30.06.2018, Arena Wien,

ALICE IN CHAINS

Text: Florian Rosenberger | Fotos: Andreas Litzellachner
Veröffentlicht am 07.07.2018

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ALICE IN CHAINS – für mich eine der besten Bands der Welt – beehrten die Arena Wien am Open Air Geländet. Meine Erwartungshaltung an das Konzert war dementsprechend hoch, wurde aber vollends eingelöst, außer dass es nach den etwas über einenhalb Stunden noch ewig hätte weitergehen können. Entgegen meiner Vermutung, dass wohl doch nicht so viele 45 Euro für eine Konzertkarte berappen werden, war das Areal mehr als gut, aber trotzdem noch gemütlich gefüllt. Wohl nicht nur ich werde dem Veranstalter ewig dankbar sein, dass ich wegen einer meiner Lieblingsbands nicht wieder die Strapazen des NOVAROCKs 2006 oder 2010 auf mich nehmen musste. Die Band an sich war damals zwar genauso wie 2014 vor METALLICA beim „Krieau Rocks“ grandios, jedoch war das Desinteresse vieler Anwesender damals fast blamabel. Da lobte ich mir doch die fulminante „An Evening with ALICE IN CHAINS“-Comeback-Show 2009 im Gasometer, bei der wohl doch fast nur Fans zugegen waren. Und so geschah es auch an die zehn Jahre später in der Arena Wien, dass ALICE IN CHAINS mein persönliches Rock-Konzert des Jahrzehnts absolvierten.

Eigentlich unverständlich wieso ALICE IN CHAINS nicht bekannter sind [Yo! Kennt vermutlich kaum jemand...; Anm.d.Korr.]. Dass METALLICA hauptsächlich durch die Ballade „Nothing Else Matters“ dem europäischen Mainstreampublikum bekannt sind, hätten die Seattler ebenso mit „Down In A Hole“ oder „Rooster“ schaffen müssen. Zumindest in den Neunzigern sah es vor allem in den USA ja fast so aus, dass ALICE IN CHAINS neben NIRVANA und PEARL JAM in den Rock-Olymp aufsteigen. Neben dem fantastischen Songwriter Jerry Cantrell war das natürlich auch dem charismatischen Sänger Layne Staley geschuldet, der der Legende eines Kurt Cobain ebenbürtig sein sollte. Laynes Stimme war nicht von dieser Welt und sein Vermächtnis eine schwierige Bürde für Cantrell, der mit dem neuen Sänger William DuVall 2009 mit dem Album „Black Gives Way To Blue“ das Comeback schaffte.

Jedenfalls waren am 30.Juni all jene versammelt, die ihre alten Helden der Neunziger Jahre nochmal erleben und abfeiern wollten. Das Durchschnittsalter lag deutlich über 30, und wohl jeder Anwesende genoss den Konzertabend unter dem sommerlichen Abendhimmel Wiens. Entgegen der Show im Wiener Gasometer gab es dieses Mal eine Vorband: MOTHER’S CAKE waren da stilistisch sicher nicht die schlechteste Wahl, vor allem sind die Tiroler für fetzige Live-Shows bekannt. Schon des Öfteren durfte ich die dufte Truppe bewundern. Hier gehts zu sämtlichen Livereports von MOTHER'S CAKE)

    MOTHER'S CAKE (Pic by Andreas Litzellachner)

Mit der funkigen Nummer „Creation’s Finest“ starteten MOTHER’S CAKE mit vollem Elan in ihr Aufwärmprogramm. Im überlangen „Realitricked Me“ wurden danach an der Gitarre alle Geschütze aufgefahren, da wird am Bass bis zum Exzess geslapped und am Schlagzeug unterschiedlichste Rhythmen bedient. Darüber thront die hohe einzigartige Stimme von Gitarrist Yves Krismer, die sich ins Gehirn der Zuhörer einzementierte. Mit dem Kracher „Runaway“ empfahlen sich MOTHER’S CAKE zum Schluss für die kommende Europa-Tour mit einigen Terminen bis in den Dezember 2018.

Um 21 Uhr kamen ALICE IN CHAINS. Einen meiner absoluten Lieblingssongs „Bleed The Freak“ zum ersten Mal live zu hören war der Beginn eines wahrgewordenen Traums. Konzerte bei denen man (fast) jedes Wort mitsingen kann, lassen einen den Moment noch mehr genießen. Den groovigen 2009er-Song „Check My Brain“, bei dem der Wechsel zwischen fast depressivem Vers und befreiend frohstimmigem Refrain wie so oft bei ALICE IN CHAINS recht gut funktioniert, folgen zu lassen, war ein geschickter Schachzug. In dieselbe Kerbe schlug der ältere Song „Again“ vom dritten AIC-Album, bei dem der zweistimmige Gesang zwischen DuVall und Cantrell so wunderbar harmoniert - keine andere Band bringt so eine spezielle Stimmung zustande.

    ALICE IN CHAINS (Pic by Andreas Litzellachner)

Schlag auf Schlag ging es weiter mit „Dirt“-Material: Bei einer grandiosen Version von „Them Bones“ – der Vers/Refrain-Wechsel zwang mich voller Bewunderung auf die Knie –  knappe drei Minuten musikalische Genialität! Das folgende „Dam That River“ bewies welch ein Jahrhundertalbum „Dirt“ eigentlich ist. Bis jetzt stimmte einfach alles: die Atmosphäre in der Arena, die Größe der Bühne mit passender Lichtshow und das Beisein von Freunden und begeisterten Fans.

Bei den neueren Songs „Hollow“ und „Last Of My Kind“ brachte sich Neo-Sänger DuVall als großartiger Performer im “Lenny Kravitz”-Stil ein und musste sich bei den von ihm eingesungenen Kompositionen nicht den Vergleichen mit seinem Vorgänger stellen. Diese waren danach aber auch bei den zwei Klassiker-Balladen „Down In A Hole“ und „No Excuses“ aufgrund der charismatischen Präsenz des Frontmanns kein Kritikpunkt. Noch schnell „Stone“ gezockt und dann kam schon die Grunge-Hymne schlechthin „We Die Young“, die damals noch vor dem Tod von Cobain und Stayley das tragische Ende der zwei Ikonen vorwegnahm. Das gefühlvolle „Nutshell“ wurde dann auch dem Original-Sänger und dem 2011 verstorbenen Original Basser Mike Starr gewidmet.

   ALICE IN CHAINS (Pic by Andreas Litzellachner)

Ich bin auf die Dauer eigentlich kein Fan von ruhigen Songs, ALICE IN CHAINS faszinieren mich aber durch wunderschöne Melodien, was auch das folgende „Heaven Beside You“ bezeugte. Vor der obligatorischen Zugabe wurde das Publikum noch mit Material vom Debüt-Album „Facelift“ bedient. Zuerst „It Ain’t Like That“ und danach gleich mit „Man In The Box“ ein weiterer Übersong. Unglaublich eigentlich, wie viele Hits ALICE IN CHAINS von 1990 bis 1995 geschrieben haben...

Und das Händchen für großartige Melodien hat sich Jerry Cantrell während seiner Soloalben „Boggy Depot“ und „Degradation Trip“ bis zur heutigen Zeit bewahrt, denn der neueste Song „The One You Know“ vom kommenden Album „Rainier Fog“ schlägt in dieselbe Kerbe wie die Klassiker. Auch wenn das Front-Duo Cantrell/DuVall am präsentesten war, wirkte die Band über die komplette Konzertlänge wie eine Einheit. Bassist Mike Ines und Schlagzeuger Sean Kinney bilden das souveräne rhythmische Fundament, auf dem viele der genialen Songs basieren.

Es folgte das Finale: Es ist einfach schön, wenn man Songs wie „Got Me Wrong“ mit hunderten Fans mitsingen kann. Mit der Performance des Meisterwerks „Would?“ – ein Song der als Weltkulturerbe deklariert werden sollte – wurden alle Erwartungen meinerseits erfüllt. Da war der dramatische Antikriegssong „Rooster“, der aus wirklich allen Kehlen mitgegrölt wurde nur mehr das Sahnehäubchen auf dem besten Konzert, dass ich seit langem erleben durfte. Ein magischer Abend, den wohl alle Anwesenden noch lange in Erinnerung behalten werden.

       ALICE IN CHAINS (Pic by Andreas Litzellachner)

Setlist (ohne Gewähr):

Bleed The Freak
Check My Brain
Again
Them Bones
Dam That River
Hollow
Last Of My Kind
Down In A Hole
No Excuses
Stone
We Die Young
Nutshell
Heaven Beside You
It Ain't Like That
Man In The Box

The One You Know
Got Me Wrong
Would?
Rooster


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