23.6. + 24.6.2018, Wiener Stadthalle (Halle F), Wien

KING CRIMSON: Uncertain Times 2018

Veröffentlicht am 27.06.2018

Dass ein KING CRIMSON-Konzert kein unbeschwerter Spaziergang ist, sonder eher eine musikalische Herausforderung, ein Parforceritt, das ist jedem im Saal klar. Mit der „Uncertain Times“-Tour und ihrem Konzept erfindet Bandkopf Robert Fripp seine Combo zum gefühlten vierzigsten Mal neu, ohne dabei auch nur ansatzweise seine Ideale zu verraten – im Gegenteil: der blutrote König bleibt spannend - ein musikalischer Wechselbalg, ein Hybrid aus Genie und Wahnsinn. Kollege Rosenberger und ich haben uns die beiden Shows (mit jeweils leicht veränderter Setlist) getrennt voneinander, aber durchaus öfters auch einer Meinung, zu Gemüte geführt und unsere Eindrücke in einem gemeinsamen Review zusammengefasst.

Samstag (Florian Rosenberger)

Die Legende KING CRIMSON beehrte für zwei Shows der musikalischen Extraklasse die Halle F der Stadthalle – erstmals wieder in Österreich nach ihren zwei gefeierten Auftritten im Dezember 2016 im Museumsquartier. Bei der ersten Show am Samstag, 23.06.2018, waren fast alle Sitzplätze ausverkauft und das Publikum erwartete ehrfurchtsvoll die „Elite-Musiker“ angeführt von KING CRIMSON-Mastermind Robert Fripp. In der Halle F war ich bis jetzt nur ein einziges Mal beim erstklassigen Konzert von IAN ANDERSON im Jahr 2013. Der Sound in dieser Location war auch bei KING CRIMSON sensationell, bei einigen Passagen fast schon zu laut - die Höhen der E-Gitarren, aber vor allem die Saxophon-Töne schmerzten teilweise schon ein wenig.

Die Bühne war von den insgesamt acht Musikern – davon drei Schlagzeuger – auch gut ausgefüllt. Auf einem Podest dahinter stand als erster links der für mich persönlich fast zu omnipräsente Saxophonist Mel Collins. Ich war zwar auf vieles eingestellt, da Progressive Rock doch zu einem meiner Lieblingsgenres zählt, aber dieser Jazz-Overkill war mir auf die Spielzeit von insgesamt drei Stunden – unterbrochen von einer 20-minütigen Pause - dann doch oft etwas zu viel des Guten. Bassist Tony Levin war interessant zu beobachten, da er auch des Öfteren seinen „Chapman Stick“ bearbeitete. Neben Tony Levin war Gitarrist und Sänger Jakko Jakszyk der Dreh- und Angelpunkt vieler Songs, prägte er doch mit seinem ausgezeichneten Timbre die Vocalparts der KING CRIMSON-Songs an diesem Abend.

Bandleader Robert Fripp wirkte wie ein Zeremonienmeister, der sich durch seine vom Publikum seitlich weggedrehte Sitzposition nicht wirklich auf die Finger schauen ließ, was ich schade fand, da ich Gitarrenvirtuosen gerne bei ihrer Arbeit zusehe. Während der kompletten Show wurde kein einziges Wort ans Publikum gerichtet, was schon sehr seltsam anmutete. Klar, es soll nur die Musik sprechen (von Bild- und Tonaufnahmen wurde zudem streng abgeraten), aber die Sprache war mir dann doch an einigen Stellen zu kompliziert. Da sind DREAM THEATER dagegen ja „easy listening“ oder PANZERBALETT - erst im Jänner im Porgy&Bess gesehen - ein Kindergeburtstag.  

Ich muss aber auch zugeben, dass ich kein Jazzfan bin. Wenn es schon ein Saxophon sein muss, dann eher im Stile von SHINING auf ihrer Platte „International Blackjazz Society“. Zentraler Bestandteil der KING CRIMSON-Show - die sich neben einer phänomenalen Performance des großen Klassikers „In The Court Of The Crimson King“ quer durch ihre umfangreiche Diskografie spielten - waren die drei Schlagzeuger, die oft ordentlich fett groovten. KING CRIMON ermöglichten auf jeden Fall an diesem Abend ein interessantes Konzerterlebnis.

Set Samstag:
The Hell Hounds Of Krim (Drumsolo)
Pictures Of A City
Neurotica
Moonchild  („Dream“ Part only)
In The Court Of The Crimson King
Suitable Grounds For The Blues  
Radical Action III
Meltdown
Radical Action II
Level Five
Islands
Larks' Tongues In Aspic (Part IV)
 
Devil Dogs Of Tessellation Row (Drumsolo)
Cirkus
Lizard
Cadence And Cascade
Discipline
Indiscipline
Epitaph
Easy Money
Larks' Tongues In Aspic (Part II)

Starless

Sonntag (Mike Seidinger):

Das Bühnenbild ist simpel, es gibt quasi keine Lightshow, der vollste Fokus liegt auf den Musikern, und das strikte (Handy-)Fotografierverbot tut sein Übriges: „Be in the moment and enjoy the show!“ Meint eine Stimme zu Beginn des etwas über drei Stunden langen Sets.

Der beginnt am zweiten Abend wie üblich mit einem Drumsolo, und auch die zweite Hälfte wird vom Trommel-Triumvirat eingeleitet. Über die Notwendigkeit oder den Sinn von drei Drummern lässt sich ja vortrefflich diskutieren. Fakt ist, dass Robert Fripp damit nicht nur ein Marketing-Coup gelungen ist, um die aktuelle KING CRIMSON-Besetzung ziemlich interessant zu machen, sondern dass das Ganze auch spieltechnisch äusserst raffiniert zelebriert wird. Ich als ausgewiesener Drum-Nerd kann heute also zwei meiner persönlichen All Time-Faves und drei Luxusklasse-Drummer erleben: Pat Mastelotto (der Mathematiker), Jeremy Stacey (das Tier), und Gavin Harrison (der Philosoph). Das Konzept ist simpel aber effektiv: mal spielt nur einer, manchmal zwei, des Öfteren alle drei. Stacey bedient zeitweise auch mal das E-Piano, und wenn Mastelotto und Harrison sich duellieren, dann fungiert der jeweils andere einfach als Perkussionist. Das räumt dem Sound und dem Gesamtkonzept ungeahnte Möglichkeiten ein und man weiß bald nicht mehr, wem man in all der Geschwindigkeit auf die Finger schauen soll.

Als Ruhepol kommt man immer wieder auf die darüber stehenden restlichen Protagonisten zurück. Der stets präsente Mel Collins an den Blasinstrumenten – eine der wenigen Dinge an KING CRIMSON, die ob ihres fast ununterbrochenen Vorhandenseins auf Dauer nerven können, ungeachtet der Tasache, dass der sympathische Brite natürlich ein exzellenter Musiker ist. „Onkel“ Tony Levin, der ja schon an die drei Jahrzehnte mit Fripp unterwegs ist und ein Vorreiter des innovativen Basspiels, oft holt er den von ihm entwickelten Chapman-Stick oder auch mal kurz seinen ultratief gestimmten Stehbass hervor. In der Mitte, quasi unbeweglich, Bill Rieflin. Der als Keyboarder wieder in die Band zurückgekehrte ehemalige MINISTRY- und NINE INCH NAILS-Mitstreiter wirkt inmitten der anderen trotz seiner relativen „Jugend“ irgendwie alt, was wohl seiner Bewegungsarmut geschuldet sein muss. Jakko Jakszyk schafft den schwierigen Spagat, sowohl die anspruchsvollen Vokalpassagen zu meistern und nebenbei auch noch als Fripps Gitarren-Helfer zu fungieren – ein absoluter Glücksgriff, er fügt sich homogen ein und steht nicht im Mittelpunkt, wie ein Sänger das normalerweise tut, er atmet quasi KING CRIMSON zu jeder Minute.

Und hier offenbart sich wieder das geniale Bandkonzept: alle sind mehr oder weniger gleichwertig und tragen zum Sound von KING CRIMSON bei, aber jeder bekommt die Chance, sich ein wenig an seinem Instrument zu profilieren, muss das aber nicht. Der Session-Charakter mancher Stücke gibt einem als Musiker hier eh genug Raum für individuelle akustische Akrobatik, auch wenn Robert Fripp stets stoisch über das Geschehen zu wachen scheint. Hinter seinem Effekt-Schrank ans rechte Eck gedrängt, fällt er weiter gar nicht auf, bedacht zirpt und quietscht er seine markanten, oft dissonanten Riffs, mit sicherer Hand und ohne mit der Wimper zu zucken holt er die unmöglichsten Rhythmusfolgen und Geräusche aus seiner Klampfe hervor – ein echter, gesetzter Meister, wenngleich von sperrigem Charakter wie oft auch seine Songs. Und die spannen sich mittlerweile über fast fünf Dekaden (siehe Setlists). Die Connaisseure warten aber natürlich auf die „Hits“, und die fügen sich in die Flut aus Song-Fragmenten und Solo-Einschüben sehr natürlich und logisch ein.

Erwähnen möchte ich hier das in seinen verschiedenen Teilen immer wieder im Set umhergeschobene „Larks Tongues In Aspic“, „Moonchild“ (hier wird, gottlob, nur der „Dream“- Part gespielt), das unvermeidliche „Epitaph“, natürlich „In The Court Of The Crimson King“. Das ruhige „Islands“ und „Cadence And Cascade“ dürfen auch nicht fehlen, ebenso wenig das grandiose, harte „Red“ und das etwas zusammengekürzte Epos „Lizard“. Für mich die heutigen Höhepunkte: „Easy Money“ und „Starless“ in einer überirdischen Version mit einem finalen Aufbäumen des Drum-Triumvirats, bevor man mit einer ebenso abgehobenen Version von „21st Century Schizoid Man“ diesen zweiten Abend unter stehenden, nicht enden wollenden Ovationen beendet und bis auf ein paar „Thank You!“ genauso wortlos, wie man gekommen ist, die Szenerie wieder verlässt – die Band aus Prinzip, das Publikum, weil es nach diesem Set eh keine Worte gibt, das eben erlebte auch nur annähernd adäquat wiederzugeben.

Aber vielleicht brachte es der ältere Herr neben mir am besten auf den Punkt: „Die haben heute mehr Noten gespielt als METALLICA in ihrer gesamten Karriere!“. Dem ist dann auch wirklich nichts mehr hinzuzufügen.

Set Sonntag:
Drumson Werning (Drumsolo)
Larks' Tongues In Aspic (Part I)
Neurotica
Cirkus
Lizard
Epitaph
Suitable Grounds For The Blues
Larks' Tongues In Aspic (Part IV)
Islands
Indiscipline
Discipline
Larks' Tongues In Aspic (Part II)

Drumsons (Drumsolo)
Red
One More Red Nightmare
Moonchild ("Dream" Part only)
Bass & Piano Cadenzas
In The Court Of The Crimson King
Radical Action III
Meltdown
Radical Action II
Level Five
Cadence And Cascade
Drumsons Of Wonderment & Intrigue (Drumsolo)
Starless

21st Century Schizoid Man

 

[Setlist wie immer ohne Gewähr!]

Bilder (c) Mike Seidinger

 

 


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