30.07.2018 - 05.08.2018, Wacken Festival Area, Wacken

Wacken 2018 – Wo war ich in der Nacht von Montag auf Sonntag? (Teil 2)

Text: Jazz
Veröffentlicht am 08.08.2018

Das 29. Wacken Open Air hat ausnahmsweise mal keine Flutwelle aus Schlamm bereitgehalten, sondern Hitzewellen aus Schweiß über den heiligsten Acker der Metal-Welt geschüttet. Also hieß es beim W:O:A 2018: Staubschutz statt Gummistiefel! Waghalsig stürzt sich der Redakteur Jazz wie in einem Fieberwahn in die norddeutsche Freiluftsauna – möge das Bier mit ihm sein!

Das Zelt verwandelt sich schon um sieben Uhr in der Früh in einen Kochtopf. Da kann man nichts machen als aufstehen und das einzig nicht-heiße Bier des Tages trinken.

Die offizielle Angabe über den Bierverbrauch auf den W:O:A lautet: „VIEL“.

Die Dänen von KELLERMENSCH machen skurrilen Lärm mit Cello und Geige – progressiver Metal bis Art Rock. Schwermütig ist insbesondere der Gesang, dessen Erzeuger Christian Sindemann sich freiwillig in die Menge überwiegend ungewaschener, in jedem Fall aber verschwitzter Festivalgänger begibt. Wer so viel Einsatz zeigt, verdient auch eine Erwähnung der aktuellen Platte: „Goliath“ von 2017.

Direkt danach – oder fast direkt danach, denn technische Probleme verzögern den Auftritt um einige Momente – erklingt ein wahnsinnig starker Sound, der ungefähr bei Progressive Metal einzuordnen ist, aber aufgrund von Abmisch-Ungereimtheiten leider mäßig klingt - Sänger Marc Martins Pia ist beinahe gar nicht zu hören. Aus Andorra kommen PERSEFONE, die verdammt viel können, wie die aktuelle Platte „Aathma“ absolut überzeugend beweist. Heute klingt das leider nicht ganz so. Einiges fängt sich, anderes kaum. Dass sich die Jungs am Mischer dabei noch bestätigend zunicken, macht viele Festivalgäste richtig wütend. Gegen Ende des Konzerts klang es dann doch gut und die allerfeinst komponierte Musik war in vollen Zügen genießbar.

Ein Mann läuft herum und verschenkt Eis. Das musste man zwar in einem Schluck lutschen, aber ich war beinahe entsetzt vor Dankbarkeit.

15 Wasserversorger, 25 Elektriker, 70 Aufbauhelfer, 150 Reiniger, 1800 Securitys und Ordner.

„Vodka, you're feeling stronger!
Vodka, no more feeling bad!
Vodka, your eyes are shining!
Vodka, you are the real man!”

Da KORPIKLAANI sehr, sehr weise Finnen sind, werde ich ihnen nicht wiedersprechen und torkel-hüpfe mit einem nassen Handtuch auf dem Kopf zu Folk Metal und Humppa durch die Gegend. Etwas verloren sehen die merkwürdigen Gestalten auf der gigantischen Harder-Stage schon aus, zumal sie so extrem unterschiedlich anmuten: der extrem weiße Geiger, der Mann mit dem geflochtenen Graubart, der Raggae-Piraten-Sänger. Eine Freak-Kapelle vom Feinsten. Vodka!

CANTERRA teilen sich leider die Spielzeit mit KORPIKLAANI und WALKING DEAD ON BROADWAY, weshalb ich nur im Vorübergehen in den Genuss der Leipziger Symphonic-Metal-Band komme, die sich mir schon im Vorfeld als erstaunlich stark für dieses von mir oft als jaulige Winselei abgetane Genre zeigten. Ein Ohr für die Platte „First Escape“ sind sie allemal wert!

Niemand kann Robert ersetzen, aber WALKING DEAD ON BROADWAY ballern nach wie vor übelst heftig. Der neue Sänger Nils zeigt zum Beispiel beim neuen Song „Hostage Of The Empire“ wie viel Gewalt auch in seinen Stimmbändern steckt. Seine Ansagen klingen noch etwas holprig und eher aus der Ecke „Mühe gegeben“ als von der Art „lässig gekonnt“, aber eine Eingewöhnungszeit soll er gerne bekommen. Boa. Das klingt voll negativ, obwohl das Konzert voll gut war. Wahrscheinlich kann ich nicht verbergen, dass ich Robert noch vermisse. Aber das soll Nils nicht ausbaden. Geil war’s! Nach „Slaves“ kommt Ende September schon wieder eine neue Platte, die „Dead Era“ heißen wird. Ich freu mich drauf!

900 Sanitäter, 400 Polizisten, 250 Feuerwehrleute, 6 Notärzte.

Bei MR. BIG warteten sehr, sehr viele Menschen nur auf ein oder zwei Songs – muss komisch sein für die Band.

FOZZY hätte ich gern gesehen, aber meine Liebe für den Wrestler Chris Jericho geht nicht weit genug, um Grill, Bier, Schatten und regelmäßiges Beträufeln mit Wasser im Camp aufzugeben.

HERRSCHAFT schaffen es dann, mich wieder hervorzulocken. Die Wasteland-Stage in der postapokalyptischen Endzeit-Ecke des mittelalterlichen Wackinger-Village hat sich vergrößert. Bis zum letzten Jahr hatte sie vielleicht ein wenig mehr Flair, aber dafür ist sie nun eine richtige Bühne inmitten von Rost und Wellblech. Der Techno-EBM-Industial-NDH-Metal von HERRSCHAFT passt nur begrenzt in das sonstige Line-Up des Wacken Open Air, aber es ist glaubhaft düster endzeitlich – insbesondere der Future-Punk-Gitarrist. Bestens tanzbar ist diese Abwechslung zum Headbang-Einerlei. Das machen auf den Containern daneben Lady Kitty’s Hell’s Belles vor – weltbeste Postapokalypse-Burlesque und Erotik-Tanzshow. Definitiv sehenswert!

Rund 5.000 Mitarbeiter haben das Wacken Open Air 2018 auf die Beine gestellt.

So leid es mir tut, machen sich die extrem kurzen Nächte (bis vier Uhr extremer Lärm, aber ab sechs Uhr extreme Sonne) und die noch extremere Hitze bemerkbar und zwingen mich zum extremen Kräfte-Haushalten. Also schicke ich andere zu OTTO & DIE FRIESENJUNGS und IN FLAMES. Von Ersteren kommt jemand kopfschüttelnd zurück und erklärt – wie ich es selbst ja auch beurteile – dass man Otto Walkes schätze, aber diese schnarchige „Schlagerparade“ eben echt fehl am Platze sei. IN FLAMES wird abgetan mit „totale Langeweile“ und wegen der Strobo-Lichter: „Jeder mit einer neurologischen Erkrankung hat jetzt einen Anfall!“ Andere waren begeistert. Zum Glück bleibt Geschmack subjektiv.

„Ich muss dringend ins Bett!“ So lauten die letzten Worte vor etwa drei Stunden intensiven Spielens von „Never Have I Ever“ mit Wildfremden, die äußerst pointiert darlegen, wer schon wessen Urin getrunken habe. Ekelhaft? Kann passieren!

Der wahnhafte Fiebertraum geht weiter: Mehr vom Wacken Open Air 2018 gibt es (ganz bald) hier!


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