10.10.2018, Logo Hamburg, Hamburg

CHELSEA GRIN & OCEANO & KUBLAI KHAN & ENTERPRISE EARTH

Text: Jazz
Veröffentlicht am 13.10.2018

Am 10. Oktober 2018 wurde das Kellerbar-artige Hamburger Logo in einen Ausnahmezustand versetzt. Nicht, weil es überfüllt war, und nicht weil sich Leute danebenbenommen hätten, sondern weil die Brutalität bis zum Anschlag, die Breakdowns bis zum Wahnsinn und der Deathcore auf totalen Abriss gedreht wurden. CHELSEA GRIN luden ein und brachten starke Freunde mit: OCEANO, KUBLAI KHAN und ENTERPRISE EARTH.

Einige Worte zur Warnung vor gespielt snobistischer Hochnäsigkeit des Folgenden: Um der rudimentären Intellektualität des Deathcore in vermeintlich dichotomer Intensität entgegenzutreten, sei diese reporterstattende Schrift mit einer – wenigstens illusionär – vergeistigten Verbalisierung behaftet.

Vorurteilbehaftet wie auch der Gewohnheit des Metallischen enthoben sei bereits im aufkeimenden Gewaltakt der US-Kapelle ENTERPRISE EARTH die Frage gestellt, wer zu der Konklusion gelangte, dass Breakdowns, also lange, langsame, tiefe Passagen, in diesem Fall mit Schweinegebirgsbach-Grunzgegurgel, als Musik respektive genießbare Kunst seien. Der Streitbarkeit dieses Umstandes – mehr oder weniger – gewahr und dennoch in der dogmatischen Bewilligung dieser Annahme vollführen itzo bereits am präsonnenuntergänglichen Abend beträchtliche Gruppen weniger junger und weniger von Maskulinität dominierter Individuen als erwartet einen modernen Danse macabre: stoisches Nicken – das allerdings bis in die Kniekehlen. Obschon verzückt werden die Mundwinkel der Anwesenden allein von der Kraft des gewaltigen Schalls weit über ihre Wangen gepresst.
Wie bereits auf ihrem gegenwärtigen Machwerk „Embodyment“ projizieren ENTERPRISE EARTH den perfekten Soundtrack zum fiktiven Cineastentraum „Breakdown – The Movie“ trommelfellpenetrierend an die Schädeldeckeninnenwand. Derweil sich Vocalist Dan Watson hinter den Spitzen seines Schopfes zu verbergen sucht, formt einer der Saiteninstrumentalisten die gänzlich unverständlichen Lyrics mit seinen Lippen derart nach, dass der Logopädenverband begeistert wäre. Ein Plaisir extraordinaire!

Die einzigen Klangkünstler, die bei dieser Festivität Abwechslung in die lungenzerreißende Brutalität des Deathcore streuen, bilden ein namentliches Faksimile zu einem mongolischen Herrscher: KUBLAI KHAN. Das entspannende Spa, das sie musikalisch in der gefühlten Souterrain-Lokation errichten, besteht aus den Baustoffen Metalcore und Hardcore. Diese sind in ihrer Ausführung jedoch ebenfalls an der Apokalypse orientiert; quasi als würden beim Saunabesuch Höllentemperaturen erreicht, Blut ausgeschwitzt und statt des Birkenreisigs bekäme man die Bullenpeitsche zu spüren.
Die gewohnte Tough-Guy-Mentalität wird durch die – spannenderweise nicht lächerlich, sondern adäquat und doch den Genderstereotypen konträr wirkenden – Flechtzöpfe von Sänger Matt Honeycutt ausgehebelt. Zu dieser sympathischen Präsenz gesellt sich nebst zahlreichen anderen Argumenten für das Reinhören in ihre Kompositionen, zum Beispiel auf dem aktuellen Album „Nomad“, auch der Punkt, dass KUBLAI KHAN offensichtlich die einzigen sind, die wissen, wer die Hunde rausgelassen hat. Wuff! Verdienterweise haben die Texaner auch an der Waterkant frenetisch zuckende Violent-Dance-Move-Performer und andere Fürsprecher vorzuweisen. Welch bewegender Anblick!

Es folgen OCEANO – oder auch: Einmal die Seele sandstrahlen, bitte! Als hätten sie alle berechtigte Wut über die Verschmutzung und Überfischung der Weltmeere in puren Deathcore destilliert (also ein Deathtillat!), injiziert die Band aus Chicago eine Wucht, die sicher jeden hypothetischen Nierenstein zu Feinstaub pulverisiert. Für den Zahnschmelz kann das allerdings nicht gesund sein. Ich fühle ihn schwinden bei direktem Krachaufprall! Die verbalen Fanboy-Ejakulationen des Fronters Adam Warren für CHELSEA GRIN und deren neues Album sind bezaubernd.
Nichtsdestoweniger liefern OCEANO ebenfalls überragendes Akustikgemetzel, das in selten gesehenen Maßstäben den ganzen (!) Raum in Bewegung versetzt. OK, die Mutter und Begleitperson vom kleinen Phillip guckt immer noch entgeistert und fragt sich, was sie bei seiner Erziehung falsch gemacht habe, aber das ist ja durchaus auch als Kompliment aufzufassen. Ebenfalls ein wahnsinniger Genuss: OCEANOs neuester LP-Output: „Revelation“.

Im Zuge des erblühenden Lärms des Mainacts CHELSEA GRIN erschöpft sich mein Vokabular bezüglich der ultimativ-brutalen Heftigkeit des Deathcore, sodass ich mich gezwungen sehe, die Gewalt ins Gegenteil zu verkehren und die samtene Weichheit der blumenwiesentraumhaften CHELSEA GRIN für ihre softe Gemütlichkeit zu loben. Zwischen fluffigen Marshmallow-Wolken aus sehnsuchtsvoll verstreutem Sternenstaub der guten Laune leuchtet ein Regenbogen aus purer Liebe und …
Irgendwie doch nicht! CHELSEA GRIN zerstören! Vergesst den Elefanten im Porzellanladen! Hier prügelt sich Godzilla mit Cthulhu durch ein Glaskunstatelier! Aber mit der Präzision eines High-End-Lasercutters! Was die Amerikaner mit ihrer neuen Platte „Eternal Nightmare“ in die Deathcore-Welt geprügelt haben, ist die definitive Speerspitze des Genres und genau die rammen sie heute der ekstatischen Menge durch ihre verballerten Gehirne. Auch ohne Messerschnitte reicht ihr Grinsen bis fast zu den Ohren. Ich werde nun aufhören zu Schreiben und mich ganz dem höchstgenussvollen Ausflippen widmen!

Fazit: Deathcore ist der Infantilität entwachsen und die Adoleszenz steht dem Genre prächtig! [Anm. d. Lekt.: Ich hab Kopfschmerzen und will meine Medikamente. *zuck*]


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