18.11.2017, ((szene)) Wien, Wien

LEPROUS Malina Tour 2017

Text: Luka
Veröffentlicht am 20.11.2017
Die Norweger von LEPROUS haben einen erstaunlichen Aufstieg hinter sich: spielten sie 2013 noch im feinen aber kleinen Replugged, schaffen sie es nicht einmal fünf Jahre später (nach einer Support-Tour mit dem unvergleichlichen DEVIN TOWNSEND), die Szene bis an den letzten Stehplatz zu füllen. Wobei, ganz so erstaunlich ist das auch wieder nicht, wenn man die Qualität der letzten Alben gehört hat. Nach Wien kommen die Norweger mit dem aktuellen Album „Malina“, das sich etwas von der Erfolgsformel des Durchbruchs „The Congregation“ (2015) entfernt hat: die Metal-Parts sind mittlerweile nur noch in kleinen Dosen vorhanden, man setzt jetzt mehr auf Atmosphäre, die Stimme von Fronter Einar Solberg - und ein Ein-Mann-Streicherorchester.

Aber dazu später mehr. Zuächst zu den Vorbands: wegen logistischen Schwierigkeiten habe ich leider ASTROSAUR und ALITHIA verpasst – schade, denn vom informierten Publikum hörte man hauptsächlich vorsichtig-positive Kommentare. Klar, der spacige Instrumental-Rock von ASTROSAUR und der hektische Prog von ALITHIA sind nicht unbedingt sofort zugänglich, aber die Jungs haben es echt drauf, wie man bei Herrn Youtube nachschauen kann. Keine echte Vorband, sondern „Special Guests“ sind dann AGENT FRESCO, und das zu Recht. Bei der energiegeladenen Performance der Isländer ist die Szene schon bummvoll, die normalerweise bei Openern gut besuchte Theke im Vorraum ist menschenleer. AGENT FRESCO werden (zu Recht) auch immer wieder mit LEPROUS verglichen: hoher, klarer Gesang, rhythmus-betonte Progriffs und Multiinstrumentalisten sind die Markenzeichen beider Bands.

Gerade live kommen aber auch die Unterschiede hervor, AGENT FRESCO ist trotz fetter Gitarrenwände deutlich poppiger unterwegs – passt aber auch perfekt vor allem zur Stimme von Sänger Arnór Dan Arnarson. Der legt sich (wie der Rest der Band) mächtig ins Zeug, stimmlich und in Bezug auf Publikumsnähe – beim letzten Song begibt sich der gute Mann auf den weiten Weg zum Mischpult und wieder zurück, immer auf Tuchfühlung mit den begeisterten Fans. Die Performance der ganzen Band ist perfekt, von der Hingabe der Saiten- bzw. Keyboardfraktion bis hin zum krachenden Schlagzeug von Vignir Rafn Hilmarsson, der als Sideshow Bob-Verschnitt mit unglaublicher Härte auf seine Felle drischt. Und obwohl alle Songs beim Publikum ankommen, ist der Abschlusstrack „The Autumn Red“ der Höhepunkt ihrer Show, von der persönlichen Ansage von Arnór zum Tode seines Vaters über die intensive Performance bis zum erwähnten Crowd-Ausflug. Wer in der Szene AGENT FRESCO noch nicht kannte hat sich ihren Namen jetzt jedenfalls gemerkt.

Das Highlight des Abends sollte aber ja noch kommen. Und obwohl der Umbau auf der Bühne schnell voranging, steigerten LEPROUS die Spannung bis zu ihrem Auftritt, indem zunächst nur das erwähnte Ein-Mann-Streicherorchester auf der Bühne Platz nahm. Es folgte ein Mix an epischen Melodien und knackigen Riffs in bester APOCALYPTICA-Manier – das funktionierte aber nur zum Teil gut, ein guter Teil des Publikums blieb einigermaßen ratlos, was das sollte. Das legte sich aber sobald LEPROUS die Bühne betraten: angeführt von Einar Solberg ließen die Norweger einen Hit nach dem anderen vom Stapel. Man konzentrierte sich dabei auf „Malina“ und „The Congregation“, und das macht auch bewusst, wie stark diese zwei Alben sind: es gab während der 14 Songs der Show keinen einzigen Durchhänger. Und auch optisch übernahmen die Hipster die Metal-Hochburg im Arbeiterbezirk Simmering: statt langen Mähnen und Kutten gab es schwarze Hemden und föhn-sichere Hipsterfrisuren. [Nennt man das denn überhaupt "Frisur"? Anm.d.Korr.]

Musikalisch machte „Malina“ den Anfang, wie auf der Scheibe mit „Bonneville“ und „Stuck“, ein herrlicher Einstieg. Unterbrochen von „Moon“ von „The Congregation“ ging es weiter mit „From The Flame“ (Gänsehaut-Momente beim ersten Refrain!) und „Illuminate“. Nach dem „The Congregation“-Kracher „Third Law“ wurde mit „The Valley“ auch noch kurz ein Hit von „Coal“ angespielt, bevor „The Flood“ und „The Price“ begeistern konnten. Und nach einer kurzen Pause kam mit dem Titeltrack „Malina“ und dem folgenden „Mirage“ der ruhigste Moment der Show. Eine nur kurz angerissene „Rewind“-Version und „Slave“ rundeten den Pflicht-Teil ab, bevor es nach einigem Zögern noch zur Zugabe „The Weight Of Distaster“ als passenden Abschluss gab.

Eine Hammer-Show also – schade, dass der Zuspruch des Publikums im Vergleich zur Zuschauerzahl eher mau war. Wien hat ja stimmungsmäßig ein bisschen einen Jekyll / Hyde-Charakter: mal herrscht bei AVATARIUM im Viper Room bei 50 Leuten eine Bombenstimmung, mal ist es so wie bei diesem Konzert, dass hunderte Leute keine richtige Atmosphäre zusammenbringen. Da sieht man dann in den ersten Reihen Leute, die sich während des gesamten Konzerts nicht bewegen, und deren leeres Grinsen nur von der Smartphone-Beleuchtung erhellt wird, wenn Fotos vom Konzert gleich mal als Facebook-Status gepostet werden. Doppelt schade, weil LEPROUS unglaublich tight spielten (wie die gesamte Band zum Beispiel die unglaublich vertrackten Rhythmen von „The Valley“ auf den Punkt brachte, war sensationell). Etwas wie Stimmung kam erst vor der Zugabe auf, als die Band noch auf Solberg warten musste und der Cellist und Drummer Baard Kolstad improvisieren mussten und das Publikum gut mitging. Da lob ich mir eher den Besoffenen, der zwar lallend neben mir herumschwankte, aber sichtlich Spaß an der Musik hatte.

Und das ist ja schließlich die Hauptsache…
 
 
Setlist AGENT FRESCO (ohne Gewähr):
01. Anemoi
02. He Is Listening
03. Howls
04. Pyre
05. Wait For Me
06. Unbekannt (Song vom neuen Album)
07. See Hell
08. Angst
09. Bemoan
10. Dark Water
11. Eyes Of A Cloud Catcher
12. The Autumn Red

Setlist LEPROUS (ohne Gewähr):
01. Bonneville
02. Stuck
03. Moon
04. From The Flame
05. Illuminate
06. Third Law
07. The Valley
08. The Flood
09. The Price
10. Malina
11. Mirage
12. Rewind
13. Slave
14. The Weight Of Disaster

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