letzten Tag noch einmal alles gegeben werden muss. Die PULVERAFFEN dirigieren die Crowd dabei mit sicherer Hand und symphatischen Ansagen. Auch wenn mir das Songmaterial bislang völlig unbekannt ist, "Blau wie das Meer" ist doch bis heute noch hängengeblieben. Mit der ganzen Ethno-Folk-Pop-Gimmick Bewegung, welche SANTIANO vor einiger Zeit ins Leben riefen, kann ich normalerweise rein gar nichts anfangen. Dennoch erkennt man bei den PULVERAFFEN wenigstens auf den ersten Blick, dass sich die Combo selbst nicht allzu ernst nimmt. Daher geht die kurzweilige Show zu früher Stunde definitiv in Ordnung.

Bei den EXCREMENTORY GRINDFUCKERS herrscht dann um kurz vor zwölf, ungelogen, Headlinerandrang. Und was diese Band am frühen Morgen an Energie durch schlechten Geschmack aus den Anwesenden herausholt, ist Wahnsinn. Ein GRINDFUCKERS Konzert darüberhinaus in Worte zu fassen ist müßig, also spare ich mir die Arbeit, jeden Witz, jeden "Song", jedes zusammenhanglos ins Mikro geschriene Vulgärschimpfwort (ein hoch auf infantilen Humor) aufzuzählen und verweise auf das nächste Festival mit GRINDFUCKERS Beteiligung und halte jeden zur Eigenerfahrung an. Man fühlt sich danach gut. Intelektuell überlegen. Oder unterlegen. Irgendwie undefinierbar, aber das macht den Reiz aus! Einen Meckerpunkt habe ich: Die FUCKERS haben eine spezielle "90er Jahre Trash Techno Show" versprochen. "Is aber nich"!

Ebenfalls nicht in Worte zu fassen ist das, was sich kurz danach auf der Camel Stage abspielt. Also ehrlich, wer noch nichts von RANDALE gehört hat, der muss das sofort ändern. Ich habe jetzt beim Schreiben noch Probleme, mich zusammenzureißen und in einen halbstündigen Lachanfall zu verfallen. Obwohl das sicher nicht die Absicht der Band sein dürfte. RANDALE machen Rock'n'Roll für Kinder, leisten damit musikalische Früherziehung. Und normalerweise besteht das Publikum der Band auch aus lauter Halbwüchsigen, während die Mamis und Papis schmunzelnd Kaffee trinken. Heute aber gibt es eine "All Ages Show" und im Publikum stehen bärtige Metaller und die Situationskomik schlägt ins nicht mehr messbare. RANDALE lassen sich, genialerweise nicht von ihrem Konzept abbringen und ziehen ihr Ding voll durch. So muss das Publikum beim RAMONESigen Punker "Der Kuckuck und der Esel" auch die jeweiligen Tierchen lautstark intonieren. Schon mal eine Crowd Metaller "Iih Aah"en hören? Hahahaha.... Später gibt es dann eine Hommage an Lemmy und MOTÖRHEAD, nur singt "Lemmy" hier nicht über das Pik-Ass, sondern über sein "Möhrenhemd". Gecheckt? Hehehaha..Und spätestens jetzt.....*sorry*....hahaha....das ist wie CHARLIE WAFFLES begleitet von einer Horde mit Gitarren bewaffneter TELETUBBIES. Ach ja, die Pommesgabel ist gar keine Pommesgabel, sondern ein Reminder, welche Telefonnummer man anrufen muss, wenn Opis Schuppen brennt! Und dann sind da noch die beiden allergeilsten....hahaha....*schnlieps*....Alliterationen...*gulp*...HAHAHAHAHAHA....*tschuldigung*.....ne ey, sorry....der "Hardrock-Hase Harald" und...*schrrnieps*...BAAAAAHAHAHA...der "Punk-Panda Peter"...!!!!!!!.."Ping-Ping-Ping-Ping-Rutsch-Ping-Ping".....tut mir Leid, ich brech ab......HAAAAAAHAHAHAHA!!!!!!!

So nach meinem unprofessionellem Ausrutscher zurück zur Berichterstattung, denn DELAIN entern die Hauptbühne. Es herrscht inzwischen wieder Normalität im Battlefield. Normalerweise ist mir eine Sache niemals und nich Wert darüber zu berichten: Das Outfit der Performer. Wirklich, es gibt nichts unwichtigeres. Heute aber hatte ich zum ersten Mal Probleme, eine Protagonistin als solche zu erkennen, nämlich Charlotte Wessels. Die symphatische Holländerin hat sich heute dermaßen in Schale geschmissen, dass ich meine, ein Pop-Sternchen musste heute als Ersatz einspringen. Erst durch die Stimme erkenne ich Charlotte wieder. Aber die ist wie gewohnt in einer guten Kondition, so wie auch der Rest der Band. Diese spielt sich nach wie vor top motiviert durch ein sehr aktuelles Set, was auch mein einziger Kritikpunkt für diesen heutigen Auftritt bleibt. Kein "The Gathering", das fühlt sich irgendwie inkomplett an. Als Rausschmeißer fungiert wie so oft in letzter Zeit die Hymne "We Are The Others", welche auf Platte auch mal die Zeile "We are the castouts" beinhaltete und live gerne wieder mitgesungen werden darf! Ansonsten nichts zu meckern. (Setlist: Hands Of Gold, Suckerpunch, The Glory And The Scum, Get The Devil Out Of Me, Fire With Fire, Pristine, Mother Machine, Don't Let Go, We Are The Others)

Wir bleiben im schwarzdüsteren Bereich und begrüßen mit MONO INC. einer der erfolgreichsten deutschen Dark Rock Bands auf dem Markt. Martin Engler und Co. beweisen uns aber ohne Zögern, warum dies so ist. Das epische Intro mit Pyro, welches den aktuellen Hit "Together Till The End" einläutet kann schon einiges. Aber die nächsten fünf Songs beweisen erst einmal, wie wahnsinnig viele Hits MONO INC. in den letzten Jahren komponiert haben. "Arabia", "Symphony Of Pain" und "Gothic Queen" sind allesamt Kracher vor dem dunklen Lord, welche live ihre volle Gänsehautwirkung erst entfalten. Nach der "Gothic Queend" zieht sich Martin Engler zurück und ein gewisser Major Voice (was ein Name..) übernimmt das Mikro. Dieser performt ein Cover der BLACK Überhits "Wonderful Life" in druckvollem Operngesang. Das ganze erinnert mich unfreiwillig an Box-Events aus den 90ern, aber als danach der "Viva Hades" Kracher "Potter's Field" dargeboten wird, ist die Welt wieder in Ordnung. Das Publikum rastet dann bei der Gothic-Hymne "Children Of The Dark" vollständig aus, so dass MONO INC. den restlichen Gig sicher nach Hause tragen dürfen. Top! (Setlist: Together Till The End, Banks Of Eden, Arabia, Symphony Of Pain, Gothic Queen, Wonderful Life, Potter's Field, Children Of The Dark, After The War, Voices Of Doom, Get Some Sleep)

Ja, KNORKATOR ist normalerweise immer ein Garant für Stimmung und Lachsalven. Normalerweise. Und heute erst recht, sollte man meinen, da wir heute eine Show mit Lady Orchester erleben werden. Dementsprechend gut gefüllt ist das Auditorium im Battlefield, und die Berliner legen mit ihrem gewohnten Donnerhumor los. Doofe Ansagen, noch dämlichere Kostüme, den Überhit "Alter Mann" direkt zu Beginn. (Langsam erkennt man einen Trend). Nach dem aktuellen Hit "Ich bin der Boss" folgt dann der Auftritt des Damen Orchesters, welches die kommenden drei Stücke intonieren und gemeinsam mit Stumpen auch gesanglich vortragen wird. "Der ultimative Mann", "Geld" und "Ich hasse Musik" verströmen dabei eine ungeheuer lässige atmosphäre, man wähnt sich akustisch in verrauchten kleinen Cabaret Schuppen und ja, das gefällt. Ist jetzt weniger humoristisch als angenommen, aber musikalisch interessant. Nach drei Stücken ist leider schon wieder vorbei, die Band spielt ihr Set danach routiniert zu Ende, wobei gerne noch ein oder zwei Hits mehr hätten folgen dürfen. Klingt soweit ganz gut, aber ihr merkt, richtige Jubelstürme klingen anders. Ich finde es eigentlich spitze, dass KNORKATOR musikalische Experimente wagen und die Show so etwas aufmotzen. Allerdings sind drei Songs im Big Band Gewand einfach ein bisschen wenig, um es vorab groß anzukündigen. Und dummerweise klingt der Gig dadurch etwas unrund, der Funke will nicht recht überspringen. Auch das Publikum, was definitiv den größten Promilledurchschnittswert des gesamten Wochendendes aufweist, ist eher für seichte Saufmucke zum Infield getorkelt und folgt dem Auftritt nicht wirklich. Schade!

 


KNORKATOR (Foto: Leoni Dowidat)

 

Mein Finale für dieses Festival wird OVERKILL sein. Ein paar potentiell interessante Acts gibt es zwar noch, aber als alleiniger Streiter habe ich mein Limit erreicht und sammele noch einmal alle Kräfte für eine allerletzte Thrash-Granate in diesem Jahr. OVERKILL stehen auf dem Plan. Nach der Abtorkelung von KNORKATOR Publikum bin ich dennoch etwas erstaunt, dass sich heute verhältnismäßig wenig Leute auf dem Battlefield einfinden, um diese lebenden Legenden in Aktion zu sehen. Fast aus trotz reißen Bobby Blitz & Co. die Lautstärke auf, ganz nach dem Motto "Wenn ihr uns nicht sehen wollt, dann hört ihr uns gefällig!". Wer nicht dabei war, dem entgeht dann auch eine wie immer bockstarke Performance der New Yorker. Ja, Bobby flitzt des häufigeren Hinter die Bühne, um sich seinen Sauerstoff-Kick zu holen, aber gesangstechnisch ist er heute wie immer gut drauf. "If you want some, come get some" spuckt er wie ein alternder John Cena in die Menge und ballt feixend die Fäuste. "One rule: I'm in charge!" heißt das Motto, und Zweiflern gibt es ein ungeheuer aggresives "Electric Rattlesnake" auf die Mütze. "Hello From The Gutter" heißt der nächste Klassiker, der danach von dem melodisch-hymnischen "In Union We Stand" abgelöst wird. Dieses wird allerdings etwas zu früh gespielt, das Mitsingspielchen geht heute leider unter. Dafür hören wir heute die eher selten gespielten "Electro-Violence" und "I Hate", das freut den richtigen Old-School OVERKILLer. Die obligatorischen Hits "Ironbound", "Elimination" und "Fuck You" dürfen allerdings auf keinen Fall fehlen. Dennoch wirken OVERKILL heute auf der Main Stage etwas falsch. Dadurch, dass der Saufband-Faktor heute die volle 30 erreicht, hätte man OVERKILL auf der T-Stage vielleicht mit etwas mehr Schmackes erleben dürfen. Aber nunja, an der Band liegt das natürlich nicht, daher ist die Show für mich als Coda bestens geeignet und sendet mich erschöpft und glücklich zu meinem Auto.

Und wo ich da über den noch immer gut gefüllten Campground laufe, DARK TRANQUILLITY im Hintergrund ihren melodisch-elektronisch-melancholischen Death Metal spielen, so ist auch das ein toller Soundtrack, um die restlichen Tage noch einmal Revue passieren zu lassen. Ja, die Klo-Situation muss unbedingt behoben werden. Das ist für ein A-Liga Festival kein Zustand. Aber dafür, dass ich am Mittwoch noch befürchtet habe, unsere erste Begegnung endet in einem Fiasko, so haben wir uns doch gut aneinander gewöhnt. Die Größe ist vertretbar, zu keiner Zeit hatte ich das Gefühl, ich könne nicht nach vorne vor die Bühne, wenn ich es wollte. Auch die neu geregelte Be- und Entfüllung des Infields durch zwei Straßen klappt, einigen Unkenrufen zum trotz, richtig gut, einen Stau erlebe ich nicht.

Ein ausleitendes Fazit ist an dieser Stelle pure Repetition. Wer dieses Jahr nicht zugegen war, der hat eine technische Revolution im Festivalgeschehen verpasst. Abseits davon war das SUMMER BREEZE hervorragend organisiert, super freundlich, bis auf eine markante Ausnahme war das Wetter fantastisch, die Performances der Künstler überwiegend positiv. Wenn man am Manko Dixi Klos im nächsten Jahr schraubt, so darf der größte Kritikpunkt 2017 auch schnell behoben sein. Was bleibt mir noch groß übrig zu sagen außer: Sehen wir uns 2018?

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Besten Dank und viele Grüße an das gesamte Summer Breeze Orga Team, die "Grabenschlampen", an unsere Kollegen von Metal.de und Myrevelations.de

Vielen Dank an Danny Frischknecht von Metalnews.ch für die Vermittlung der Bilder.
Copyright Megadeth: Matt Bishop https://www.facebook.com/mbphotodesign.de
Copyright In Extremo, Battle Beast, Knorkator: Leoni Dowidat https://www.facebook.com/leo.dowidat


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