16.06.2018, Ferropolis, Gräfenhainichen

With Full Force 2018 – Tag 4 – Entspannt ausklingen lassen

Text: Jazz
Veröffentlicht am 23.06.2018

Frühaufsteher sind die anderen

Es gibt Frühaufsteher, die beim ersten Sonnenstrahl begeistert aus ihren Zelten hopsen und strahlend den neuen Morgen grüßen. Und es gibt mich, der in allumfassendem Weltenhass seine Gammelfleisch gewordene Traurigkeit voller Verzweiflung und Schmerzen in den Campingstuhl zwingt. Weil dies jedoch kein ausgedehnter Leidensbericht werden soll, spulen wir vor.

Wasser! Wasser! Gebt mir Wasser! Neben BOOZE & GLORY gibt es Wasser. Bier würde besser zum Oi!-Punk passen, aber Wasser wird bei der gegenwärtigen Brutalität der Sonne zur unbedingten Notwendigkeit des Seins. Die Briten singen über Alkohol, Fußball und den ganzen typischen Oi!-Kram. Ich glaube, ich gehe lieber zu IN THIS MOMENT rüber.

LADY GAGA aus dem Spiegeluniversum

In einer außerordentlich kruzifixlastigen Aufmachung gibt es auf der Mainstage Groove Metalcore der poppigsten Art. Das klingt vielleicht nicht gut, aber das klingt richtig gut! Madonnenhaft mit stilisiertem Heiligenschein und mit unter der Robe kaum mehr als im Wind flatterndem weißen Stoff inszeniert sich sich Frontfrau Maria Brink auf dem theatralischen Niveau von Popstars wie MADONNA und LADY GAGA. Der gespielte Kampf gegen die Windmaschinen und die plakative nicht-nackte Nacktheit muten kitschig und unmetallig an, aber Marias starke Stimme reduziert das stirnrunzelnde Belächeln massiv.

Outfitwechsel, Maskierungen, Doppelgängerin, Nebelwerfer, Mystik, Roben, lange blonde Haare, lange nackte Beine, bemalte Arme und in der Mitte eine Umkleide-Zelt-Kirchen-Konstruktion.  Drum herum vier langhaarige Kerle an den Instrumenten. Ob die Bühnenshow nun echt stark oder total überzogen und unnötig ist, wird wohl die Gemüter spalten, aber Musik und Stimme lassen wenig Raum für Kritik. Ich jedenfalls bin sehr fasziniert von dem sakralen Over-the-top-Spaktakel, wie auch vom aktuellen Album „Ritual“.

Während RISE OF THE NORTHSTAR ihren Metal- und Hardcore zwischen den großen Metallskeletten hindurchkloppen, gebe ich einem weiteren Pommesstand eine Chance. Die frittierten Kartoffelstifte sind wieder nicht billig, aber die Portion ist größer und die Saucen – Knoblauch-Rosmarin und Chili – sind exquisit. Auch das Knoblauchbrot nebenan kann den Erwartungen immerhin grob entsprechen.


(c) Doctor D. K.

Brutalität und Orgel

Während ich noch die geballte Ladung Popmusik von IN THIS MOMENT im Hinterkopf habe, beginnt das absolute Gegenteil davon: EMMURE mit Hardcore-Deathcore-Metalcore. Rough Shouts, ordentliches Geknüppel und Mord und Todschlag im Pikatchu-Glumanda-Pit, in dem auch einige Power Ranger und eine Gartenzwerg-Gang ihre relativ rücksichtsvoll und dennoch heftig anmutenden Violent-Dancemoves performen. Die scheinbare Dichotomie zwischen den Tough-Guys auf der Bühne und der gut gelaunten Meute davor ist eine bezaubernde Zusammenfassung des 25. With Full Force Festivals: Angry music for happy people!

Noch kontrastierender ist die zeitgleich stattfindende Heimorgel-Party nebenan. Dort spielt der kultige Alleinunterhalter MAMBO KURT im biederen Anzug. Mit reichlich Tänzerinnen und Tänzern aus dem Publikum performt er den Song, den sich die Veranstalter des WFF gewünscht haben sollen: „Sing Halleluja“. Aber auch „The Roof Is On Fire“ von der BLOODHOUND GANG, „Killing In The Name Of“ von RAGE AGAINST THE MACHINE, SCOOTERs „Maria“ und „Songs für Liam“ von KRAFTKLUB sind dabei. Vor der Bühne stehen die Leute bis an den hinteren Geländerand, als MAMBO KURT einen SPORTFREUNDE-STILLER-Walzer, Bossa-Nova-RAMMSTEIN oder Orgel-SLAYER raushaut. Der Mann ist auf gezielt langweilige Weise genial!


(c) Doctor D. K.

Das war's!

Obwohl der Abend noch von Größen wie SOULFLY, ASKING ALEXANDRIA, PARKWAY DRIVE, BEATSTEAKS und APOCALYPTICA bespielt wird, lasse ich das 25. With Full Force gemütlich ausklingen und resümiere entspannt bei ein paar Drinks die vergangenen Tage.

Die Location des Festivals ist großartig. Ferropolis bietet eine wunderschöne Athmosphäre, gute Akustik und Platz für drei Bühnen, eine Badestelle und reichlich Merch- und Fress-Stände. OK, der Boden des Zeltplatzes war knüppelhart und steinig und die Wege zu den Bühnen enorm lang, aber immerhin letzteres wurde durch Busse ausgeglichen, die allerdings im Ticketpreis integriert sein sollten, um den argen Missmut vieler Gäste zu mindern. Sonst ist der Ort aber optimal für ein Event dieser Größenordnung (unter 20.000 Gäste).

Ein weiterer Punkt ist die Preispolitik der Speisen und Getränke. Ich gebe nicht vor, mich damit auszukennen, merke aber ständigen eigenen und fremden Unmut rund um die Futter-Stände. An sich ist es kein Problem, dass die Preise dort recht hoch sind – schade schon, aber nicht das Kernproblem. Richtig schlecht gelaunt wird man allerdings, wenn man winzige Portionen erhält für sein großes Geld. Zumindest bei meinen Tests hat die Qualität der Speisen absolut überzeugt, aber Preis und Menge passen einfach nicht zusammen. Die Preise werden wohl nicht gesenkt werden, also passt bitte die Portionsgrößen an!

Das Bandprogramm war sehr bunt und doch sehr präzise zwischen viel Core und etwas weniger Metal eingenischt. Ich halte das für eine sehr gelungene Mischung. Meine persönlichen Höhepunkte waren das Konzert der 8KIDS – insbesondere in emotionaler Hinsicht –, die Party von ESKIMO CALLBOY, die kunstvolle Musik von THE HIRSCH EFFEKT, die faszinierende Show von IN THIS MOMENT und das beeindruckende Ferropolis selbst.

Danke an alle Beteiligten von Doctor D. K. und den anderen Besuchern über die Securitys und Busfahrer bis hin zur den Verantwortlichen des With Full Force. Bis nächstes Jahr!


(c) Doctor D. K.

Die Berichte der weiteren Tage des With Full Force 2018 sind hier zu finden:
Mittwoch
Donnerstag
Freitag


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