18.03.2018, Kulturzentrum Faust, Hannover

LOATHE & HOLDING ABSCENCE in Hannover - bei den kleinen Anfängen der ganz Großen von morgen.

Veröffentlicht am 20.03.2018

Kleine Shows sind meist die besseren. Das würde vermutlich jeder unterschreiben, der in seinem Leben schon mehr als drei Konzerte besucht hat. Dass kleine Shows aber auch den routiniertesten Konzertgänger nach Jahren noch völlig aus den Schuhen hauen können, durften mir HOLDING ABSCENCE und LOATHE im Mephisto in Hannover beweisen.

Eisiger Wind, vollkommene Stille und generelle Abwesenheit von potentiellen Besuchern umgeben das Mephisto in Hannover, einem noch kleineren Teil der sowieso schon eher minimalistischen Faust, in der sich regelmäßig Bands aus allen Genres tummeln. Auch die Fenster sind komplett dunkel, nur drei leere Flaschen Herrenhäuser (die hannover’sche Hausmarke) auf dem Boden verraten, dass die Tür geöffnet sein muss. Sollten meine Freunde und ich etwa die einzigen sein, die für spottbillige 14€ an einem Sonntagabend in die Kälte aufbrechen, um zwei Newcomer aus UK zu unterstützen? Bei Eintritt zeigt sich aber schnell, dass das natürlich nicht der Fall ist. Wirklich gut besucht darf man die Show allerdings auch nicht nennen – ungefähr 60 Fans und Interessierte haben sich versammelt. Statt Enttäuschung macht sich aber schnell das Gefühl von Intimität breit, bereits vor den ersten Songs stehen die Bandmitglieder am hauseigenen Merch, trinken Bier und unterhalten sich mit Umstehenden. Schnell geben wir unsere Jacken an der Garderobe ab, organisieren uns an der Bar etwas zu trinken und machen uns bereit für HOLDING ABSCENCE, von denen keiner von uns allzu viel erwartet. Zu dünn klingt der Sound insgesamt in den vorhandenen Singles, aber als Aufwärmkommando für LOATHE würden sie schon reichen.

Was soll man sagen? Weit gefehlt! HOLDING ABSCENCE machen aus ihren sechs Songs, mit denen sie insgesamt auftrumpfen können, einen Abriss sondergleichen. Ohne eine eigene EP, geschweige denn eine LP in der Hinterhand, sorgen die vier Musiker bereits beim ersten Song für reihenweise positiv überraschter Gesichter. Der so dünne Sound der Studioaufnahmen lässt sich in keiner Sekunde mit dieser energiegeladenen Performance vergleichen, während der man stellenweise das Gefühl hat, sich plötzlich auf einer Show der Metalcore-Kolosse ARCHITECTS zu befinden. Ganz richtig gelesen. Besonders die stimmliche Nähe des Sängers zu Sam Carter ist in einigen Passagen unbeschreiblich. Mit „Heaven Knows“ animieren HOLDING ABSCENCE dann auch zum ersten Moshpit des Abends, der sich zu Beginn aufgrund der sehr spärlich gestreuten Menge noch etwas seltsam anfühlt. Nach gerade mal sechs Songs, die wie erwähnt die komplette bisherige Diskographie der Band darstellen, verabschieden sich die Jungs, indem sie einfach von der Bühne in die Menge springen und entspannt zur Bar laufen. Eine Absperrung gibt es in dieser Größenordnung natürlich nicht.

 

 

Es folgen LOATHE, auf die der Großteil der Besucher gespannt gewartet hat. Mit einem minimalistischen Bühnenbild aus zwei kleinen Fernsehern und einer anarchisch flackernden Stroboskoplichtern, die von Rotlicht und Dunkelheit durchbrochen werden, eröffnen LOATHE mit „Servant And Master“, was sofort den durch HOLDING ABSCENCE angewärmten Moshpit wieder reanimiert. Mit brachialer Gewalt und einigen, gekonnt überspielten technischen Problemen spielt sich die Band durch zwei EPs und ein Album. Während eines spontanen Totalausfalls des zweiten Mikrofons nutzt der Gitarrist und Hintergrundscreamer einfach die Größe der Location aus und brüllt in Akustik in die Menge, was erstaunlich gut funktioniert. Nach knappen 40 Minuten, in denen Titel wie „It’s Yours“, „Dance On My Skin“, „East Of Eden“, „White Hot“ und weitere Platz finden, steht eine atemlose Band einer verschwitzten Menge gegenüber. Sänger und Fans liegen sich in den Armen, im Hintergrund ruft jemand nach einer Zugabe. Aus dem einzelnen Ruf wird ein ganzer Chor und schnell zeigt sich, dass LOATHE auf alles vorbereitet waren, nur nicht darauf, nach einer Zugabe gefragt zu werden. Das mündet jedoch in dem feuchten Traum eines jeden Konzertbesuchers: „Wir haben keine Zugabe, was sollen wir denn spielen?“ Schnell versammelt sich eine Menschentraube um die Band und diskutiert über einen angemessenen Song, mit dem jeder glücklich ist. „Never More“! „Banshee“! „Babylon“! Aus allgemeinem Konsens und den technischen Möglichkeiten vor Ort einigt man sich schließlich auf „In Death“, bei dem die kleine Menge noch ein letztes Mal alles gibt. Auch der HOLDING ABSCENCE Frontmann springt hektisch vom Merchstand auf, um LOATHE spontan ein Feature zu spendieren. Besser kann eine Zugabe doch gar nicht laufen!

 

 

Während ich mit Ganzkörpermuskelkater diesen Bericht verfasse, wird mir wieder klar, wie groß die Zukunft unseres Genres sein kann, wenn wir sie nur fördern. Es braucht keine großen Hallen, aufwändige LED-Wände und kostspielige Lichtshows, um die Fans da abzuholen, wo sie auch wirklich sind: An der Musik. HOLDING ABSCENCE und auch LOATHE haben in weit weniger als einer Stunde Spielzeit bewiesen, dass Hingabe und Performance am Ende des Tages das einzige ist, was wirklich zählt.


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