30.07.2018 - 05.08.2018, Wacken Festival Area, Wacken

Wacken 2018 – Wo war ich in der Nacht von Montag auf Sonntag? (Teil 1)

Text: Jazz
Veröffentlicht am 07.08.2018

Das 29. Wacken Open Air ist Vergangenheit. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit gab es in diesem Jahr keinen Regen, also keine Schlammschlacht. Vielmehr haben Ronnie James Dio und Lemmy Kilmister wohl eine himmlische Lupe auf den Holy Ground des W:O:A gehalten. Heißer kann es auch in der Hölle nicht sein! Wenn solche dämonischen Temperaturen auf die an den Gehirnwindungen angelagerten Biermoleküle treffen, entsteht der wahnhafte Fiebertraum-Zustand, der diesen Bericht über das Wacken Open Air 2018 ausmacht.

Montag. Wacken beginnt ja seit 2017 schon am Montag. Jedenfalls ist es offiziell erlaubt, ab diesem Tag den heiligen Acker zu erobern, seine Zeltheringe wie Standarten in das beanspruchte Land zu rammen und den bierdurstigen Leib dort auf einem Campingstuhl zu platzieren. Wer diesen Punkt erreicht hat, ohne vorher von Flunkyball spielenden Nachbarn abgeworben zu werden, hat schon einen guten Start in die metallischste Woche des Jahres. Ab hier verschwimmt nun aber alles. Natürlich liegt das daran, dass Bier lecker ist, Sekt so schön hat geprickelt in meine Augapfel und Energydrink ohne Wodka-Verdünnung unverantwortlich wäre. Aber vielmehr noch brutzelt die geballte Gewalt der Sonne durch die Schädeldecke, ballert der brutale Non-Stop-Sound unzähliger Boxen auf die Trommelfelle und Schlaf gibt es ab diesem Zeitpunkt auch nur noch im Fenster zwischen vier und sechs Uhr früh – und zwar keinen guten. Wer da nicht den Verstand verliert, war nicht dabei!

Zur Optimierung der Nachvollziehbarkeit dieses Berichts (lose Erinnerungen des Redakteurs Jazz, der sich kopfüber und mit voller Wucht in das Erlebnis Wacken gestürzt hat) sei es empfohlen, Apothekenalkohol in die Augen zu träufeln, eine doppelte Nase Hausstaub zu schniefen, den Kopf im Backofen bei 200°C zu platzieren und das folgende Video bei maximaler Lautstärke einzuschalten.

Gelebte Integration: Das Flunkyball-Handycap erlaubt das Trinken aus 0,33-Liter-Dosen.

"stratzen" - derbe starkes Verb, Gebrauch: salopp, Worttrennung: strat|zen, Beispiel: „Lass stratzen gehen!“, Bedeutung: das eigene Festival-Camp verlassen, um großartige Begegnungen mit Mitmetallern zu haben, Beispiele möglicher Ziele: Pegelerhöhung, Steffis Camp, lebenslange Freundschaft, die Norwegen-Flagge auf Campground U.

Ich habe gelernt, dass ein anständiger Black-Metaller sich noch während des Konzerts einer versagenden, also Mainstream werdenden Band das entsprechende Patch von der Kutte reißt. Untergrund ist vorbei, wenn Festival-Touristen kommen!

NEMOREUS sind eine Band. Manchmal vergisst man, dass es sowas auf Wacken auch gibt. Der Mittwoch ist der Tag, der einen nach dem paradiesisch umgeschädelten Start des W:O:A wieder daran erinnert, warum man hier ist. Gestartet wird der Live-Lärm mit dem weltweiten Metal-Battle, bei dem sich NEMOREUS für das Finale in Wacken qualifizieren konnten. Die Österreicher klangen auf ihrem 2018er Demo noch so bitterböse, als versuchten sie Pech durch einen Bierbong zu gurgeln, scheinen sich live jedoch ein bisschen mehr auf den Folk-Part ihres Black-Lärms zu konzentrieren, sodass sie in den kommenden Jahren vielleicht noch mal wiederkommen dürfen, um die Wackinger-Stage und ihr vorwiegend mittelalterlich geprägtes Programm zu ergänzen. Neuer als ihre Ende-Juli-EP „Silent Watcher“ geht es quasi nicht.

Bier muss bei Hitze schneller getrunken werden, sonst wird es warm und wärmer und heiß und verdunstet.

Mehr als 190 Bands auf acht Bühnen!

Progressives Rülpsen mit reichlich Groove, deftigem Thrash und etwas Death gibt es von den slowenischen CORDURA. Die Schlinge am verletzten Arm von Frontmann Nejc Heine hindert ihn offenbar nicht am Headbangen. Frickelfanfantasien lässt derweil Tim Draksler an der Gitarre wahrwerden, verliert sich jedoch nicht darin. Erzittern tut das gigantische Zelt jedoch unter dem Drumgewitter. Nachempfinden lässt sich diese Erfahrung nicht. Oder vielleicht doch, aber nur ein bisschen – mit der 2016er EP „Pantheon Of Bionic Gods“.

Maschine ist ein Kerl, der schon lange die Moderation der Konzerte auf der W:E:T- und der Headbanger-Stage übernimmt. Manche empfinden ihn als Kult, andere kommen aus dem Verdrehen der Augen gar nicht wieder heraus. Jedenfalls hat dieses aufgepumpte Menschlein wohl dem Promoter von ASYLUM versprochen, dass der die Ansage für seine karibischen Metal-Battle-Freunde übernehmen darf. So sagt Maschine den Promoter und der Promoter die Band an, die dann sehr hübschen Groove Metal mit außergewöhnlich derben Shouts durch das Mega-Zelt strömen lässt. ASYLUMs Debüt-EP hört auf den Namen „Domination“.

Jedes Camp sollte jemanden dabeihaben, der beispielsweise in indischem, schottischem oder russischem Akzent Songs auf der Ukulele covert!

Der knuddeligste Mordkommissar der Welt widmet Camp-Gästen den Song „Jede Zelle meines Körpers ist glücklich“ und eine Intensiv-Krankenschwester kümmert sich um den konstanten Schnaps-Nachschub, während ein Hobbit erklärt, wie sehr er sich über Besuch so weit abseits der Bühnen freut.

HEILUNG machen auch keinen Metal, und obwohl sie die Wackinger-Stage einnehmen auch keinen Mittelalter-Rock. Vielmehr darf man von ihnen hören, wie es wohl geklungen haben muss, als vor groben 1600 Jahren bei einem drogenlastigen Naturritual der Techno erfunden wurde. Dass sich die Rhythmen aber auch ohne Pilze und dafür bei Met-Bier und Wacken-Blut genießen lassen, wird bei dem leider auf eine halbe Stunde verkürzten Konzert sehr deutlich. Show und Kostümierung der Pagan-Folk-Truppe aus Dänemark, Norwegen und Deutschland sind ebenfalls sehr überzeugend. Ganz große Empfehlung!

Kontrastprogramm direkt im Anschluss: Wenn viele tausend Metaller zu Hip-Hop auf der Heimorgel abgehen, dann ist dies das teuflische Werk eines Arztes im Versicherungsvertreter-Outfit: MAMBO KURT. Denk dir einfach irgendeine x-beliebige Kombination aus ödem Song und veraltetem Stil aus, mische sie mit der Heimorgel und trotzdem erreichst du in deinen Gedanken auf keinen Fall die erzlangweilige Großartigkeit von MAMBO KURT. Erstaunlicherweise ist dieses schwerst unmetallische Schnarch-Programm einer der absoluten Party-Höhepunkte auf dem Wacken Open Air – jedes Jahr wieder!

Du weißt, du bist am richtigen Ort, wenn dich morgens um kurz nach 6 Uhr noch ein zierliches Mädchen mit Haaren bis zu den Waden dazu auffordert, mit ihr im letzten belebten Camp EISREGEN-Karaoke zu singen.

Es muss schon Donnerstag gewesen sein – das behauptet jedenfalls die Running Order – als ATOMIC ROCKET SEEDERS ihren Metal-Battle-Finalauftritt hinlegen. Nicht zum ersten Mal schickt Luxemburg derbe starken Stoff ins Rennen. Drei ungleiche junge Männer spielen einen genial basslastigen Genremix, dessen Differenzierung hier den wetterbedingten Gehirnverbrennungen zum Opfer fällt. In sich ist der Klang des sympathischen Trios jedoch sehr konsistent. Vielleicht fehlt es ihnen im Songwriting ein wenig an Greifbarkeit, aber im Grunde ist das auch ein Kompliment auf einem Festival, bei dem „die Hälfte der gestreamten Bands bräsigen Kirmes-Metal machen“ (der Urheber dieses Zitats ist leider unbekannt).

Direkt im Anschluss an ATOMIC ROCKET SEEDERS betreten TODESKING die Nachbarbühne. Aber mehr als Folgendes entlocken die norwegischen Black-Metaller mir nicht: Haha, äh … nö!

Ein Kilometer Bier-Pipeline!

Der heißeste Scheiß auf dem Wacken Open Air 2018: kleine blaue Ein-Personen-Saunen überall, in denen immer wieder Eigenurinaufgüsse erfolgen.

Als die Hitze nachlässt, weil irgendwer den Lichtschalter für die Sonne gefunden hat – oder weil es einfach Nacht geworden ist – treten DYING FETUS auf. Hemmungslos und unbarmherzig ist die Wall of Death, die allerdings nicht im Publikum zwischen den Metallern stattfindet, sondern von den amerikanischen Brutal-Death-Metallern auf die Hörer losgelassen wird. Sie schiebt sich vernichtend durch die Menge und tötet das Gehör. Was für eine Zerstörungswut – und dennoch technisch brillant! Drei Maschinen mit klanggewordener Hassgewalt, die emotionslos lähmend das Trommelfellgenom umprogrammieren. Direkt mal in die aktuelle Platte „Wrong One To Fuck With“ reinhören!

Zum Ausklingen kann man dann aber noch mal den Black-Ballermann genießen: Zu „Bailando“ und LAS KETCHUP erklärt ein sehr metallisch aussehender Kerl, dass man nicht für den Metal, sondern für die Party nach Wacken fahre. True sei es auf anderen Festivals, hier sei Metal-Mallorca! Nach dem x-ten Energy-Longdrink widerspreche ich nicht mehr, sondern tanze mit einer Teenage-Wonderwoman in Zeitlupe zu jedem vierten Techno-Beat, bis die Wolken wieder lila sind.

Der wahnhafte Fiebertraum geht weiter: Mehr vom Wacken Open Air 2018 gibt es (ganz bald) hier!


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