15.06.2018, Ferropolis, Gräfenhainichen

With Full Force 2018 – Tag 3 – Der etwas andere Core

Text: Jazz
Veröffentlicht am 22.06.2018

Emotionaler Höhepunkt

Angenehm bewölkt beginnt der Freitagmorgen auf dem With Full Force 2018. Erstaunlich, wie leicht es sich atmen lässt, wenn das Zelt nicht schon um 7 Uhr einer Sauna entspricht. Nichtsdestoweniger schmeckt das Frühstück schon ausgezeichnet. Energydrink, Bier und Vorfreude auf einen voraussichtlich großartigen Festivaltag.

Einzelne Tropfen hüllen den mittaglichen Spätmorgen in eine dezent melancholische Schönheit, die den perfekten Teppich für das anrückende Konzert ausrollt. Den Tag eröffnen 8KIDS im Hardbowl mit erschütternd tiefgehenden Texten, die in ein höchstgradig emotionales Post-Hardcore-Gewand gehüllt sind. Vom „Nichts an der Stelle, wo der Blitz einschlug“ geht „Der Weg“ „Über den Berg“. Dabei ist das GRÖNEMEYER-Cover glatt noch packender und tiefer als das Original. 8KIDS sind unglaublich gut und ich bin so froh, sie noch vor 100 Leuten aus der Nähe zu sehen, bevor sie als Headliner auf großen Alternative-Rock-Festivals spielen. Das mag noch ein bisschen dauern, aber das werden sie wohl eines Tages tun.


(c) Doctor D. K.

Die rührende Ansage des Gitarristen Hans Koch und der dazugehörige Song „Kann mich jemand hören“ sprengen Dämme in den Augen und „Vis-à-vie“ – der durch eine Zeile titelgebende Song des 2017er Debütalbums „Denen, die wir waren“ – baut diese kathartische Emotionalität weiter aus. Jonas Jakob geht dazu in die Menge und man sieht ihm an, wie direkt der Inhalt des Liedes aus seinem Leben stammen muss. Es ist so wundervoll, wenn Bands ehrliche Gefühle transportieren und nicht nur Produkte produzieren!
Doctor D. K. vermutet: „Der transparente Umgang mit den Affekten der Bandmitglieder zeigt ein Vorhandensein reifer innerpsychischer Bewältigungsstrategien an.“
„Dämonen“ wird dem Kampf gegen Nazis gewidmet, bevor „Zeit“ alles überragend innerliche Tode provoziert: der eigene Tod, der in jeder sterbenden Beziehung, jedem Abschied, jedem Verlust, in allem Loslassen liegt. Ultimativ! Sternstunde! Danke, danke, danke, 8KIDS!

Fuckety fuck fuck

Die humorvolle Fun-Metal-Stimmung bei den erstmals in Deutschland auftretenden PSYCHOSTICK kontrastiert den vorangegangenen emotionalen Höhepunkt aufs heftigste. Alberne Kopfbedeckungen und Texte wie „Obey the beard!“ dominieren das Programm, dessen Musik perfekt dem WFF-Flair entspricht: Hardcore und Metal! Das fängt die tief treffende Emotionalität von 8KIDS jedoch leider absolut nicht auf, sodass ich mich lieber für eine kleine, aber sehr gelungene Chili-sin-carne-Ofenkartoffel statt für die alberne Musik entscheide.


(c) Doctor D. K.

„Fuck, fuck, fuckfuckfuck fuckety fuckfuck, FUCK!“, holt mich dann aber doch noch ab. „NSFW“ heißt der Song von PSYCHOSTICK. Klassische Musik mit Metalcore und dem Wort „fuck“ neu zu interpretieren – dafür kann man schon mal von Arizona nach Sachsen-Anhalt eingeflogen werden!
Doctor D. K.s Kommentar dazu: „Der juvenile bis infantile Ausdruck von PSYCHOSTICK erschafft positiv energetisierte Gegenübertragungsgefühle.“

Preispolitische Unzufriedenheiten

Das gemütliche Schlendern durch die Merch- und Futter-Stände wird begleitet durch den Punk von DRITTE WAHL, die 2017 ihre neue Platte „10“ gebracht haben, aber natürlich auch Songs aus all den vorangegangenen Jahren ihrer Musikkarriere dabeihaben. Aber weder das, noch BETRAYALs starker moderner Death Metal trösten darüber hinweg, dass ca. 100 g Pommes schon mal 4 Euro kosten können – ob das noch unter „humane Preise“ fällt, mit denen geworben wurde, wage ich zu bezweifeln.


(c) Doctor D. K.

Lecker ist der schnell weginhalierte Snack allerdings wirklich. Ein cooler Dude in den 30ern, der aussieht, als würde der Name „Surfin' Hardcore-Jesus“ zu ihm passen, kommentiert: „Hier kostet ein normales Essen mehr als ein Gramm Dope! Ich glaub, ich kiff' heute nur!“ Traurig, aber wahr! Futter und Ärger lassen sich dann aber doch gut mit einem 6,50-Euro-Vodka-Energy runterspülen, während ASTROID BOYS laufen, die für die erst jüngst aufgelösten KANZLER & SÖHNE eingesprungen sind. Hardcore Punk statt Proll-Rap-Crossover – meinetwegen gerne!

Künstlerischer Höhepunkt

Nur auf die kleinste Bühne haben es THE HIRSCH EFFEKT geschafft. Versteht ja auch kein Mensch, was die da veranstalten. So ein genrekonfuses Core-Freakout-Geschrammel.
Progressive? Technical? Math? Kunst!
Punk? Metal? Jazz? Core? Rock? Kunst!
Wut? Entspannung? Angst? Freude? Wahnsinn? Kunst!

„Lifnej“ eröffnet und stellt den Artsy-fartsy-Höhepunkt des With Full Force dar. Wenn der Sänger nebenbei noch mit beiden Händen auf dem horizontal bespielten Instrument pickt und dann wieder schneller dessen Hals hoch und runter fährt als ein Jugendlicher vor Internetpornografie, verpasst man vor lauter Starren, dass einem die Futterluke offensteht. Mit „Eskapist“ produzierten die Hannoveraner 2017 ein ebenfalls überragendes Post-Rock-Post-Hardcore-Post-Metal-Post-Everything-Meisterwerk – absolut hörenswert!


(c) Doctor D. K.

Party-Höhepunkt

Die kurzen Pausen zwischen den Muss-ich-unbedingt-sehen-Acts minimieren die Camp-Zeiten, sodass der Sekt mit Druck in den Magen gelangen muss, bevor ich NOTHING MORE genießen kann: texanischer Altenative Metal, der typisch alternativ-metallig die komische Eigenheit hat, so zu wirken, als sei er den meisten anderen Genres überlegen. Das Album „The Stories We Tell Ourselves“ von 2017 funktioniert gut, aber ich warte auf mehr Quatsch, mehr Party, mehr ESKIMO CALLBOY. Die spielen nämlich gleich auf der Mainstage nebenan und ich werde schon hibbelig, wenn ich nur daran denke.

Spätestens beim zweiten ESKIMO-CALLBOY-Song „My Own Summer“ herrscht Party-Ekstase deluxe! Selbstverständlich explodiert der Dance-Pit im Apokalypse Style, aber wie immer sind die freakigen Tänzerinnen und Tänzer am Rande der Menge die eigentlichen EC-Genusskünstler. Metalcore oder auch Elektrocore oder auch Trancecore oder auch Scenecore oder auch ESKIMO-CALLBOY-Core sind in Ermangelung treffenderer Begrifflichkeiten gängige Beschreibungen dieser Musik.

Vor sechs Jahren habe ich hier auf dem With Full Force zum ersten mal ESKIMO CALLBOY gesehen und es ist schön zu hören, dass auch die Band sich so positiv an ebendiesen kostümierten Auftritt erinnert, bei dem sie sich noch wunderten, dass sie niemand, wie angekündigt, mit fauligem Gemüse bewerfen wollte. Wunderbarerweise feiern sie das mit dem überragenden Meerschweinchen-Abschieds-Deathcore-Ausraste-Song „Muffin Purper-Gurk“ – besser geht’s einfach nicht! Der dritte krasse Festival-Höhepunkt an diesem Tag!
Natürlich lobe ich dann noch – wie auf jedem der letzten 10 EC-Konzerte den unfassbar geilen Song „Is Anyone Up“ und fluche über die SIDO-Sellout-Nummer „Best Day“, aber ganz langsam wird das auch ziemlich repetitiv. Also sage ich auch mal was ganz anderes: Sushis Shouting-Style ist technisch ziemlich mies! Haha! Who cares? ESKIMO CALLBOY are fuckin' rad! So freak out to this Castrop City shit! Und schlecht ist der neuere Kram von denen übrigens auch nicht: „The Scene“.

Berliner Butterbrotbutterer

Vor etwa 100 Jahren waren ESKIMO CALLBOY die Vorband von WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER und jetzt sind sie es wieder – allerdings doch eher nur in zeitlicher Hinsicht. Auch WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER machen etwas, was man grob als Trancecore bezeichnen kann, haben aber in den letzten Jahren keine großen Sprünge gemacht – und wenn doch, dann teilweise rückwärts. Aber die anwesende, abgehwütige Meute hat nicht vergessen, was für eine fett geile Band die Berliner Brotbutterbande ist. Ich gehöre zu den „alten“ Fans, sodass „Superfön Bananendate“ der absolute Ausflipp-Mega-Song für mich ist, während die neueren Dinger zwar echt OK, aber nicht unbedingt mehr sind.

Bälle! Überall bunte Bälle! Ich fürchte, die LSD-Blocker hören auf zu wirken!
Nach einigen für meinen Geschmack zu RAMMSTEIN-igen Rummsta-Schlagwort-Songs kommt die Ultrazeitlupe im Breakdown und doch noch ein neuerer Song, der derbe fetzt: „Klicks, Likes, Fame, geil!“ Und extrem-guttural klingt auch das ausgereizte „Krawall und Remmidemmi“ nicht mehr ganz so ausgelutscht!
In ihrer typischen, kaum verständlichen Fachsprache urteilt Doctor D. K.: „Imba war ja wohl 'World Of Warcraft', du Kackn00b, blyat!“

Da drei musikalische Höhepunkte an einem Tag meine kleine Existenz aufs Übelste strapazieren, beschließe ich, den Tag ruhig und friedlich, gemütlich und unaufgeregt zum Schein der Mitch-Lucker-Gedächtniskerze im Camp ausklingen zu lassen. Gute Nacht!


(c) Doctor D. K.

Die Berichte der weiteren Tage des With Full Force 2018 sind hier zu finden (sobald sie online sind):
Mittwoch
Donnerstag
Samstag


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