21.03.2018, Logo Hamburg, Hamburg

CARNIFEX & OCEANO & AVERSIONS CROWN & DISENTOMB

Text: Jazz
Veröffentlicht am 24.03.2018

Gebrüll, Geschrei, Gegrunze, Gekeife, Gequietsche, Gegrowle. Davon gibt es reichlich an diesem Mittwochabend im Hamburger Logo, wo für diesen Anlass sogar mal eine Absperrung vor der kleinen Bühne aufgebaut wurde. Ob man eher befürchtet, dass die Fans auf die Bühne springen oder die Bands von der Bühne, bleibt unklar. Klar ist, um welche Art Musik es heute geht: Deathcore! OK, ein wenig Death Metal wird auch dabei sein, wenn DISENTOMB, AVERSIONS CROWN, OCEANO und CARNIFEX ihren Krach aufdrehen.

Brutal fucking Death Metal

Unendlich viele fucking Bands zahlreicher fucking Metal-Genres behaupten, die Brutalität in ihrer pursten Reinform zu produzieren. Brutal Death-Metaller können darüber nur lachen. Und fucking Brutal Death Metal ist, was fucking DISENTOMB machen. Und wie sie das machen! Sehr, sehr brutal! OK, eventuell mache ich mich gerade ein klitzekleines fucking Bißchen darüber lustig – aber nur so lange, wie fucking Gurgelgrunzer James fucking Jordan mich nicht anschaut. Was aus seiner fucking Kehle gegluckert kommt, ist langsam, tief und wie aus einer fucking Taucherglocke voll schwarzem Todesbrei – jene zähe, dunkle Substanz, derer sich mittelmäßige Science-Fiction-Horrorfilme bedienen, die das namenlos Böse darstellen wollen. Als DISENTOMB in fucking Australien ins fucking Flugzeug in Richtung fucking Europa gestiegen sind, hat ein ganzer fucking Kontinent erleichtert aufgeatmet. Fuck, ist das fucking brutal!

Ein überraschender Höchstgenuss

Mittlerweile ist der kellerartige Raum des Hamburger Logos lose, aber flächendeckend gefüllt und AVERSIONS CROWN leiten die lange Phase des diesabendlichen Deathcore ein. Hell! Fuck! Shit! Wider Erwarten wird hier kein 08/15-Deathcore-Programm abgespult, sondern jeder verdammte Winkel des Genres bis zum Bersten mit Lärm gefüllt. Dabei bleibt allerdings alles technisch hochwertig, klar, melodiös und einfach gut – verdammt gut!
In- und außerhalb der zahlreichen Breakdowns ist das Schlagzeug ultra präzise. Die Gitarren und die elektronische Unterstützung erzeugen einen wundervollen Klangteppich, der von Mark Poidas Stimme mal grunzend, mal geradezu Mitch-Lucker-esk schreiend zerrissen wird. Sogar während der ruhigeren Parts entweicht die Luft aus seinen Lungen, als würde sie an den scharfen Kanten seiner ausgefranst-zerfetzten Psyche entlangkratzen. Ein Höchstgenuss für jeden, der sich gern mit aller Härte ins Gesicht schreien lässt. 2017 haben AVERSIONS CROWN ihr neues Album „Xenocide“ rausgebracht, dessen Untergangs-Science-Fiction-Utopie sich auch in ihren Klängen immer wieder wiederfindet.

Was für ein gewaltiger Lärm!

Als OCEANO beginnen, destruktives Schallgeballer in die Ohrmuscheln der Zuhörerschaft zu knüppeln, ist der Laden echt ordentlich voll. Ihr Sound hört auch auf den Namen Deathcore, aber – obwohl sie ähnliche Space-Ambient-Klänge unterlegen – ihre Musik klingt kaputter, rotziger, dreckiger als die ihrer Vorgänger. Das energische Gerempel vor der Bühne, das sich eher schlecht als recht als Tanzform tarnt, ist in vollem Gange, schafft es aber nicht, den lauch-lurchigen Konzertmitfilm-Zombies ihre geistlos emporgereckten Smartphones in ihre ausdruckslosen Drecksfressen zu kloppen. Neeein! Die Musik von OCEANO macht nicht aggressiv! Gar nicht! Halt's Maul, sonst …

Adam Warrens Vocal-Eruptionen fügen sich in die Mischung aus Deathcore-Konzert und Flugzeugabsturz, als hätte man sie gründlich mit Vaseline eingerieben. Was für ein gewaltiger Lärm! Hör doch einfach mal in das aktuelle Album „Revelation“ rein! Oder lass einen Presslufthammer und einen Rasenmäher in einem Fachgeschäft für Kochtöpfe gegeneinander kämpfen! Das dürfte ähnlich klingen.

Seelische Grundreinigung

Der letzte Akt, das Finale, darauf haben alle gewartet. Aber das ist mir egal. Ich bereite mich darauf vor, den Rest des Abends mittels Meditation of Death in höhere Ebenen des Seins zu entschwinden. Lasst die anderen moshen, springen, headbangen, Bier trinken, mitgrölen und feiern. Von CARNIFEX erwarte ich persönlich nicht weniger als eine Erleuchtung. Und so kommt es. Eine Lärmkulisse aus Deathcore und Death Metal – einmal Death reicht bei CARNIFEX halt nicht – schafft mir ein Tempelgebäude. Und dann beginnt Scott Lewis wie ein Hybrid aus Dämon, Engel, Sirene und elementarer Urgewalt mit seiner Stimme die Töne der emotionalen Reinigung zu erzeugen. Von mehr Details weiß ich nicht zu berichten, da ich CARNIFEX nur entrückt wie von einer Astralebene aus erlebe, weil ich völlig fixiert auf den kathartisch-säubernden Schall meiner Therapieband bin.

Andere berichteten allerdings, dass das Licht vor Ort nicht nur mittelmäßig, sondern anstrengend störend war, dass es fast schmerzhaft die Besucher geblendet hat. Man sagte mir auch, dass die Stimme von Scott Lewis heute nicht so beeindruckend war, wie man es von ihm gewohnt ist. Auch nicht jeder ist mit der Zuwendung hin zum Death Metal und weg vom Deathcore einverstanden, die CARNIFEX mit dem aktuellen Album „Slow Death“ eingeschlagen haben. Müsste ich wohl allem zustimmen, wenn ich nicht total bezaubert wäre.

Sehr gelungener Abend

Zufrieden, sauber, lächelnd, erleuchtet, von Glück erfüllt trete ich den Heimweg an. Überrascht und beeindruckt von AVERSIONS CROWN und gut erfüllt von der erwarteten Krachästhetik durch CARNIFEX denke ich an einen berauschend-großartigen Lärmabend zurück. Vielen Dank!


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