18.05. - 20.05.2018, Cassiopeia, Berlin

PELAGIC FEST 2018

Veröffentlicht am 23.05.2018

Pelagic Records haben vom 18.-20.05.2018 nach Berlin geladen. Zum dritten Mal fand diese Werkschau der Label-Juwelen nun statt – diesmal aber in deutlich kuscheligerem Rahmen: Limitiert auf nur 300 Tickets, sollte auf eine familiäre Wohlfühlatmosphäre mehr Wert gelegt werden als auf größtmöglichen Kommerz.

Drei Tage in Berlin voller Sonne Musik und Laid-Back-Feeling in gemütlichen Venues zwischen Kreuzberg und Friedrichshain – da fahren wir hin!

Bei einem Festival mitten in der deutschen Hauptstadt wird mangels Wiesengrund nicht schäbig gezeltet, sondern in einem Zimmer bei zwielichtigen Leuten genächtigt. Ausreichend Schäbigkeit erfährt der Besucher dann ohnehin, da der Veranstaltungsort des ersten Tages sich direkt im/unter dem Kreuzberger U-Bahnhof "Schlesisches Tor" befindet: willkommen im „Bi Nuu“.

 

Freitag, 18.05. - Location: Bi Nuu

Mit AS WE KEEP SEARCHING aus Ahmedabad in Indien, eröffnen experimentelle Post-Rock-Klänge den Abend. Die Charakterisierung als „Instrumentalmusik mit ein paar Vocals“ ist eine Beschreibung, die auf so einige Pelagic-Bands zutrifft, doch diese feinen Geräusche machen im Anschluss eine Frischluftpause nötig um den mäandernden Körper wieder in eine aufrechte Haltung zu bekommen. BRIQUEVILLE aus Belgien walzen diesen sogleich wieder Platt. Von den komplett eingenebelten und von hinten bestrahlten Scherenschnitten bedächtiger Gewandträger ausgehend, walzt eine Welle drückenden Post-/Doom-Metals über die Köpfe hinweg und zwingt sie dazu im Takt des giftgrünen Lichtgewitters zu nicken. Intensive Rufe aus tiefgezogenen Kapuzen vermischen sich mit sphärischen Klängen und dem ebenso eindrucksvollen Uringeruch aus den Toiletten zum Gesamterlebnis.

Das Ambient/Trip-Hop Duo ARMS AND SLEEPERS verkörpert mit wabernden Melodien den nächsten Höhepunkt des Abends und erntet dafür regelmäßig Szenenapplaus. Die Musiker räumen sich selbst aus dem Weg. Um die Leinwand im Hintergrund zu rahmen, spielen sie oft mit dem Rücken zum Publikum, den Blick auf die Projektionen gerichtet als ob keiner zusehen würde. Die Bewegung findet größtenteils in den Gehirnen statt. Gespanntes Zuhören und warmer Beifall. Wären ARMS AND SLEEPERS die letzte Band des Abends gewesen, sähen sie uns jetzt zufrieden lächelnd in den REM-Schlaf gleiten. Doch da war noch ein Headliner: CASPIAN! Treibende Drums künden vom kommenden – es muss Großes sein. Bass und Drums pumpen zu kompliziert um ihn mit dem Herzschlag in Einklang zu bringen, aber trotzdem gelingt es irgendwann. Stille Andachtsmomente bei feinem Grasgeruch, dann ein lässiges „Hallo wir sind Caspian aus Massachusetts“. Der Saal kocht im Blitz und Gitarrengewitter, untermalt von psychedelisch verzerrten Gitarren. Nach einer Zugabe mit "Ríoseco" und "Castles High, Marble Bright" ist Feierabend für heute. Raus, in die U-Schlesi steppen, gute Nacht, bis morgen.

 

Samstag, 19.05. - Location: Cassiopeia/Badehaus

Für die folgenden zwei Tage wechselt die Location zu den zwei sich auf dem Friedrichshainer RAW-Gelände befindenden Venues "Cassiopeia" und "Badehaus" wodurch sowohl die Festivalatmosphäre als auch unsere Lebensqualität eine deutliche Aufwertung erfährt. Ausführlich von den vor dem Eingang herumlungernden Kleinunternehmern in Kapuzenpullovern danach befragt, welche Substanzen wir noch zum Weltfrieden bräuchten, schlendern wir erst einmal durch ein Hippie- und Hipsterparadies aus Verkaufsständen. Vor dem Cassiopeia dann der Traum eines jeden müden Festivalhauptes: ein riesiger Biergarten im Schatten rauschender Birkenblätter mit Liegestühlen und Selbstbedienung. Das Wort "Stress" hat sich im Moment des Niederlassens aus dem Wortschatz gelöst und ist die Kellertreppe hinuntergestürzt. So'n Glück auch.

Den Opener am Samstag macht Peter Voigtmann aus Hamburg. Klingt nicht nach Hollywood, SHRIVEL schon eher. Einsam unter sparsamer Beleuchtung wird elektronisches und Klaviersample-reiches Drone-Ambiente gespielt, das einen Zuhause mit Kopfhörern fesselt und emotional in diverse Kopfkinos begleitet - live fehlt an diesem Tag ein wenig die Geduld, was auf keinen Fall die Qualität der Darbietung schmälert. Checkt SHRIVEL unbedingt mal in Ruhe aus, am besten nach Sonnenuntergang! Das absolute Kontrastprogramm liefern dann LLNN. Purer Doom, rohe Post-Hardcore Gewalt, ohne Filter in die Gesichter des Publikums gebrüllt untermalt von ultratiefem Bassgeknurre und mitschwingender Abfuck-Attitüde. Da flogen so manchem vom Druck die Augäpfel ins Hirn. Ernsthaft!  Bevor uns die durch Aktivitäten am Vortag bedingten Kopfschmerz-Halluzinationen dann jedoch umbringen sollten, muss dann noch verifiziert werden, dass der um 20:45 Uhr erscheinende, sagenumwobene "Secret Headliner" natürlich niemand anderes sein kann als THE OCEAN - die Band des Veranstalters, mit der so viele Festival Bands Verwandschaftsbeziehungen pflegen, dass es sich wohl wie ein großes Familientreffen anfühlen muss hier zu spielen. Wie es sich genau anfühlt verrät er euch eventuell im Interview.

 

Sonntag, 19.05. - Location: Cassiopeia/Badehaus

Draußen: Sommer, drinnen: OHGOD aus Südafrika. Die sympathischen Instrumental-Progressive/Post-Rock Dudes aus Kapstadt stellen auf der kleinen Cassiopeia-Bühne ihr Debut-Album "The Great Silence" vor und spielen sich bei der letzten Show ihrer Europa-Tour noch einmal richtig in Rage. Trotz des verlockenden Summer-Feelings ist der kleine Saal gut gefüllt. Nachdem ich kurz vor die Tür trete um abzuchecken wie es bei meinem Kollegen läuft, begegne ich unter den umherwandernden Punkten einer der zahlreichen Discokugeln einer älteren Dame. Sie ist damit beschäftigt, Seifenblasen in den wummernden Konzertsaal zu pusten und erwidert meinen verwunderten Blick mit einem Lächeln: "Die Luft ist so schlecht da drin." findet sie - und ich stimme zu.

Meeresrauschen aus den Boxen und ein in rotorangefarbenes Licht getauchter Raum bereiten drinnen währenddessen die perfekte Sonnenuntergangs-Stimmung. OHGOD verabschieden sich mit einer galloppierenden Mischung aus groovigem Metal und Blues. Beeindruckend. Nach einer kurzen Pause geht es zur zweiten Bühne im Cassiopeia. Dort geben die Berliner Sludge/Doom Raumschiffpiloten EARTHSHIP ein frenetisch umjubeltes Heimspiel. Tonnenschwere Riffs, die durchdringende Stimme des ehemaligen THE OCEAN-Drummers Jan Oberg und eine energiereiche und gutgelaunte Performance übertragen sich sogleich auf die zahlreich erschienenen Fans. EARTHSHIP kneten das Publikum rhythmisch durch und machen glücklich und gesund! Wie zum Beweis isst der Typ neben mir selig strahlend einen Apfel vor der Bühne während sein Oberkörper vor und zurückschwingt.

Nach einem kleinen Naturspaziergang zum Reset des Gehörganges stehen für uns noch ROSETTA auf dem Plan. Für sie geht es hinüber ins schräg gegenüber liegende Badehaus. ROSETTA aus Philadelphia spielen ein intensives Post-Metal Set mit brachialen Screams und cinematischen Space-Rock-Melodien. Die Gitarren wabern passend zum restlichen Sound  irgendwo in der Ferne doch das Schlagzeug ist glasklar und knackig abgemischt. Die heisere Stimme von Sänger Michael Armine bleibt im Gedächtnis hängen und gibt dem Gesamtsound einen einzigartigen Touch. Auch im Badehaus ist der Platz vor der Bühne perfekt auf die Anzahl erscheinender Zuhörer ausgelegt. Es ist bei allen Gigs voll bis zur Tür aber niemand muss mit seinen Nachbarn kuscheln, das freut den Menschenfreund!

Leider hieß es für die Stormbringer unter den Besuchern nun, Abschied zu nehmen. Vom Pelagic Fest 2018 und vom stinkenden aber wundertollen Berlin - nur der frühe Vogel fängt den Flixbus!
 

Lest auch unser Interview mit dem Veranstalter des Pelagic Fest 2018: Robin Staps ist mit THE OCEAN Secret Headliner auf seinem eigenen Festival - Wir haben mit dem entspannten Mann unterm Blätterdach über seine Musik und das Fest gesprochen.

 


WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: Escape Metalcorner
ANZEIGE