10.11.2017, Headcrash, Hamburg

TELL YOU WHAT NOW mit MYOSOTIS und mehr

Text: Jazz
Veröffentlicht am 14.11.2017

Auf dem Hamburger Berg, dem wohl angenehmsten Seitenarm der Reeperbahn, öffnet heute das Headcrash die Türen für einen Konzertabend im Zeichen des Metalcores. MFS-Music, die vor allem Nachwuchsmusiker auf die Bühnen der Hansestadt bringen, zeigen den norddeutschen Core-Fans TELL YOU WHAT NOW. Erstklassigen Support aus der Umgebung gibt es mit MYOSOTIS, MIRRORS OF TIME und IN FRAGMENTS.

IN FRAGMENTS tauchen den ersten Stock des Veranstaltungsortes bereits in Lärm, als ich die gut gefüllte Flache vor den Bühnen erreiche. Sie leisten sich zwei Frontmänner und bringen die kleine Bühne mit insgesamt sechs Musikern an ihre Grenzen. Beide Sänger beherrschen einen beachtlichen Klargesang, der den Metalcore oft in die Gefilde eines modernen Alternative Metal eintauchen lässt, aber auch Shouts finden ihren Platz, die den Klängen die Chance zur Visualisierung durch eine sympathische kleine Wall of Death verhelfen.
Die Kieler liefern für eine so kleine Band sehr professionell ab, sodass ein offenes Ohr für ihre erste EP „Weal x Woe“ lohnen könnte, die sie noch unter ihrem alten Namen AS IF YOU KNEW ME herausgebracht haben. Sicher bemerkenswert ist die laszive Extrem-Mimik von Drummer Joe und der neueste, emotionalste und vielleicht bisher beste Song von IN FRAGMENTS „Set Me On Fire“.

Nicht nur der aktuellen und notwendigen Debatte über Sexismus wegen möchte ich um Vergebung bitten, wenn ich bei MIRRORS OF TIME zuerst auf die äußere Erscheinung von Sänger Rico eingehe. Durchtrainiert, sodass griechische Marmorstatuen weiter erblassen, und trotz der kahlen Rübe und der eher aggressiv wirkenden Gesichtszüge wartet er mit zarten Tattoos und bei weitem nicht nur geshouteten Vocals auf. Dennoch wird er vom auch optisch kontrastierenden Alternative-Sunnyboy-Boyband-Gitarristen Malte an seiner Seite mit Klargesang unterstützt. So, nun aber genug der oberflächlichen Äußerungen!
Die metalcorige Alternative-Metal-Mucke von MIRRORS OF TIME ist im Wechsel hart und emotional, beziehungsweise immer emotional, aber mal zärtlich-gefühlvoll und mal brutal – sehr rund! Die letzte Veröffentlichung der Jungs aus Hamburg und Buxtehude ist schon ein paar Jahre alt, aber erwähnenswert ist die EP „Darkheart“ nichtsdestoweniger. Also reinhören oder gleich live bewundern und ein bisschen schmachten! Die Zugabe-Rufe kamen jedenfalls nicht ohne gute Gründe.

MYOSOTIS starten ihren Auftritt mit dem exzellenten Song „Waves“ und der Raum explodiert. Der Pit prügelt sich in Ekstase ab Sekunde eins. Totale Apokalypse! Und die Gründe dafür sind unwahrscheinlich gut, unfassbar stark, über alle Maßen … OK, ja, das mag durchaus subjektiv sein, aber wie man bei MYOSOTIS seine Objektivität nicht verlieren kann, entzieht sich meines Verständnisses. Das macht mich wohl zum Fan – ein Wort, das ich eher vorsichtig und selten benutze. Die Hamburger Jungs sind gerade erst gegründet und verbreiten bereits eine absolute Mainact-Stimmung.
Aber auch die Fans sind der Hammer: Zum Dauerpit und zur Wall of Death müssen sie nicht einmal aufgefordert werden und der Circle-Pit ist eine einzige, rasende, harte Party. Bei der überragenden Ausstrahlung der Band aber auch kein Wunder. Shouter Kilian befindet sich ständig im Publikum – mal im emotionalen Augenkontakt mit den Fans, mal mitten im Schlachtfeld – während Sänger Timo die Menge in den Singalongs auf sich zu konzentrieren weiß. Zitat einer völlig verblüfften jungen Frau: „Was war das denn? Ich bin noch nie zu einer Band, die ich vorher nicht kannte, so abgegangen!“ Wie auf der hervorragenden Debüt-EP „Distance“ passt bei MYOSOTIS auch live alles derart gut ineinander, dass ich reinhören (echt gut!) und vor allem hingehen (live überragend!) absolut, vollkommen, total empfehlen kann! \\WeAreMyosotis//

Der Vorteil, nach MYOSOTIS zu spielen, ist definitiv, dass die Stimmung bereits überkocht. Der Nachteil ist jedoch vielleicht, dass man die Stimmung quasi nicht mehr steigen kann. Daran kann auch die YouTube-Prominenz an der Front von TELL YOU WHAT NOW nichts ändern. Aber die Reduzierung des Berliner Quintetts auf Frodo (Frodoapparat, DoktorFroid, Nerdscope, Loot für die Welt) endet in drei … zwei … eins …
TELL YOU WHAT NOW machen überstabilen Metalcore mit Tendenzen zu Post-Hardcore, vor allem aber zum Melodic Metalcore. Nach einigen Momenten haben auch sie den Raum fest im Griff. Die Band hat Bock, die Leute haben Bock, jeweils aufeinander, und das passt. Shouts, Clean Vocals, Tanzen, Pit-Geprügel, Basser Paul im Auge des Circle-Pits, Wanken, Schwanken und sehr gute Laune. Erwähnt sei noch die neue Platte „Failsafe: Entropy“, der wir letztendlich diesen wunderbaren Abend verdanken, den TELL YOU WHAT NOW in die Nacht tragen und mal wieder sehr gelungen enden lassen.


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