14.06.2018, Ferropolis, Gräfenhainichen

With Full Force 2018 – Tag 2 – Metal und Core

Text: Jazz
Veröffentlicht am 20.06.2018

Ein ganz normaler Festivalmorgen

Schnell werden mein Donnerstagmorgenkater und ein zart meine Geschmacksknospen weckender feinherber Mosel-Riesling gute Freunde, sodass mir das Glück, endlich wieder auf einem Festival zu sein, förmlich aus der noch nächtlich zerknautschten, aber grinsenden Fresse springt. Für Unterhaltung sorgt bald eine spannende Gestalt, die mit einem „Iro von rechts nach links statt von vorne nach hinten“ und seiner Zirkusmusik abspielenden Seifenblasenpistole ganz ernst und fachmännisch die Exkremente ihres Kollegen auf dem Dixiklo bewertet: „Kuhfladenschiss! Ist doch deutlich!“ Parallel dazu wird unterm Nachbarpavillon ein monologisierender Crashkurs „Canada 101“ in „feinstem“ frankokanadischen Englisch gegeben und Staub aufwirbelnd drehen ein amerikanischer Polizei-Leichenwagen, ein blutverschmierter weißer Pickup und ein Oldtimer mit aufgemalten Zähnen ihre Runden durch die Optimalwettersonne, die angenehm die noch nachtkalten Drinks kontrastiert und komplementiert.

Während für den Fußweg zu den Bühnen locker 25 bis 30 Minuten eingeplant werden sollten, kann es schon mal sein, dass der Shuttlebus – nicht im regulären Ticket enthalten – an die 20 Minuten auf sich warten lässt, Getränkemitnahme nicht erlaubt und rund 10 Minuten für den Weg nach Ferropolis benötigt. Das sind beides leider mittelmäßige Optionen, die reichlich Zeit verschlingen und daher logistisch unbedingt eingeplant werden sollten.

Der 25. Geburtstag des WFF beginnt

Auf dem Gebiet brauche ich noch etwas Feintuning und so bleibt mir von den großartigen Metal-Math-Post-Hardcore-Festivalopenern OCEANS ATE ALASKA nicht viel mehr als ein letzter Breakdown. Kurz, aber schön – auch wie die Leute sich trotz extremer Mittagshitze und der Tatsache, dass dies erst die erste von über 60 Bands ist, kurz und klein moschen mögen. Umzingelt von gigantischen Tagebaumaschinen in wunderbar endzeitlicher Rostoptik ist die Hardbowl-Stage von reichlich aufsteigenden Sitzgelegenheiten umgeben – wunderbare Abwechslung zum Beine-in-den-Bauch-Stehen und dem Von-hinten-nichts-Sehen auf anderen Veranstaltungen! Die Bühne selbst ist nicht besonders groß, aber die Akustik ist selbst außerhalb des eigentlichen Einzugsbereiches noch erstaunlich gut. So werden auch die Klänge von OCEANS ATE ALASKAs aktuellem Album „Hikari“ sauber durch die beeindruckende Kulisse gedrückt.

Feinstes Gebrüll in der Sonne

Kaum ist ihr letzter Ton verhallt, geht es nebenan auf der Ferox-Stage auch schon weiter. Corig sind auch FOR I AM KING unterwegs, packen aber reichlich Melodic Death Metal mit auf die Rechnung. Derart kontrastreich ist nicht nur der übelst auf die Ohrmuscheln gebretterte Sound, sondern auch die Frontfrau. Alma Elizadeh ist eine eher zierliche, angenehm nerdige Frau mit einer Stimme, die Genregrößen wie ARCH ENEMY in den Schatten verbannt. Schatten! Oh ja, das wär's jetzt! Die Sonne brennt sich durch meine Lichtschutzfaktor-50-Kindersonnencreme wie durch trockenes Laub und meine Stormbringerkellerbleiche weicht einer hier nicht detaillierter benannten Signalfarbe. Tipp: Es ist nicht blau, auch wenn der Wein effizient als Katalysator für die sonneninduzierte Albernheit fungiert.

Doctor D. K. merkt zu FOR I AM KING an: „Almas Verzicht auf die genrespezifische Überzeichnung ihrer Femininität zeugt von der Entwicklung einer natürlich-authentischen kohärenten Persönlichkeit mit ausgeprägten Resilienzfaktoren.“
Die Ferox-Bühne ist eindeutig die Mainstage, vor der es an diesem Donnerstagmittag noch nicht sehr voll ist. Das ist falsch – einfach falsch! FOR I AM KING sollte man kennen, sehen wollen und feiern! Also hört in die verdammt starke Platte „Deamons“ rein! Denn Alma ist ganz sicher nicht die einzige Person in dieser niederländischen Nachwuchsband, die herausragend gut in dem ist, was sie tut. Leider teilen sie sich einen Slot mit EMPLOYED TO SERVE, die ich nicht verpassen darf.

Who cares? Es ist Festival!

EMPLOYED TO SERVE sind ebenfalls Coregeknüppel – Math- bis Metal- – und auch bei ihnen kommt das Gebrüll von einer jungen Dame. Justine Jones keif-shoutet zwischen im guten Sinne schrägen Gitarrensounds und reichlichen Tempowechseln, während ein paar oberkörperfreie Kerle im Sand vor der kleinsten der drei Bühnen ausflippen. Die Truppe macht mächtig Spaß und motiviert zu einem vertiefenden Studium ihrer 2017er-Platte „The Warmth Of A Dying Sun“.

Schlag auf Schlag werden hier erstklassige Bands auf die Gästeohren geprügelt. DED sind die Nächsten. Erneut vernimmt man corige Anleihen, aber ihr Hauptgenre ist der Nu Metal. Ihre Debüt-LP „Mis-an-thrope“ – sympathischer Titel! – kam erst letztes Jahr heraus, aber die Newcomer klingen schon, als hätte man SLIPKNOT, KORN und mehr in eine Waschtrommel geworfen, aus der auf ihrem Weg den Berg hinab alle Schwächen herausgeschleudert wurden. Als sie unten war, blieben DED übrig. Na, OK, vielleicht lassen mich Sonne, Pegel und Laune minimal übertreiben, aber who cares? Es ist Festival! Das allein lässt gerade meine Sicht mittels aus den Augen selbst abgesonderter Flüssigkeit verschwimmen. Aber das ist sicher nur das helle Licht der gleißenden Sonne!

Genrechaos deluxe

Ein kleiner Abstecher zum Camp, also relativ viel Warten und Busfahren, füllen Wasser-, Mexikaner- und Snack-Defizite wieder auf, bevor MISS MAY I heftiger abgehen, als ich der ollen Pop-Band zugetraut hätte. Metalcore der relativ soften Art aus Ohio, zuletzt auf dem Album „Shadows Inside“ festgehalten, bringt die Menge zum eifrigen Crowdsurfen und zu munterem Pit-Gepoge unterm Zeltdach. Obwohl die Musik gewaltig Endorphine weckt, höre ich mir den Popcore eigentlich nur an, weil ich durch den pünktlichen Bus noch Zeit übrig habe, bevor ZE GRAN ZEFT starten.

Die französischen ZE GRAN ZEFT bringen nämlich – wie von Franzosen im Metal fast schon zu erwarten – etwas Neuartiges: Pop-Hip-Hop-Hardcore-Metal-Mischmasch der übertrieben faszinierenden Backstreet-Rap-Core-Art. Drei graublondierte Weißshirtträger bilden die Crossover-Boyband, die schnell mehr und mehr Publikum in den Sand vor der kleinen Bühne lockt. Bei denen können SYSTEM-OF-A-DOWN-Momente von SEED-mäßigen wie von BUSTA-RHYMES-artigen Passagen gefolgt werden, bevor man dann EMINEM-eskes Material ans Trommelfell geschmissen bekommt, dem regelrechter MACHINE-HEAD-, BODY-COUNT- oder auch ESKIMO-CALLBOY-Stuff folgt. Über alledem schließt sich der Mantel des Crossover. I love it, aber fast noch besser als der geile Auftritt ist die Platte „#JOI“!
Auch Doctor D. K. ist begeistert und kommentiert ZE GRAN ZEFT so: „Der narzisstisch ausgelenkte Habitus des Sängers lässt die Vermutung einer dyadischen Mutterbindung zu, die den erfolgreichen Ausgang aus der ödipalen Phase beeinträchtigte.“


(c) Doctor D. K.

Die Hitze siegt

Während eines relativ kleinen, aber schmackhaften Burritos auf der Fressmeile begleitet uns die Nu-Metal-Hardcore-Mukke von STRAY FROM THE PATH aus dem Hardbowle-Hintergrund – durchaus in Ordnung!

Meinen Geschmack treffen aber DAGOBA besser: Groove Metal mit Industrial- bzw. Elektro-Einflüssen, die nicht sehr oft, aber umso fetter eingestreut werden. Erneut sind es Franzosen, die den Sand zum Toben bringen – insbesondere mit Songs von der formidablen neuen Platte „Black Nova“. Aber viele Festivalgänger werden auch von der brütenden Hitze in die Knie gezwungen und die Dauerbeschallung strengt ebenfalls an. So wird, leiser werdender Melodic Hardcore von BEING AS AN OCEAN im Ohr, mal wieder der Bus gen Camp bemüht.

Ein letztes, vergebliches Aufbäumen

Die dritte Tour de Musique an diesem Full-Force-Donnerstag beginnt mit BODY COUNT, dessen Frontfigur Ice-T – alias „Ice Motherfucking T Bitch“ – die „pussification of men“ beklagt. Das ist auf so banaler Ebene strunzdumm, dass ich lieber einer Schnapsleiche zuhöre, die Bläschen in ihre eigene Kotze blubbert, als dieser konservativ-reaktionär-hirnbefreiten Scheiße. In mir entsteht die Fantasie, wie Ice-T von einer modernen Frau am Ohr von der Bühne gezogen und ohne Gutenachtgeschichte ins Bett geschickt wird. Nächste Band bitte!
Zuvor aber noch Dorctor D. K.s Beitrag zu BODY COUNT: „Herrn Ts massives Defizit in der männlichen Geschlechtsidentität wird erkennbar sowohl durch die Zurschaustellung seiner Reproduktivitätsfähigkeit via Präsentation seines Nachwuchses als auch durch sein maskulin überzeichnetes Vulgär-Vokabular.“

Nun aber zu CALIBAN – Deutschlands Metalcore-Speerspitze. Die ignorieren einfach, dass der alte Rapper vor ihnen überziehen will und legen gleich mit treibender Härte los. Bald kommt mit „Paralized“ auch ein immerhin im Refrain eher ruhiger Song. Gefühlvoll, aber hart, tief, aber schnell und vor allem echt gut – Begeisterung in tausenden Gesichtern. Erst jüngst haben CALIBAN mit „Elements“ neues Material produziert, von dem sie unter anderem das einschlagende „Intoxicated“ präsentieren.

Während die Sonne untergeht, gehen die Lichter an den kolossalen Tagebaumaschinen an. Gespenstiges Rot hebt die Stahlgerippe vom dunkelgrauen Himmel ab – eine beeindruckende, einmalige Kulisse.

Leider senkt sich die Müdigkeit über meinen langen, anstrengenden Tag und so muss ich mich gegen den Besuch beim lang ersehnten Auftritt von BULLET FOR MY VALENTINE entscheiden. Das ist schade, weil ich mich doch sehr auf Songs vom bald erscheinenden Album „Gravity“ gefreut hätte, aber ich kuschele mich ohne Trauer nach einem erfüllenden Tag in den Schlafsack.


(c) Doctor D. K.

Die Berichte der weiteren Tage des With Full Force 2018 sind hier zu finden (sobald sie online sind):
Mittwoch
Freitag
Samstag


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