11.8.2018, Waldbühne, Castrop-Rauxel

Steel meets Steel Open Air 2018

Text: Lisi Ruetz | Fotos: Brigitte Simon
Veröffentlicht am 16.08.2018

Castrop-Rauxel, die Metropole im... Wie, ihr wart da noch nicht? Gut, wir auch nicht. Zumindest nicht bis gestern. Da aber das STEEL MEETS STEEL OPEN AIR 2018 mit insgesamt sieben regionalen und deutschlandweiten Krachern lockte, konnte dieses Mal ein zweiköpfiges Stormbringer-Team dem Ruf nicht widerstehen. Bepackt mit viel Vorfreude, aber nicht allzu vielen Erwartungen, sollten wir dann an diesem wettertechnisch angenehmen Samstag noch ordentlich überrascht werden. 

Vorab: Das STEEL MEETS STEEL findet jährlich statt und ist schon lange kein Neuling auf dem Gebiet der kleinen "großen" eintägigen Festivals mehr. Durch die Größe familiär und überschaubar, bietet das Festival im kleinen Rahmen alles, was man so braucht. Neben ausreichend Getränken und einem kleinen Snack vom Wurstgrill kann man einen Tag lang regionale und deutschlandweite Bands quer durch die Genres genießen und bekommt eine ordentliche Portion gute Laune vom überaus gemischten Publikum noch gratis dazu. Überhaupt ist das STEEL MEETS STEEL ohnehin sehr freundlich für all jene mit kleinem Geldbeutel, berappt man immerhin weder für Eintritt noch für Parkplatz (was ebenso unproblematisch ist wie alles andere auf dem Festival) irgendetwas. 

Nun aber endlich zu den Hauptakteuren des Events, denen nun endlich die Bühne überlassen werden möge. Und auch hier beweisen die Veranstalter ein Händchen für eine sorgfältige und abwechslungsreiche Auswahl. Zwischen traditionellem Metal, etwas punkig angehauchtem Rock über Melodic Metal bis zum Death-Brett lässt die Bandbreite wohl kaum Wünsche offen. 


Das Festival eröffnen sollten SPLAINDOR. Die Truppe aus Witten, die sich modernem und energiegeladenem Rock/Metal verschrieben hat, lockte die ersten Zuhörer direkt vor die Bühne und schaffte es problemlos, mit frischem und frechen Sound direkt zu überzeugen. Durch die klischeefreien und gut ausbalancierten female vocals und hie und da einer feinen frech-punkigen Nuance heizten SPLAINDOR schon einmal gut ein und machten bereits jetzt klar, dass sich das Festival auf musikalisch hohem Niveau bewegen würde. Für Halbherzigkeit blieb hier jedenfalls kein Platz und die Spielfreude auf der Bühne lockte zwar zögerlich, aber nach und nach mehr Schaulustige an, die sich von SPLAINDORs Performance hatten überreden lassen, mitzufeiern. Nach sehr kurzweiliger Spielzeit und dem Abschluss-Song "Back To The Glory" war gesetzt, dass man sich die sympathischen Herrschaften merken sollte. 

 

Es wird traditionell. Metallisch traditionell. FAIRYTALE, die Fünflinge, die schon einige Jährchen im klassischen Heavy Metal wüten, stürmen die Bühne und machen direkt klar, dass weder sie noch ihr Sound in irgendeiner Weise in die Jahre gekommen sind. Perfekt abgestimmt mit der dezent großartigen Röhre des Fronters Carsten Hille (der sich gesangstechnisch auch bei EARACLE und JAVELIN Gehör verschafft), zelebrierten sie den Heavy Metal in bester Manier und zeigten mit Spaß, Energie und einigem Animationstalent, dass traditioneller Metal noch lange nicht darniederliegt. Die Herren aus dem Ruhrpott rocken dabei hauptsächlich Songs aus ihrem aktuellsten Album "Battlestar Rising", graben aber auch gerne mal ein älteres Scheibchen aus - so alt, dass es laut Hobby-Spaßvogel Carsten Hille der Großvater von URIAH HEEP sein könnte. Diese und ähnliche Witzchen, die von einem Song zum nächsten geleiten sollten, brachten die eine Hälfe der anwesenden Stormbringer-Redakteure zum Schmunzeln, während die zweite Hälfte nicht umhin kam, zu erwähnen, dass es wahrlich gut war, dass Frontröhre Hille sich als Sänger betätigte und nicht als Stand Up-Comedian. Aber in einem hatte er nicht ganz unrecht: Für einen Moment schien es verwunderlich, dass die Menge schon anfangs dermaßen am Eskalieren war, doch tatsächlich war dies der Horden an Wespen geschuldet, die über das Gelände herfielen. Neuer Tanz geschaffen? Nein, die geflügelte Arsch...-Luftwaffe schwarz-gelb-gestreifter Biester war Schuld. Nichtsdestotrotz würde man der Band nicht gerecht werden, würde man die Zuckungen, Windungen und das freudige Kopfnicken vollends nur den Wespen zuschreiben. Musikalisch lieferten FAIRYTALE voll ab und machten tatsächlich Lust auf mehr. Mehr Metal, mehr Party, mehr FAIRYTALE




Mit CARNAGE CALLIGRAPHY kündigte sich straighter Death Metal ohne großes Zierwerk, dafür aber mit ordentlich Zerstörungswut an. Die bayrischen Invasoren starteten ihr Set mit einer derartigen Druckwelle, dass man sich im ersten Moment von der Soundwand wie weggeblasen fühlte. Obwohl sich CARNAGE CALLIGRAPHY auf die Fahne geschrieben haben, Melodie lediglich in homöopathischen Dosen anzuwenden und zugunsten eines brachialen Todesgetrampels zurückzuschrauben, fehlte anscheinend etwas der Feinschliff in der Soundmischung. Die Death-Hymnen wurden mehr als krawall-lastige Soundwolken über die Meute getragen, die trotz allem, und vor allem an der Bühnenfront, die Truppe mit aller Härte feierten. Speziell bei im "kleinen Instrumentarium" geführten Intros keimte ein Hoffnungsschimmer auf, dass eine Feinjustierung vorgenommen worden wäre, doch mit Hereinbrechen der vollständigen Death-Wand folgte auch die Ernüchterung. Ein wenig schade schon, denn dass die Deather - und die Deatherin am Bass, wir wollen ja politisch korrekt bleiben [...grunz! Mike] - eine Show abzogen, die sich gewaschen hatte und dass die Combo durchaus Spaß hatte an dem, was sie machte, war ohnehin nicht zu übersehen. Trotzdem wollte der Funke - zumindest in Richtung Redaktionsteam - nicht überspringen und die Machtdemonstration von CARNAGE CALLIGRAPHY fegte wenig beeindruckend in einer etwas undefinierbaren Krawallwolke über uns hinweg.

(Und das lag auch nicht an der Ablenkung durch eine kleine, wahrscheinlich nicht ganz zweijährige Metal-Mücke, die mit strahlenden Augen und einem feinen Grinsen zielstrebig nach Blaubeer-Muffins in der geschlossenen Stormbringer-Frauenhandtasche gierte - und natürlich bekam. Wie die Kleine die Süßigkeiten dort ausfindig gemacht hatte, wird wohl für immer ein Mysterium bleiben). 


Fast schon ein Kontrastprogramm wurde nun mit KORRY SHADWELL geliefert. Mir bis dato noch vollkommen unbekannt, wird KORRY SHADWELL dem Festival-Flyer nach als eine der authentischsten Stimmen im Hard´n´Heavy -Bereich gehandelt. Tatsächlich klang die Stimme sehr authentisch nach Power-Röhre DORO. Die Ähnlichkeit war fast schon erschreckend, auch das Outfit der zierlichen Fronterin erinnerte verdächtig an Doro's Stil (auch wenn böse Zungen behaupten, sie hätte sich DEE SNIDERs Lockenpracht geklaut). Aber optische Anmerkungen beiseite, hier geht es um die Musik. Und auch musikalisch wird die Nähe zur Heavy Metal-Ikone und ihren Songs offensichtlich. Was allerdings in keinster Weise als negativer Kritikpunkt bewertet sein sollte (wo wäre man im Metal, wenn einer dem anderen nicht zumindest ähneln dürfte). Die Songs rocken, wenn sie auch auf Dauer eine gewisse Ähnlichkeit und Gleichförmigkeit aufkommen ließen, sodass sowohl Spannung als auch Aufmerksamkeit etwas dahin schwanden. Auch die performte Cover-Version von Taylor Dayne´s "Tell It To My Heart" schlug in die gleiche Bresche und war der Suche nach den Highlights der Show nicht zwangsläufig dienlich. Doch auch wenn mir persönlich der Abwechslungsreichtum gefehlt hat und mich KORRY SHADWELL nicht gepackt hat: Solide Performance, tolle Stimmung, und das Publikum war glücklich.


Nun führte kein Weg an der ersten Reihe vorbei. WORDS OF FAREWELL sollten in wenigen Augenblicken zur großen Melo-Death-Demolition-Party ansetzen und das konnte sich meinereiner nun so gar nicht entgehen lassen. Schon begeistert vom letzten Album "A Quiet World" (hier gibts noch mal das Review zum Nachlesen), gab es nun endlich die Chance für mich, sie live zu sehen/für die Band, sich live zu beweisen. Mit einem Keyboarder namens Laptop (jaha, es wird gespart im Staate Deutschland) und einem Leih-Bassisten (der sich weniger als Ruhepol als mehr als Rampensau entpuppen sollte), wurde das STEEL MEETS STEEL ordentlich in Rage gebracht. Mit einer gehörigen Portion Macht in Sound und Stimme und offensichtlicher Begeisterung kredenzten WORDS OF FAREWELL ihre besten Stücke auf einem spielerisch hochwertigen Niveau. Nach eigener Aussage 2013 schon einmal auf dem STEEL MEETS STEEL, hatte die Truppe wohl etwas gut zu machen. Und sie haben definitiv abgeliefert. Während die Gitarristen mit virtuoser Schnelligkeit die Klampfe bearbeiteten oder für stilvollen Druck und Speed sorgten und Bassist Niels (eigentlich bei ANTILLES zu Gange), mal waagrecht, mal senkrecht Vollgas gab - und das, obwohl er die Songs innerhalb von nur zwei Wochen verinnnerlicht haben musste, arbeitete die Rhythmus-Sektion in zermürbender Dampfhammer-Funktion. Zudem ließ die vor Kraft strotzende Performance des Shouters Alex keine Wünsche offen und das Melo-Death-Herz höher schlagen. Mit auf der Bühne auch der allgegenwärtige Grüne Tee - Eistee, der sich wohl mittlerweile schon zum Markenzeichen erhoben hat. Und so rollte der Todesstahl, bis des Shouters Hose riss. Sprichwörtlich. Was für ein Brett! Zum ersten Mal gesehen und voll und ganz überzeugt! 

Kleiner Wermutstropfen, aber keineswegs zuschulden der Band: Schon von Beginn an wurden einige Kinder - zur Freude der Eltern - auf die Bühne verfrachtet, um sich dort mit Pommesgabel und Headbanging zu beweisen. Was für ein, zwei Songs witzig sein mag, entpuppte sich mit fortlaufender Zeit als doch recht nervig: Für Publikum und wohl auch für die Band. Gerade für Gitarristen Robin, der sich teils den Weg zum Mikro fast schon "freikämpfen" musste, musste die Anwesenheit der Kiddies - die mit der Zeit mutiger wurden und mehr und mehr Bühne für sich einnahmen - unangenehm gewesen sein. Gut, dass Kinder sich schon so früh für die "richtige" Musik begeistern, schade aber, dass es wohl Erziehungsberechtigte gibt, die dann nicht erkennen, dass es auch mal störend sein kann und auf die Bühne eigentlich lediglich die Musiker gehören. 


Nach wie immer sehr kurzer und zügiger Umbaupause stand auch schon die nächste Band in den Startlöchern, die etwas zu beweisen hatte. Erst Anfang des Jahres flatterte LYRA´S LEGACYs Debut "Prisoner" in die Öffentlichkeit und wurde auch in Stormbringer-Kreisen hart umkämpft und schließlich auf hohem Niveau eingestuft (Zum Review gehts hier lang). In einer Liga mit den Genregrößen sollten sie spielen, doch live hatte sich schon des öfteren die Spreu vom Weizen getrennt. Nun denn, auf in die Schlacht! Die ersten kleinen technischen Schwierigkeiten (das Intro schien den Dienst verweigern zu wollen - oder war mit den fehlenden Bandmitgliedern von WORDS OF FAREWELL noch im Urlaub) wurden schnell überwunden und feinster, bestens geschliffener Melodic Power Metal vom Stapel gelassen. Ja, hier war Größe auf der Bühne. Nach dem ersten Checken und Justieren des Sounds schienen auch die Melodic-Protagonisten so richtig aufzuwachen und heizten zwischen treibender Rhythmik, schnellem Riffing und feinen Melodielinien ordentlich ein. Die enorme Motivation von LYRA´S LEGACY war nicht nur ersichtlich auf der Bühne, diese wurde auch durch einen von der Bühne springenden Bassisten mitten unters Volk getragen, während die Drummer-Fanbase mit ihren "Marius!!"-Rufen zwischendurch für einige Lacher sorgte. Zwischendurch folgte auch die kleine, aber nicht uninteressante Ankündigung, dass schon bald verraten würde, welcher Track videotechnisch vergenusswurzelt werden könne. Zwar findet die Videopremiere erst Anfang September statt, da aber ein "Making of" zum Song "Misguided" online gegangen ist, möge nun das große Rätselraten beginnen, welcher Track denn wohl visualisiert werden würde. Jedenfalls schaffte es nicht einmal die einzige Ballade des Sets - und eine der sehr, sehr rar gesäten überhaupt an diesem Tag - die Stimmung in irgendeiner Weise zu drücken. Ganz im Gegenteil. Die Zuhörer lauschten und feierten gespannt, bis die letzten Töne des finalen Songs "Prisoner" - gleichzeitig der Titeltrack des Albums - verklang, und waren dann fast ein wenig traurig, dass die Power-Truppe nicht noch mehr Spielzeit hatte. Was soll man dazu noch sagen, außer: Gebt LYRA´S LEGACY eine größere Bühne, sie werden auch diese zum Glühen bringen und ihr Vermächtnis hinterlassen!


Heiligs Blechle! PARASITE INC. waren die Headliner und somit letzter Act des STEEL MEETS STEEL und zeigten sich definitiv dessen würdig. Langsam schwand das Tageslicht und sowohl Lichtshow als auch Nebeleffekte zeigten nun endlich ihre Wirkung und trugen zur Stimmung bei. Mit hämmerndem Fast-Forward-Melo-Death lockten sie das Publikum, das sich wie die Motten ums Licht scharte. Schon bald wurden die Rufe nach einer Wall of Death laut, die auch promt mit dem nächsten Song gestartet wurde. Zugegeben, daraus wurde eher ein "Wällchen of Death", nicht zuletzt angesichts des doch relativ hohen Prozentsatzes an Ladies, die wilder waren als ihre Körpergröße es für gut heißen würde. Dennoch entpuppte sich der Versuch als eine spaßige Aktion, die die letzten, ohnehin kaum noch vorhandenen Grenzen vollends sprengte und die Feierlaune ins Unermessliche trieb. Dies bewies auch ein angeschlossener Circle Pit, dem so manch ein energiegeladener Fan fleißig beiwohnte, während sich der Rest etwas in Sicherheit brachte und der Band mit fest verwurzelten Beinen, aber geballter Faust in der Höhe huldigte. PARASITE INC. rissen ein Set ab, das kein Auge trocken ließ und bis zur letzten Reihe gefeiert wurde. Mit unglaublicher Energie, brachialer Kraft und dem nötigen Melodienanteil bereiteten sie einen würdigen Abschluss zu einem gelungenen und unterhaltsamen Festival, das an dieser Stelle auch eine absolute Empfehlung bekommt. Man wird sich wiedersehen, das STEEL MEETS STEEL und wir. 


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