10.05.2018, Rockhouse-Bar, Salzburg

Neckbreaker's Night Part II

Text: Anthalerero | Fotos: Anthalerero
Veröffentlicht am 18.05.2018

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Nachdem die erste Neckbreaker's Night im Mark Salzburg bereits als Erfolg zu verbuchen war, ging das Genickbruch-Spektakel nur zwei Monate später in die zweite Runde. Und zwar mit einer vollen Breitseite des schwärzesten Stoffs, den die harte Musik hergibt...

Setzen wir uns zu diesem Behufe doch einmal eingehender mit dem Thema „Black Metal“ auseinander. Gemeinhin wird dem Schwarzgemüse des Schwermetalls doch eine gewisse Verklemmtheit nachgesagt, aber auch ein hohes Maß an Engagement und ein eigenes Lebensgefühl, das die in der Szene verwurzelten Musiker und Fans nur zu gerne zur Schau stellen. Allzu oft verkommt die ganze Chose aber auch zum reinen Selbstzweck oder zur Karikatur ihrer selbst, wenn der Schüchti von Nebenan, im Versuch möglichst furchterregend zu wirken, mit kohlrabenschwarz gefärbten Haaren, Tonnen an Nieten und das Gesicht zu einer Schwarzweißen Fratze geschminkt, mit hängenden Mundwinkeln durch die Gegend schleicht und dabei im Versuch möglichst böse zu wirken eher den Eindruck hilfloser Niedlichkeit erweckt. Nicht selten verstricken und verlaufen sich Musiker im Versuch, das satanische Image der Genrepioniere weiterzutragen vollkommen in ihren überholten Vorstellungen und vergessen dabei vollkommen, dass das, was sie so hingebungsvoll und emsig betreiben, lediglich eine Form des Ausdrucks und der Kunst ist. Und diese darf gerne aufrütteln, provozieren, Kontroversen lostreten – doch dazu bedarf es mehr als hohler Phrasen, ein paar zerschlissener Klamotten und etwas Schminke aus dem Theaterbedarf.

Doch es gibt auch genügend Bands in dieser Richtung, die sich nicht auf das Pandaimage reduzieren lassen, abseits der ausgetretenen Pfade stumpfsinnig hämmernder Blastbeats wandeln und dem schwarzen Bereich durchaus einen künstlerisch-atmosphärischen Stempel aufzudrücken vermögen und damit auch den Puls der Zeit treffen. Doch auch hier passiert es immer wieder, dass, sobald man es geschafft hat dem örtlich beschränkten Publikumskreis auch nur ein klein wenig zu entkommen und die erste internationale Luft gewittert hat, sofort auf eine geradezu religiös-fanatische Weise in einen Messias-Modus zu verfallen. Was aus Spaß begonnen wurde entwickelt sich zur ultraernsthaften Lebenseinstellung und aus dem einstmals mystischen Anhauch erwächst ein ritualisiertes Konstrukt in dem sich die Protagonisten mehr und mehr verlieren und ihre Reflektiertheit zusehends einbüßen. Dies treibt mitunter skurrile Blüten, wie die Kritik an der Art der Veranstaltungen für die man gebucht wird, gewissen Schwierigkeiten die Bühne mit nicht den eigenen Genregrenzen entsprechenden Bands teilen zu müssen und gipfelt schlussendlich in der kategorischen Ablehnung von Veranstaltungen, die dem eigenen Image nicht genügend entsprechen. Mitunter wird dann auch das Publikum in die Pflicht genommen, das das allumfassende mythische Konstrukt vielleicht nicht genügend würdigt und versteht und selbsternannte Szenehonchos predigen von ihrem steinigen Weg zur Illusion des Erfolgs und maßen sich im gleichen Atemzug an über die schreiberischen und fotografischen Fähigkeiten anderer zu richten, die die fragile und höchst sujektive eigene Vorstellung von Stimmung und Atmosphäre nicht adäquat einzufagen und wiedergeben zu vermögen.

Ja, und manchmal ist es wirklich schwierig, so als unverstandener Sonderling die sämtlichen Technischen Errungenschaften der letzten 20 Jahre zu negieren und in seiner Garage die aussortierten Instrumente der letzten Ebay-Auktion zu vergewaltigen, um die einzig wahre grim and frostbitten Trvness über die Welt zu bringen. Jene, die knarzt und knarrt, wie der sprichwörtliche heisere Junge der seine Oma ermahnt, während sein Schlagzeug die Treppe hinunter fällt. Denn dies ist doch die wahre Essenz des Black Metal. Hass. Wut. Misantrophie. Ein in Ton gegossenes Konstrukt aus negativen Gefühlen, das das Herz des Hörers aus der Brust reißen soll, das Fleisch von seinen Knochen schälen soll und ihn nackt und schutzlos zurücklassen soll, in der allumfassenden Kälte der Welt. Was natürlich so als profil- und identitätsloser Klangbrei besonders gut funktioniert, besonders wenn man sich dazu noch eine Flasche Schweineblut über den Kopf kippt und im Idealfall noch ein wenig ungeschickt mit Rasierklingen oder anderen scharfen Gegenständen auf der Bühne hantiert. Alternativ bietet sich auch noch die Verwendung von Gedärm oder diversen abgetrennten Gliedmaßen tierischen Ursprungs an, welche sich bereits im fortgeschrittenen Stadium der Verwesung befinden. Oder man ist ganz hart und schwört, quasi als über-elitäre Elite der Elite, jeglichem fleischlichen Genuss ab, wandelt auf gar asketischen Pfaden und erhält seine Anstellung als diplomierter Vollzeit-Baumumarmer bei den Bundesforsten.

Ja, Black Metal polarisiert seit jeher, muss es auch, soll es auch! Diese extreme Ecke der harten Musik ist nur allzu oft eine brotlose Kunst, bewegt sie sich doch stetig am Rande der Gesellschaft, jederzeit bereit den Unvorbereiteten zu schnappen und ihn in ein schaurig-schönes Universum aus Bildern und Tönen zu werfen. So unterschiedlich wie die Ausprägungen des Schwarzwurzelsounds sind, so unterschiedlich sind auch die Antriebe der Kreation desselben – was dabei aber immer öfter in den Hintergrund drängt, ist, dass Musik ergänzt und bereichert, aber als Stopfer fürs Loch im eigenen Ego dann doch nur bedingt taugt...

 



Warum dieser zugegebener Maßen kontroverse Text hier steht? Ganz einfach, denn all das oben Beschriebene sind die Bands der zweiten Neckbreakers Night in der Salzburger Rockhouse-Bar... NICHT. Wohl griffen alle Bands des Abends ganz klassisch ins Corpsepaint-Töpfchen, gab es massig Ketten und Schädel zu bewundern, man durfte zu mystischer Atmosphäre an Räucherstäbchen schnüffeln, konnte sich zu misantrophischer Raserei das Genick brechen und sich an durchdachten optischen Konzepten ergötzen, doch das alles frei von elitärem Geschwurbel und dogmatischer Szenetreue. Keine im Schatten herumschleichenden Leute mit Gewichten in den Mundwinkeln, sondern ein bunter Haufen an gutgelaunten Musikern, die sich auf der Bühne austobten und abseits derselben den gleichen Spaß hatten, wie die Zuseher auch. Kein Gebitche über unpassende stilistische Kombinationen, kein Streit um den einzig verfügbaren Spiegel im Backstagebereich, reibungsloser Auf- und Abbau - Kiltträger, Räucherstäbchenfreunde und Schädelschwenker koexistierten friedlich, unterhielten sich angeregt und zogen den erfreulich zahlreich anwesenden Besuchern ein musikalisches Brett nach dem nächsten über den Schädel. SO, liebe Freunde, soll Black Metal funktionieren – hemmungs- und gnadenlos auf der Bühne, aber erfreulich bodenständig abseits. An dieser Stelle ein Dank an ASPHAGOR, GROTESKH, THE NEGATIVE BIAS und REGNUM NORICUM, für einen großartigen Konzertabend der von vorne bis hinten richtig Laune machte!


Nachdem wir diese kleine, durchaus wortreiche Schimpftirade des Berichterstatters also über uns ergehen ließen, können wir nun endlich mit dem klassischen Konzertbericht fortfahren. Den Anfang der Nackenzerstörungsorgie (Remember: Neckbreaker's Night – Nomen est omen!) machten die Lenzinger Kiltträger von REGNUM NORICUM, die das bereits zahlreich anwesende Publikum mit einer kernigen Black/Death-Mixtur ordentlich durchwalkten. Obgleich Schreihals Balor (übrigens bei Stormbringer bereits als Metal-Model Mai verewigt) wegen einer Erkältung nicht immer vollen Druck hinter seine abgrundtiefen Growls legen konnte, durfte sich das  Publikum über eine für Bar-Verhältnisse überraschend klare und druckvolle Soundwand freuen, die gleich einmal zum ausgiebigen Abschädeln einlud. Dass die Zuschauer hungrig (und auch verflucht durstig!) waren, bewiesen sie, indem sie gleich einmal mehr von REGNUM NORICUM verlangten, welche zur Zugabe dann auch pflichtschuldig ihr prall gefülltes Trinkhorn durch die Bar kreisen ließen. Ein starker Auftakt einer jungen, hungrigen Truppe!


Für den atmosphärischen Anteil des Abends sorgten THE NEGATIVE BIAS, die sich in kleidsame Kutten hüllten, Räucherstäbchen und Teelichte entzündeten und sodann ein stimmungsvoll-deftiges Brett melodischen Schwarzmetalls in die sichtlich angetane Menge in der Rockhouse-Bar pfefferten. Stimmlich absolut pointiert, von entsetzlichem Keifen bis hin zu tiefem Knurren sauber intoniert und musikalisch äußerst vielseitig, durch einige gut gesetzte Stilbrüche fast ein wenig progressiv, konnten die Wiener die Zuseher schnell in ihren Bann schlagen. Dass sich ihr Bandname vom Phänomen der sich meist tiefer und prägender als Positives eingrabenden negativen Erlebnisse ableitet, kann man glücklicherweise nicht in Verbindung mit der mitreißenden Musik sehen, die sich durch gekonnt zwischen Ambient-Passagen und schwarzmetallischer Raserei mäandernden Sound auszeichnete und dem Berichterstatter damit als höchst erfreuliche Neuentdeckung im Gedächtnis blieb. Wie dem Rest des Publikums vermutlich auch, das der Kuttentruppe, die unter ihren aufwändigen Outfits garantiert ziemlich heftig schwitzen musste, amtlichen Applaus spendeten.


Danach hieß es aber 'Knüppel aus dem Sack', als GROTESKH ihre feine misanthropische Schlachtplatte ablieferten. Direkt aus dem dreckigen Süden Österreichs importiert, mit Anlauf mitten in die Fresse, genau so wie es sein soll. Mal stumpf vor sich hin hämmernd, sich tief ins Cerebrum bohrend, bitterböse und oldschoolig, dann wieder technischer orientiert, mit komplexem Riffing und perfektionistischem Drumming, das einem präzise wie ein Schwarfschützengewehr die Beißerchen aus der Kauleiste stemmte. Ließ die letzte Begegnung des Berichterstatters mit den Kärtnern im allerhellsten Sonnenschein am Bäckerberg aufgrund der äußeren Umstände noch ein wenig die Atmosphäre vermissen, so schlugen GROTESKH an diesem Abend mit voller Wucht dunkelschwärzester Raserei zu. Die Zuschauer schraubten sich zu den infernalischen Klängen mit Hingabe den Schädel ab und bedachten die Truppe mit lauten Beifallsbekundungen für den so locker-lässig servierten, gnadenlosen Abriss.


Das Niveau konnten die Tiroler von ASPHAGOR danach locker halten, waren sie doch mit ihrem brandneuen Album „The Cleansing“ im Gepäck nach Salzburg gekommen, welches pünktlich um Mitternacht offiziell erschien. Und dass es das Scheibchen gewaltig in sich hat, das konnte man anhand der dargebotenen Titel vom neuen Silberling erahnen, die mit den bereits bekannten, starken Titeln der Tiroler zu einer Walze aus weltenverschlingenden Klängen firmierten. Gnadenlose Blastbeats, eingängige, hymnische Gitarrenläufe und diabolisches Gekeife animierten die Zuschauer in der Rockhouse-Bar noch einmal zu Höchstleistungen und wirkten dem ansonsten traditionellen Wochentäglichen Besucherschwund beim Headliner ziemlich effektiv entgegen. Wer sich zu dem verflucht starken, ganz dezent angeproggten Schwarzmetall von ASPHAGOR nicht das Kleinhirn aus dem Schädel schüttelte, der war auch wirklich selbst schuld. Die Tiroler demonstrierten mehr als amtlich, dass sie inzwischen zur Speerspitze des Black Metal in Österreich gehören und mit dem schon etwas angestaubten Image traditioneller Schwarzwurzelklänge mit ihrem frischen, höllisch arschtretenden Sound gehörig den Boden wischen können. Meine Herren, so muss das!
 

Man darf an dieser Stelle festhalten, dass die zweite verbriefte Neckbreakers's Night als voller Erfolg verbucht werden konnte. Der für Salzburger Verhältnisse zahlreiche Besucherauflauf sorgte für tolle Stimmung, die sich in den starken Performances aller vier Bands niederschlug, die ihr Ding mit sichtlichem Spaß durchzogen. So soll's sein! Chapeau an Veranstalter und Bands, für einen Konzertabend der Extraklasse, bei dem man an wirklich gar nichts herummeckern konnte. Bitte mehr davon!


Eine erweiterte Galerie des Abends findet ihr wieder einmal bei Images Of Pain And Pleasure.

 


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