06.10.2017, Docks Hamburg, Hamburg

Party-Exzess à la ESKIMO CALLBOY

Text: Jazz
Veröffentlicht am 08.10.2017

Brechend voll drängeln sich die jungen, aber überwiegend nicht mehr jugendlichen Gäste im Hamburger Docks, als SLAVES das Vorprogramm von ESKIMO CALLBOY einleiten. Die Band, die sich 2016 erst auflösen sollte und es dann doch nicht tat, balanciert auf der Grenze zwischen emotionalem Rock und sehr emotionalem Post-Hardcore. Der Kalifornier Mittelpunktmensch Jonny Craig schnulz-nörgelt sich durch die Publikumsgehörgänge und scheint dabei seine Mitmusiker zu vernebelten Angestellten zu degradieren.
OK, genug gelästert, denn SLAVES können für eine erst 2014 gegründete Band bereits erstaunlich treffend durch die Ohren die Hormondrüsen torpedieren, die uns wehrlosen menschlichen Geschöpfe zu schmachtenden Romantikern werden lassen. Bemerkenswert ist jedoch vor allem, dass ESKIMO CALLBOY sich eine so ruhige, sanfte, für Metalcorefans wahrscheinlich eher langweilige Band ins Vorprogramm setzen. Was sagt das über die musikalische Entwicklung unser aller Lieblings-Castrop-Rauxel-Trancecoreler?

Dann kommen BRING ME THE HORIZON. Oh, nein, doch nicht! Mist! Die mögen auch gar nicht gerne mit denen verglichen werden oder wenigstens nicht auf die reduziert werden. Das verstehe ich gut, denn BRING ME THE HORIZON haben mich nie sonderlich angesprochen, BAD OMENS aber schon – und zwar nicht wenig! Metalcore mit vielen kleinen Genre-Einstreuungen, irgendwo zwischen Alternative Rock, Hard Rock und sogar Gothic, vor allem aber solidem Metal-Metal, schafft einen vollen, interessanten Sound, der der vorangegangenen Sanftheit einiges entgegenzusetzen weiß und somit der Verpoppung des Abends – wenigstens moderat – entgegenwirkt.
Das überwiegend durchaus von BAD OMENS angesprochene Publikum scheint mir ungewöhnlich alt für ein Konzert von ESKIMO CALLBOY zu sein – also sehr überwiegend volljährig. Sind die Fans von Sushi, Kevin und Co. etwa gealtert? Ein albern herumhüpfendes Breekatchu (das vielleicht einzige Pokémon der Klasse Metalcore) lässt mich beruhigt aufatmen. Und trotzdem stellt sich die Frage, ob ESKIMO CALLBOY erwachsen werden. Jedenfalls nehmen sie schon einmal nicht ganz unerwachsene Bands als Support mit auf Tour.
BAD OMENS jedenfalls sollten – so jung die ebenfalls 2014 gegründete Band mit ihrem einzelnen self-titled Album auch noch ist – den Vergleich zu den Größen der Szene nicht scheuen. Es ist gut möglich, dass die LA-Guys um Fronter Noah Sebastian noch lange rocken werden, wenn schon niemand mehr etwas mit den Buchstaben BMTH anzufangen weiß. Oder auch nicht. Who cares? Party now!

ESKIMO fucking CALLBOY. Für die einen sind sie alberner Pop-Core, für andere die Jungs, die den Metal schwul machen. Für die Meute im schon lange ausverkauften Hamburger Docks jedoch sind sie Party, Spaß, Exzess und Liebe. Als ein großer Vorhang fällt, kommt ein kolossales x-artiges Symbol zum Vorschein, das auch das Cover des aktuellen Albums „The Scene“ der chaotischen Boyband ziert. Der gleichnamige Song wird auch sofort angespielt und der Saal ist in Instant-Extase.

 

 

Ab jetzt wird ungefähr abwechselnd ein altbekannter Song und einer von der neuen Platte gespielt. Das ist mutig. Das vierte Album „The Scene“ von ESKIMO CALLBOY stellt schon einen Bruch im Stil der Band dar. Keinen radikalen, keinen, der nicht abzusehen war, keinen, den man der Band übelnehmen sollte, aber immerhin haben sie gleichzeitig Metal und Elektro leiser gedreht. Nicht so sehr, dass es nicht nach wie vor unmissverständlich ESKIMO-CALLBOY-Core wäre, aber der neuere Stuff wirkt einfach weniger extrem. Das mag langweiliger sein, aber es ist auch angekommener und durchaus sympathisch. Vor allem, wenn sich nun live die älteren Extreme mit den neueren, sicherlich trotzdem nicht zu sanften Songs mischen.

 

 

Der Albumopener „Back in the Bizz“ wird gefolgt von der Kultnummer „Party at the Horrorhouse“, bevor das neue „The Devil Within“ erklingt. Am heftigsten geht es wohl wie immer bei der Deathcore-lastigen Trauergeschichte um das Meerschweinchen „Muffin Purper-Gurk“ ab, aber viele der neueren Nummern wie zum Beispiel „Rooftop“ werden fast genauso ausgelassen gefeiert wie die Alltime-Favorites wie „Is Anyone Up“, das sie seit Jahren erstmals nicht ans Ende des Abends setzen.
Die Frontmänner Kevin und Sushi springen zunächst in Weiß auf der Bühne herum. Sind das wirklich Jeansjacken? Sushi jedenfalls sieht mittlerweile aus wie das im Labor herangezüchtete Kind von TOKIO HOTELs Bill und Tom Kaulitz sowie der gesamten Band KORN. Aber mit weirder Würde, ordentlich Wasted-Stil und 100% positiver Abgefucktness! „VIP“ schickt Sushi dann sogar im Anzug und mit Zigarre auf die Bühne.

 

 

Als ESKIMO-CALLBOY-Fan sieht man sich schon gelegentlich mal Verwunderung ausgesetzt, wie man so eine alberne Boyband hören könne. Nun haben sie ihrem Party-Sound noch eine zusätzliche Portion schnulziger Teen-Pop-Core-Extase hinzugefügt. Gulity pleasure? Fuck guilt! Enjoy pleasure! Kater und Nackenschmerzen sind Probleme meines Morgen-Ichs!
Das Publikum fordert im Chor den Song „MC Thunder“ – ebenfalls von der neuen Platte –, wird aber enttäuscht. Der Song hätte es leider nicht ins Programm geschafft, beteuern ESKIMO CALLBOY. Die vielen Träger der songspezifisch gefertigten Kutte gehen allerdings nicht leer aus, sondern müssen lediglich bin zum Ende des Konzerts warten. Da lassen Sushi und Kevin nämlich den Fahrer eines roten Cadillacs ausrufen. So stellen sie also auch an die bedeutende Position des letzten Songs eine Nummer vom neuen Album und werden dafür gefeiert. Besser kann man kaum klarstellen, dass man zu seiner Entwicklung steht, die das Publikum offensichtlich mit Freude mitmacht. So soll das sein! Großartig! Wie das ganze Konzert!

 


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